Aufzeichnungen eines Dadaisten

Einst habe ich mich eine Weile mit einem biografischen Roman über Rigaut geplagt, die längste Zeit in einer Behausung auf Hamburg-St. Pauli im Dunst der damals noch betriebenen Brauerei. Das abgebrochene Manuskript ist verschollen, ebenso die Typoskripte der Zeitungs- und Magazinartikel, die ich daraus schnitt, sowie meine Exemplare davon oder deren Fotokopien. Ein Text ist im Web verfügbar, wird aber bei Suchmaschinen nicht unter Rigauts Namen angezeigt. Er stammt aus der Ausgabe vom Juli/August 1984 der Spuren in Kunst und Gesellschaft, einer Zeitschrift der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Dass der erste und der letzte Absatz zeitgenössisch sind, tut dem Übrigen keinen Abbruch; hätte ich nicht darauf hingewiesen, würde man es vielleicht nicht merken.

Dada ist angesagt, jetzt, viel dadaistische und surrealistische Literatur ist erstmals auf deutsch veröffentlicht worden. Unter den Neuerscheinungen: die Schriften Jacques Rigauts (1898–1929), einer gleichwohl bezeichnenden Randfigur des Pariser Dada. Weit entfernt von einer „literarischen Entdeckung“, sind die Schriften die Hinterlassenschaft eines gerade durch seine Außergewöhnlichkeit exemplarischen Lebens. Eines ungelebten Lebens, von der Kluft zwischen Selbstentwurf und Fähigkeiten so scharf durchzogen, dass der Suizid wie selbstverständlich lauernd seine Hand darüber hält. 30-jährig, weniger verzweifelt als nüchtern desillusioniert, gibt Rigaut es auf, der Lebenslogik zu folgen. Mit Revolver und Lineal verpasst er sich einen sorgfältigen Schuss ins Herz.

»Ein Buch sollte eine Geste sein.«

Ab 1920 gehört Rigaut zur Gruppe der Pariser Dadaisten um André Breton. Die kulturrevolutionären Ambitionen waren es sicher nicht, die ihn an Dada beeindruckten: in seinen Schriften finden sich kaum Reflexionen kultureller Probleme. Rigaut ist schreibend vollauf damit beschäftigt, sich selbst, seine Handlungen zu kommentieren und zu strukturieren. Es gelingt ihm nicht. Er hinterlässt nur Zettel und Fragmente.

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Rigaut mit Tristan Tzara und André Breton

Der Rummel hingegen, den die Dadaisten entfachten, und die Spektakel, die sie arrangierten, mögen Rigaut angezogen haben. Verdiskutierte Nächte in Cafés und Bars wechselten mit Streifzügen durch die Stadt, bei denen jeder noch so pubertäre Streich Recht war, sofern nur die bürgerliche Wohlanständigkeit durch ihn brüskiert wurde. Dada ist immer in Bewegung, ein patentes Mittel gegen die Langeweile, die Rigaut wie nichts fürchtet, und an der als Pol sein Leben sich in permanenter Anziehung und Abstoßung orientiert. „Die Langeweile schreibt mehr an den Rand des Lebens als der Rausch, ebenso wie der Schlaf.“

Nicht zuletzt aber hatte seine ehemalige Geliebte Simone Kahn inzwischen André Breton geheiratet. Es entspräche dem Umgetriebensein und den lethargischen Konvulsionen von Rigauts Leben, dass ein Zufall ihn mit Dada bekannt gemacht hat. Ist die Langeweile seine Grundbefindlichkeit, so der Zufall „Motor“ seines gestaltet-ungestalteten Daseins in dessen dauerndem Ringen um eine verbindliche Form, die den Zufall eliminiert hätte.

»Der Reichtum ist eine moralische Größe.«

Unverzichtbares Ingrediens dieser Form, wie Rigaut sie sich lange Zeit vorstellte: bis er sie kennenlernte, ist das Geld. „Jeder Rolls-Royce, dem ich begegne, verlängert mein Leben um eine Viertelstunde.“ Selber ständig pleite betört ihn die finanzielle Potenz der anderen. Lebt er deren Leben, ohne es sich leisten zu können. Auf die Dauer freilich ist es kein Zustand, den „Modegecken an der Bar“, den Dandy zu markieren, indem er, wie Robert Desnos behauptet, „seinen Vater beklaut oder einen ungedeckten Scheck“ ausstellt. Nur konsequent, dass Rigaut im Pariser Nachtrevier Jagd auf vermögende Amerikanerinnen macht.

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1926 endlich gelingt ihm der Coup. Die frisch geschiedene, gut aussehende und reiche US-Bürgerin Gladys Barber heiratet ihn. Zwei Jahre genießt Rigaut den lange erträumten Luxus, verfügt er über die Möglichkeit, sein Leben finanziell rücksichtslos zu gestalten. Aber der Langeweile entkommt er nicht. Der Langeweile nicht und nicht der anderen Bewusstseins-Zentrifuge, in der er sich dreht: den Drogen, mit denen er während des Ersten Weltkrieges Intimfreundschaft geschlossen hat. Bevor noch das Geld seiner Frau restlos durchgebracht ist, macht er das Heroin wieder zu seinem HauptnahrungsmitteL (Das Gros der in den Schriften gesammelten Texte dürfte aus Drogen-Sessions hervorgegangen sein.)

»Ich, das schönste Ornament dieses Zimmers, bin so lebendig wie die Lampe und der Sessel!«

Die Situation der Dadaisten entspricht der eines von einem Nervenschock Betroffenen, welcher völlig aus der mentalen Bahn geworfen neu damit beginnen muss, sich in der Welt einzurichten, womöglich mit der Erlernung der elementarsten menschlichen Verrichtungen der stammelt wie ein Kind, „dada“. Setzen jedoch viele, wenn nicht die meisten Dadaisten mit der Neuorientierung in der Kunst ein und sei’s, indem sie deren Grenzen einzureißen versuchen, so ist die Kriegserfahrung für Rigaut ungleich existentieller. Darin gleicht er zwei anderen legendären Figuren Dadas: Jacques Vaché, dem „Dandy der Kaserne“, dessen Kriegsbriefe Breton herausgab, und der mit einer Überdosis Opium in den Tod ging; Arthur Cravan, der sich als Boxer ausgab und spurlos verschwand, nachdem er aufgebrochen war, den von Haifischen wimmelnden Golf von Mexiko in einem Ruderboot zu überqueren.

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Abgrundtief sitzt der Schock und entsprechend total ist die Leere, in die Rigaut sich nach dem Krieg hineingestoßen fühlt. Daher sein Gefühl, mit zwanzig Jahren, am Kriegsende geboren und zugleich zum Tode verdammt zu sein. „Mir passiert nichts. Anfänge, haufenweise neue Anfänge, keinerlei Kontinuität, nichts nimmt Gestalt an, kein zwingender Gedanke.“ Rigaut beschreibt sich selbst als Mumie, von Konventionen und anderen Schauspielereien fest umwickelt und so am Auseinanderfallen gehindert. „Es ist völlig klar, dass ich eine Null bin.“ Und ebenso klar, dass er sein Leben verpasst hat, unwiderruflich. Mit den Dadaisten verbindet ihn zwar die Ziellosigkeit und Verwirrung. Aber für diese ist Dada nur eine Phase. Er dagegen lehnt jede Bemühung ab, sein Chaos in einer Revolte, irgendeiner positiven Ideologie zu bündeln. „Ich kann nicht glauben, dass es etwas Befriedigendes gibt.“ Rigaut wird nicht Surrealist.

Abgeschnitten von der eigenen Vergangenheit, von jeder Erinnerung und jeder Perspektive, sich selber fremd geworden, ist der völlige Verlust seiner Persönlichkeit „die einzige Emotion“, die er anstrebt. „Sich verringern, schrumpfen, immer kleiner werden welch eine Berauschung.“ Rigaut hätte ein Artaud werden wollen. Er blieb „mittelmäßig“, ängstlich vor allem. Der Weg in die Normalität, die sich in seiner Lust auf Luxus lediglich überfeinert, ist ihm ebenso versperrt wie jene selten~ Exzentrizität in der Nähe des Wahns. Weder vermag er anständig mitzuspielen, eine der sanktionierten Rollen zu übernehmen wie etwa seine Dada-Kollegen „Künstler“ waren, noch ist er innerer Experimente fähig, gelingt es ihm, den Rausch in Permanenz zu leben. Er ist vielmehr „abonniert auf Entscheidungskatastrophen“. Der Zufall schließt den Kompromiss: jahrelang, heißt es, lässt er den Wurf der Münze für sich wählen.

»Ihr seid alle Poeten, aber ich stehe auf der Seite des Todes. Heiratet, schreibt Romane, kauft Autos, woher werde ich den Mut nehmen, mich aus meinem Sessel zu erheben, oder der Bitte eines Freundes zu widerstehen, oder heute etwas anderes zu machen als gestern?«

Der ersehnte Ich-Verlust bleibt ein Spiel. Rigaut findet es „unglaublich, dass die Mehrzahl der Menschen sich damit abfindet, ihr ganzes Leben den gleichen Namen zu behalten“ und gibt sich selbst Spitznamen. Lord Patchogue etwa. Unter diesem Titel versammelt er Bruchstücke seiner Autobiographie. In Madame X stellt er die konfuse, selbstunbewusste Mischung aus Verstellung und Aufrichtigkeit, Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex, Arroganz und Hilflosigkeit dar, die das Verhältnis zu seiner Umgebung, besonders zu Frauen, in Selbstaufgabe und zwanghafte Identifikation umschlagen lässt. „Die Amouren meiner Freunde sind auch meine Amouren.“

Unmöglich aber das Beharren auf dem lndifferenzpunkt. Schicht für Schicht blättern die förmlichen Vortäuschungen und aufgeschminkten Selbstbildnisse ab. Die dürren Versprechungen der Selbsterhaltung, die ihm zehn Jahre im Ohr gelegen haben, klappern unerträglich. Als Rigaut 1928 nach Paris zurückkehrt, die Episode seiner Luxus-Ehe hinter sich, ist er jenseits von Enttäuschung und Hoffnung, von Freiheit und Zwang. Es gibt kein Halten mehr. Er ist wieder ganz bei sich, in seiner Langeweile. Dieselbe Frage, dieselbe Lage.

Wieder am Anfang, zurück in den Bars und Bordellen und nächtlichen Straßen der Metropole. Aber daraus folgt nichts mehr. Rigaut nimmt Abschied. Von einem Ausflug ist er an den Spieltisch zurückgekehrt, um die letzte Revanche zu geben. Herz ist Trumpf. Er räumt sein Zimmer auf. Als sei er nie dagewesen. Mit dem Lineal, der Strenge und dem Maß, die er nicht in sich gehabt hat, visiert er die Mitte seines Herzens an. „Nichts passiert. Nichts ist passiert. Noch nie ist etwas passiert.“ Er hinterlässt „zwei Frauen in Tränen und eine unzählige Menge Streichhölzer.“

»Es wäre praktisch, tot zu sein, um eine Autobiographie zu schreiben.«

Die Surrealisten klitterten einen Notausgang aus der lupenreinen Leere, die Rigaut lebte und die Dada charakterisiert: sie bevölkerten die erdrückende Banalität mit mythischem Gespinst. Paris als Märchenwunder. Die Metro als Wohnstätte von Dämonen. Das große Liebesabenteuer: Der Blick einer Vorübergehenden. Werte wurden geschaffen. „Es war eine Frage der Formulierung einer neuen Deklaration der Menschenrechte“ (Aragon), an der sie arbeiteten.

Darüber sind wir soweit hinaus wie davon entfernt. Warum Rigaut? Sein verpfuschtes Leben versammelt genau die Elemente, die die Stimmung unserer Epoche knapp vor dem globalen Suizid beschreiben. Der Frust funktions- und arbeitsloser Intellektueller; eine Konsumgier, die zum Mechanismus verkommt und nicht einmal mehr vermittelt mit Lust zu tun hat; euphorisch aufschäumende alternative Energien; die trockene Selbstinszenierung der New-Wave-Generation. „Nichts passiert.“ Dada ist angesagt, jetzt. Surrealistischer Optimismus passe. Apokalypse now.

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Jacques Rigaut: „Suizid“. Schriften (1919–1929), Ed. TIAMAT, Berlin 1983, 320 S. m. Abb. u. einem Anh. m. Texten ü. Rigaut u. einem Essay über Suizid und Kunst.
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