Der Geschichtsfilm „Die dunkelste Stunde“

Er ist mein Held. Dass ich in Frieden und Freiheit bei einem Film über ihn in einem Hamburger Kino feuchte Augen bekommen kann, habe ich ihm zu verdanken (und der Ungenannten, die mich dazu eingeladen hat). Als Deutscher, der erst 13 Jahre nach Kriegsende geboren wurde. Indem ich das betone, ist schon klar, dass mein Held meines, des 20. Jahrhunderts, kein Landsmann sein kann.

Nicht, dass mir keine vorbildlichen Deutschen einfielen. Georg Büchner zuerst, 1834 als Staatsfeind verfolgt und im Exil gestorben. Siegfried Kracauer, Walter Benjamin … ach, nee, das geht in diesem nationalen Zusammenhang nicht.

Deutsch – was immer das sein mag. Belasse ich es dabei, die Sprache zu meinen und mache keine Unterschiede zu Schweizern, Österreichern und anderen oder ob sie Gottfried Keller und Franz Kafka heißen. (Anregung für die AfD und andere Leitkulturisten: Kleider machen Leute in den Schulbüchern mit rot/weißem Fähnchen als fremdländisch markieren.)

Schade, dass ich den Film in einer synchronisierten Fassung sah. „Blood, sweat and tears“ klingt nicht nur anders, weil meine Generation dabei Jazzrock zu hören meint. Bei meinem Helden denke ich nicht nur an Sprache, weil der Film es mir aufdrängt, indem er erzählt, wie seine Reden zur inneren Aufrüstung Großbritanniens entstanden.

Zu Beginn läuft er im Morgenmantel auf der Suche nach einem Buch durchs Haus und ruft „Cicero“. Soviel zeigt sich auf der Leinwand (oder woraus sie bestand) zur Politikgeschichte, soweit diese auch Literaturgeschichte ist. Man hat von einem Historienfilm entschieden mehr, wenn man die wirkliche Geschichte kennt, von der er Schnappschüsse aufblättert.

Zugegeben, ich habe nicht alle über 1100 Seiten meiner deutschsprachigen Ausgabe des Opus gelesen, für das der Held mit dem Nobelpreis bedacht worden ist (wohlgemerkt für Literatur, nicht für Frieden), und Abschnitte überschlagen. Der Film zeichnet nach, was der Held am Ende des Ersten Buchs von Der Zweite Weltkrieg (1948) und im Zweiten, „Allein. 10. Mai – 22. Juni 1940“, beschreibt.

Ich bin es nicht Punkt für Punkt durchgegangen, aber die Stellen, die ich nachgeschlagen habe, zeigen mir, dass das Drehbuch das Werk des Helden gründlich ausgewertet hat und Film-Szenen sich an der Vorlage orientieren. Dass dies möglich war, deutet nebenbei an, welche Höhe der Beschreibungskunst der Held in seinen Erinnerungen erreicht.

So steht zu einer Sitzung des Kriegskabinetts die Regieanweisung: „Da ich weiter schwieg, trat eine sehr lange Pause ein. Jedenfalls schien sie länger als die zwei Minuten des Stillschweigens, die man bei den Feiern am Waffenstillstandstag einzuhalten pflegte. Dann endlich ergriff Halifax das Wort.“

Im Film ist der Held Redner – nicht Dichter oder Maler. Aber auch nicht Krieger. Darauf wird lediglich mit einer drei- oder viermaligen Anspielung auf „Galliopoli“ eingegangen, eine militärische (Fehl-) Entscheidung von ihm, und mit einer knappen Aufzählung weiterer vergangener „Schandtaten“ aus der Sicht seiner innerparteilichen Gegner, bei der jene nicht vorkommt, die im öffentlichen Bewusstsein des Landes die Grundlage für seinen Ruf als Krieger geschaffen hatte. Sie gehört weniger in die Politik- oder Militärgeschichte, sondern die (zumal in Deutschland aus naheliegenden Gründen) gern überschlagene Polizeigeschichte: die Causa Sidney Street 100.

Im Dezember 1910 entkamen in London zwei ertappte Einbrecher, indem sie zwei Polizisten erschossen und einen schwer verletzten. Im Januar 1911 spürte Scotland Yard sie in einem Haus in der Sidney Street auf. Als Innenminister stattete der Held die über 100 Polizisten, die die Gegend abgeriegelten, ausnahmsweise mit Schusswaffen aus.

Alle Vorstöße der Polizei wurden durch Schüsse von den Räubern beantwortet. Der Innenminister ließ Militär aufmarschieren, aber noch nicht einsetzen. Er kam selbst zum Tatort und übernahm das Kommando.

Während ein Feldgeschütz in Stellung rollte und Polizisten sich auf einen Angriff im Schutz von Panzerplatten einstellten, brannte plötzlich das Dach des umkämpften Gebäudes. Das Feuer der Maschinenpistolen ging von beiden Seiten weiter. Der Minister ordnete an, die Umgebung vor der Ausbreitung der Flammen zu schützen, Sidney Street 100 aber abbrennen zu lassen.

Die Verbrecher, die darin umkamen, waren Russen. „Im Parlament kam es zu Angriffen gegen die Regierung, der gefährliche Großzügigkeit gegenüber der Einreise unerwünschter Ausländer vorgeworfen wurde“, schließt Frank Arnau (der sich in Brasilien vor den Landsleuten in Sicherheit gebracht hatte) seine Falldarstellung in Das Auge des Gesetzes (München 1965). Ein zeitloses Argument, isn’t it?

Verbrechensbekämpfung – darum ging es auch im Krieg gegen Hitler-Germany. Dafür könnte Sidney Street 100 Modell stehen. Frieden mit dem „Anstreicher“? 1940 war es längst zu spät, den Massenmördern auf der anderen Seite des Kanals Verhandlungen anzubieten – wie 30 Jahre vorher für Scotland Yard den ballernden Banditen auf der anderen Straßenseite mit einer weißen Fahne zuzuwinken.

Winston Churchill ist mein Held, weil er damals wusste, was für mich im Rückblick leicht gesagt ist – und danach handelte.

Die Szene, die den Unterschied am markantesten abbildet zwischen dem Hobby-Aquarellisten und dem Postkartenpinsler, dem Demokraten und dem Diktator, kann im Film nicht vorkommen, weil sie von 1945 stammt. Geht das noch tiefer?, soll Churchill nach ein paar Treppenabsätzen bei der Besichtigung des berüchtigten Berliner Bunkers seine Begleitung gefragt haben. Als diese bejahte, schüttelte er den Kopf und drehte um.

Eine kinematografische Pointe ist Gary Oldmans Schauspielkunst mit einer Gesichtsmaske. Als Retter Londons ist er dabei ebenso überzeugend wie als potenzieller Verderber der Stadt in Dracula.

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