Zum Verhältnis von Natur und Kultur am Beispiel eines untergegangenen Hamburger Museums

1986 schieb ich in Wien eine Kulturgeschichte des Aborts. Die Stadt war ein idealer Studienort: Toiletten im Stiegenhaus waren noch weit verbreitet, und im Giftschrank der Nationalbibliothek wurden Bücher über den Gebrauch des Klistiers aufbewahrt. Ich war so gut wie fertig, als der Verlag absprang: die Vertreter meinten, den Händlern das Buch nicht zumuten zu können. Bei der folgenden Buchmesse in Frankfurt/Main war das Das Scheiß-Buch ein Hit. Das Typoskript und die lange nicht mehr lesbaren Disketten sind bei Wohnungswechseln verschollen. Von der Materialsammlung haben sich ein paar Teile erhalten, Sätze wie dieser des US-Astronauten Russell Schweickart: »Der schönste Anblick im Orbit ist ein Urinaustritt bei Sonnenuntergang.«

Außer einer Skizze zur »Säuberung des öffentlichen Raums« im Zuge der Französischen Revolution und einem Monolog über die Leiden des Passanten beim Pinkeln im Park im Heft der Archive des Alltags über das Pissoir (1995) habe ich nichts von meinen Untersuchungen dieser Abseite veröffentlicht. Und es gibt einen Text, der sich als das Exposee des verlorenen Buchs darstellt und von dem Ort handelt, der mein Interesse an Kloakengeschichte weckte. Die Lokalität war damals noch ein Geheimtipp, wurde dann in den touristischen Fahrplan aufgenommen und ist inzwischen wieder verschwunden: 2009 wurde das Abwasser- und Sielmuseum im Pumpwerk Hafenstraße in Hamburg geschlossen. So historisch meine Betrachtungen insofern sind, so zeitlos sind sie im Übrigen. Dass es den Ort nicht mehr gibt, könnte vielmehr als Pointe verstanden werden, die von der Realität gesetzt wurde.

Meine Bemerkungen wurden im November 1984 in Spuren, einer Zeitschrift der Hochschule für bildende Künste Hamburg, und der taz-hamburg gedruckt; 1985 schrieb ich noch einmal in der Hamburger Morgenpost über das Museum in der Kloake.

»Aber beklecker nich‘ das Sofa, Sofa« (Frank Zappa, im Original deutsch)

Ich bin im »Museum« gewesen. So jedenfalls stand es, schwarz in weiß gestanzt, auf dem kleinen Schild an der grauen Tür. Die war verschlossen. Besuch nur nach Anmeldung. Fotografieren nur mit Genehmigung. Und in der Kammer dahinter – was für Schätze! Nylonstrümpfe z. B., zerrissen und verfärbt, und Plastikpüppchen ohne Kopf und eingedellt. Scherzartikel, Döschen und ein Liebesbrief in Klarsichthülle. Ramsch, Tand, Nippes – veredelt, geadelt gleichsam durch das Medium, in dem sie aufgefunden wurden: der dicken, blasigen Brühe, die nur ein paar Meter vom »Museum« entfernt aus etlichen Röhren zusammenfließt in den Sielen des Abwasserpumpwerks Hafenstraße in Hamburg.

Wer diese schimmlige Sammlung wann und vor allem warum eingerichtet hat, ist nicht zu erfahren. Einige Einmachgläser aber mit Sand- und Wasserproben aus dem Hafengebiet sind beschriftet: das älteste ist von 1958. Ein Vierteljahrhundert Kulturgeschichte der Kloake blickt dich an; was immer wert schien, aus dem Arsch der Stadt gerettet zu werden, lagert auf drei wackeligen Tischen. Noch ist ein liebevolles Arrangement erkennbar. Pappschilder, sorgfältig mit Schablone bemalt, tragen belehrende Aufschriften: »So soll es nicht sein! Das gehört zum Müll«. Selbstgebastelte Regale sind als »Kaufhaus« ausgewiesen und in Stockwerke unterteilt: »Spielwaren, Haushaltsgeräte, Damenbekleidung«. In einem der Fächer, verhängt mit einem Waschlappen: ein weinroter Plastikphallus, ein Bett aus der Puppenstube, Reste von Pornomagazinen. (Der Waschlappen schützt Schulklassen, die während der Besichtigung des Pumpwerks auch hierher geführt werden, vor Ansteckung.)

Obszönes und Verdorbenes, Wracks und das Opake: eine delikate Assemblage in Sepia. Ein MERZtraum von Schwitters, aber schöner, noch zufälliger, echter. Und so herrlich braun, so fleckig, wie das Innere einer Kloschlüssel, bevor das Wasser sich hinein ergießt … Scheißen Sie gerne? Haben Sie Ihren eigenen Kot schon einmal in die Hand genommen? Nein, nicht als Kind, während der »analen Phase«, sondern als Erwachsener. Oder gehören Sie zu denen, die sich nicht mehr umdrehen, nachdem sie ihr Geschäft verrichtet haben und ganz schnell abziehen? Und wie steht es mit der Verpackung der Schokolade, die Sie naschen? Ruckzuck in den Müll, nicht wahr? Aus den Augen, aus dem Sinn. Konsequenzloser Genuss.

Hat schon jemand eine Pathografie des Abfalls geschrieben? Eine Darstellung des aufgeblähten Verdrängungsbetriebes, mit dessen Unterstützung sich diese Gesellschaft ihrer Schleimspuren entledigt, indem sie sie ignoriert: der Einzelne seinen Kot ebenso wie Hamburg sein Dioxin. Die Klos mit der schnellen Kette sind überall. Ob Georgswerder oder Gorleben. Bevorzugt wird, auch für die im Pumpwerk Hafenstraße aussortierten »Feststoffe« (Klopapier vor allem und Zigarettenkippen) die Deponie Schönberg in der DDR. Der Schiss in Nachbars Garten macht die wenigsten Probleme. [Dioxin und DDR sind inzwischen Geschichte, Gorleben noch lange nicht.]

Natur kennt keinen Abfall. Scheiße ist Dünger. Industrialisierte Überschussproduktion aber sorgt für Ausschuss, mit dem niemand etwas anzufangen weiß. Recycling? Verschwinden muss es: in der Elbe, in der Nordsee, in irgendwelchen Salzstöcken – wo’s gerade noch passt. Aus den Augen, aus dem Sinn. Bis wir daran ersticken.

Die Scheiße täglich vor Augen haben die paar Männer, die im weitestgehend automatisierten Pumpwerk arbeiten. Nicht nur die eigene: die Ausscheidungen des gesamten Nordens der Stadt. Und den Geruch. Einen schweren, fast körperlichen Geruch, wie der Furz eines Gottes. Und was für eine Scheiße! Brutal und gefräßig, ein gestaltloses Raubtier. So muss Freud sich die Verwüstungen des Todestriebes vorgestellt haben, wie diese Katakombe: das Gewölbe, unter dem die Kanalisationsröhren, die Gedärme der Stadt, sich im Sielbecken treffen.

Gelegentlich, nach heftigen Regenfällen etwa, wenn extrem viel Wasser in die Röhren drückt, bei Verstopfung, bläht sich hier die Kloake, ein Meer von Scheiße, und überspült den schmalen Steg, der einige Meter über dem Boden des Siels entlangläuft. Ein zerfressenes Metallgeländer, eine aufgerissene Betonwand bleiben zurück. Selbst die Kacheln, die unverwüstlichen, das Wahrzeichen der zukunftsweisenden, abwaschbaren Architektur, auf der Morde und Graffiti keine Spuren hinterlassen – selbst die Kacheln fallen herunter. Nebenan werden gerade neue Anstriche und Klebemittel getestet, die der aggressiven Soße standhalten und der dauernden Renovierung vorbeugen sollen. Aber das, heißt es, versuche man seit 25 Jahren. Jeder Kloakenflut folgt weiter die Malwut: Maschinen und Leitungssystem sind frisch und grell gestrichen. Clean wie eine italienische Eisdiele.

»Der Barbar«, wusste Freud, »hat es leicht, gesund zu sein, für den Kulturmenschen ist es eine schwere Aufgabe.« Ein Lebenswerk, rein zu bleiben und anständig. Bürgerpflicht. Und wie anstrengend erst, wenn der Arbeitsgegenstand des Kulturmenschen der Kot ist. Lässt sich etwas Barbarischeres denken? Gepflegt essen zu gehen, daran erweist sich kulturelles Niveau, Kochen ist eine Kunst – aber was nachher kommt, unweigerlich kommt und immer wieder kommt … »Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich eines der Barbarei zu sein.« (Walter Benjamin)

Mörderisch indes erscheint diese Zwickmühle allein deshalb, weil wir so unausgewogen sind, nur die eine Seite zu würdigen: Kopf oder After, Oben oder Unten, Bürger oder Penner. Das Kloakenpersonal – man stelle sich ihre Gleichgewichtsstörungen vor! Zwar gibt es kein verlässlicheres Mittel gegen sinnliche Erfahrung als Gewohnheit: irgendwann wird den Arbeitern hier der Geruch so selbstverständlich sein wie Druckern die Druckerschwärze, Krankenschwestern das Sagrotan. Scheiße, Zeitungen und offene Wunden sind unter dem Aspekt der Entfremdung einerlei.

Wenigstens einer aber, jener Anonymus, dem das »Museum« zu verdanken ist, wird sich einen Rest Feinfühligkeit, das kulturelle Radar, bewahrt haben. Kann man sagen, er habe an der Überfülle der Scheiße gelitten? Er wird mit dem »Museum« die im Pumpwerk falsch ausgependelte Balance wiederherzustellen versucht haben, die Balance zwischen Kultur und Natur, zwischen Kot und etwas, das ihm zu widerstehen vermag. Gegen jenen Raum, der regelmäßig von der Kloake zerfetzt wird, setzte er seine Sammlung. Gegen die Scheiße die Plastikwaren. Denn Bilder aufzuhängen im Pausenraum, die Mona Lisa im Postkartenformat, um sich des Fortbestands der Kultur auch unter den Bedingungen der Abfallbeseitigung zu versichern, das genügt nicht. Nur was die Senkgrube übersteht, verdient das Prädikat »Kultur«.

Plastik selbstverständlich: unverweslich, das bedingungslos Beständige schlechthin. Das Plastik ist die Universalsubstanz, alles kann Plastik werden; gibt es nicht bereits Plastikherzen? Nicht nur Herzen: in Bodo Kirchhoffs Novelle Ohne Eifer, ohne Zorn ist ein karnevalistisches Stück Plastikscheiße der Pflock in der Weltverwirrung der Hauptfigur. Und gegen die lauernde, indifferente Masse in den Sammelbecken des Pumpwerks konzipierte der Museumsgründer ein Kaufhaus als vertraute Ordnung, als Anker im kotigen Urschlamm. Das Prinzip Tauschwert bäumt sich auf gegen die sinnliche Gewalt verflossener Gebrauchswerte. Mit den in der Kloake treibenden Plastikpüppchen wird das bürgerliche Ich gerettet.

Zugrunde liegt das nach wie vor gängige Verständnis von Kultur, demnach die Verehrung für Michelangelo letztlich so eindimensional ist wie der pragmatische Umgang mit Porno-Videos. Ist Michelangelos David nicht auch ein »schrecklicher Verführer«, sind Pornos nicht einer kulturellen Schätzung zugänglich? Freilich, damals, als die Kultur wieder einmal zu ihrer Verteidigung gegen sich selber Blut spuckte, so um 1916, kamen einige, von der glatten, folgenlos verehrten Schönheit angewiderte Künstler auf den Dreh, aus Abfall Kunst zu machen: Montagen. Die holten »eingreifende Mittel aus verachteten oder verdächtigen Formen und aus Formen ehemals zweiter Hand. Aus den Trümmer-Bedeutungen zerfallener Großwerke dazu und aus dem Dickicht eines nicht mehr glatt arrangierten Materials.« (Ernst Bloch) Montagen ergriffen Partei für das, was ins Abseits gedrängt war, in eben das Abseits, in das die Künstler sich selbst gedrängt sahen, zu abseitiger Wirkungslosigkeit verdonnert, während die schönen Seiten der Kultur unter den Schlägen der Kanonen abblätterten.

Mit Fußtritten gestempelte Fahrscheine, Holzlatten, Räder von Kinderkarren wurden bei Kurt Schwitters zur »Konstruktion für edle Frauen«, die darüber nur die Näschen gerümpft hätten. Marcel Duchamp installierte Konfektionswaren im Museum. Eine Explosion des Abfalls im Kulturraum wurde daraus gerade nicht. Noch 1896 hatte ein einziges, noch dazu verfremdetes Wort ausgereicht, um die Premiere von Jarrys Ubu Roi in einen Tumult umschlagen zu lassen (»merdre«); heute ist auf jeder drittklassigen Bühne mit der größten Selbstverständlichkeit von »Scheißen« und »Ficken« die Rede, und die Bildungsbürger ziehen sich ihren Bukowski rein. Es gibt kein sichereres Mittel gegen sinnliche Erfahrung als Gewohnheit.

Montage schließlich ist längst die geläufigste Form der Weltwahrnehmung, die unverbindliche Gestalt schlechthin. Die Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts waren Montagen und ebenso die Angriffe auf die bürgerliche Kultur in den Kunstbewegungen seit dem Ersten Weltkrieg. Werbeplakate arbeiten mit Montage so wie John Heartfield. In der Objekt-Kunst wird montiert und in den Warenhäusern. Und Filme, Filme, Filme. »Montage im Spätbürgertum ist der Hohlraum seiner Welt, erfüllt mit Funken und Überschneidungen einer ‹Erscheinungsgeschichte‹, die nicht die rechte ist, doch gegebenenfalls ein Mischort der rechten.« (E. Bloch)

Auch das »Museum« im Abwasserpumpwerk ist eine Montage, in der Anlehnung ans Warenhaus allemal. Sein Gründer ist ein rechter Anti-Duchamp. Stellte dieser ein handsigniertes Pissoir ins Museum, findet sich hier das Museum im Pissoir. Ein lächerliches Rückzugsgefecht der Kultur in ihrer plastifizierten, warenförmigen Gestalt, als Ramsch, Tand, Nippes, gegen den Vormarsch eines Kulturverständnisses, das alles, was ästhetisch im Bewusstsein abwirkt, als »Kultur« begreift. Alltagskultur.

Eine schwere Aufgabe für den Kulturmenschen, sich in der Kloake zu beweisen, sich seines eigenen Abfalls zu erwehren. Statt ihn zu akzeptieren. Eine Anstrengung zumal, die der Arbeit im Pumpwerk aufgepfropft ist. Rückkoppelung der Entfremdung, Entfremdung in zweiter Potenz, Kulturverfall, Gleichgültigkeit? Die Mühe jedenfalls hat lange schon nachgelassen. Wäre an der Tür nicht das Schild, man könnte meinen, es handle sich bei dem »Museum« um eine Müllhalde in irgendeiner Abstellkammer. Niemand wischt mehr den Staub von den Objekten, die Scheiben sind fast blind vor Dreck. Still und unbemerkt gammeln Plastikpüppchen und Nylonstrümpfe vor sich hin. Und es wird langsam immer brauner.

Uwe Ruprecht (Foto: H. Scholz)
Passant beim Pinkeln im Park (Foto © Henning Scholz)
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