Aus der Geschichte des Neonazismus in Hamburg und Niedersachsen

Das Nest in der Nordheide
Das Attentat von Stephan K. im S-Bahnhof Veddel in Hamburg vom Dezember 2017 hat an das Verbrechen erinnert, das er ein Vierteljahrhundert zuvor verübte. Der Tod von Gustav Schneeclaus in Buxtehude im März 1992 ist Teil eines Komplexes, der Ausschnitt eines größeren ist. Die Vorgeschichte und die Nachwirkungen, die vor allem die Laufbahn des Mittäters Stefan S. in Tostedt betreffen, werden hier dokumentiert.

Teil 1Landfriedensbruch — 24. Mai 2010 | Straftheater — 5. August 2011 | Kreuzungen im Netz — 20. August 2011 | Schandmale — 5. August 2011 | Blut am Busbahnhof — 18. März 1992

Teil 2Der Professor und der Skin — Februar 1992 | Bandenbildung — 1994 | Bürgergesellschaft — 1991/93 | Gespenstergeschichten — Juli/Dezember 1985 | Sündenböcke im Spiegel — 18. März 2012

Teil 3Befreite Zone — 1973–2012 | Fememorde — 2. Februar 1987 | Nachwuchsförderung — 1995–2011

Teil 4Bewährte Weisen — 1998/99 | Straßenshow — 2000 | Straßenschmuck — 2005–11 | »Klima der Bedrohung« — 23. Mai 2010 | Glaubensfreiheit — 2011/13

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Befreite Zone — 1973–2012

In Tostedt sind die Braunen 2012 weiter als 1992 in Buxtehude auf dem Weg zu einer »national befreiten Zone«. Der Begriff kam 1990 auf und machte ab 1997 Furore in den Medien; 2000 wurde er von Sprachwissenschaftlern zum »Unwort des Jahres« gekürt. Er meint ein Territorium, in dem die Bande ungestört schalten und walten kann. In zahlreichen ostdeutschen Kommunen scheint die »nationale Befreiung« den Medien zufolge bereits gelungen.

»Rechtsextreme Gruppierungen kontrollierten das öffentliche Leben«, umriss eine Politikwissenschaftlerin 2006 das von der »Qualitätspresse« gezeichnete Bild, »die städtischen Verantwortlichen und die lokale Bevölkerung schwiegen, die Polizei komme, wenn überhaupt, zu spät, und Minderheiten wie Asylbewerber, Punker oder Schwarze könnten nach Einbruch der Dunkelheit ihre Wohnung nicht mehr unbeschadet verlassen. Ein brauner Schleier liege über den betroffenen Städten und ihren angstgeduckten Bewohnern, wenn sie nicht ohnehin mehrheitlich mit rechtem Gedankengut und entsprechenden Aktionsformen sympathisierten.«

Die Politologin schließt aus dem, was sie als Zerrbild sieht: »Die Berichterstattung in den Medien konstruiert Wirklichkeit«. Ebenso gilt: »Die Wirklichkeit ist eine Konstruktion.« Daher freut sich ein NPD-Funktionär über die aufklärende Fernsehdokumentation einer national kontrollierten Kommune in Ostdeutschland und nennt die Sendung »Werbung«. Je getreulicher die Tatsachen geschildert sind, desto vorbildlicher erschienen sie und sprächen für sich, für seine Sache, unabhängig von den Absichten dessen, der die Realität abzubilden versucht. Wem es gefällt, wird zu würdigen wissen, was gelungen ist.

Tostedt ist für die Region eine Abseite wie es der Busbahnhof in Buxtehude war, ein angestammter Rückzugsort. Als braunes Nest war die Ortschaft dem Verfassungsschutz seit Anfang der 1990er wichtig genug, um in seinen Berichten erwähnt zu werden. Vieles von den Verhältnissen ist Gerücht und dringt nie bis zu Polizei und Justiz oder in die Medien vor. Anderswo hat die Bande ältere Wurzeln, die gänzlich unbemerkt sind; Tostedt ragt hervor, weil das Register von Strafverfahren das ununterbrochen längste ist.

Die nationalsozialistische Tradition wird nicht nur denen gepflegt, die als Neonazis verrufen sind. In Winsen an der Luhe, der Hauptstadt des Landkreises Harburg, in dem Tostedt liegt, lebte und starb Ernst von Salomon, einer aus der Riege der Mörder von Walter Rathenau. Der Reichsaußenminister wurde durch sein Eintreten für die Einhaltung des Versailler Vertrages als »Erfüllungspolitiker« wie als Intellektueller und Jude 1922 zur Zielscheibe der Organisation Consul. Die OC war eine Keimzelle des Nationalsozialismus und Rathenau dessen »erstes Opfer«.

Von Salomon veröffentlichte 1951 einen Bestseller, den Roman Der Fragebogen. Der Titel bezieht sich auf das Verfahren der Entnazifizierung durch Selbstaussage. Ein Formular wurde ausgefüllt, und die mit Altgedienten besetzten Spruchkammern schätzten fast alle als »unbelastet« ein oder nahmen gar kein Verfahren auf, um die Angaben zu prüfen. Im Winsener Heimatmuseum wurde der Schriftsteller gewürdigt ohne den Attentäter und Wegbereiter Hitlers zu erwähnen.

In Stefan S.s Geburtsjahr 1973 verlieh Bendestorf die Ehrenbürgerschaft an Georg Sluyterman von Langeweyde. Seine Holzschnitte illustrieren Zitate von Ernst Moritz Arndt oder Friedrich Schiller mit kampfbereiten Soldaten und ihren Gräbern: »Der Tod fürs Vaterland ist ewiger Verehrung wert«. Der Niedersachsen-Spiegel, das Organ des NPD-Landesverbandes, rief dem Verstorbenen 1978 nach: »Das deutsche Volk verliert in ihm einen der begabtesten und vielseitigsten Künstler unserer Epoche. […] Das Werk dieses großen Mannes der Deutschen Kunst in Ehren zu halten und zu bewahren wird uns immerwährende Verpflichtung sein.« Dem entsprach der Landkreis Harburg mit der posthumen Verleihung eines Kulturpreises und einem Gedenkstein.

Noch zu Lebzeiten erhielt den Kulturpreis Wilhelm Marquardt, der ehemalige Chefredakteur des Niedersachsen-Stürmers. Er hatte ein Monopol auf Regionalgeschichte und verfasste um die 50 Dorfchroniken, die seine Kampfzeit aussparen oder mit Phrasen abhaken. Ein Bundesverdienstkreuz belohnte sein historiografisches Engagement. Auf Nachfragen zu den Ehrungen hieß es: »So war die Kunst nun mal im Dritten Reich. Man darf die Kunst aus dem Dritten Reich nicht einfach verbannen, sondern muss sich auch mit diesen Bildern auseinandersetzen.«

Auseinandersetzung entfiel, die Ehrungen waren unantastbar. Die Martial Arts von Sluytermans waren lange Zeit aus dem Blick geraten und kaum in Geschichtsbüchern abgedruckt. Nun kursieren sie im Internet und werden nachgeahmt auf Covers von CDs mit »Rechtsrock«. Eine Märchensammlung Wilhelm Marquardts wurde 2008 mit einem Geleitwort des Landrats neu veröffentlicht und sein Nationalsozialismus damit entschuldigt, er sei »blind für die eigentlichen Ziele der Nazis« gewesen.

In Tostedts Nachbarort Kakensdorf residierte Mütterdank, ein Verein, der sich laut Satzung um »kinderreiche deutsch-völkische Familien« kümmert. Das Haus gehörte einem Vertreter des Deutschen Arbeitskreises, der darin Schulungen abhielt. Es wurde vererbt an Jürgen Rieger, Anwalt aus Hamburg-Blankenese und eine der am besten vernetzten braunen Spinnen, der bis zu seinem Tod 2009 den Vorsitz bei Mütterdank ebenso innehatte wie bei der Hamburger NPD und zahllosen weiteren Verbänden, Vereinen und Stiftungen. »Mütterdank? Kenne ich nicht«, beantwortete ein Sprecher des Verfassungsschutzes eine Presseanfrage. »Der Vereinszweck hört sich auch nicht politisch an.«

Ein paar Landstraßenkilometer weiter in Seevetal sitzt der Verein Gedenkstätte, von dem das Landesinnenministerium weiß, dass er mit NPD, Freien Kameradschaften und anderen Holocaust-Leugnern und Revisionisten verbunden ist. Er setzt sich ein für eine »würdige Gedenkstätte für die Opfer des Zweiten Weltkriegs durch Bomben, Verschleppung und in Gefangenenlagern«. Ins Gerede kam er, als im Januar 2012 die Eigenwerbung des Vorsitzenden im Internet auffiel. Der Landschaftsarchitekt listete die Kommunen auf, in deren Auftrag er tätig war, darunter Buxtehude.

Fememorde — 2. Februar 1987

In Tostedt wohnte einer, der in wenigstens drei Verbänden des Braunen Netzwerks mitwirkte. Bei der Hilfsorganisation für nationale Gefangene und deren Angehörige trug er dazu bei, dass die Kameraden im Gefängnis nicht vom rechten Weg abkamen. Er war »Ortsgruppenführer« des Stahlhelm und erwarb bei Waffenspielen ein »Ehrenzeichen in Bronze«. Vor allem war er Aktivist der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei.

Die FAP entstand 1979 als Privatprojekt des Angestellten Martin Pape. »Hauptanliegen Papes scheint zum Beispiel ein Sinken der Baupreise in seinem Heimatort [Stuttgart-] Plienigen zu sein«, spottete 1986 ein Beobachter über den 57-Jährigen, der sich einem Zustrom neonazistischen Nachwuchses gegenüber sah.

Im Parteiorgan Deutscher Standpunkt gab Pape der Jungschar Verhaltenstipps: »Und immer sehr wichtig: es muss Zucht herrschen. Herumsaufen und sich gehen lassen, ist nicht mannhaft. Schon gar nicht, andere Leute zu beleidigen oder gar zu schikanieren und zu schlagen. Da haben einige ganz falsche Ansichten von wegen was Soldaten und echte Kämpfer zu tun haben und tun dürfen. – Der fertige Mann weiß sich zu beherrschen.«

Seit dem Verbot als Aktionsfront Nationaler Sozialisten unterwanderte die Hansa-Bande Papes »Partei«. Unter der gekaperten Fahne trat sie 1986 zur Hamburger Bürgerschaftswahl an und erhielt 0,1 Prozent der Stimmen. Ihr höchstes Ergebnis erzielte sie mit 1,6 Prozent im Stadtteil Harburg, wo sie einen Stützpunkt unterhielt.

Auf Listenplatz Eins kandierte ein als Mittäter bei einem »Fememord« Verurteilter. Im Mai 1981 war ein Wachmann des Springer-Verlags von fünf Kameraden mit 21 Messerstichen ermordet worden; Motiv soll seine Homosexualität gewesen sein. Noch ein FAP-Kandidat stand mit Verbrechen in Beziehung, als Bruder eines der Männer, die Ramazan Avci getötet hatten. Bald nach der Wahl in Hamburg wurde die FAP in Hannover erneut mit Mord an einem aus den eigenen Reihen in Verbindung gebracht.

»Papa, auf der Straße ist Krieg«, erklärte Gerd-Roger Bornemann eines Tages seinem Vater, einem SPD-Kommunalpolitiker. Der 17-jährige »Rogge« gehörte zu einem Dutzend Skins in der niedersächsischen Hauptstadt, die sich der FAP anschlossen. Hannover war während der »Chaostage« der Punker neben den Mai-Krawallen in Berlin einer der ersten Schauplätze ritualisierter Ausbrüche des »Bürgerkriegs in den Städten«. Im Herbst 1986 bildeten Rogge und seine Freunde eine Sport- und Sicherheitskameradschaft Eisernes Kreuz EK 1 und fuhren zu den Hetendorfer Tagungswochen.

In der Heide bei Celle kamen die militaristischen und terroristischen Köpfe und Kerntruppen des Neonazismus zusammen: Manfred Roeder; Manfred Börm und Uwe Rohwer als Mitglieder der Hansa-Bande und Anführer der Wiking-Jugend; Christian Worch, »überregional engagierter FAP-Streiter mit engen Kontakten zu Neo-Nazi-Anwalt Jürgen Rieger«, dem Gastgeber. Wiederkehrender Proteste mit Übergriffen auf Demonstranten und Journalisten zum Trotz war das Heideheim bis 1998 mit behördlicher Genehmigung in Betrieb.

Das EK 1 flog schon im Dezember 1986 auf. Die Staatsanwaltschaft klagte an: Waffendiebstahl, Raub und Körperverletzungen; Brandstiftungen in zwei Ausländerwohnheimen, einem türkischen Übersetzerbüro und einem Polizeirevier; Einbrüche in ein Antiquitätengeschäft und in die Wohnungen von Kameraden. Mehrere Beschuldigte und Zeugen hatten bei der Polizei ausgepackt, aber der Verdacht des Verrats konzentrierte sich unter den bis zu Prozessbeginn nicht Inhaftierten auf Rogge.

Er war immer der, »auf dem rumgehackt wurde«. Seit dem Nachmittag des 2. Februar 1987 wurde er von seinen Kameraden misshandelt. Sie schlugen ihn nieder, quälten ihn – und ließen ihn wieder aufstehen für die nächste Runde und zum nächsten Tatort wanken. Auf einem Spielplatz am Rande des Stadtwalds entschieden seine vier 17- und 18-jährigen Kameraden: »Wir müssen ihn richtig platt machen«. Rogge starb zwischen Mitternacht und zwei Uhr mit zertrümmertem Schädel.

»Inwieweit Roger Bornemann der Suche nach dem Verräter in dem von stattlichen Stellen durchsetzten EK 1 zum Opfer gefallen ist«, wie ein Kenner des Falls formuliert, kümmerte das Gericht nicht. »Es gibt keinen Hinweis auf einen politischen Mord«, befand der Vorsitzende Richter vor Prozessbeginn. Auch für die anderen Verbrechen der Bande schloss die Staatsanwaltschaft weltanschauliche und organisatorische Hintergründe aus. Ein Video, das die Vergewaltigung Rogges durch einen Anführer zeigen soll, und sein Notizbuch mit Angaben über Aktionen der FAP verschwanden spurlos.

Neonazis hassen vielfältig, nicht nur Ausländer, Linke und Juden. Nationalsozialismus ist nicht ausschließlich rassistisch, sondern schlechthin menschenfeindlich. Himmlers Weltanschauungskrieger ermordeten vor allem Juden und Zigeuner, aber auch jedermann, der irgendwie im Weg war, Kommunisten, »Asoziale« und Behinderte, und am Schluss nach Kräften den Rest ihres Volks und sich selber. Die Nazis waren selbstzerstörerisch, Tod und Untergang sind die Leitbilder ihrer bewussten Nachfahren.

Sie sei »loyal bis in den Tod«, preist sich die Bande eines ehemaligen NPD-Bundestagskandidaten und Gefolgsmanns von Stefan S. 2013 auf ihrer Homepage. Neonazis halten sich nicht an das trauliche, für »Deutschblütige« ungefährliche Image des Ausländerhassers. Gundolf Köhlers Bombe steckte am 26. September 1980 in einem Papierkorb am Rand einer Festivität, die als »typisch deutsch« gilt, einem Hoheitszeichen der »Leitkultur«, die zwei Jahrzehnte später von einem CDU-Politiker folgenreich als Kampfbegriff gegen »Überfremdung« entworfen wurde.

Neonazis verletzen jedermann, auch sich selbst und untereinander. Ihr proklamierter Lebenszweck, der Kampf, findet täglich statt, wenn nicht draußen, dann innerhalb des Rudels. Sie reden nicht miteinander, sie rempeln sich an. Desto niedriger liegt bei der Beziehungstat die Schwelle zum Mord. Eine rare Studie aus erster Hand über gruppeninterne Gewalt fasst zusammen: »Täter zu sein und Opfer zu werden ist in der Szene eng miteinander verwoben«.

Die eigenen Kameraden, Freunde, Bezugspersonen werden nicht nur gelegentlich Opfer von Gewalt oder von Einbrüchen wie beim EK 1. Oft überlagern sich in den Gewaltausbrüchen Politisches und Privates. Der abtrünnige Kamerad war immerhin mal einer; Gustav Schneeclaus war ein Saufkumpan; der Obdachlose, der den Tritten der jungen Männer erlag, war ihnen von der Straße bekannt; mit »Zecken« legt man sich mehr als einmal an und kennt einander schließlich gut, bis hin zu den Malen im Gesicht, die man sich gegenseitig beigebracht hat.

Das Mord-Merkmal kann erfunden sein. »Jude ist etwas, was nichts mir mit zu tun hat«, sagen die Kids, für die »du Jude« alltägliches Schimpfwort ist. »Sag, dass du ein Jude bist!«, forderten seine Mörder von Marinus Schöberl, damit sie ihn tot treten konnten. Er war der, auf dem immer rumgehackt wurde. »Nu sag schon, dass du Jude bist, dann hören sie auf«, riet ihm eine Zeugin. Ein Täter rühmte sich hinterher, ein »Scheißjudenschwein« umgebracht zu haben; so wurde der Fall publik. Die Tötungsart »Bordsteinkick« wurde zur Skinhead-Erfindung erklärt und zum Markenzeichen, Fotos vom Tatort Schweinetrog sind im Internet verstreut.

Ein Gerichtspsychiater, der Dutzende Delinquenten begutachtet und als Nicht-Deutschstämmiger Distanz hat zu echten oder vermeintlichen nationalen Motiven, nennt neonazistische Gewalt »eine blinde Gewaltbereitschaft, die keine Ziele hat, sondern Ziele sucht. […] Wer das Opfer wird, ist zufällig.« Und er fragt: »Ist es ein Zufall, dass die meisten Opfer von Rechtsextremisten Deutsche sind? Deutsche, die mit Politik nichts das Geringste zu tun haben?«

Nachwuchsförderung — 1995–2011

Ohne Bemühungen der Gerichte wie in Hannover, die Partei mit Verbrechen in Verbindung zu bringen, brauchte das Verbot der FAP bis 1995. Von Harburg aus war das Netz bis in die ländliche Nachbarschaft geknüpft worden. Um wenigstens zwei Funktionäre scharten sich Ende der 1980er in Tostedt Jugendliche und bildeten eine Gang, die sich auf dem Marktplatz traf.

Unweit davon lag das Jugendzentrum, das aufsuchte, wer nicht »national« dachte. Polizei und Bürgerschaft etikettierten diese als »linksextrem« und wiesen ihnen von Anfang an die Rolle des Aggressors zu. Am 20. April kam es regelmäßig zu Konfrontationen und Polizeieinsätzen. Das Datum war nicht die Wahl der »Linken«. Das erste Verbrechen wurde 1996 in der rechten Spalte verbucht: beim Überfall auf das Jugendzentrum wurde einem polnischen Austauschschüler mit einer Bierflasche der Unterkiefer zertrümmert.

Am Rande des Prozesses vor dem Amtsgericht griffen die Skins einen Hamburger Pressefotografen an. Daneben Polizisten mit verschränkten Armen. Der Fotograf wollte Anzeige erstatten. »Was sollen wir denn noch alles machen?«, wurde er abgefertigt. Für die Skins hatte die Polizei dann doch Zeit – um deren Anzeige wegen Körperverletzung gegen den Fotografen aufzunehmen.

»Wir hauen dich tot«, brüllte der Anführer der Skins eine Frau an. Keine Rührung bei den Polizisten. Eine Journalistin stellte den Einsatzleiter zur Rede. »Was sollen wir denn machen, denen Knebel in den Mund stecken?« Er sorgte sich um das Ansehen seiner Leute: »Wenn wir verlangen, dass die aufhören sollen, und wir können das nicht durchsetzen, dann machen wir uns doch lächerlich.«

So ging das Gewaltmonopol an den Mob über. »Die Provokation ging von den anderen aus«, sprang ein Sozialarbeiter seinen Schützlingen bei. Als einer von »seinen Jungs« auf den Fotografen losging, griff er nicht ein: »Das ist nicht meine Aufgabe.« Wie man in Tostedt Zivilcourage versteht, zeigte sich von Anfang an.

Der Gemeinderat sah von rechts keine Gefahr und sperrte das Jugendzentrum für die »Linken«. Unterdessen erhielten die 30 Neonazis in eigens eingerichteten Räumen der »Resofabrik« eine Sonderbehandlung durch Sozialarbeiter. Unter Aufsicht stellten sie eine Homepage ins Internet, als das noch nicht selbstverständlich war, und bereiteten sich auf die Teilnahme an Aufmärschen vor.

Etwa durch das Krafttraining, das ein Reporter 1998 beobachtete: »Er wirft die Wagner-CD in die Anlage, dreht voll auf, legt sich auf die Drückbank und lässt sich vom Sozialarbeiter die Gewichte reichen. 60 Kilo Eisen und 80 Phon Lohengrin.« Tostedt lag im Trend mit seiner »Glatzenpflege auf Staatskosten«. Ein »Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt« wurde ab 1992 von CDU-Bundesfamilienministerin Angela Merkel mit zweistelligen Millionensummen bestückt.

»In der Resofabrik ziehen die Faschos ihren Nachwuchs heran – auf Staatskosten«, bilanzierte das Mitglied einer 1997 gegründeten Bürgerinitiative: »Die Altglatzen indoktrinieren das Jungvolk unter den Augen der Sozialarbeiter«. Im März 1998, zwei Monate bevor Skin und Sozialarbeiter einträchtig mit den Gewichten hantierten, waren zwei Schüler von der Braunen Bande krankenhausreif geprügelt worden. Erst stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren ein. Als dies Wochen später den Medien aufstieß und mehr und andere Journalisten als üblich anriefen, nahm sie die Ermittlungen wieder auf. Dazwischen lag die Nacht vom 19. April.

An einer Tankstelle pöbelten 15 Skins die Kunden an. Einer stach ihnen besonders ins Auge, ein Kurde, 54, Fliesenleger, der seit vier Jahren in Tostedt lebte. Sie kannten ihn, er kannte sie. Der Kurde und ein 19-jähriger Begleiter wollten Zigaretten holen und gleich zurück zur Wohnung, zu einer Sitzung der internationalen Gefangenenhilfsorganisation, deren Bundesvorstand der Kurde angehörte.

Die Skins sprühten Reizgas und schleiften den 19-Jährigen über den Asphalt. Eine 22-jährige Frau holte die Überfallenen im Auto ab, der Verletzte wurde ins Krankenhaus gebracht. Zurück an der Wohnung des Kurden wurden sie erwartet. Beim zweiten Angriff der Skins wurde der Fahrerin mit einem Schlagstock der Schädel gebrochen; sie überlebte knapp.

Nachbarn alarmierten die Polizei. Als die eintraf, war ein »25-jähriger Skin« noch da und weiter in Rage. Zunächst wurden ihm Handschellen angelegt. Rasch erfolgte die Freilassung, weil eine »Tatbeteiligung nicht eindeutig nachzuweisen war«, wie die Polizei erklärte. Zeugen zufolge soll es sich um Stefan S. gehandelt haben. Laut Bundeszentralregisterauszug, verlesen am 5. August 2011, erging keine entsprechende Verurteilung.

»Das war ein gezielter Angriff auf unsere Mitglieder«, verlautbarte vom Verein des Kurden. Dieser bekräftigte, was sich aus dem Tatverlauf ergab: »Die wissen, wer ich bin und wo ich wohne«. Die Polizei widersprach, sah keine Zusammenhänge, keinen Angriff, nur eine Rauferei. Und automatisch ergänzte ihr Sprecher, man müsse erst einmal den Sachverhalt klären. Die Standardantwort der Polizei, sobald es um Braune Banden geht. Bevor Ermittlungsergebnisse vorliegen, wird auf alle Fälle schon einmal abgewiegelt.

»Zwar müsse der Hintergrund des Anschlags auf die Asylbewerberunterkunft noch näher erforscht werden, eine rechtsextreme Motivation sei aber nicht erkennbar«, hieß es beispielsweise zwei Jahre später in Harsefeld. Was immer die fünf geständigen Täter angetrieben hatte – Neonazismus war es bestimmt nicht.

In ihren Vernehmungen behaupteten die Tostedter Neonazis, von den »Linken« provoziert und mit einem am Tatort sichergestellten Küchenmesser angegriffen worden zu sein. Daraufhin filzte die Polizei die Wohnung des Kurden. Das Messer hatte man; was man sonst suchte, blieb ein Geheimnis der Ermittler – weshalb etwa Papiere des Kurden gesichtet wurden. Nachfragen wurden aus »ermittlungstaktischen Gründen« abgebügelt.

Die Politik reagierte. Die Grünen im Kreistag klagten die Staatsanwaltschaft an: »Bei einer angemessenen Verfolgung der Täter [vom März] wäre es zu den schweren Ausschreitungen am 19. April möglicherweise nicht gekommen.« Und sie forderten noch mehr Geld für die »akzeptierende Jugendarbeit« mit den Skins, 200 000 Mark mehr für das bereits blutig gescheiterte Projekt.

»Mit solchen Vorfällen muss man immer rechnen, solange es die Szene gibt«, beschwichtigte ein Sozialarbeiter gegenüber einem Reporter, »tauscht mit dem Skin die Rollen, legt sich selbst auf die Drückbank und stemmt«. Die Gewalt war für ihn kein Grund, die eigene Arbeit in Zweifel zu ziehen. »Blut muss fließen«, grölten seine Kunden derweil; die wollten ja nur spielen. Und die Sozialarbeiter organisierten einen Bierausschank für den »nationalen Widerstand«.

13 Jahre später lässt sich der ehemalige Jugendpfleger von Tostedt zitieren: »Hoffentlich wird er verknackt«. Er wartet auf den Einlass zum Prozess vor dem Amtsgericht gegen Stefan S. wegen des Landfriedensbruchs vom Pfingstmontag 2010. Nach Gründen für seinen Gesinnungswandel wird der 68-Jährige nicht gefragt. Der »Böse« verdankte ihm immerhin das Krafttraining.

»Die haben nur noch ihre eigenen Leute reingelassen. Das ist nicht Sinn eines Jugendzentrums«, hatte der Jugendpfleger seinerzeit die Aussperrung der nicht-neonazistischen Jugendlichen begründet. Als hätten die Skins die »Linken« in ihrer Mucki-Bude mitmachen lassen; als seien die scharf auf Drückbänke.

Zu der Zeit, erinnert sich ein Gewährsmann, war die Antifa auf »Besuch« in der Ausbildungsstätte der Neonazis. In »überlegender Zahl« seien sie eingetreten. Es wurde geschimpft und gedroht, »S. hat seinen Hund kaum halten können«. Die Sozialarbeiter hatten nichts zu melden, »man merkte, wer Herr im Haus war«. Zu Handgreiflichkeiten kam es nicht, die Polizei blieb außen vor. »Wir haben uns dann wieder verabschiedet.«

Quellen und Literatur

Befreite Zone — A. Klärner/M. Kohlstruck (Hg.): Moderner Rechtsextremismus in Deutschland, Hamburg 2006 | S. Kracauer: Die Angestellten, Frankfurt/M. 1971 | Niedersachsen Spiegel 1/1978 | U. R. in Neues Deutschland 28.10.1999 | W. u. W. Marquardt: Sagen, Määrkens un Vertellen ut den Kreis Horborg un ümto, Erfurt 2008 | Weser Kurier 16.8.2004

FememordeStuttgarter Zeitung 9.6.1986 | Deutscher Standpunkt [FAP] 12/1985 | die tageszeitung 2.10.1987 | A. Speit: Mythos Kameradschaft, Braunschweig 2005 | Stader Tageblatt 7.7.1987 | K. Farin/E. Seidel: Krieg in den Städten [1991], Neuausg. Berlin 2012 | G. B. | A. Marneros: Blinde Gewalt, Frankfurt/M. 2005

NachwuchsförderungKreiszeitung Wochenblatt 1.2.1997, 22.4.1998, 29.4.1998, 23.2.2011 | Hamburger Abendblatt 2./3.5.1998 | Neofaschismus im Landkreis Stade, hg. VVN-BdA 2003 | zeit.de/1993/33/glatzenpflege-auf-staatskosten | Hamburger Morgenpost 21.4.1998

TEIL 4

TEIL 2

© Uwe Ruprecht

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