Gemeinnützige Unternehmungen — 2. März 1999

In strömendem Regen gehen Flugblattverteiler von Tür zu Tür. Die Fachwerkhäuser und Obstplantagen des Alten Landes entlang der Unterelbe ziehen vor allem zur Kirschblüte Ausflügler an. Der Jorker Ortsteil Klein Hove ist ein Winkel hinter dem Deich des Flüsschens Este, weitab der Durchgangsstraßen und Touristenpfade. Eine Sackgasse, die niemand ohne Grund betritt.

Mittendrin, wenige Autominuten von Stade und Buxtehude, eine halbe Stunde von Hamburg entfernt – und doch hinterm Mond. Nur eine Handvoll Häuser auf und am Deich, an die das Flugblatt adressiert ist: »Vorsicht! Neofaschistische Nachbarn«.

Im Vormonat waren die Nachbarn als Mitorganisatoren eines Protestmarsches gegen die Wanderausstellung Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht in Saarbrücken aufgefallen. Doch die Anwohner brauchen keine Aufklärung von den Zugereisten der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes VVN. Sie wissen genau Bescheid. Einige wollen nicht reden, andere sind desto mitteilsamer, als hätten sie nur darauf gewartet, dass die Nachbarn auf der Tagesordnung stehen.

Der Stahlhelm ist die traditionsreichste neonazistische Verbindung. 1918 als Frontkämpferbund gegründet ging er 1934/35 in der entsprechenden NSDAP-Gliederung auf. 1951 erfolgte in Köln die Wiedererweckung als Sammelbecken für Unverbesserliche.

Goslar im Juni 1955: In ihren Wehrmachtsuniformen, behängt mit Hakenkreuz-Orden und schwarz-weiß-rote Reichsflaggen schwenkend kamen Hunderte zusammen, um »Bundesführer« Ex-Generalfeldmarschall Albert Kesselring zu lauschen.

Ein britisches Militärgericht in Padua hatte ihn für die Erschießung von Geiseln zunächst zum Tode verurteilt, dann begnadigt und 1952 »auf Ehrenwort« entlassen. Kesselring war einer der lautesten Prediger nationalsozialistischen Soldatentums. Als Prozesszeuge rechtfertigte er 1958 die Erschießung von kapitulationswilligen Zivilisten am Kriegsende.

In Goslar griff die Polizei nicht ein, als verbotene Symbole gezeigt wurden, sondern ging gegen die 2000 Demonstranten des Deutschen Gewerkschaftsbundes vor, die pfiffen und »Faschisten raus, Kesselring raus« skandierten. Nicht Stahlhelmer sondern Demonstranten wurden wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz bestraft, »weil es nicht zulässig ist, solche Kundgebungen zu stören«.

Mit dem Aussterben der Frontkämpfer-Generation schrumpfte der Stahlhelm, verschwand aber nicht. Nach der Umbenennung in Stahlhelm – Kampfbund für Europa verbündete er sich mit NPD und DVU, mit der Wiking-Jugend und Manfred Roeders Deutschen Aktionsgruppen. Bis 1974 firmierte die Wehrsportgruppe Hoffmann als Jungstahlhelm und kehrte nach ihrem Verbot 1980 teilweise zu den Ursprüngen zurück.

Den Saalschutz der Jahrestagung des Stahlhelm im Juni 1983 übernahm Michael Kühnens Hansa-Bande. Zu den Landesverbänden in Niedersachsen, im Saarland, in Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein kam 1998 ein »LV Flandern« hinzu. Aus Belgien berichtete in der Vereinszeitschrift Thomas Brehl, Jahrgang 1957, ehemals Beamter des Bundesgrenzschutzes und einer von Kühnens engsten Vertrauten.

Seit 1996 war das Hauptquartier des Stahlhelm in Jork. Er trat in vollem Wichs auf dem Schützenfest und beim Osterfeuer auf. Die Nachbarn sahen die morgendlichen Appelle beim Hissen der Reichskriegsflagge, und sie hörten die »Front Heil!«-Rufe, wenn Militaristen aus dem ganzen Bundesgebiet zu Ostern und Pfingsten am Deich entlang stolzierten, in ein Wäldchen in Moorende auf Buxtehuder Gebiet, wo bei »Biwaks« »Wehrsportkreuze« erworben werden konnten.

Die Nachbarn kannten die Pamphlete über den »Deutschen Märtyrer« Rudolf Heß ebenso wie sie von den Kränzen wussten, die zum Volkstrauertag am Kriegerdenkmal niederlegt wurden. »Lasst uns gemeinsam, wie unsere Ahnen, durch unsere deutschen Dörfer und Städte marschieren«, rief der Stahlhelm und tat es im Alten Land unbehelligt.

1983 war dem Verein die Gemeinnützigkeit zugesprochen worden. »Das oberste Ziel des Stahlhelms ist die Wiederherstellung des Deutschen Reiches in seinen historischen Grenzen und die Wehrhafterhaltung der deutschen Jugend. Weitere Ziele sind: Aufklärung gegen Umerziehung und Geschichtsklitterung, Erhaltung und Förderung des deutschen Soldatentums, wir sind gegen ein Mischmasch-Europa der Multiunkultur, dagegen streben wir ein Europa der Vaterländer an.«

Den Ämtern galt das als förderungswürdig. »Auf den Opfern und auf den Waffen beruht der Sieg!« gab die »Bundesführung« als Losung aus.

Ein Verbot des Stahlhelm stand 1993 kurz auf der Agenda, aber nur pro forma. Fünf Jahre später, nach dem Anschlag auf einen türkischen Imbiss in Neustadt an der Weinstraße und mehreren Schändungen jüdischer Friedhöfe im Bereich Kaiserslautern, fanden unter anderem bei vier Stahlhelm-Mitgliedern Hausdurchsuchungen statt. Gefunden wurden Gewehre und Maschinenpistolen, eine Panzergranate, Spreng- und Brandvorrichtungen, eine selbstgebaute Mine und tausende Schuss Munition.

Der SPD-Landesinnenminister warnte: »Es besteht die Gefahr, dass gewaltbereiter Rechtsextremismus zu Rechtsterrorismus wird.« Waffenliebe senkt jedenfalls die Schwelle für Gewalttaten. 1995 erschoss der ehemalige Anführer des Stahlhelm im Saarland seine Ex-Freundin. Ein anderer, der sich bei den Wehrsportübungen auszeichnete, wurde für einen Überfall auf eine Party 1998 in Celle verurteilt.

Kriegsspiele mit Kindern — 18. November 1999

Das Hauptquartier achtern Diek war von den Ermittlungen in Rheinland-Pfalz unberührt, die Militaria-Geschäfte des Vereinsvorsitzenden wurden nicht untersucht, eine Aberkennung der Gemeinnützigkeit stand nicht an.

Im März 1999 sagte der Pressesprecher der Polizei in Stade, es handle sich bei den Jorkern und denen, die sich am Potzberg bei Altenglan in der Westpfalz versammelten, um zwei verschiedene Verbände. Dem widersprach die Polizei in Kaiserslautern, die bei ihren Durchsuchungen Material gefunden hatte, das nach Jork wies. Einige Monate später bestritt die Stader Polizei, überhaupt je aus Kaiserslautern informiert worden zu sein. Ein pensionierter Hamburger Polizist, der in der Nachbarschaft wohnte, hatte seine Kollegen lange vorher mehrfach auf die Aktivitäten des Stahlhelm angesprochen.

Das Hauptquartier stand auf dem Anwesen der Familie Drückhammer. Vater Günter, Jahrgang 1937, amtierte als »Bundesführer«, sein Sohn Kai-Uwe, Jahrgang 1963, als »Landes- und Bundesjugendführer«. Eine umgebaute Scheune war als »Versammlungs- und Schulungsraum« ausgewiesen und als »Franz-Seldte-Haus« beschildert.

Der Gründer des Stahlhelm rief 1931 gemeinsam mit Hitler und Hugenberg die »Harzburger Front« zur Bekämpfung der Weimarer Republik ins Leben. Weil er ihm seine etwa eine Million Männer zählende Gefolgschaft zugeführt hatte, ernannte Hitler Seldte zum Reichsarbeitsminister.

Als das Dritte Reich bereits in den letzten Zügen lag, beteiligte er sich am Entwurf für ein Regierungsprogramm mit Himmler als neuem Führer. Seldte gehörte der letzten Reichsregierung unter Großadmiral Dönitz an und wurde mit ihr am 23. Mai 1945 in der Marineschule Mürwik bei Flensburg verhaftet. Bevor er als Kriegsverbrecher vor dem Nürnberger Tribunal angeklagt werden konnte, starb er 1946 in einem US-Militärlazarett.

Überregionale Presse und Fernsehen begaben sich 1999 nach Jork. Manche ihrer Gesprächspartner logen, dass sich die Balken bogen. Im Winter war dem Gemeindedirektor der Stahlhelm noch gut bekannt gewesen. Er wusste von Vorfällen, vom Unmut einiger Bürger. Als das Fernsehen im nächsten Herbst bei ihm vorstellig wurde, hatte er noch nie von den Militaristen in seiner Gemeinde gehört.

Die Beachtung in den Medien schmeichelte den Stahlhelmern und machte sie zugleich nervös. Bei meinem letzten Besuch wurde das Haus gerade renoviert; als ich mich später überzeugte, dass das Namensschild am Hauptquartier von der Straße aus zu lesen war, stürmte von Anwesen aus ein junger Mann auf mich zu, warf mir vor, ich hätte auf dem Hof spielende Kinder fotografiert und das Gelände unbefugt betreten, und riss mir die Kamera aus der Hand.

Ich kehrte mit einer zweiten Kamera rechtzeitig zurück, um Räuber sowie Kai-Uwe Drückhammer und eine Frau abzulichten. Der »Landes- und Bundesjugendführer« wies seinen Kameraden an, mir den Apparat zurückzugeben, aber ohne den Film. Ich war weg, bevor die von den Stahlhelmern alarmierte Polizei eintraf.

Als ich der Vorladung zur Beschuldigtenvernehmung wegen Hausfriedensbruch Folge leistete, hörte ich von Schussspuren in einem Wald. Man musste mir nicht erklären, warum Ermittlungen schwierig waren. Die Staatsschutz-Abteilung bestand aus eineinhalb Planstellen. Um eventuelle Unternehmungen des Stahlhelm zu unterbinden, müsste die Polizeiführung zusätzlich Einsatzkräfte einteilen und würde das nur tun, wenn es politisch opportun wäre.

Im August 1999 antwortete das Bundesinnenministerium auf eine Anfrage der PDS-Fraktion im Bundestag: »›Der Stahlhelm e.V. – Bund der Frontsoldaten – Kampfbund für Europa‹ ist eine rechtsextremistische Gruppierung, deren ideologische Ausrichtung insbesondere von nationalistisch-völkischem, antisemitischem und revisionistischem Gedankengut geprägt ist.«

Nachdem Verfassungsschutz und Innenministerium in Hannover den Stahlhelm lange geduldet hatten, war nicht damit zu rechnen, dass die Einschätzung aus Berlin praktische Konsequenzen haben würde. Lediglich im Anschluss an eine Besichtigung des »Franz-Seldte-Hauses« durch Bauordnungsamt des Landkreises und Polizei wurden theoretisch unbrauchbare Dekorationswaffen zur Prüfung beschlagnahmt.

Für eine Anklage reichten keine Beweismittel, befand der zuständige Staatsanwalt. »Heinrich-Himmler-Haus« dürften sie das Hauptquartier wohl nicht nennen, erläuterte er seine Rechtsauffassung, aber gegen Seldte spräche nichts – den kenne ja keiner.

»Bogenschießen, Keulenwerfen, Baumstammschleudern, Staffellauf, Schießen und Hindernisbahn« standen auf dem Programm des »1. Pfingstbiwak« des Scharnhorst-Bundes im Mai 1999. Im Scharnhorst sammelte der Stahlhelm seine unter 18-jährigen Mitglieder und rüstete sie für den Kampf gegen Andersdenkende und Ausländer. Die Teilnehmer kamen aus Braunschweig, Bremen, Eckernförde und Heide in Holstein.

»Nach gut einer Stunde kamen wir am Biwakgelände an, mitten im Wald gelegen, weit ab vom Schuss wie man so sagt, eben genau das Richtige«, gab Kai-Uwe Drückhammer in der Vereinspostille zu Protokoll. Der Entfernung nach kam der Wald mit den Schussspuren in Frage. Jungen und Mädchen ab 12 Jahren wurden »bewährte Tricks im Gelände, die unsere Väter anwendeten« beigebracht. »Die Kinder waren gar nicht ›tot‹ zu kriegen«, rühmte ihr Ausbilder. Auch den Nachtmarsch bewältigten sie zu seiner vollen Zufriedenheit.

Elf Enkel hatte der »Bundesführer«, die auf »gute deutsche Namen« wie Adolf, Hagen und Siegfried hörten. Eine Angehörige des Clans, im Verein zuständig für »Information und Werbung«, engagierte sich als Elternsprecherin an der Jorker Schule und im Kindergarten. Als die sonstigen Aktivitäten der Familie in der Zeitung standen, hielten alle zu ihr.

Seine Kenntnisse über den Kampf im Feld hatte Kai-Uwe Drückhammer als Oberfeldwebel der Bundeswehr erworben. Er machte kein Hehl aus seiner Gesinnung und warb unter den Soldaten für seinen Verein. Ein Unteroffizier, der ausbildete, erinnerte sich an eine Feier in der Stader Kaserne, bei der Drückhammer laut und folgenlos gegen die Shoah redete.

Die Vereinszeitschrift warf 1998 die Frage auf »Bundeswehr ja oder nein?« und antwortete: »Denn im Bund zu dienen bringt auch wieder eine militärische Ausbildung mit sich, wie man sie legaler und einfacher nicht erwerben kann. Das kann einmal lebenswichtig für unseren Befreiungskampf sein!« Von befürchteten Beschränkungen dieser Dienstauffassung steht nichts da.

Dass der Wehrsport mit Kindern bekannt wurde, regte eine Verbotsdebatte an, unternommen wurde nichts. Plötzlich löste sich der Verein in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung am 12. Juni 2000 selbst auf. Als Grund wurden der »öffentliche Druck« durch die Medien und die »Verfolgung« durch Polizei und Justiz genannt.

Wenige Tage vorher waren beim Grenzübertritt aus den Niederlanden im Gepäck dreier Stahlhelmer »erhebliche Mengen von Schrift- und Bildmaterial sowie Orden und Ehrenzeichen, überwiegend mit Hakenkreuzen« sichergestellt worden. Die umfangreiche Militaria-Sammlung der Familie Drückhammer, aus der sich ihr Devotionalien-Versand Der Stahlhof speiste, wurde nach der Vereinsliquidierung in den Militär-historischen Verein – Der Stahlhelm-Landesverband Pfalz überführt. Dieser und die flandrische Sektion waren nicht in die Selbstauflösung einbegriffen.

Die 100 Mitglieder machten weiter. Am Volkstrauertag 2000 legten sie in Vahrendorf im Landkreis Harburg einen »Stahlhelm-Kranz« nieder. Kurz darauf wurden in Hesedorf und Bevern bei Bremervörde mehrere Schusswaffen beschlagnahmt, darunter ein Maschinengewehr. Betroffen war ein »Wehrsportkreuz«-Träger des Stahlhelm.

Der Strich im Vereinsregister war für Behörden, Politik und Medien das Signal zum Wegschauen. Die Flugblattverteiler der VVN verbuchten einen Erfolg und wandten sich anderem zu, wovon es noch reichlich gab. Das »Franz-Seldte-Haus« steht nach wie vor achtern Diek. Zwei Stahlhelmer wurden in Bremervörde und Harburg Funktionäre der NPD. Einer beackerte den Boden in Tostedt.

Quellen und Literatur

Gemeinnützige Unternehmungen – Rechtsradikalismus in der jungen Bundesrepublik, DeutschlandRadio 25.6.2004 | P. Noack/B. Naumann: Wer waren sie wirklich?, Bad Homburg 1961 | Der Stahlhelm 5–6/1987, 1–2, 3–4, 5–6/1997, 11–12/1999 | Focus 42/1999

Kriegsspiele mit Kindern – Drucksache Dt. Bundestag 14/1446 | Stader Tageblatt 3.2.1984, 8.1.1987, 22.6.1993, 3.3., 22.10., 23.10., 23.11., 14.12.1999, 16.2., 24.2., 30.8., 4.10.2000 | Frankfurter Rundschau 24.3.1998 | Hamburger Abendblatt 6./7.11., 8.12.1999 | die tageszeitung 15.11., 19.11.1999, 15.1.2000 Die Rheinpfalz 19.11.1999 | jungle world 48/1999 | Kreiszeitung Wochenblatt 17.11., 27.11., 15.12.1999, 8.1., 19.1., 15.4., 2.9., 4.10.2000 | der rechte rand 63/2000 | T. Grumke/B. Wagner (Hg.): Handbuch Rechtsradikalismus, Opladen 2002 | U. R. in Hamburger Abendblatt 5.3., 19.11., 8.12.1999, 17.1., 7./8.10.2000, Neues Deutschland 16.3., 25.11.1999, 14.9.2000, blick nach rechts 8/1999, 24/1999

ÜBERSICHT Braune Bande. Neonazismus in Niederdeutschland

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