Als ich kein mittelbares Terroropfer wurde

Es ist 45 Jahre her, ich war 13.

Später würde ich zu den „Sympathisanten“ gezählt werden, wie das Schimpfwort lautete, mit dem bedacht wurde, wer die Rote Armee Fraktion politisch ernst nahm. Das Etikett teilte ich mit Böll, Grass und weiterem „Ungeziefer“.

Damals fand ich „Baader-Meinhof-Bande“ herabwürdigend und sprach von „Gruppe“. Heute, nach einem Vierteljahrhundert kriminologischer Studien, würde ich die „Bande“ dick unterstreichen. (Für Historiker: „Sympathisanten“ sagten nicht R A F, sondern Raff.)

Ich gestehe, mit 18 die „klammheimliche Freunde“ empfunden zu haben. Sie galt weniger Taten und Tätern als der Schlappe für den Überwachungs- und Polizeistaat, wie sich die Republik, der demokratische Rechtsstaat, mir als Jugendlichem präsentierte. Der „Terror“ bestand in der permanenten Demonstration von Wehrbereitschaft durch die Behörden, mit Waffen oder in Verwaltungsakten. Auf dem Dorf gab es nur zwei Formen von Jugendlichen: wer nicht den Eltern nach dem Mund redete und sich „staatstragend“ benahm, war verdächtig.

Ich hing auch einmal der Legende an, dass die RAF „nur“ Großkopfete gekillt hätte, als ob US-Soldaten nicht zählten. Und zu gern ganz unterschlagen wird, was ich mit 13 schon hätte wissen können.

Inzwischen bin ich an diesem Punkt so empfindlich, dass sich mir bei Huldigungen von Ulrike Meinhof der Magen umdreht, wie sie mir kürzlich von einem jüngeren Mann unterkam.

Es gibt Unterschiede zwischen ihr und Anis Amri, dessen Tat sich soeben jährt. Die gibt es zwischen Menschen immer. Gemeinsam haben sie, weshalb von ihnen die Rede ist: sie waren Terroristen.

Ich bin der Letzte, Baader und Co. nicht als Menschen verstehen zu wollen. Oder Amri. Um nämlich festzustellen, wie sie zu Verbrechern wurden. Gewiss jedoch nicht, um Meinhofs Schicksal als tragisch zu beweinen. Das ist es nicht. Sie hat es sich bis zuletzt ausgesucht.

Es widert mich an, wenn ihre journalistischen Arbeiten als Literatur verstanden werden. Sie sind unwiderruflich und in erster Linie Zeugnisse einer Kriminalgeschichte.

Wackernagel oder Zahl mag man in diesem Punkt anders beurteilen; bei Meinhof ist der Fall abgeschlossen. Ihre Reportagen aus dem Milieu der Jugendfürsorge wahrzunehmen, als hätte die Autorin nicht unter diesen Schwerstabhängigen für ihre Bande rekrutiert, verblendet, wie sie selbst und ihre späteren Texte gestrickt waren.

Opferzahlen

Im Mai 1972 verübte die Bande mehrere Sprengstoffanschläge, in einer US-Kaserne und bei der Polizei, und sie beging ein Attentat auf einen Bundesrichter.

Am 19. Mai war das „ideologische“ Hauptquartier des „Klassenfeindes“ dran. Um 15.41 Uhr detonierte eine von fünf im Hochhaus des Axel-Springer-Verlages in Hamburg deponierten Rohrbomben; die anderen wurden entdeckt und entschärft. 17 Menschen wurden verletzt, zwei davon schwer.

Die Explosion erfolgte im „Korrektur-Saal“, wie Stefan Aust schreibt. Aust (Der Baader-Meinhof-Komplex, 9. Aufl. München 2008, S. 246ff.) zitiert einen Redakteur, der sich wundert, warum man gerade die eher links orientierten Korrektoren habe treffen wollen; dann schlägt er selbst das Rechenzentrum als lohnenderes Ziel vor.

„Korrektur-Saal“ erweckt einen irrtümlichen Eindruck von den Lokalitäten. Ich frage mich, wie gut Aust oder der Redakteur den Tatort kannten. Dort war der Arbeitsplatz meines Vaters.

Die Bomben gingen auf einer Produktionsstrecke hoch. Nach den Setzern kamen die Korrektoren, dann die Hersteller der Druckvorlagen. Die „Säle“ gingen ineinander über, und „bei den Korrektoren“ hieß in nächster Nähe zu der verglasten Trennwand, hinter der mein Vater Druckvorlagen produzierte. Zwischen den Abteilungen war ständig Bewegung.

Im Rechenzentrum wäre eine Bombe weitaus schwieriger zu deponieren gewesen; ebenso bei den Druckmaschinen, die zur Tatzeit noch nicht für die Zeitung des nächsten Tages angelaufen waren. Wohl aber war man am Tatort mitten in der Produktion, bei den Anzeigen und dem, was bis zum Redaktionsschluss bereits abgearbeitet werden konnte. Der richtige Ort zur richtigen Zeit.

Der Platz, den ich für eine Bombe gewählt hätte. Als ich später den über mehrere Gebäude verteilten Verlag als Bote bis in die letzten Winkel kennen lernte, hätte ich wohl bessere Verstecke, aber keinen Ort finden können mit mehr potentiellen Opfern. Der Tatort war das belebteste Areal innerhalb des Hauses. Und das einzige, in dem man als Fremder nicht sofort auffallen würde und, falls man aufgehalten werden sollte, mit irgendeiner Ausrede durchkäme.

Der Tatort lag in einem Bereich, in dem das Vorder-, das Hochhaus an die anstoßenden älteren Gebäude stieß, mit denen es durch Gänge auf bestimmten Etagen verbunden war. Unweit des Tatorts war eine der unübersichtlichsten Ecken des Hauses, in dem ich mich anfangs verlief, bis ich mich so gut auskannte, dass ich hier einen Platz hatte, um ungesehen Pause zu machen.

Am Tatort war die Unterbrechung der Produktion bei höchstmöglichem Personenschaden zu erwarten. Die Zeit der Großraumbüros war lange noch nicht angebrochen; damals kam der Tatort dem am nächsten. Die Verlagsleute residierten in separaten Büros. In einem Raum mit anderen zu arbeiten, galt als Herabsetzung.

Zielansprache

Als ich meine Botenerfahrung machte, war es mit der Baader-Meinhof-Bande vorbei, und ich verlor keinen Gedanken an die Bomben.

Als sie hoch gingen, lag mein Vater noch im Bett. Nicht seine Schicht, sonst wäre er am Tatort gewesen. Zufall, dass er nicht da war, als der Anschlag verübt wurde; Zufall, dass er Opfer hätte werden können.

Ich war auch als Jugendlicher nicht gerade begeistert, wenn „Repräsentanten des Systems“ ermordet wurden, wollte aber einen politischen Sinn darin erkennen. Hätte ich mit 13 begriffen, wofür die RAF stand, wäre es dazu gar nicht erst gekommen.

Was ich als Kind nicht begriff, haben allzu viele immer noch nicht eingesehen, und neuen Generationen wird die kriminelle Vereinigung in Heldenposen vorgespiegelt. Was immer Ulrike Meinhof geschrieben haben mag, lässt sich nicht belobhudeln und vergessen, dass sie eine gemeine Terroristin war.

Ich habe die Belege ihrer Verwicklung in den Springer-Anschlag nicht geprüft und vertraue anderen Autoren nur bedingt. Kommt nicht darauf an. Zum Begriff „Bande“ gehört die Mithaftung. Ob man das Bekennerschreiben verfasst, Drähte verbindet, Päckchen platziert oder nur dabei zuschaut, macht aus der Perspektive der Opfer keinen Unterschied. Unabhängig von der inneren oder äußeren Beteiligung der Täter*innen (von denen ich in kriminologischem Kontext hier ausnahmsweise schreiben muss) haben alle zugestimmt, dem Opfer zu schaden.

Was jedem kleinen Ganoven übel genommen wird: das Recht auf Schweigen; was ihm bis zum Urteil und darüber hinaus vorgeworfen wird: dass er keine Reue zeigt – dazu schweigt bei Baader, Meinhof und Consorten der Sänger Höflichkeit.

Zur Selbstverteidigung und Geständnis- wie Reuefähigkeit herrschen allerdings klischierte Vorstellungen und übertriebene Erwartungen vor. In 25 Jahren Aktenstudium habe ich drei Mal Texte von der Hand eines Täters gelesen, die aufschlussreich waren. Aus zehn Jahren in Gerichtssälen und bei tausend Prozessen kann ich die Geständnisse, die mehr als Gestammel waren, an zwei Händen zählen. Die schlüssigsten, die ich hörte, kamen von Betrügern und Hochstaplern, waren psychologisch instruktiv, aber sonst Zeitverschwendung.

Peter Jürgen Boock ist daher auch kriminologisch ein Sonderfall. Ansonsten war von den nach kultureller Durchschnittsansicht Hochverehrbaren, von Baader, Meinhof, Ensslin, Meins, nichts von Empathie zu hören. Ponto war demnach ein „Pig“ und hatte es verdient zu sterben.

Bei aller sonstigen Redseligkeit der RAF kenne ich kein Wort, mit dem die Täter*innen erklären, was Kollegen meines Vaters oder ihn selbst zum Ziel eines Anschlags qualifizierten. Als „Schergen des Systems“? Das wäre das Denken von Völkermördern.

Vor dem Gericht in Stammheim murmelten die Gangster von „zu vielen Unschuldigen“, die zu Schaden gekommen wären. Als wäre einer nicht zu viel.

Kommt nicht darauf an. Das Schweigen spricht für sich. Bei aller politischen oder literarischen Attitüde sind Terrorist*innen eben vor allem Gewalttäter und kommen gerade dadurch in Betracht, dass sie ihren Taten mehr Gewicht beimessen als ihren Worten, deren Wert mit jedem Blutstropfen sinkt.

Was für Anis Amri gegenwärtig offensichtlich ist, beschönigen gewisse Legendendichter*innen bei der Baader-Meinhof-Bande und tragen so zu Fortsetzungen bei.

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