Nachruf auf einen flüchtigen Bekannten

Als ich den Supermarkt verlasse, werde ich mit einer Todesnachricht aufgehalten: „Hansi ist tot!“

Ich mag keine verniedlichenden Spitznamen und nannte ihn nie so. Er hieß Hans, wie mein Vater.

In den fünf Jahren unserer Bekanntschaft habe ich einige biografische Informationen erhalten, aber sie sind zu bruchstückhaft, um sich zu einem Bild zu fügen. Er war gelernter Fliesenleger, längst aber Hartz-IV-Bezieher ohne Chance auf eine Anstellung. Er wurde 51 Jahre alt.

Im Zusammenhang mit dem Alkoholentzug fand er zu Gott. So stellte er es dar. Andere beklagten sich über ihn, er wolle sie missionieren. Bis auf ein Gespräch über seinen Weg zum Glauben habe ich das Thema mit ihm nicht mehr berührt. Hätte er Ambitionen gezeigt, mich von seinen religiösen Anschauungen zu überzeugen, wäre ich ihm aus dem Weg gegangen.

„So fand ich zu Christus.“ Die Bemerkung machte er bei einer unserer letzten Begegnungen. Ich weiß nicht mehr, worüber wir sprachen. Allgemeine Welt- und Lebenserfahrungen, die wir wechselseitig mit Beispielen illustrierten. Ich verstand, was er meinte, und mehr wollte er nicht gesagt haben.

Wenn er anderen gegenüber mehr von seinem Glauben sprach als zu mir, dann vermutlich, weil sie Einwände machten. Ich teilte seine Überzeugungen nicht, konnte sie aber akzeptieren. Mein eigener Agnostizismus ist so gefestigt, dass die Religiosität anderer nicht per se bedrohlich wirkt.

Hans war allerdings auch kein Kirchgänger oder hing christlichen Ritualen an. Er hatte für sich zu Christus gefunden – und wenn er sich bemüßigt gefühlt haben mag, darauf näher einzugehen, dann weil sein Gegenüber nicht begriff oder begreifen wollte, dass sein Glaube ihm das Leben rettete. Mehr wollte er nicht gesagt haben.

Zuletzt wurde eine schwere Diabetes bei ihm diagnostiziert und vergitterte seinen Alltag mit eisernen Regeln. Er machte kein Aufhebens davon, aber so oft ich ihm zufällig begegnete, war er damit beschäftigt oder musste sich dazu zwingen. „Ich muss mal was essen“, war ein Satz, der dann fiel.

Sein Befinden sah man ihm an, und es wechselte dramatisch. Vor einigen Monaten, nachdem ich ihn lange nicht gesehen hatte, hätte ich ihn kaum wieder erkannt, so verhärmt war er.

Er redete, wie ich es auch tun würde, und spielte herunter, was ihm zu schaffen machte. Er klagte nicht nur nicht, sondern sein Lächeln wurde breiter und seine Augen funkelten umso mehr, wenn er seine Beschwernisse abtat.

Es gibt zahllose Arten von Einsamkeit und eben so viele Weisen, damit umzugehen. Hans war einsam, ohne allein zu sein. Er hatte täglichen regelmäßigen Umgang mit mehreren Menschen, die ihm unterschiedlich nahe standen, angefangen mit seiner Mutter und einem Freund, der im selben Haus wohnte.

Während ich bei unseren Begegnungen oft ohne Ziel war, war er auf dem Weg zu irgendwem. Oder gab vor, es zu sein. Im Sommer sprach er mehrfach von seinem Bruder und besonders von einer Bootsfahrt, die er mit ihm unternommen hatte.

Er hatte zwei Kinder; mit dem Sohn schien er näheren Kontakt zu haben. In Hinblick auf seine Krankheit kamen wir darauf zu sprechen, und er erweckte den Eindruck, es gäbe Leute, die sich um ihn kümmerten.

Meine letzten Begegnungen fanden in oder an eben dem Supermarkt statt, wo mich die Todesnachricht erreichte. Einmal saß er unter den Trinkern auf den Freitreppen des Parkhauses, einmal stand er in einem Pulk neben dem Eingang; er war im Imbiss im Markt, kam vom Einkauf und war auf dem Weg dahin.

„Der mit dem weißen Fahrrad“ wurde bei der Todesnachricht hinzugefügt, falls ich mit dem Namen allein nichts hätte anfangen können. Das weiße Fahrrad war kaputt, und er hatte ein anderes bei sich gehabt, wusste ich. Jetzt fiel mir auf, dass ich ihn bei den letzten Gelegenheiten ohne Rad gesehen hatte.

Er hatte es nicht etwa abgestellt. „Der mit dem weißen Rad“ war zuletzt zu Fuß unterwegs. Stattdessen war er mehr oder weniger alkoholisiert. Zwei Mal, als ich ihn traf, hatte er einen Beutel mit Bierdosen bei sich.

Er machte keinen Hehl daraus und erwähnte es mit der heiteren Miene, die man von ihm gewohnt war. In Anbetracht der Gespräche, die wir geführt hatten, rechnete er kaum damit, dass ich ihn ermahnen würde. Er wusste, was er tat.

So streng er sich, wenn ich mich recht erinnere, zwei Jahre lang an die Regeln gehalten hatte, die ihm die Krankheit aufzwang, so konsequent brach er sie. Den Satz „Du spielst mit deinem Leben“ konnte ich mir sparen. „Wir spielen, bis uns der Tod abholt“ – die Sentenz von Kurt Schwitters hätte Hans als Christ wohl nicht gebilligt, so passend sie ist.

Bis ihn die Diabetes einholte, war Hans auf Arbeitssuche; tatsächlich erledigte er diese oder jene Arbeit, von der das Versorgungsamt nichts erfuhr. Seine Hoffnung auf Anstellung kommentierte ich so vage wie möglich. Ich hielt sie für unrealistisch, aber für ihn war sie ein Antrieb.

Alle, die in seiner Lage sind, lungern nach bürgerlichen Verständnis herum, als gesellschaftlicher Ballast. Viele empfinden es selbst so und werden täglich mit der Nase darauf gestoßen. „Der mit dem weißen Rad“ gehörte zu denen, die an den saisonal bedingten Treffpunkten der Stadtstreicher zu finden sind.

Inzwischen bezweifle ich, dass Hans, als ich mit einem Beutel Bierdosen traf, auf dem Weg zu einer „Freundin“ war. Er starb in seiner Wohnung und blieb vier Tage unentdeckt.

Hans war kein Einzelgänger wie ich, dessen Fehlen niemandem unverzüglich auffallen würde. So wenig wie ein anderer gemeinsamer Bekannter, der vor drei Jahren eine Woche lang nicht ernsthaft vermisst wurde. Sie waren vielmehr mein genaues Gegenteil – was mir letzthin ihre Bekanntschaft einbrachte: Leute, die nicht allein sein können.

Das betrifft mich am Tod von Hans: ich gehörte zu einem „sozialen Umfeld“, das am Ende völlig bedeutungslos war. Er war mehr als eine Straßenbekanntschaft: er verfügte über meine Telefonnummer. Spielt keine Rolle, wenn einen der Tod abholt.

Der erwähnte Bekannte, der noch länger als Hans tot in seiner Wohnung lag, hatte eine Krankheit unbehandelt gelassen, von der ich erst nach seinem Ableben erfuhr. Hans hatte seine Krankheit im Griff. Noch im Sommer war ich dabei, als er seine Werte kontrollierte und eine Spritze setzte. Die Zahlen, die er nannte, registrierte ich nicht und nahm nur den Eindruck mit, alles sei in Ordnung.

Der geschrieben schnoddrig klingende Satz, mit dem ich zu einem Freund, der meinen Tonfall einzuschätzen weiß, vom Tod des ihm unbekannten Hans sprach, bringt gleichwohl das bis hierhin Aufgezeichnete auf den finsteren Punkt, soweit ich es ohne spezifische Kenntnisse der Todesursache zu sagen vermag: „Er hat sich totgesoffen.“

Zur Illustration: Ich habe Hans nie fotografiert, aber im August 2017 Aufnahmen in seiner Wohnung gemacht, an deren Wänden bemerkenswert vielfältige Bilder hingen, darunter eigene.

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