Über einen Vorschlag der Linkspartei in Hamburg

Seit September 2020 berät eine Kommission aus Historikern über die mögliche nationalsozialistische Belastung von Personen, nach denen Straßen und Plätze in Hamburg benannt sind. Zunächst stehen 58 Männer und Frauen im Focus, deren Lebensläufe David Templin von der Universität Osnabrück bereits 2017 im Auftrag des Hamburger Staatsarchivs auf ihre Beziehungen zum NS-Regime und zu völkischem Gedankengut untersucht hat.

Die Fragen, die sich dabei stellen, seien „sehr komplex“, heißt es aus den Kreisen den Kommission. Neben den eindeutigen gäbe es eine Vielzahl „ambivalenter Fälle“. Der Erinnerungskultur könne es zuträglicher sein, einen Namen nicht einfach zu eliminieren, sondern durch ein weiteres Schild zu erklären. (→ Neues Deutschland)

Bevor die Kommission ihre Beratungen abgeschlossen hat, macht die Fraktion der Linkspartei in der Bezirksversammlung Eimsbüttel ein neues Faß auf. Im Stadtteil Hoheluft-West bei mir um die Ecke sind mehrere Straßen nach preußischen Militärs benannt, weshalb es als „Generalsviertel“ bekannt ist. Die Linke hat sich die Widmung an → Helmuth Graf von Moltke vorgenommen und will, dass sie verschwindet.

Moltke sei „mitverantwortlich für das Gemetzel“ in den Deutschen Einigungskriegen 1864 und 1866 und im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Außerdem sei er ein „glühender Befürworter des Kolonialismus“ gewesen. Entweder solle die Straße nach dem Neffen des Generals, dem 1945 von den Nationalsozialisten als Widerständler hingerichteten Helmut James von Moltke benannt werden – oder nach der 2019 in Hamburg gestorbenen schwarzafrikanischen Sängerin Audrey Motaung. (→ Hamburger Morgenpost)

Blick in die Moltkestraße

Im Sommer 2020 wurde, ausgehend von einem Denkmalssturz im britischen Bristol, der Kolonialismus auch hierzulande thematisiert. (→ Das Erbe der Sklavenhändler) Doch abgesehen davon, dass schließlich der Philosoph Immanuel Kant des Rassismus geziehen wurde (→ Rassismus, Zeitgeist und Legenden), verblieb die Debatte im Ungefähren und verebbte alsbald. (→ Stunde der Hetzer) Zur historischen Aufklärung trug sie erbärmlich wenig bei.

Und so ist nicht erkennbar, warum ausgerechnet Moltke ins Visier der Linkspartei gerät und nicht die anderen Generäle, nach denen umliegende Straßen benannt sind. Dringlicher erscheint zumal in Hamburg der Umgang mit dem Dienstherrn von Moltke. Nach ihm heißt nicht nur eine Straße, in die die Moltkestraße mündet, sondern ihm sind zwei Denkmäler gewidmet.

Das kleinere, eine Statue von 1898 am Schleepark in Altona wurde im Juni und September 2020 und soeben wieder Ziel von Attacken mit roter Farbe. Das Monument von 1906, das sich 34 Meter hoch auf einem Hügel über dem Hafen erhebt, wurde zur gleichen Zeit renoviert.

Der Kultursenator kündigte einen kritischen Umgang mit dem „Eisernen Kanzler“ Otto von Bismarck an. Doch den Worten folgten keine Taten. Offenbar wurde darauf vertraut, dass das Versprechen ebenso in Vergessenheit geriet wie die Empörung über den deutschen Kolonialismus eine Episode blieb.

Die Forderung nach einer Straßenumbenennung mag die Erregung in gewissen Kreisen aufwärmen. Zu einer kritischen Reflexion über die Geschichte tragen solche symbolischen Gesten erfahrungsgemäß wenig bei. Zumal wenn sie, wie im Fall Moltke, willkürlich und allein der Erzeugung künstlicher Aufregung geschuldet sind.

Es gäbe viel zu sagen über den Kolonialismus und seine Nachfolgerschaft im Nationalsozialismus bis heute. Mit dem Abmontieren und Ersetzen von Straßenschildern wird nur der allgegenwärtigen Verdrängung Vorschub geleistet.

16. Februar 2021

In der Bezirksversammlung ist der Antrag der Linken auf Umbenennung am 25. Februar 2021 erwartungsgemäß gescheitert. (→ NDR)