Banden und ein Anführer, die es gar nicht geben soll – Aus der Statistik gefallene Fälle

Teil 1Nachtgang — 22. Mai 2000 | Geschädigter vor Gericht — 19. September 2000

Teil 2Ausgefallener Fall — 10. November 2000 | Zufällige Zeichen — 2000 | Schändungen — Juli 2000 | Anschein von Entsetzen — 20. Mai 2000

Teil 3Bomber, keine Bomber — 1994/98 | Sturm des »Sky« — 25. Oktober 1996 | Partygäste — 1999/2000

Teil 4»Weisse Brüder« — 19. Mai 1999 | Babymord — 1943/2003

Teil 5Letzte Zuflucht — 10. Mai 1999 | Hausbesuch — Mai 2000 | Verfahren — 30. Mai 2000

Teil 6Im Kuhstall — 14. August 2004 | Schulrebellen — 2003–05

Teil 7Abrechnungen — 10. Juni 2000 | Ohne Anlass — 18. Mai 2000 | Sommersee — 5. Mai 2001

Judenhass — 28. Oktober 2000 | Schändlichkeiten — 2002/03

Neonazis in Niederdeutschland (Bild: urian)

Bomber, keine Bomber — 1994/98

Zur Frühgeschichte der Kutenholzer Bomber (→ Teil 2) findet sich nur eine Quelle, ein Zeitungsartikel, der seinen Gegenstand zeigt, indem er ihn zugleich verbirgt. Umso beredter ist das Ausgesparte.

Das Gründungsdatum der Bande liegt während der Neonazi-Konjunktur ab 1990 und vor 1992. Seither macht sie im Dorf von sich reden, in wechselnder Besetzung, junge wie ältere Männer und einige Mädchen und Frauen aus mindestens zwei Generationen.

Inspiriert wird der Bericht durch einen Vorfall in der Silvesternacht 1993/94. Die Bande überschreitet die Schwelle der Verdrängung, indem sie eine Familienfeier von »Aussiedlern« überfällt und eine Schreckschusspistole am Kopf eines Mannes abgefeuert wird. Das geht über die bisherigen Sachbeschädigungen und einfachen Körperverletzungen hinaus.

Der Fall gelangt an die Presse, von der man nicht viel erfährt. Haftstrafen werden verhängt, in einer Berufungsverhandlung aber kassiert, die Täter freigesprochen. Kein Beobachter ist zugegen; der Gerichtspressestelle nach kann ein Angeklagter Zeugen präsentieren für ein zunächst als unglaubwürdig abgewiesenes Alibi. Keine neuen Ermittlungen, die Sache ist abgetan.

»Wir haben zu lange weggeguckt«, sagen die Bürger zur Zeitung. Ihre Selbstkritik ist von der Art des späteren »Schocks«. Kaum hat man sich reumütig gezeigt, ist schon alles vorbei: »Insider bezweifeln, dass es die ›Bomber‹ überhaupt noch gibt«. Die Polizei spricht offiziell von einer »losen Gruppe«; ein Sozialarbeiter sagt, sie »sind keine kriminelle Gruppe«. Straftaten würden nur von einigen Einzelnen begangen, sagen beide.

Gibt es aber keine Gruppe, wobei spielt dann der »gerichtsbekannte 20-Jährige« eine »Hauptrolle«, wenn nicht nur bei den eigenen vereinzelten Taten? Es handelt sich um den Markus, der sechs Jahre später von der Versammlung vor dem Supermarkt hinter einem anderen »Haupttäter« versteckt wird.

Auf 30 bis 40 Personen wird die Gang geschätzt. Bannig viel für ein Dorf. Sie sind inzwischen 18 bis 25 Jahre alt; keine Jugendbande, die sich von einem Sozialarbeiter gängeln lässt. Solange sie jung genug waren, wurde erwogen, ihnen Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen, um sie von der Straße zu holen; man kam davon ab, weil es wie Belohnung gewirkt hätte.

Also ergab man sich. Zeltdisko und Feten werden abgesagt, um den Bombern keine Gelegenheit zur Randale zu geben. Die Zeitung zählt auf: Schlägereien, Züge durchs Dorf mit Zerstörungen und nicht näher bezeichnete »Mutproben«.

Nichts Genaues weiß man nicht. Die Kutenholzer Leser können es sich vorstellen, Auswärtige bilden es sich nach Belieben und Fernsehklischee ein. Mit denen, um die es geht, hat die Zeitungsreporterin offenbar keinen Umgang gehabt.

»Alle Nachbarn halten den Mund, um nicht auch überfallen zu werden. Sie haben zwar alles gesehen, wollen aber nichts bezeugen«, sagt eine Bürgerin; nach Bedrohungen sollen Anzeigen zurückgezogen worden sein. Die Schaffung einer Bürgerwehr wird erörtert, weil die Polizei angeblich nichts unternimmt – oder nichts unternehmen kann, wenn die Bürger keine Anzeige erstatten.

Wie wird eingeschüchtert? Weichen die Bürger beim bloßen Anblick der Horde zurück, lange bevor Drohungen ausgesprochen, Gewalttaten verübt werden? Der Treffpunkt der Bande am Supermarkt ist eine Schnittstelle mit der Bürgerschaft.

Gleichgültigkeit und absichtliches Wegsehen hatten zwei Jahre zuvor in Buxtehude die tödliche Eskalation an ähnlichem Ort begünstigt. Worüber freilich so wenig oder nur verstohlen geredet wurde wie in Kutenholz, so dass dort nichts daraus gelernt werden konnte.

Die Gang soll Bomberjacken und Springerstiefel getragen haben, zwei Accessoires aus dem Skinhead-Outfit; nicht alle haben eine Glatze. Der Pastor sorgt sich, dass ein »Nährboden für Rassismus und Rechtsradikalität« entsteht. Als seien diese nicht bereits gesprossen und gewachsen; als würde er nicht gerade deshalb befragt.

Wohl würden die Bomber einschlägige Parolen grölen, aber der Kreisjugendpfleger aus dem fernen Stade erkennt »keine konkreten Verbindungen zur Neonazi- oder Skinheadszene« – so weit er sich damit auskennt, nämlich gar nicht, sofern es konkrete Strukturen angeht.

Selbst wenn er sich angestrengt bemühte, könnte er zu dem Zeitpunkt nichts erfahren. Der Staatsschutz der Polizei besteht allenfalls auf dem Papier, und die Staatsanwaltschaft hat noch kein Fachressort eingerichtet. Kaum ein Journalist hat ein Auge auf Neonazis.

Auch nicht an dieser Stelle. So schließt der Artikel: die Gruppe kleidet sich wie Skinheads und klopft einschlägige Sprüche, hat aber mit Nationalsozialismus nichts zu tun.

Ich hatte auch nichts von der Bande gehört, sehr wohl aber von ihrem späteren Anführer, als ich vier Jahre später in anderer Sache in einem Streifenwagen sitze. Im Funk die Meldung: in Kutenholz brennt eine Mülltonne. Die Polizisten beglückwünschen sich, dass sie den Einsatz auslassen können.

Sie klären mich auf: »Das waren die Bomber.« Wenn sie um die Ecke biegen, sagen sie, stehen die dringend Tatverdächtigen herum und machen Faxen. Kein Anwohner bezeugt irgendetwas.

Sturm des »Sky« — 25. Oktober 1996

Spätestens zum Prozess um den Überfall in Aspe (→ Teil 5) hat sich Zog Sux ein Spinnennetz auf den Unterarm tätowieren lassen. Die Ärmel hat er hochgekrempelt, damit alle es sehen.

Ich nenne ihn bei dem Knastnamen, unter dem er selbst »Weisse Musik« veröffentlichte: wie »sucks« und »Zionist Occupied Government«, ein unter Neonazis geläufiges Synonym für »Juden-Regiment«. Ein Name wie ein Fluch.

»Es ist geil, ein Arschloch zu sein«, bekannte er 2007 im Internet. »Ich bin viel schlimmer, als alle anderen behaupten«, sagte er und meinte unter anderem mich. Ich war eine Weile sein publizistischer Schlagschatten.

Sein Netz ist intakt, als er die Spinne sehen lässt. Man ist ihm offiziell nicht auf die Schliche gekommen. Nicht in diesem Prozess und später nicht, als das Hakenkreuz, das er auf dem Rücken trägt, vor Gericht angesprochen wird. (→ Teil 7)

Inzwischen. ist er tot, gestorben mit 38 Jahren. (→ Schatten aus der Zeit) Er war Vater von sechs oder sieben Kindern. Er konnte seinen Sprösslingen und sonst wem erzählen, was er wollte; sie werden seine Angaben schwerlich überprüfen können. Wenig kann einer Legende widersprechen, die er strickt.

Über andere Neonazis ließe sich Ähnliches sagen wie über ihn, etwa über eine Bande in Nordrhein-Westfalen, der er zeitweilig angehörte, die 2012 mit einer Verbotsverfügung belegt wurde. Den Unterschied macht, wie viel und Verlässliches sich sagen lässt. Bei Zog Sux reicht es für ein Porträt statt eines Schattenrisses.

Bei seinem ersten aktenkundigen Delikt war er 14: Diebstahl. »Von der Verfolgung wurde abgesehen«, dito als er 1996 mit einer Schusswaffe erwischt wurde. Im selben Jahr lieferte er sein Gesellenstück ab und leitete den Angriff auf einen Treffpunkt »linker Zecken« in Gnarrenburg.

Des Publikumsandrangs wegen fand der Prozess des Amtsgericht Bremervörde im großen Sitzungssaal der Allgemeinen Ortskrankenkasse statt. Die Hintergründe des Aufsehens verschwieg die Lokalzeitung all denen, die ohnehin nicht wussten, dass der »18-jährige Oeser« in ihrem Bericht der Sohn des CDU-Ortsbürgermeisters von Bremervörde-Oese war. »Rechts«, »rechtsextrem«, »rechtsradikal«, »Skinheads« oder »Neonazis« kamen nicht vor.

Eine Gruppe aus wenigstens den fünf Angeklagten drang mit Schreckschusswaffe, Gaspistole, Ketten und Baseballschlägern in das Jugendhaus Sky ein. Sie randalierten und verletzten Anwesende, stahlen die Stereoanlage und das Geld aus der Kaffeekasse.

»Man habe sich zunächst in lockerer Runde auf dem Rathausmarkt getroffen und zusammen Bier getrunken«, sagte ein Angeklagter. Nur einer stammte aus der Stadt selbst, die anderen waren aus Ahlerstedt bei Harsefeld und Bevern und kamen nicht mal eben zufällig in Bremervörde vorbei.

So beiläufig wie man sich getroffen haben will, sprach man von den »Punks«, die im Sky ein und aus gehen. Man sei gleich losgefahren, nachdem Zog Sux den »Anstoß« gegeben habe. Einen »Rädelsführer« aber habe es nicht gegeben, unversehens sei man bewaffnet gewesen.

Über seinen Anstoß am Sky ließ Zog Sux sich näher ein. Er und seine »Bekannten« seien provoziert worden, sie sollten sich in Gnarrenburg »nicht mehr blicken lassen«; das habe er nicht auf sich sitzen lassen können. Beim Überfall war er maskiert und hielt einen Baseballschläger.

Seine Führungsrolle war vor Gericht umstritten. Er selbst hatte zunächst auf einen anderen verwiesen, der Pläne gemacht haben sollte, und nannte seine Aussage nun von der Polizei »erstunken und erlogen«. Jedenfalls waren »Aufgaben an die Mitglieder der Gruppe verteilt worden«.

Einer wurde mit dem Schreckschussrevolver vor der Tür postiert, »dass niemand mehr raus konnte«. Der Diebstahl war eingeplant. Sie kannten sich im Haus aus und wussten, wo die Kabel der Stereoanlage lagen, um sie rasch aufzurollen.

Partygäste — 1999/2000

Gegen die 15 Monate Haft auf Bewährung legte Zog Sux Berufung ein. Bis darüber zwei Jahre später entschieden wurde, beging er neue Straftaten und bildete Banden. Für die neuen Taten konnte die noch nicht rechtskräftige Bewährung nicht widerrufen werden. Bis zu seinem ersten Haftantritt drehte er auf.

In den Jugendzentren ringsum machte man seine Bekanntschaft. In Bremervörde bot er Schutz vor »kriminellen Ausländern« an, in Harsefeld trat er als NPD-Werber auf. Er war überall, wo Neonazis verkehrten. Im kirchlichen Jugendraum in Hahle fand seine Gang ein festes Unterkommen. Für die Justiz war er erklärtermaßen ein »Rabauke« und »Rowdy« ohne politischen Hintergrund und Verbindungen.

Im November 1999 feierte Zog Sux seinen Wegzug von Zeven. Nachbarn beschwerten sich über den Lärm, die Polizei rückte an. Danach herrschte erst einmal Ruhe. Nach Schluss der Party zogen zwei Dutzend Gäste grölend zur Polizeiwache und warfen die Scheiben einer Gastwirtschaft ein. Die beiden wachhabenden Polizisten traten vor die Tür und wurden bedroht.

Die Randalierer zogen weiter und trafen an einer Bushaltestelle auf andere Jugendliche. »Aus unbekanntem Grund«, notierte die Lokalzeitung, »griffen die rechtsgerichteten Jugendlichen die andere Gruppe an. Dabei wurden zwei Autos mit Flaschenwürfen und Fußtritten beschädigt.« Einer der Angegriffenen floh in die Polizeiwache.

Er wurde verfolgt und die Wache gestürmt. Die Scheibe der Eingangstür ging zu Bruch, eine Sitzbank wurde auf den Platz vor der Wache geschleppt. Nach einer Weile traf Verstärkung ein. 20 Personen wurden aufgegriffen, ein Hamburger kam vorübergehend in Haft.
Gastgeber Zog Sux, seit einem halben Jahr als Mittäter in Aspe identifiziert, blieb unbehelligt. Diesmal schrieb die Zeitung immerhin von »rechtsgerichteten Straftaten« und »rechtem Umfeld«.

Schließlich musste die Presse titeln: »Rechtsradikale feuern Schuss ab«. Einem Gerangel in der Diskothek zwischen einem 25-Jährigen aus »dem Skinhead-Umfeld« und einem 19-jährigen »Deutsch-Russen« folgte die Revanche, aus der ein Gruppenkampf wurde. Der Eingewanderte, ein Zeitsoldat, lauerte mit Kameraden dem Skin auf und verprügelte ihn.

Eines Abends im Februar 2000 traf der Soldat mit sieben Kameraden im Zug in Bremervörde ein, wo sie von 15 bis 20 Personen in Bomberjacken und Springerstiefeln erwarteten wurden, die sie mit Baseballschlägern, Ketten, Holzlatten und Flaschen jagten. Eine junge Frau soll dabei gewesen sein. Es wurde in die Luft geschossen.
Nach der Flucht über die Geleise wurde der Soldat gestellt. Ein Skin hielt ihm eine mutmaßliche Schreckschusswaffe vors Gesicht und sagte: so könne man ein Auge ausschießen. Auch dieser Fall blieb unaufgeklärt.

Als Zog Sux für den Überfall in Aspe der Prozess gemacht wurde, stand schon sein nächstes Verfahren an. Ebenfalls im Februar 2000 fand in Neuenkirchen an der Unterelbe eine Skinhead-Party statt. Eingeladen war ein 28-jähriger Türke aus dem Raum Hannover, der auf eine Kontaktanzeige im Internet geantwortet hatte: »Deutsches Mädchen sucht ausländischen Freund«.

Wer auf die Idee kam und was mit dem Überraschungsgast geschehen sollte und geschah, nachdem man ihn am Bahnhof Horneburg abgeholt hatte, ermittelte die Staatsanwaltschaft offenbar nicht aus. Am Ende jedenfalls war das Nasenbein des Türken gebrochen.

Neben Zog Sux auf der Anklagebank: Robert, 23, Neonazi aus Winsen an der Luhe, verbüßt gerade 15 Monate wegen Körperverletzung. Er war zur Tatzeit auf der Flucht und beim Gastgeber der Party untergetaucht.

Zog Sux sagt, er habe dem Türken lediglich zum Verschwinden geraten, und ihm, »um dieser Aufforderung Nachdruck zu verleihen«, eine Ohrfeige gegeben: »Deplatziert kam der Türke mir dort vor.« Sein Anwalt sekundiert, der Mandant habe das Opfer »schützen wollen«.

Auch Robert sagt, er habe es gut gemeint mit dem Gast und ihn mehrfach zum Gehen aufgefordert. Als aber Michael, 18, aus Horneburg, vor dem Haus auf den Türken einprügelte, beteiligte er sich und trat auf den am Boden Liegenden mit Stiefeln ein.

Wer die Idee hatte, wie die Internet-Anzeige ins Werk gesetzt wurde und der Kontakt hergestellt wurde, steht dahin. Der Geschädigte erscheint nicht als Zeuge. Die Angeklagten bestehen nicht auf seiner Aussage, Staatsanwaltschaft und Richter nehmen Rücksicht aus Gründen, die sie nicht erklären. Sie kennen die Aussage vor der Polizei und deuten durch ihre Fragen an, was das Opfer erlebte. Es entkam auf die Straße und konnte ein Auto anhalten.

Der bereits verurteilte Michael verhehlt im Zeugenstand seine Anschauungen nicht. Ob der Türke ihm etwas getan habe, fragt der Richter. »Der ist Ausländer, das reicht mir.« Zum Auschwitz-Gedenktag im Vorjahr hatte Michael Hakenkreuze und SS-Runen an Hauswände geschmiert.

»Ich finde das widerlich«, urteilt der Richter, bescheinigt den Angeklagten »dumpfen Ausländerhass« und hebt auf die Todesängste ab, die das in Feindesland gelockte Opfer ausstehen musste: 15 Monate für Robert, zehn für Zog Sux.

Quellen und Literatur

Bomber, keine BomberStader Tageblatt 16.2.1994

Sturm des »Sky«Bremervörder Zeitung 20.2.1998

PartygästeRotenburger Rundschau 2.11.1999 | Bremervörder Zeitung 4.2.2000

TEIL 4

ÜBERSICHT Braune Bande. Neonazismus in Niederdeutschland

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