Banden und ein Anführer, die es gar nicht geben soll – Aus der Statistik gefallene Fälle

Teil 1Nachtgang — 22. Mai 2000 | Geschädigter vor Gericht — 19. September 2000

Teil 2Ausgefallener Fall — 10. November 2000 | Zufällige Zeichen — 2000 | Schändungen — Juli 2000 | Anschein von Entsetzen — 20. Mai 2000

Teil 3Bomber, keine Bomber — 1994/98 | Sturm des »Sky« — 25. Oktober 1996 | Partygäste — 1999/2000

Teil 4»Weisse Brüder« — 19. Mai 1999 | Babymord — 1943/2003

Teil 5Letzte Zuflucht — 10. Mai 1999 | Hausbesuch — Mai 2000 | Verfahren — 30. Mai 2000

Teil 6Im Kuhstall — 14. August 2004 | Schulrebellen — 2003–05

Teil 7Abrechnungen — 10. Juni 2000 | Ohne Anlass — 18. Mai 2000 | Sommersee — 5. Mai 2001

Teil 8Judenhass — 28. Oktober 2000 | Schändlichkeiten — 2002/03

Neonazis in Niederdeutschland (Bilder: urian

Ausgefallener Fall — 10. November 2000

Wie zahllose ähnliche Vergehen oder Verbrechen taucht der Überfall von Hahle am 22. Mai 2000 in keiner Statistik auf. Vielleicht in der polizeilichen, dann ist es irreführend. Eine politische Straftat wurde verfolgt, aber nie geahndet; juristisch gab es demnach keine. Als vollständig aufgeklärt kann kein einziger bekannter Neonazi-Fall am Gerichtsort gelten: mal aus Absicht, mal aus Nachlässigkeit; mal aus »prozessökonomischen« Gründen, weil die Justiz überlastet ist und die Akten sich stauen; weil es nicht darauf ankommt und keiner merkt, was ausfällt.

Das Rechtssystem sieht keine politischen Prozesse vor, Gesinnungen sind nicht strafbar. Die Beweisaufnahme ist ein juristisches Prozedere, die Reichweite der Wahrheitsfindung begrenzt. Was nicht angeklagt ist, wird nicht verhandelt, und angeklagt wird, was die zuständige Behörde für beweisbar hält. Ein Gerichtsurteil ist keine letzte Wahrheit, nur eine Grenze, die zu achten ist. Man darf einen Totschläger nicht Mörder nennen, wenn ein Gericht anders geurteilt hat. Die Wahrheit des Gerichts besteht nicht in einer Weisheit, sondern einer Strafzumessung.

Zwei Monate nach Svens Prozess wird Patrick aus der Untersuchungshaft vorgeführt. Sein Urteil: neun Monate mit zwei Jahren Bewährung. Unmittelbar betreffen ihn 60 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Das entspricht dem, was sein Richter üblicherweise für Schläge mit Knüppeln oder Stiefeltritte ausurteilt, egal, wie sich Täter und Opfer sonst aufeinander beziehen. Für das Gesetz ist Rassismus ein so gleichgültiges Motiv für Gewalt wie jedes andere. Kenntnisse über Kameradschaftsanbindungen und Parteimitgliedschaft hätten am Strafmaß nichts geändert.

Selbstverständlich bemühen sich Neonazis vor Gericht um Schuldminderung. Nationale Märtyrer, die mit flatternden Fahnen ins Gefängnis gehen, sind rar gesät. Falls sie eine Glatze haben, lassen sie bis zum Verhandlungstermin die Haare ungeschoren und tragen Turnschuhe statt Springerstiefel.

Sie bekennen sich nicht freiwillig als Banditen. Werden sie überhaupt darauf angesprochen und können ihre Zugehörigkeit zur braunen Szene zur Tatzeit nicht leugnen, haben sie sich unterdessen distanziert, mit den alten Kameraden und den früheren Anschauungen gebrochen, bemühen sich um die Teilnahme an einem Aussteiger-Programm, haben eine Lehrstelle oder einen Arbeitsplatz und eine Verlobte und sind auf dem Weg in eine bürgerliche Existenz.

»Günstige Sozialprognose« heißt das auf Gerichtsdeutsch nach dem Grundsatz: Arbeit und Familie heilen alles. Neonazis können nämlich nur Versager sein. Scheidungskind von Sozialhilfeempfängern; hat nie gelernt zu arbeiten; die einzigen Freunde sind die Bande, von der keiner reden will. Hat er erst einen Lehrherrn und erwartet seine Freundin ein Kind, wird es sich fügen.

Andere, die diese Bedingungen erfüllen und nicht mit einschlägigen Straftaten auf sich aufmerksam machen, tauchen als Neonazis bei Polizei und Justiz so wenig auf wie in Medien und Wissenschaft. Sofern sie nicht für eine Partei kandidieren, bleiben sie namen- und gesichtslos, außer für eine überschaubare Anzahl von Amtspersonen, Antifas und Journalisten.

Einlassungen von Angeklagten über ihren Austritt aus den alten Kreisen bleiben im Übrigen ungeprüft. Kein Staatsschutzbeamter wird vor Gericht gehört, wie glaubwürdig sie sind. Erkenntnisse in der Akte stammen aus der Ermittlungszeit. Wird keine Untersuchungshaft angeordnet, die maximal sechs Monate dauern darf, kann ein Jahr bis zum Prozess vergehen.

»Dann hab ich ja jetzt die Gelegenheit, drei Jahre lang unauffällig zu leben«, soll Patrick frohlockt haben, als er sein Urteil erfuhr. »Auf ausländerfeindliches Gedankengut angesprochen, sagte der Angeklagte, er habe unter Ausländern viele Freunde, aber auch viele Feinde. Letzteres habe mit Kontakten zu Rechtsradikalen zu tun. Skin-Heads stehe er heute aber nicht mehr nahe.« So der Prozessbericht des Lokalanzeigers.

Der Gerichtsprozess ist die umfassendste und verlässlichste allgemein zugängliche Quelle für Kriminalität. Hinsichtlich des Neonazismus liefert sie nur ein verschwommenes Bild, das oft weit hinter dem zurück bleibt, was die Polizei weiß. So wenig die Gesellschaft den eingeborenen Nationalsozialismus wahrhaben will, so fern steht er den Juristen, die von Rechts wegen nicht näher darauf eingehen müssen als andere Instanzen. Von der Anklagebank auf ihr »Deutschsein« angesprochen, sind sie nicht aufmerksamer und kenntnisreicher als andere.

Zufällige Zeichen — 2000

Trotz Verdrängen und Verschweigen, Verschleiern und Verkleinern nehmen die Vorfälle derart zu, dass der Bundeskanzler einen »Aufstand der Anständigen« ausruft und ein Verbot der NPD fordert. Prominente tragen Fremdenfreundlichkeit wie eine Auszeichnung vor die Kameras. Niemand außer Neonazis hat jemals schlecht über Asylbewerber gedacht.

Das Böse, dem der »Kampf« ansagt ist, verschwindet jedoch nicht nur nicht, sondern wird stärker, wächst sich zur »sozialen Bewegung« aus. Anfallweise polizeiliche Repression oder symbolische Protestaktionen bedrängen und beeinträchtigen die Braunen Banden weniger als sich daran aufrichten und ihre Bedeutung bemessen.

Für das einschneidende Jahr weist die öffentliche Chronik der Region wenig auf, das die Aufregung zu rechtfertigen scheint. Nur zwei Mal ist demnach Blut geflossen. Freilich werden das ganze Jahr über Hakenkreuze und doppelte Sig-Runen an Schulen und Kindergärten, Bahnhöfen und Kirchen registriert.

Eine Lokomotive der Deutschen Bahn fährt einen Tag lang mit einem Davidstern und der Aufschrift »Jude« auf der Strecke zwischen Hamburg Hauptbahnhof und Cuxhaven. Im Februar wird ein Türke in einen Hinterhalt gelockt und geschlagen, bis er mit knapper Not fliehen kann. Im März ein verbaler Angriff auf Asylbewerber. Im April muss die Polizei bei der routinemäßigen Vorstellung der Statistik für das Vorjahr einen »Aufwärtstrend« der »rechtsextremistischen Straftaten« einräumen, den sie bis dahin bestritten hat, eine Zunahme von 42 Prozent des Erfassten.

Im Mai die Nacht von Hahle, die in der Statistik nicht erscheint. Im Juni ein Polizeieinsatz am Elbufer, als Ballspieler angriffen werden. Im September erhalten zwei Frauen ausländerfeindliche Post, die sich auf ihre Teilnahme an einem Kurs der Volkshochschule bezieht. Eine Schlägerei im November begleiten die Jungen Nationaldemokraten mit einer Art Bekennerschreiben. Die »Wintersonnenwendfeier« der JN im Dezember bei Celle wird von der Polizei unterbunden; die Teilnehmer ziehen in einem Autokonvoi nach Bargstedt, wo sie ungestört ihren Ritus vollziehen können.

Das Veröffentlichte ist ein willkürlicher Ausschnitt. Von den 88 Taten, die die Polizei für 1999 aufzählt, sind genau sechs so weit bekannt, dass sie unter Vorbehalt in Debatten oder zu Forschungen herangezogen werden könnten. Eine Parlamentarische Anfrage im Niedersächsischen Landtag lüftete für 2001 den Schleier ein wenig. In ihrer Antwort zählte die Landesregierung für die Region fünf schwerwiegende Straftaten als »politisch motivierte Kriminalität rechts« auf, bei denen »Bezüge zu völkischem Nationalismus, Rassismus, Sozialdarwinismus oder Nationalsozialismus ganz oder teilweise ursächlich für die Tatbegehung waren«. Keiner der Fälle war zur Tatzeit bekannt gemacht worden.

Als der Landtagsabgeordnete seine Anfrage stellte, war allein in einem der genannten Fälle durch den Prozess die Verbindung mit den Bombern offenbar geworden. Ansonsten sind bestenfalls Gerüchte zu erfahren. Bei einem »gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr« soll es sich um eine Jagd mit dem Auto gehandelt haben. Ein »Ausländer« war beteiligt; Genaues könnten nur die Behörden sagen, und die tun es nicht.

Schändungen — Juli 2000

Erst im Februar 1945, als die Deutschen ihre Niederlage zwar erkannten, aber ihrem Anführer in den Untergang folgten, fand der Krieg vor der Haustür statt, nahmen Bomberstaffeln und Tiefflieger der Alliierten das niederdeutsche Land ins Visier und versuchten vor allem den Eisenbahnverkehr zwischen Hamburg und der Nordsee in Cuxhaven zu unterbinden.

Am 20. April, während Hitler in Berlin an seinem 56. und letzten Geburtstag die Parade der höchstrangigen Getreuen abnahm, kreisten südöstlich von Stade Flugzeuge über dem Bahnhof von Kutenholz-Mulsum und feuerten mit Maschinengewehren auf einen Zug. Er transportierte Häftlinge in das Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg.

Sie gehörten zu den 20 000 Geschundenen, deren Freilassung der Vizepräsident des schwedischen Roten Kreuzes dem Reichsführer-SS abgehandelt hatte. Der Herr der Konzentrations- und Vernichtungslager versuchte sich mit Zugeständnissen in letzter Minute einen weißen Fuß zu machen.

15 Freizulassende starben in Mulsum, die anderen erreichten wie vorgesehen Flensburg, um per Schiff nach Schweden gebracht zu werden. Die Toten wurden auf den Friedhof des Mannschaftsstammlagers B im Wehrkreis X in Sandbostel beigesetzt.

Im sechsten Jahrzehnt danach, als die Geschehnisse regionalhistorisches Geheimwissen geworden sind, zu dem niemand mehr eine Geschichte erzählen kann, drei Monate nach dem Überfall von Hahle, ist auf den Grabstellen zu lesen: »Das Dritte Reich kommt wieder«. Mehrere Täter haben Symbole und Parolen auf Sitzbänke und Steine geschmiert. Von der Polizei verlautet, sie verfüge über keinerlei Ermittlungsansätze. Beobachtern ist klar, wer am Werk war: dieselbe Bande wie in Hahle.

Lange vorher hakenkreuzten sich auf dem Lagerfriedhof Geschichte und Gegenwart. Eine Million Gefangene aus 46 Nationen waren während des Krieges durch Stalag X B geschleust worden, bis zu 50 000 waren gleichzeitig auf dem Gelände untergebracht. Etwa so viele starben durch Hunger, Seuchen, Misshandlungen und willkürliche Erschießungen. Die Rote Armee versah die Massengrabreihen mit einem Denkmal. Als dieses 1956 gesprengt wurde, verschwand für ein halbes Jahrhundert die letzte oberflächliche Erinnerung an die Toten.

Bereits 1949 waren die Gräber auf eine kleinere Fläche verlegt, beiseite geräumt worden. Nach und nach wurden die Gebeine in die Heimatländer geschickt – oder wenigstens auf den Zentralfriedhof Hamburg-Öjendorf umgebettet, wo sie aus den Augen waren.

Knapp 200 Einzelgräber polnischer, jugoslawischer und unbekannter Gefangener blieben und kamen aus dem Sinn. Bei der Spurenbeseitigung zogen Gemeinde, Landkreis und niedersächsisches Innenministerium an einem Strang, amtliche und private Schändung gingen Hand in Hand. Von der Beseitigung eines briti¬schen Mahnmals wollte bald niemand mehr etwas wissen.

Die Steine waren umgekippt, die Namen der Toten eliminiert, und das Gras wuchs wie über Trittsteine, bis »der Betrachter den Eindruck einer friedlichen Parklandschaft erhält«. Die erhaltenen Gebäude und Baracken des Lagers waren im Gewerbegebiet Immenhain untergegangen und sollten es bleiben.

Bei Besuchen von Überlebenden, Angehörigen und Neugierigen schlugen Hunde an hinterm Jägerzaun. Erinnerung wurde mit allen Mitteln abgewehrt; die fast 90-jährige Ehefrau eines im Lager umgekommenen Niederländers wurde mit einer Holzlatte bedroht.

Einer aus den Kreisen der mutmaßlichen Schänder war bestens über Stalag X B und den Friedhof unterrichtet. Besser als die meisten der 800 Sandbosteler; besser als viele, die sich in seiner Heimatstadt Bremervörde gegen das Gedächtnis wehrten. Die Bänke auf dem Friedhof waren nagelneu und hatten eine kleinen Kreis Enthusiasten Schweiß und Tränen gekostet – an erster Stelle einen Lehrer des Oberbanditen.

Die weißen Sig-Runen und das »Juden raus« auf den Bänken sind ein vieldeutiges Erinnerungszeichen. Nachher wurde noch erbitterter um das Lager gestritten, ein Mediengewitter zog auf und vorüber, bis endlich Räumlichkeiten im hintersten Eck des Immenhain für das Gedenken zugestanden wurden.

Anschein von Entsetzen — 20. Mai 2000

Eine Woche, nachdem Sven und Patrick die Türken in Hahle angegriffen haben, steht ihr Gang-Leader selbst vor Gericht für das spektakulärste Neonazi-Delikt in den Annalen der Region, den Überfall auf eine Asylbewerberunterkunft in Aspe, Ortsteil von Kutenholz in der Samtgemeinde Fredenbeck. Drei Tage, bevor Patrick in Handschellen zu seinem Prozess gebracht wird, nimmt der Boss auf demselben Stuhl erneut Platz.

Auch er wird gefesselt vorgeführt, aus der Strafhaft, die er zwischenzeitlich angetreten hat. Er ist als Zeuge geladen in einem weiteren Verfahren um einen Vorfall an der Asylbewerberunterkunft. Dass und wie die Fälle zusammenhängen steht in keinem Gerichtsprotokoll. Was immer in den Polizeiakten steht, muss nicht in den Handakten der Staatsanwaltschaft enthalten sein, von denen ein bis zwei Prozent in ein Archiv gelangen und zur Einsichtnahme frei werden. Einsicht in Polizeiakten ist anderen Behörden oder Parlamentarischen Untersuchungskommissionen vorbehalten.

Gemeinhin werden sie geschreddert, bevor einem Kriminologen, Historiker oder gar Journalisten erlaubt wäre, sie zu lesen: wenn kein Lebender mehr Widerspruch erheben kann; wenn keiner mehr die Verbindungen rekonstruieren kann, die tatnah übersehen, verkannt, missachtet, unterschlagen und unterdrückt werden – von Behörden, Politik und Medien gleichermaßen, in stillschweigendem oder ausdrücklichem Einvernehmen oder einträchtiger Nachlässigkeit.

»Der Haupttäter, der der rechtsradikalen Szene zugerechnet wird« – mehr nicht lässt sich erfahren aus einem im Internet archivierten Zeitungsartikel über den Angriff von Hahle. So viel wie ich vorher über Patrick wusste, kann ich im Bericht unterbringen. Keine Zeile für den Zusammenhang mit dem Überfall auf die Asylbewerber in Aspe, von dem selbst die Leser wissen, die bei Neonazis sonst weghören und glauben, diese gingen sie nicht an.

Solche »Sparsamkeit« gilt für den unspektakulären Fall wie für ganz andere. So wurde über einen Mord in Ostdeutschland verwundert vermerkt: »Die Zeitungen berichteten ausführlich über diesen Fall, aber nur in einer einzigen Zeile konnte man lesen, dass die drei [Täter] der rechtsextremistischen Szene angehörten. Dieser Zusammenhang wurde von der Öffentlichkeit praktisch nicht wahr-genommen.«

Anders als die Attacke von Patrick und Sven wird das Verbrechen ihrer Bekannten in Aspe von Chroniken verzeichnet, freilich ohne Bezug auf eine Gang in Hahle, zu anderen Anschlägen und Überfällen, zu weiteren Vorfällen an selber Stelle und in der nächsten Nachbarschaft. Die Rolle der NPD könnte der Polizei bekannt gewesen sein, aber das wird kein Außenstehender je erfahren. Gerichtsverwertbar aktenkundig ist sie nicht und kann zu keinem Verbotsverfahren herangezogen werden. Sie fehlt in den Medien und im Internet, kein Historiker wird sie berücksichtigen können.

Bereits die ersten Polizeimeldungen über Aspe wurden von überregionalen Redaktionen aufgegriffen. Fernsehkameras erschienen, und anderntags protestierten die Bürger gegen die Gewalt in ihrer Nachbarschaft. Plötzlich waren da braune Flecken, von denen bisher nichts zu sehen und lesen war. Wie eine Plage waren die Braunen eingefallen. Die Polizei packte das Problem zügig an, und die Bürger zeigten Flagge. Nach drei Tagen war offiziell alles vorbei – sobald die Kameras ausgeschaltet waren.

Als ein Jahr später der Prozess ansteht und die Medien zurückkehren, erinnert man sich. Am Samstag vor dem Überfall auf Senel K. und seinen Schwiegervater begeht eine Handvoll der 4500 Einwohner von Kutenholz mit Politikern den Jahrestag des Sturms auf die Asylbewerberunterkunft. Sie sind weg, versichern sie sich gegenseitig und den Journalisten. Überhaupt kam der »Haupttäter« von anderswo, aus Zeven. Hauptsache er war nicht aus Kutenholz, sondern ein Fremder.

Die Presse wiederholt es: Der braune Spuk ist vorüber, wir haben ihn vertrieben. Der Haupttäter stammt aus Bremervörde, wurde in Zeven festgenommen und zog um ins Alte Land, alles nur ein paar Autominuten entfernt. Für die Kutenholzer und ihre Abgeordneten liegen Welten dazwischen. Terra incognita beginnt hinter Bordstein und Bildschirm. Sie nennen den Überfall einen »Schock« – für sich selbst, und sie geben sich den gebührenden Anschein von Entsetzen.

Wo sie »Reinigung« heucheln, am Supermarkt, lungern die Bomber, wie sich die Gang auch in Kutenholz nennt, nun nicht mehr herum. Aber auf den Gedenktag des Angriffs folgt das 10. Jubiläum der Bande. Die anderen Täter sind sehr wohl Ortsansässige und rotteten sich zusammen, bevor der Zevener dazu stieß. Die Bürger kennen ihre Namen. Der eine oder andere Reporter hätte es wissen können, will aber nichts davon hören.

Die Bürger müssen keine Fragen beantworten nach Markus, zur Tatzeit 26, seit seiner Jugend im Dorf als »Unruhestifter« berüchtigt. Oder nach einem zweitem Marcus, zur Tatzeit 17, der seit seinem 15. Lebensjahr in der Gang ist und inzwischen mit dem einzig wahren Bösen aus Zeven als Kameradschaft Elbe-Weser unterwegs ist zum Konzert, zur Party, zur Versammlung. Halt – der ist mit seinem Stiefbruder aus Hamburg zugezogen: noch mehr Fremde.

Zwei Jahre, nachdem die Bürger sie vor den Reportern weg gewünscht haben, die ihnen das Märchen abkaufen, hört man vor Gericht von ihnen und was sie zwei Kilometer vom Supermarkt entfernt angestellt haben, und nicht nur einmal. In Kutenholz hört man nichts davon; wer vor dem Supermarkt dabei war, darf sich weiter vormachen, der Spuk sei fort.

Quellen und Literatur

Ausgefallener FallStader Tageblatt 11.11.2000

Zufällige ZeichenNeofaschismus im Landkreis Stade, Hg. VVN-BdA, 7. erw. Aufl. Stade 2003

Schändungen – D. Kohlrausch in Zwischen Elbe und Weser 1/2002 | W. Borgsen/K. Volland: Stalag X B Sandbostel, Bremen 1991 | U. R. in Neues Deutschland 2.4.2002, blick nach rechts 10/2004

Anschein von Entsetzen – U. R. in Hamburger Abendblatt 21.9.2000 | A. Marneros: Blinde Gewalt, Frankfurt/M. 2005

TEIL 3

ÜBERSICHT Braune Bande. Neonazismus in Niederdeutschland

Advertisements