Vom Oktoberfest-Attentat über Thomas Lemke zum NSU – Wie Politik, Polizei, Justiz und Medien mit Neonazis umgehen

Schuldverschiebung — 26. September 1980

Eine 20 Meter hohe Stichflamme und ein Knall. Ein Augenblick Totenstille, dann Schreie. Einem Mann sind beide Beine abgerissen, ein Kind ist zerfetzt. 13 Menschen werden getötet und über 200 verletzt. In der anfänglichen Berichterstattung über die »Zwickauer Terrorzelle« wurde auf den blutigsten je verübten Terrorakt in Deutschland verwiesen. Er ging weder auf das Konto von Islamisten noch der Rote Armee Fraktion; auch nach 1945 trägt Terror in Deutschland an erster Stelle das Signum des Hakenkreuzes.

2011 war das Oktoberfest-Attentat aus dem kollektiven Gedächtnis so gut wie gelöscht. In Berichten über den NSU wurde es mal wie eine Entdeckung zitiert, mal ganz selbstverständlich als Verbrechen einer Neonazi-Bande erwähnt. Beides ist irreführend. Weder war Lesern, Hörern und Zuschauern das Ereignis so vertraut wie es den Redakteuren vorkam, die es aktuell im Archiv nachgeschlagen hatten und ohne deren Register sie nicht von selbst darauf gekommen wären.

Und anders als die Berichte behaupteten, hatten Behörden, Politik und die meisten Medien den Anschlag seinerzeit keineswegs dem Neonazismus zugeordnet. Dieser sollte im Gegenteil nichts damit zu tun haben. Die Parallele mit dem NSU besteht gerade in dieser Verkennung sowie darin, dass die Ermittlungen zum Oktoberfest-Attentat und ihre Ergebnisse so fragwürdig sind wie die veröffentlichten Erkenntnisse über den NSU.

Offiziell handelte der 21-jährige Geologie-Student aus Donaueschingen Gundolf Köhler allein, als er den Sprengsatz baute, zündete und dabei selbst zerrissen wurde. Seine Beziehungen zur Wehrsportgruppe Hoffmann WSG ,wurden planmäßig vernebelt. Zeugenaussagen, die von Kriminalämtern und Staatsanwaltschaften aus unbekannten Gründen verworfen wurden, zeigten Köhler in Begleitung, bevor er die Bombe in einem Papierkorb am Rande der Festwiese platzierte. Der durchgeknallte Einzeltäter war allen Recht.

Die Medien ließen das Thema rasch wieder fallen und übergaben es den Historikern, die sich seiner noch nicht angenommen haben. Zum Zeitpunkt des Attentats war es kein Geheimnis, dass die bis zu 400 Mann zählende Truppe des Nürnberger Grafikers Karl-Heinz Hoffmann seit 1973 im bayrischen Wald »mit einem Panzer und automatischen Waffen (mit zugeschweißten Läufen) hantiert und sich Rhodesien und der Republik Südafrika als ›Söldnertruppe‹ anbot«. CSU-Ministerpräsident Franz Josef Strauß und sein Innenminister Gerold Tandler erteilten ausdrücklich ihr Plazet: »Der Wehrsport an sich ist nicht strafbar.«

Fünf Jahre vor dem Oktoberfest-Attentat wurden drei WSG-Männer an der italienisch-jugoslawischen Grenze festgenommen, als sie in gestohlenen Autos auf dem Weg zu palästinensischen Freischärlern waren, um sich im Terrorkampf ausbilden zu lassen – wie zuvor die RAF, mit der sie das Feindbild Israel teilten.

In Bayern amtierte 1977/78 Alfred Seidl als Innenminister. Er war 1937 der NSADP beigetreten und verteidigte bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen Hans Frank und Rudolf Heß, die Mordärzte Karl Gebhardt, Fritz Fischer und Herta Oberheuser sowie den SS-Wirtschaftschef Oswald Pohl und Heinrich Himmlers rechte Hand Karl Wolff.

Im Januar 1980 verbot der FDP-Bundesinnenminister die WSG. Die Frage nach einem Zusammenhang mit dem Attentat acht Monate später, die sich dem kriminalistischen Laien aufdrängt, stellten sich die Sicherheitsbehörden anscheinend nicht. Vielmehr schimpfte Strauß über das Verbot, trat für Hoffmanns »Freiheit« als Kämpfer ein und lastete dem Minister eine Mitschuld am Attentat an.

Strauß befand sich im Kanzlerwahlkampf mit Helmut Schmidt, in dem er die Parole »Freiheit statt Sozialismus« ausgab. Die Kluft zwischen den Kandidaten erschien abgrundtief. Strauß malte den Teufel an die Wand. Er selbst stehe für Ordnung, Schmidt für das Chaos. In Schmidts Amtszeit fielen die spektakulärsten Attentate der RAF, die Entführung und Befreiung eines Flugzeugs und der Tod der Top-Terroristen im Hochsicherheitstrakt der Haftanstalt Stuttgart-Stammheim.

Kaum war die Bombe an der Münchner Festwiese hochgegangen, benutzte Strauß sie für seinen Wahlkampf und machte »die Linken« verantwortlich. Noch nachdem dieser Verdacht unhaltbar geworden war, wollte er nicht davon lassen, und bagatellisierte weiter die WSG. Seine politische Vorgabe führte das bayrische Landeskriminalamt aus und verwischte Spuren in einen nationalsozialistischen Untergrund, den es nicht geben sollte.

Den »antifaschistischen Schutzwall« gab es noch, und nicht Ausländer sondern Kommunisten waren das bevorzugte Hassobjekt von Neonazis. Ein Donnerschlag, und die Deutschen würden sich hinter einem Führer scharen wollen: so wurde unter Neonazis diskutiert. War die Beeinflussung der »Schicksalswahl« das Motiv, das Attentat als Wahlkampfhilfe für Strauß gedacht?

Weil mit Köhler der Einzeltäter gestorben war und mit ihm sein Wahn, plagten sich die Ermittler nicht damit, wie das Oktoberfest zum Bombenziel werden konnte. Ihnen genügten Köhlers vermeintliche »Schwierigkeiten mit Mädchen« als Hintergrund für den Massenmord. Alles andere hätte in gemiedene gedankliche Gefilde geführt.

Die will 2009 ein Roman erschließen. Er kommt mit aufklärerischem Pathos daher und zitiert als Motto Pier Paolo Pasolini: »Ich weiß Bescheid. […] Ich weiß, weil ich ein Intellektueller bin, ein Schriftsteller, der versucht, das, was geschieht, zu verfolgen.« Gladio soll verantwortlich sein. Die sagenumwobene »Geheimarmee« der NATO habe sich mit dem Verfassungsschutz verbündet, um die Demokratie zu untergraben. Eine gruselige Verschwörung und doch traulich, indem sie die Leser vor dem schützt, wovon sie nichts hören wollen und sollen: Neonazis. Die treten im Roman überhaupt nicht auf, nur als dumme Trottel in den Reden derer, die sie manipulieren, darunter die Staatssicherheit der DDR.

Das München-Komplott ist ein erfolgreiches Buch, seine Fiktion wird das Bewusstsein der Bevölkerung stärker beeinflussen als die Dokumentationen, aus denen es sich bedient. Das Oktoberfest-Attentat ist kein Werk von Neonazis – so wollten es die Machthaber, und der Krimiautor schreibt ihnen 30 Jahre später nach, indem er eine andere Verschwörung konstruiert, die sie ausspart. Pasolini musste für »die Wahrheit« sein Leben lassen, der Krimiautor macht Auflage.

Über die tatsächlichen Verstrickungen des Verfassungsschutzes wurde nach dem Scheitern des ersten Verbotsverfahrens an der »fehlenden Staatsferne« der NPD nicht politisch diskutiert. Dass die Partei, die ihrer Bestrebungen gegen das Staatssystem wegen verboten werden sollte, in den Händen einer Institution schien, deren Aufgabe der Schutz des Systems ist, wurde unter den Tisch gekehrt – bis die Morde des NSU den Verdacht erneuerten, dass wo Terrorismus draufsteht, Verfassungsschutz drin steckt.

Und diesmal wurde nicht nach der möglichen Verwicklung der Geheimdienste in Verbrechen gefragt, sondern ihr Nach-Tat-Verhalten angekreidet, die dann als Versehen und Schlamperei deklarierte Vernichtung von Aktenspuren. Es bedurfte nicht des Bundesverfassungsgerichts oder der NSU-Untersuchungsausschüsse, um vom Einverständnis zwischen Staatsschützern und -feinden zu wissen.

Als Beginn des Terrorismus in der Bundesrepublik gilt der 11. April 1968. Nach dem Attentat auf den Wortführer der rebellischen Studenten Rudi Dutschke zogen 1000 Demonstranten vor das Hochhaus des Springer-Verlages in Berlin und skandierten »BILD hat mitgeschossen!« Die Lage eskalierte, nachdem Peter Urbach aus einem Weidenkorb Molotow-Cocktails verteilte. Urbach war Agent des Verfassungsschutzes.

So sehr sich Politik und öffentliche Meinung in den 1970ern über den Terror von links erregten und nach 2001 über den islamistischen, so beharrlich wurde und wird der Neonazismus klein geredet. »Der Rechtsradikalismus ist nahezu bedeutungslos«, fasste der Bundesinnenminister zwei Jahre vor dem Oktoberfest-Attentat den Kenntnisstand des Verfassungsschutzes zusammen.

Der Geheimdienst selbst klagte: »Die neonazistische Gefahr wird in vielen Medien überzogen dargestellt«; die »neue Rechte sei zahlenmäßig unbedeutend und erlange nur durch rastloses Reisen als ›Wanderzirkus‹ ihre Publizität – bei der die Medien sie noch kräftig unterstützen.« Das Oktoberfest-Attentat konnte nur ein Einzeltäter begangen haben – sonst hätten die »Experten« Unrecht gehabt.

Übereinstimmung — 11. Februar 2012

Alljährlich findet der »Gedenkmarsch« in Dresden anlässlich der Bombenabwürfe vom Februar 1945 statt, dank NSU diesmal unter erheblich stärkerer Medienbeobachtung. Massen von Gegendemonstranten erdrücken die ein oder zwei braunen Hundertschaften, die auf den Ruinen von »Elbflorenz« ihre Fahnen schwenken. Neonazis erscheinen als vernachlässigbare Größe; gerade genug, um Gerichtsentscheide und Polizeimaßnahmen herauszufordern.

Anderswo gehen sie zwei Tage vorher fast unerkannt um. In der Inneren Stadt von Stade verteilt ein Dutzend junger Männer Handzettel. Das Blatt imitiert edle Bütten, die angebrannt sind; unter verschnörkelten Buchstaben weint ein Kinderpuppengesicht. Kein Partei-Logo, kein verfängliches Emblem. Nichts sonderlich Anstößiges auf der Vorderseite: Die »Stadt der Künste und des Barock […] verlor […] unter der Hand angloamerikanischer Terrorbomber am 12. Februar für immer seine Seele«.

So wird es allgemein empfunden und anderswo mit verwandtem Pathos geschrieben. Allein dass »den Demokraten« die »Herabwürdigung deutscher Opfer« vorgeworfen wird, deutet auf der Rückseite an, von wem der Zettel stammt.

Die Polizei passt auf, aber niemand stellt sich der Abordnung des NPD-Nachwuchses Junge Nationaldemokraten in den Weg. Die Jünglinge plaudern angelegentlich mit den älteren Damen und Herren, die ihnen zustimmen. Der auf dem Flugblatt propagierte »nationale Gedenktag« für den Dresdner »Feuersturm« leuchtet mehr ein als der 27. Januar, der an die Befreiung von Auschwitz gemahnen soll.

Daran wird in ihrer Stadt lediglich nachträglich erinnert, durch den Zeitungsbericht über eine rituelle Feierstunde in erlesenem Kreis. Der Massenvernichtung eingedenk zu sein ist die Angelegenheit von Herrschaften wie ihr alljährlicher Opernball, indem sie die Leier von Leerformeln drehen. Die Forderung, dass es nie wieder geschehen dürfe, gilt als erfüllt; eine Wiederholung ist unausdenkbar, die Vergangenheit soll bewältigt sein. Zweifel an diesem Dogma verletzen den bürgerlichen Anstand.

2005 prägte die NPD im sächsischen Landtag das Wort vom »Bomben-Holocaust«. Damit sprach sie ein verbreitetes Gefühl an und spitzte zu, was zuletzt 2002 anlässlich von Jörg Friedrichs Buch Der Brand in Feuilletons und Fernsehen aufgewühlt worden war. Das Flächenbombardement, das außer Neonazis auch Historiker als Kriegsverbrechen werten, wird gegen das Menschheitsverbrechen der Konzentrationslager aufgerechnet.

Allemal ist der Bombenhagel auf Dresden im kollektiven Bewusstsein tiefer verankert als die Befreiung des Vernichtungslagers in Polen. Der Erlebnisgeneration ist das Hemd »Feuersturm« näher als die Hose »KZ«. Für die Nachgeborenen ist beides zeitlich gleich weit entfernt. Räumlich und familiengeschichtlich ist die Erinnerung an Bombenangriffe gleichwohl lebendiger und wird nicht durch gelegentliche Auftritte von allerletzten Überlebenden der Shoah in Schulen aufgewogen.

Den Handzettelverteilern ist ihre Gesinnung selbstverständlich nicht anzusehen. Glatzen und Springerstiefel waren schon out, als die Fotoredaktionen sie zu verbreiten begannen. Die geläufigen Abbilder trügen oder taugen gar nichts. Auf meinen hunderten von Aufnahmen sind die Neonazis ohne Kontext kaum als solche identifizierbar. Neonazis, die sich durch Abzeichen erkennbar machen, sind im Alltag immer die Ausnahme gewesen, und polizeiliche Auflagen untersagen unmissverständliche Bekenntnisse bei Kundgebungen und Aufmärschen.

Ein »Himmler-Haarschnitt« – die Seiten rasiert und ein Häubchen Haare – findet sich bei Neonazis so oft wie bei gleichaltrigen Söhnen aus »Migrantenfamilien«; Glatzen sieht man bei Versicherungsvertretern, Journalisten und Polizisten häufiger.

Die Flugblattverteiler schwimmen im Passantenstrom mit und werden von vielen nicht mit dem Aufgebot der Sicherheitskräfte in Verbindung gebracht. Andere ärgern sich über die Unverhältnismäßigkeit, mit der diese freundlichen jungen Männer bewacht oder beschützt werden. Der Chronik des Lokalanzeigers zufolge waren sie auch diesmal gar nicht da. Die Verteiler sind fremd in der Stadt und können anonym bleiben; einheimische Neonazis touren unterdessen dort, wo sie niemand vom Ansehen kennt.

Quellen und Literatur

SchuldverschiebungFrankfurter Allgemeine Zeitung 23.6.1977 | U. Chaussy: Oktoberfest-Attentat, Hörbuch, Hamburg 2000 | W. Schorlau: Das München-Komplott, 4. Aufl. Köln 2010 | S. Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, 9. Aufl. München 2008 | Stern [Febr.] 1978 | Die Welt 22.4.1978 | Stader Tageblatt 2.5.1978 | J. Pomorin/R. Junge: Die Neonazis, 6. Aufl. Dortmund 1979 | T. Staud/J. Radke: Neue Nazis, Köln 2012

Übereinstimmung – G. R. Ueberschär (Hg.): Orte des Grauens, Darmstadt 2003

wird fortgesetzt

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