Der Kriminalfall Sacco und Vanzetti 1920–27

Von den zwei Paar Männern im Mittelpunkt des Falles ist das eine weltberühmt. Ihre Namen sind selbst denen bekannt, die nicht genau wissen, was eigentlich Sache ist. Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti gelten, je nach politischer Anschauung, als Opfer der Klassenjustiz oder als Terroristen. Inwiefern sie Täter waren ist bis heute umstritten und eine Frage des politischen Glaubens.

Frederick Parmenter und Alessandro Berardelli sind zweifelsfrei Opfer. Sie starben am 15. April 1920 durch die Revolverschüsse zweier Räuber, als sie in South Braintree, einem Vorort von Boston im US-Bundesstaat Massachusetts, die Kisten mit 16 000 Dollar Lohngeldern einer Schuhfabrik verluden.

Ein Gangster eröffnete sofort das Feuer auf die Wachleute; sein Komplize, an dessen großen schwarzen Schnauzbart sich Zeugen erinnerten, gab weitere Schüsse auf die bereits am Boden Liegenden ab. Nachdem sie die Geldkisten in ein Auto schafften, in dem drei weitere Männer saßen, entkamen sie unbehelligt.

Das vermutliche Fluchtfahrzeug wurde zwei Tage später entdeckt. Es war bereits bei einem gescheiterten Überfall auf einen Lohngeldtransport am 24. Dezember 1919 in Bridgewater zum Einsatz gekommen. Die Polizei verdächtigte den Italiener Mike Boda und stürmte dessen Unterkunft. Er war nicht da, aber der 29-jährige Sacco, Arbeiter in einer Schuhfabrik, und der 32-jährige gelernte Konditor Vanzetti, der einen Fischhandel betrieb, wurden festgenommen. Beide waren bewaffnet.

Vanzetti, durch seinen gewaltigen Schnauzbart identifiziert, wurde als Mittäter beim Bridgewater-Überfall unter dem Vorsitz des Richters Webster Thayer zu einer Haftstrafe von zehn bis 15 Jahren verurteilt. Sacco, der für die Tatzeit ein Alibi vorweisen konnte, blieb ungeschoren, wurde aber gemeinsam mit Vanzetti für den Doppelmord von Braintree angeklagt. Dieser Prozess, der am 31. Mai 1921 in Dedham unter dem Vorsitz desselben Richters Thayer begann, wurde zu einem weltweiten Politikum.

In den USA war eine Kommunistenhatz im Gange, die noch hysterischer ausfiel als die Hexenjagd unter dem Senator McCarthy in den 1950ern. Verdächtig waren vor allem Italiener, die wie Sacco und Vanzetti in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg bei der größten Einwanderungswelle des Landes eingereist waren.

Die Angeklagten gehörten allerdings zu Anarchistenkreisen, die sich vor allem durch ihr Eintreten für die Rechte der Arbeiter und die Organisation von Streiks hervortaten. 1917, als die USA in den Ersten Weltkrieg eintraten, waren Sacco und Vanzetti nach Mexiko geflohen, um der Einberufung zu entgehen.

Im Prozess ging es vor allem um den mangelnden Patriotismus, den sie damit unter Beweis gestellt haben sollten, und weniger um die dürftigen Beweismittel der Staatsanwaltschaft für ihre Beteiligung an dem Überfall. Richter Thayer ließ es zu, und ein Reporter fand, er habe »sich so unwürdig benommen, wie ich das in 36 Jahren nicht gesehen habe«.

Gegen Vanzetti sprach nicht mehr vor als sein Schnauzbart, an dem ihn ein Zeuge aus großer Entfernung für drei Sekunden erkannt haben wollte. Gegen Sacco wurden die Patronenhülsen ins Feld geführt, die am Tatort gefunden worden waren und eine Kugel aus dem Körper von Alessandro Berardelli.

Die Ballistik war 1921 noch nicht zur Wissenschaft gereift und kam in Europa fast gar nicht in Betracht. In den USA, wo schon damals mehr weitaus mehr Verbrechen mit Pistolen, Revolvern und Gewehren verübt wurden, tummelten sich dagegen allerhand Gutachter, deren Meinungen nicht mehr waren als eben das: mehr oder weniger gut begründete Ansichten.

Die Experten von Anklage und Verteidigung widersprachen sich diametral. Nachdem es der Staatsanwaltschaft immerhin gelungen war, die Angeklagten als Vaterlandsverräter zu brandmarken, fällten die Geschworenen am 14. Juli 1921 ihren Schuldspruch.

Das Urteil löste weltweit Empörung aus. Die Unterstützer-Komitees waren überzeugt, dass Sacco und Vanzetti nicht für bewaffneten Raubüberfall sondern als Anarchisten vor Gericht gestellt worden waren. Dabei ging die Verteidigung nicht weniger zimperlich vor als die Anklagevertretung. Bei ihren Bemühungen um die Wiederaufnahme des Verfahrens bot sie als Schusswaffen-Experten ausgerechnet Albert Hamilton auf, dessen Aussage 1915 zu einem legendären Fehlurteil geführt hatte.

Hamilton war ein Scharlatan, der durch die Gerichtssäle tourte und Geschworene hinters Licht führte. Gegen Bezahlung sagte er das aus, was man hören wollte. Was ihm an Fachkompetenz fehlte, machte er durch ein Gespür dafür wett, wie die gewöhnlichen Bürger auf der Geschworenenbank zu beeindrucken waren.

Das gelang ihm im Fall des deutschen Einwanderers Karl Stielow, der angeklagt war, seinen Arbeitgeber und dessen Haushälterin erschossen zu haben. Stielow entging der Hinrichtung und wurde rehabilitiert, weil ein Kreis von Frauen aus New York, die sich für die Abschaffung der Todesstrafe einsetzte, einen neuen Prozess erreichte, nachdem Privatdetektive die wahren Täter ermittelt hatten.

Im Herbst 1923 trat Hamilton für die Verteidigung von Sacco und Vanzetti auf und verkündete, dass die Kugel, die den Wachmann Berardelli getötet hatte, nicht aus dem Revolver stammte, den Sacco bei seiner Festnahme bei sich gehabt hatte. Und er ging noch weiter und vollführte im Gerichtssaal einen der Tricks, für die er berüchtigt war.

Er hatte zwei neue Revolver mitgebracht und zerlegte diese ebenso wie den Saccos, um etwas zu demonstrieren, dessen Sinn sich niemandem erschloss. Beim Wiederzusammensetzen praktizierte er den Lauf einer der neuen Waffen an Saccos Revolver.

Richter Thayer mochte voreingenommen sein, aber er war kein Narr und bemerkte die Manipulation. Hamiltons Betrugsversuch bestärkte Thayer darin, die Wiederholung des Prozesses abzulehnen.

1925 bekannte sich der wegen Mordes zum Tode verurteilte Portugiese Celestino F. Medeiros in einem Kassiber an Sacco der Teilnahme am Überfall in South Braintree. Zwar saß er in der Todeszelle, aber auch in seinem Fall wurde über die Wiederaufnahme verhandelt und er hatte sehr wohl etwas durch sein Geständnis zu verlieren. Richter Thayer wischte eine Prüfung seiner Aussage vom Tisch.

Schließlich wurde im Juni 1927 Calvin Goddard einbezogen, der das Büro für Forensische Ballistik in New York leitete und der maßgebliche Schusswaffenexperte der USA werden würde. Unter den Augen eines Vertreters der Verteidigung führte Goddard seine Versuche durch und kam zu einem eindeutigen Ergebnis: Die Kugel aus dem Körper von Alessandro Berardelli stammte aus Saccos Waffe.

»Was soll man dazu noch sagen?«, kommentierte der Experte der Verteidigung. Auch ein zweiter Gutachter, der zunächst für die Angeklagten ausgesagt hatte, schloss sich Goddards Ansicht an.

Am 23. August 1927 wurden Sacco und Vanzetti durch Stromstöße hingerichtet. In der Folge kam es in den USA und in Europa zu Streiks, Demonstrationen und teilweise blutigen Straßenschlachten. Sacco und Vanzetti gelten seither als Märtyrer des Kapitalismus. Calvin Goddards Feststellungen wurden 1961 und 1983 bestätigt.

1977 hatte indes Michael Dukakis als Gouverneur von Massachusetts eine teilweise Rehabilitation erklärt und den 23. August zum »Sacco- und Vanzetti-Tag« ausgerufen. »Here’s to you, Sacco and Bart / Something, something forever in my heart«, sang Joan Baez zu jener Zeit, als »Rote« während des Kalten Krieges wieder einmal als Verkörperung des Bösen galten, und Dukakis’ Deklaration war eine Geste in dieser Hinsicht.

Soweit es Sacco betrifft, scheint ihn die Kugel überführt zu haben. Es sei denn, man nimmt an, er habe seinen Revolver für den Überfall verliehen. Vanzettis Täterschaft hingegen kann weiterhin als zweifelhaft gelten.

Unzweifelhaft ist, dass ein einwandfreies Verfahren durch politische Interessen von beiden Seiten verhindert wurde. Die drei Mittäter, die in South Braintree im Fluchtfahrzeug saßen, wurden nie ermittelt und vor Gericht gestellt.

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