Ich passe in kein Kästchen. Zum Beispiel, wenn ich Leuten in der Rolle des Journalisten begegnet bin und mich partout nicht so verhalten wollte, wie sie meinten, dass ich es müsste. Handwerker kennen das ähnlich: wenn ihr Auftraggeber neben ihnen steht und besser weiß, wie sie ihre Arbeit zu machen haben.

Aber der Klempner ist Klempner und meist nichts weiter, egal, wie viel er von Dichtung versteht. Wohl habe ich habe mich oft nicht nur als Reporter verhalten, sondern auch eine Berufung gefühlt; zu oft auch die Rolle gespielt, weil es eine Art des Gelderwerbs darstellte. Was „Beruf“ heißt, oder?

Ein Drittel, manchmal die Hälfte dessen, was ich in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichte, entstand nicht aus journalistischer, sondern literarischer Arbeit. Von vielem, mit dem ich mich befasste, gibt es zwei Versionen: eine freie und eine für den Verkauf.

Käme „Buchautor“ als Berufsbezeichnung in Betracht? Mein erstes Buch entstand aus den Recherchen für einen Zeitungsartikel, mein drittes sammelt Texte aus Zeitungen und freie Varianten von Geschichten, die in Zeitungen erschienen. Die sechs Hefte, die ich als mein zweites Buch zähle, enthalten Zeitungsartikel und freie Fassungen von Geschichten, die in auch in Zeitungen gedruckt wurden.

In Prä-Internet-Zeiten, der Epoche der Visitenkarten, von denen ich tausende verbraucht habe, firmierte ich als „Schriftsteller und Journalist“, um bei Begegnungen, die den Einsatz angezeigt erschienen ließen, nicht allzu sehr zu täuschen.

Als Journalist war ich zumeist in eigenem Auftrag unterwegs. Weder wurde ich wie der Klempner bestellt noch hatte ich einen Chef, der mich beorderte. Ich nahm zwar im Auftrag Termine wahr, oder es wurden Berichte bei mir bestellt; in der Regel aber setzte ich mir etwas vor und konnte darauf vertrauen, dass ich nicht für den Papierkorb schrieb. Ich hatte eine wechselnde Anzahl regelmäßiger Abnehmer und suchte mir andere für das übrige.

„Fotograf“ stand auf keiner Visitenkarte, weil ich damit unnütze Diskussionen heraufbeschworen hätte. In prädigitaler Zeit bedeutete das unbedingt eine Kameratasche. Unzählige Male erntete ich Verblüffung, wenn ich aus der Jackentasche eine kleine Kamera zog, mit der ich einen Windpark ebenso gut fotografieren konnte wie das Gesicht meines Gegenübers oder ein Dokument.

Für Fotos im Zeitungsdruck war keine Ausrüstung nötig, und ich hatte nicht vor, aus dem Fotoverkauf ein eigenes Geschäft zu machen. Ich hatte in Fotolaboren gearbeitet und mit Entwicklungstechniken experimentiert, aber keine Ambitionen auf das Gewerbe.

Zwischen Autor und Fotograf lässt sich im Journalismus immer weniger unterscheiden. Anders als der Schreiber, der seine eigenen Texte bebildert oder umgekehrt, hatte ich künstlerische Erfahrungen als Fotograf und Filmemacher gesammelt, bevor ich meinen ersten Zeitungsartikel veröffentlichte, bezeichnenderweise eine Filmkritik, keines Publikums- sondern Experimentalfilms. Für ein avantgardistisches Filmprojekt bin ich mal von IBM ausgehalten worden. Zählt das als „Beruf“?

So lange ich schreibe, zeichne ich, und ein erklecklicher Teil dessen, dem ich die Tantiemen der Verwertungsgesellschaft für Bild und Kunst zu verdanken habe, betrifft Zeichenkunststücke.

Auf einer Visitenkarte hätte die Bezeichnung „Künstler“ die Frage nach den Ausstellungen aufgeworfen. Die zirka drei Jahre, in denen ich als Kunstkritiker unterwegs war, genügten mir als Innenansichten des Betriebs, und ich konnte meinen Marktwert einschätzen. Mit dem Honorar für den einmaligen Abdruck einer kunsthandwerklichen Zeichnung erhielt ich so viel oder mehr, als aus dem Verkauf von freien Originalzeichnungen.

Meine Selbstreflexion angeregt hat ein Behördenformular, in dem ich zwei Kästchen ausfüllen sollte. Das zum „erlernten Beruf“ konnte ich sofort durchstreichen.

Bevor ich meine Kenntnisse als Hilfskraft in Büros, Lagern, auf Baustellen oder im Lieferdienst erweitern und mein Philosophie-Studium mit dem Magister beenden konnte, nahm ich eine Stelle als Zeitungsredakteur an.

Ich hatte kein Volontariat gemacht, war aber, abgesehen von den unter Schreibern eher seltenen Erfahrungen im Zeitungsdruckbetrieb, in drei Jahren als freier Autor mehr herum gekommen als mancher Redakteur in drei Mal so viel Jahren.

Lektor war ich ein paar Mal, um das nicht zu vergessen, für Sachbücher, Hörspiele (mein eines macht mich nicht zum Berufsautor, zumal es inzwischen die Buchfassung gibt). Zwei Websites habe ich in HTML erstellt und während dreier Jahre mindestens wöchentlich erweitert und aktualisiert. Also Webmaster und Webdesigner auf die Liste?

Das wären jetzt wie viele? Neun oder elf? Machen wir ein Dutzend Tätigkeiten in 35 Jahren daraus. Dafür ist das Kästchen „ausgeübter Beruf“ zu klein.

Als ich vor Urzeiten bei der Behörde, die damals noch Arbeitsamt hieß, auf einer Liste ankreuzen sollte, welche Arbeiten ich schon mal in einem Fachgebiet verrichtet hatte, dessen genaue Überschrift ich vergessen habe – etwas wie „Druck und Medien“ –, wurde ich der Lüge bezichtigt. „Das können Sie nicht alles gemacht haben!“

Nachdem ich mich darauf einließ, dem Fachsachbearbeiter Einzelheiten darzulegen, gab er auf; er war gar nicht der Sachfachbearbeiter, sondern die Urlaubsvertretung. Ich hätte ihm die Hucke voll lügen können, und er hätte nichts gemerkt.

Seinen „Bauchladen“ nannte es der verstorbene Hilmar Zschach, der mich mit in den Gerichtssaal nahm, zehn Jahre, bevor ich mich darin heimisch machte. Schreibende Hure oder Hausierer. Ein möglichst breites, den Marktverhältnissen angepasstes Schreibwarenangebot. Marxistisch genommen führen bei mir Irrlichter auf den Tischen Fetischtänze auf.

Je älter ich werde und meine prekären Verhältnisse überlebt habe, könnte ich auch „Lebenskünstler“ angeben. Als studierter Philosoph wurde ich mich jedoch nicht als solcher bezeichnen wollen.

Mithin habe ich das Kästchen leer gelassen, um keinen Irrtum zu erregen oder für irre gehalten zu werden, weil es mir wahrscheinlich doch gelänge, die Bezeichnungen in klitzekleiner, kaum leserlicher Schrift, wie Robert Walser seine Räuber-Geschichte, hinein zu kritzeln. Man kann nie wissen, was Behörden genau wollen, wenn sie einem einen freien Rahmen setzen.

Montage: urian

 

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