Geschichts-Fake als News

In letzter Minute überfielen ihn wieder Zweifel, und Hugh R. Trevor-Roper versuchte, die Veröffentlichung seines Artikels zu verhindern. Doch es war zu spät. Der für seinen Ruf verheerende Text erschien am 23. April 1983 in der Londoner Sunday Times.

Mit seinem Buch The last days of Hitler hatte der britische Historiker bereits 1947 die maßgebliche Darstellung des letzten Akts vom Untergang des Dritten Reichs abgeliefert; Trevor-Roper war die erste Adresse für den Medienmogul Rupert Murdoch, um eine Expertenmeinung einzuholen zu den Dokumenten, für deren Publikation der Hamburger Verlag Gruner & Jahr Kompagnons suchte.

Als Trevor-Roper sich an die inhaltliche Prüfung machte, war ihm versichert worden, dass bereits mehrere Schriftsachverständige die Echtheit bestätigt hatten, nämlich Fachleute der rheinland-pfälzischen Polizei und ein Graphologe aus den USA, den Gruner & Jahr mit Blick auf die amerikanische Vermarktung hinzugezogen hatte, sowie Max Frei-Sulzer, dessen Renommee in kriminalistischen Kreisen dem Trevor-Ropers unter NS-Historikern entsprach.

Kriminalpolizisten sprechen heute schlicht von »abkleben«, wenn sie die Sicherung mikroskopischer Spuren an einem Tatort meinen. Auf die Idee, die als Scotch Tape oder Tesa-Film im Handel erhältlichen Klebebänder für die Kriminaltechnik einzusetzen, kam Frei-Sulzer als Leiter des Laboratoriums der Polizei von Zürich 1951 und schrieb sich damit in die Geschichte der Kriminalistik ein.

30 Jahre nach seinem bahnbrechenden Einfall befand die Koryphäe: »Es kann kein Zweifel bestehen, dass beide Dokumente von Adolf Hitler geschrieben wurden.«

Frei-Sulzers Gutachten und die der anderen Experten waren korrekt und dennoch falsch. Die geprüften Dokumente und die von Gruner & Jahr zur Verfügung gestellten Vergleichsproben stammten allerdings von derselben Hand. Diese war jedoch nicht die Hitlers, sondern Konrad Kujaus.

Als Trevor-Ropers Artikel erschien und Gruner & Jahr in Hamburg zwei Tage später die Weltsensation vorstellte, war die Fälschung bereits aufgeflogen. Am 28. März 1983 hatte das Bundeskriminalamt einen vorläufigen Bericht über seine Untersuchungen vorgelegt, der erst am 6. Mai offiziell wurde.

Bei der Begutachtung von Schrift und Inhalt ist ein absolut verlässliches Ergebnis nicht möglich. Anders dagegen bei Papier und Tinte, denen sich das BKA widmete. Seine Expertise war niederschmetternd.

Hinsichtlich des verwendeten Materials war die Fälschung dilettantisch. Das Papier war mit einem Bleichmittel bearbeitet worden, dass erst nach 1954 in Gebrauch kam, und die Tinte der angeblich 1943 angefertigten Schriften war höchstens ein Jahr alt.

Gegen eine so bündige Entlarvung hatte sich Michael Barrett abgesichert, als er gemeinsam mit seiner Frau das Tagebuch von James Maybrick verfasste, in dem dieser sich als Jack the Ripper zu erkennen gab. Barrett hatte sich zeitgenössisches Papier und Tinte verschafft.

Weder seine wiederholten Geständnisse noch dass die Schrift des Tagebuchs nicht mit den gesicherten Proben von Maybricks Hand übereinstimmt und der Text Wendungen aufweist, die auf eine spätere Zeit als die der vermeintlichen Abfassung verweisen, bringen manche »Ripperologen« davon ab, an die Echtheit des 1993 veröffentlichten Tagebuchs zu glauben.

»Es mag dir seltsam erscheinen, aber will man betrügen, muss man zunächst einen anderen Betrüger finden«, lässt Alberto Moravia in seiner Erzählung Betrogene Betrüger einen Ganoven sagen und ihn den »Trick mit den Stoffen« schildern.

Er tritt an der Tür eines reichen Haushalts auf, billigen Stoff im Arm, den er als teuren englischen ausgibt, aber aus Not verkaufen müsse. Und in den Augen der Hausfrau »entzündet sich … ein Flämmchen der Gier«.

Sie »nimmt den Stoff zur Hand und beginnt ihrerseits, mir was vorzuspielen. Sie verzieht den Mund, geht zum Fenster, prüft den Stoff, schüttelt den Kopf. Und schon ist sie in die Rolle geschlüpft, die ich ihr zugedacht habe: Sie will mich betrügen. Dazu bietet sie mir eine geringe Summe, die aber immer noch ein wenig höher ist als die, die ich für die Stoffe bezahlt habe. […] Und nun frage ich noch einmal, wer von uns beiden ist hier der ärgere Betrüger, ich, der ich arm bin und von der Hand in den Mund lebe, oder sie, die im Wohlstand schwimmt und mir trotz der herzbewegenden Geschichte, die sie von mit gehört hat, oder gerade deswegen, die Luft abdrehen, mich betrügen, mit den Stoff für ein paar Lire abnehmen will.«

Gruner & Jahr zahlte 85 000 DM für jeden der 27 Tagebuch-Bände und 200 000 für einen dritten Band der Autobiografie Mein Kampf. Für diese Investition von knapp 2,5 Mio. versprach sich der Verlag einen entsprechenden Profit. Bei einer Versteigerung der Abdruckrechte lag das Höchstgebot bereits bei 3,75 Mio. Dollar, als der Schwindel zusammenbrach.

Das »Flämmchen der Gier« war am 18. Februar 1981 entfacht worden, als Gerd Heidemann, Reporter der Illustrierten Stern und Spezialist für NS-Geschichten, seinen obersten Chefs von seiner Entdeckung berichtete. Diese unterzeichneten die Kontrakte, bevor auch nur ein Experte die Echtheit des Angebots geprüft hatte.

»Der Fisch hat angebissen, und ich brauche nichts weiter mehr zu tun, als ganz behutsam an der Schnur zu ziehen, damit er sie nicht zerreißt«, sagt Moravias Betrüger.

»Misstrauisch verlangt sie [die Hausfrau] nach einem Beweis, sie will ein Stückchen verbrennen, um zu sehen, ob es Wolle ist. Beflissen nehme ich ihr den Stoff aus der Hand, ziehe einen Faden heraus und bitte sie um ein Streichholz. Während sie Streichhölzer holen geht, tausche ich den Faden gegen einen mitgebrachten aus bester Wolle aus, den ich anzünde, als sie wieder da ist, und ihr unter die Nase halte, damit sie sich am Geruch verbrannten Tierhaares erfreuen kann.«

In entsprechender Weise wurden der Verlag und seine Experten manipuliert, indem sie sich zum Vergleich auf andere Fälschungen verließen.

Das Hamburger Landgericht, das am 8. Juli 1985 über den Fall urteilte, erkannte denn auch im Verhalten des Verlages eine Art Mittäterschaft. Gerd Heidemann wurde der Untreue für schuldig befunden. Sein Delikt bestand darin, Gelder, die für den Erwerb der Tagebücher bestimmt waren, für sich abgezweigt zu haben.

Im Übrigen war er ebenfalls ein betrogener Betrüger. Gegenüber dem Verlag hatte er behauptet, die Tagebücher bei einem Sammler von NS-Devotionalien in der DDR aufgestöbert zu haben. Seine Chefs wussten von seinen guten Kontakten zur Staatssicherheit, mit der er schon einmal auf Schatzsuche nach Nazi-Gold gewesen war, und eine Quelle jenseits der Mauer war nicht leicht zu überprüfen.

Freilich hatte Heidemann in diesem Punkt gelogen. Nach allem, was man wissen kann, war er jedoch selbst von Konrad Kujau, einem kleinen Gauner und Gelegenheitsfälscher, hereingelegt worden und hatte an die Echtheit der Tagebücher geglaubt. Mit vier Jahren und acht Monaten Gefängnis fiel Heidemanns Strafe um zwei Monate höher aus als die Kujaus.

Der Stern war blamiert, der Verlag hatte insgesamt geschätzte 20 Mio. Mark in den Sand gesetzt, Heidemann war beruflich und seelisch ruiniert.

Allein Konrad Kujau konnte sich trotz der Haftstrafe, mit der er als Berufsverbrecher stets rechnete, ins Fäustchen lachen. Er genoss den Ruhm als Meisterfälscher, den ihm die Medien beilegten, obwohl sein Betrug tatsächlich primitiv war und lediglich aufgrund der Gier der Betrogenen fast funktioniert hätte.

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