Perspektiven vom Gipfel

Keine Ahnung, wie viele Bücher ich gelesen habe. Abertausende. Überdurchschnittlich viele, insofern ich sehr schnell lesen kann, wenn es angebracht ist – etwa bei Büchern, die ich von vornherein nur zur Kenntnis nehmen wollte, und nicht gegen Honorar rezensieren sollte, wie ich es bisweilen getan habe, und sie deshalb gründlicher lesen hätte müssen.

Bis vor einem Jahr habe ich Bücher verschlungen, oft mehr als eines am Tag, drei oder vier. Gewisse Unterhaltungsliteratur überfliege ich ähnlich wie andere einen Film im Fernsehen sehen, während sie noch mit anderem beschäftigt sind.

In meinem Bücherberg gibt es drei Haupttypen. Erstens besagte Unterhaltungsliteratur oder Bände, die ich aus bestimmten Gründen im Zuge einer Nachforschung durchgesehen habe: die ich vergesse, sobald ich mit ihnen durch bin; die ich nicht wieder erkenne, wenn ich sie mir unbeabsichtigt erneut in die Hand geraten und erst nach mehreren Seiten merke, dass ich mich schon einmal mit ihnen gelangweilt habe.

Möglicherweise ist das eine exzeptionelle Erfahrung, insofern ich nie sonderlich viel Bücher besessen habe, aber Stammkunde der Bibliotheken war und mit dem Lesen eines Buchs selten eine Kaufentscheidung verbinde, was es mir gewiss stärker einprägen würde. Ich blättere in den Regalen und kann kurz entschlossen ausleihen, ohne viel mehr zu bereuen als das Zurücktragen.

Die Mehrzahl der Bücher, die ich besitze, gehören der zweiten Gruppe an. Auf sie bin ich immer wieder zurück gekommen und habe sie erneut ganz oder teilweise gelesen.

Mit der dritten Gruppe habe ich eine Beobachtung gemacht, die erst ab eines gewissen Überblicks des individuellen Bücherbergs in der Zeit möglich wird.

Die dritte ergibt sich aus der zweiten Gruppe. Es sind Bücher, die ich nicht nur buchstäblich bei mir behalten habe, sondern am Grund des Gebirges liegen; die zweite Gruppe türmt sich auf sie. Sie waren es, die mich mit bestimmten Lesewelten, das heißt vor allem Autoren, in Berührung brachten, nach denen ich weiter Ausschau hielt.

Diese Bücher waren prägend, und deshalb verdienen sie eine eigene Gruppe: weil sie einen unsichtbaren Stempel auf den Vorsatzblättern der folgenden Bände hinterlassen haben, in denen ich Ähnlichkeiten mit ihnen fand.

Es ist nicht sehr aufschlussreich, diese Bücher zu kennen, ohne mehr über die Person zu wissen, die sie ergriffen hat, um von ihnen ergriffen worden zu sein. Es sind keineswegs die ersten Bücher, die ich gelesen habe. In einer aliterarischen Umgebung aufgewachsen, trat ich erst langsam und desorientiert in die Welt der Bücher ein.

Der Basis-Bestand meiner inneren Bibliothek bildete sich zwischen meinem 16. und 19. Lebensjahr. Das eine oder andere kam später hinzu; das letzte von denen, die ich vor mir stapeln könnte, habe ich vor 30 Jahren erworben in einer Zeit, in der ich andere Bücher verkaufte.

Nach einem Jahr Enthaltsamkeit bei neuen Büchern, indem ich mit meiner Privatbibliothek auskam, haben sich die Basis-Bände wie von selbst auf den Gipfel geschoben. Das eine oder andere habe ich vielleicht übersehen. Dass es 19 sind, muss nichts bedeuten.

• Konrad Bayer: der kopf des vitus bering (–1964)

• Samuel Beckett: Der Namenlose (1953)

• Walter Benjamin: Illuminationen. Ausgewählte Schriften (1914–40)

• André Breton: Nadja (1928)

• André Breton/Paul Éluard: L’Immaculée Conception/Die unbefleckte Empfängnis (1930)

• Carl Einstein: Bebuquin oder Die Dilettanten des Wunders (1906/09)

• Sigmund Freud: Die Traumdeutung (1900)

• Georg Heym: Das lyrische Werk (1899–1912)

• Wolfgang Hildesheimer: Marbot. Eine Biographie (1981)

• Erhart Kästner: Aufstand der Dinge. Byzantinische Aufzeichnungen (1976)

• Franz Kafka: Amerika (1913)

• Siegfried Kracauer: Straßen in Berlin und anderswo (1925–33)

• Alfred Kubin: Die andere Seite. Roman (1909)

• Georg Christoph Lichtenberg: Aphorismen, Ausw. Max Rychner (–1799)

H. P. Lovecraft: Cthulhu. Geistergeschichten, dt. H. C. Artmann (–1936)

• Edgar Allan Poe: Die denkwürdigen Erlebnisse des Artur Gordon Pym. Roman, Ill. A. Kubin (1838)

• Jacques Rigaut: »Suizid«. Schriften (1919–1929)

• Raymond Roussel: Locus Solus (1914)

• Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen (1945)

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