Eine Kriegserinnerung zur NS-Gedächtniskultur

Vor meiner Haustür, im Hanselstädtchen Stade, wird soeben zum ungezählten Male um das form- und fristgerechte Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus gestritten (siehe hier). Ist das nicht schon nostalgisch?

Auf dem flachen Land, wo ich aufgewachsen bin, sollte es keine Nazis geben, oder wen ich dafür hätte halten können, und nichts, das sichtbar an sie erinnerte. In Hamburg dagegen schon, und ich kam täglich daran vorbei auf dem Weg zur Universität.

Der „Kriegsklotz“ am Dammtor-Bahnhof. Steinerne Propaganda der Nationalsozialisten von 1936. 88 kantige Soldaten marschieren um das graue Rechteck in den Tod. Mein Stein des Anstoßes, um mich zu der ganzen Geschichte zu verhalten.

(Im Vorjahr in Paris war ich von einem Veteranen auf der Rolltreppe der Métro als „Boche“ beschimpft worden; so nah konnte das damals noch gehen.)

Kriegsklotz (Zeichnung: urian)

Im Vorfeld der Friedensdemonstration zum evangelischen Kirchentag im Sommer 1981 wurde ich auf das Kommende aufmerksam gemacht und befand mich an der richtigen Stelle, im Pulk der vorsätzlichen Bystander, die den Zugriff der Polizei verzögerten. Ist Beihilfe zur Sachbeschädigung überhaupt ein Straftatbestand? Sowieso verjährt, und ich würde es wieder tun.

Mit Farbbeuteln und in hartnäckigsten Farben aufgetragenen Parolen („Friede den Hütten, Krieg den Palästen“) wurde der Klotz seit langem ständig bedacht; diesmal war der Hammer dran.

Meiner Erinnerung nach waren es zwei, die hoch kletterten, sich mit der einen Hand festklammerten und mit der anderen zuschlugen. Harter Beton, deutsche Wertarbeit, nicht einfach und nicht schnell klein zu kriegen.

Ein paar Buchstaben sind bis dato sichtbar lädiert, die letzten des „sterben“ von „Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen“. Die Zerstörer sprangen ab und tauchten in der Menge unter, als die Polizei um die Ecke bog.

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Paradiesische Zeiten waren das damals in dieser Hinsicht. 70 000 Menschen zogen durch die Innenstadt, und die Polizei kesselte nicht wie heute alle ein, sondern war locker verteilt und über weite Strecken unsichtbar. Heute würde der Klotz vorsorglich abgesperrt werden oder die Zeit bis zum Zugriff würde kaum reichen, den Hammer zu heben. Demonstrationen von Zehntausenden sind freilich auch seltener geworden.

Den Klotz kratzte die Attacke der behämmerten Zivilisten nicht weiter. Schließlich beschloss das Rathaus ein „Gegen-Denkmal“, das nicht fertig wurde – bis auf den Teil, der den heimischen Kriegsopfern gewidmet ist. 1984 schlug ich in der taz-hamburg vor, statt der immer noch eingesetzten Farbbeutel Säure-Geschosse zu verwenden. Putzen hilft dann nicht mehr, und das Ding ist irgendwann weg, so langsam zerfressen wie die Bereinigung der betreffenden Geschichte dauert. Joseph Beuys wollte damals den Giftmüll aus dem Hafen verkunsten; mein Vorschlag lag ganz auf dieser Linie: Realsatire.

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Inzwischen steht ein Denkmal für Deserteure neben dem Klotz. Wenn er schon da bleiben soll, ist das die beste Alternative.

Der Klotz ist so dauerhaft wie die Gedanken, die sich in ihm verkörpern. Ihn zu sprengen hätte nie geholfen. Nur die ständige Erinnerung daran, dass er da nicht hin gehört.

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