Texte und Material zum Massaker an der Mittelschule in Heimfeld am 15. März 1920

Als ich mich vor 20 Jahren erstmals mit der Causa beschäftigte, ging es nicht zuletzt darum, den reichlich umlaufenden Legenden so viele Tatsachen wie möglich entgegen zu setzen. Die Legenden wuchern weiterhin, und sie werden vermutlich häufiger abgerufen als meine Beiträge auf diesem Blog. Gleichwohl kann es nicht schaden, Interessierten außer einer kurzen (→ Der Harburger Blutmontag) und einer ausführlichen (→ Massaker in Heimfeld) Schilderung der Schießereien und Lynchmorde, zu denen es im Verlauf des Kapp-Lüttwitz-Putsches in Hamburg-Harburg kam, Skizzen und Materialien zur Verfügung zu stellen.

■ Pferdemarkt in Stade im März 1920

Rot floss Licht über Backstein und Fachwerk, als würden die Häuser um den Marktplatz brennen. Feuerlachen schwammen auf dem Pflaster. Hunderte im Wind zitternde Fackeln erfüllten den Platz. Der Nebel, der den ganzen Tag in der Stadt gelegen hatte, war zum Abend hin dichter geworden. Vom Widerschein der flackernden Lichter schien die bitterkalte Luft zu glühen.

Die Fackelträger waren nur ein kurzes Stück durch die Stadt gezogen, durch ausgestorbene Gassen. Die Einwohner nahmen keinen Anteil an dem Aufmarsch. Sie plagten genug Kümmernisse, als sich auch noch im aufstürmenden Wind mit Parolen anschreien zu lassen; sie darbten und entbehrten der Heizung. Die Fackelträger mit ihren geschulterten Gewehren waren allenfalls dazu angetan, ihnen Angst zu machen.

Wenige Zaungäste beobachteten von den Seitengassen aus die Kundgebung auf dem Marktplatz. Halbwüchsige, die stets zugegen waren, wenn etwas den gewöhnlichen Gang der Geschäfte unterbrach, waren auf die kahlen Bäume am Rand des Platzes geklettert. Wie Krähen hockten sie im Geäst und riefen einander Dummheiten zu. Vernachlässigte Kinder streunten neugierig umher. Ein paar Alte, die mit den Fackelträgern sympathisierten, fielen ein in die Hymnen, die donnernd abgesungen wurden.

In die dunkelsten Winkel gedrückt kauerten die Obdachlosen, die üblicherweise in der nach Geschäftsschluss entvölkerten Stadtmitte Zuflucht gesucht hatten. Auch in der entlegenen Provinzhauptstadt gab es täglich mehr von ihnen, die in den Großstädten längst das Straßenbild beherrschten. Viele waren Invaliden mit im Krieg zerschossenen Gliedern und zerfetzten Gesichtern; Männer ohne Beine und blind; Verteidiger des Vaterlandes, die wie Kehrricht in die Gosse getreten und abhängig waren von rarem Erbarmen.

Um den Schein zu wahren hatte sich eine Handvoll Landjäger, wie die Polizei in der preußischen Provinz Hannover genannt wurde, auf dem Platz verteilt. Aufmärsche waren eigentlich verboten; formell galt der Ausnahmezustand. Aber angesichts der waffenstarrenden Demonstranten war die Obrigkeit zurück gezuckt. Die Organisatoren hatten auf das Recht und Gesetz gepocht, das abzuschaffen sie angetreten waren. Sie beriefen sich frech auf die Freiheit, die ihnen die Republik gewährte, um gegen sie zu hetzen.

Die Marschmusik, die den Fackelzug begleitet hatte, brach ab. Stumm flatterten die schwarz-weiß-roten Fahnen eine Weile über den Köpfen. Eine geladene Ruhe, als sammle sich das Raubtier Menge zum Sprung. Dann ertönte von irgendwo aus ihrer Mitte eine Stimme, die nicht weit trug. Nur einzelne Worte, halbe Sätze flatterten durch die fackeltrübe Luft. Es kam nicht darauf an. Es gab nichts zu sagen, das den Zuhörern neu wäre. Es gab keine Gedanken auszudrücken, keine Idee zu formulieren, die aufmerksames Lauschen erheischt hätte.

Der Unsichtbare verwies auf die Inschrift des mächtigsten Gebäudes am Platz, dessen Architektur eine Kathedrale imitierte: »Kaiserliches Postamt«. Der Kaiser hatte abgedankt, aber die auf dem Marktplatz Versammelten beriefen sich auf eine Verpflichtung ihm gegenüber, einen »heiligen Eid«. Und immer wieder bellte der Redner das Wort »Nation«.

Von »Nation« war dieser Tage ständig die Rede, zumeist in Verbindung mit Schande, Schmach und Verrat. »Nation«, ein unbestimmtes Gebilde, nicht identisch mit dem Staat, eher ein Gespinst aus Gefühlen, wurde bei jeder Gelegenheit beschworen. »Nation« war die Chiffre für eine Art geistiges Fieber. Es war schon vor dem Krieg virulent und in den Schlachten ausgebrochen. Aber wie das Fieber des Körpers sich bisweilen legt und geheilt scheint, um dann noch einmal mit tödlicher Bedrohung den Kranken zu ergreifen, so schüttelte »Nation« das Land nach dem Ende des Krieges auf neue Weise. »Nation« hatte sie in die Schlacht gehetzt, sie hatten ihr Leben dafür eingesetzt. Und nun, nachdem die damit verbundenen Träume zerstoben waren, wollten sie immer noch nicht davon lassen.

Der Krieg, ein Rausch, war seit über einem Jahr vorüber. Noch aber war kein Alltag wieder hergestellt. Ausgelaugt von der gewaltigen Anspannung des Kampfes an zu vielen Fronten taumelte das Land, nicht mehr trunken, noch nicht nüchtern. Entfacht von denen, die vom Rausch nicht lassen konnten, flammten allenthalben Kämpfe auf. Wie im Fieber wurden Gegner gesucht, Feinde, die zu vernichten wären. Die Gewalt, die vier Jahre lang einziger Daseinszweck gewesen war, legte sich nicht einfach zur Ruhe, sondern irrte umher, auf der Suche nach einem neuen Objekt, das es nieder ringen, nieder schlagen könne, das zu vernichten wäre.

Die »Heimatfront«, die im Krieg vor allem durch die Vernachlässigung zilviler Angelegenheit gelitten hatte, wurde zum Schauplatz von Scharmützeln. Das im Krieg einige Land zerfiel in Parteien, die sich gegenseitig bekriegten. Ein Wort, hinter dem die Gewalt sich verstecken konnte, war leicht gesprochen.

Was die Demonstranten auf dem Marktplatz zelebrierten, lockte die Massen nicht an. Aber im Alltag, in den Gassen, in den Schlangen vor den Läden, in denen Lebensmittel verteilt wurden, hallte immer wieder dieses Wort: »Nation«. Was für ein sonderbarer Rettungsanker war das für Menschen, die nichts hatten außer dem nackten Überleben. Wie sie dahin drängten, sich in etwas Großem aufgehoben zu fühlen. Selbst der Untergang des Kaiserreichs hatte dem nichts anhaben können. Sich hatten ihn sich so umgedeutet, dass die Nation nicht an sich, am Wahnhaften ihres eigenen Anspruchs zu Grunde gegangen, sondern durch feigen Verrat, einen Dolchstoß zu Fall gebracht worden war. Die Würde der Nation hatte an ihrem Untergang nicht gelitten. Eher schien sie daran gewachsen.

Der unsichtbare Redner schwieg. Dann sang die Versammlung wieder. Nach einer Pause entstand in der Mitte der Menge eine Bewegung, plötzlich erhob sich etwas über die Köpfe, eine Gestalt stieg empor als wüchse sie aus der See von Fackeln. Ein schwankender Umriss war es nur, zerbrechlich wie eine Puppe, der auf den Schultern anderer stand. Die tollenden Kinder lachten, als sie das Etwas erblickten, das sie für eine Vogelscheuche hielten mit seinen klapperdürren Gliedern und der schiefen Mütze auf dem Schädel.

Doch bewegte das Ding sich und sprach. Die traurige Karikatur eines Menschen verfügte über eine kräftige Stimme, die die Umstehenden in den Bann zu ziehen schien. Wahrhaftig entstand während seiner Rede ein Schweigen, das nicht nur Stille bedeutete sondern eine Spannung enthielt wie von Ehrfurcht. Die Bewaffneten auf dem Marktplatz horchten gebannt wie bei einer Predigt, in der ihnen ihr Schicksal verkündet wurde.

Gespenstisch umflackerte das Fackellicht die Gestalt über den Köpfen. Die Rede war kurz, schon nach wenigen Sätzen verlor die Stimme an Kraft. So viel wurde deutlich, dass es um den Erhalt ihrer Kameradschaft ging; dass sie ihren Verband unter allen Umständen bewahren wollten. Das Gespenst auf den Schultern anderer beschwor etwas, das angesichts der ihn umlodernden Fackeln seltsam ironisch hätte anmuten können, die »rote Gefahr«.

»Werfen wir die Leute heute auf die Straße«, schrie er heiser, »haben wir morgen Spartakisten, denn sobald der Hunger in den Gedärmen wühlt, und der deutsche Mann keine Arbeit hat, wird er zum Tier!«

Im aufbrandenden Beifall sank die Gestalt zurück in die Menge als verschwände sie in einer Falltür. Zurück blieb ein roter Schatten in der Luft. »Heil! «, brüllte die Menge zur Bekräftigung, drei Mal »Heil!«, und einen Namen: »Berthold«.

Ein letztes Mal Musik, und das Gros der Demonstranten marschierte zum Bahnhof ab. Ein Sonderzug brächte sie in ihre Lager in Kehdingen, dem Landstrich entlang der Elbe im Norden der Stadt. Ein kleinerer Trupp derjenigen, die am Rand der Stadt einquartiert waren, verstreute sich über die Gastwirtschaften. Dort spielten sie sich vor den Einheimischen auf, gaben die Herrenmenschen. Sie grölten und randalierten, sie suchten Händel und prügelten sich schließlich mit jungen Leuten, die sie aufs Geratewohl als Bolschewisten verdächtigten, weil die Mützen, die sie trugen, ihnen nicht gefielen.

Der Redakteur einer Zeitung, der ihnen vom Marktplatz gefolgt war und Fragen stellte, wurde aus der Wirtschaft gejagt. Er floh in das Gewirr der Gassen, ein Dutzend von ihnen setzte ihm nach, angetrunken, mit schweren Beinen. Der Redakteur, nicht mehr jung aber ortskundig, schlug Haken und verschwand in eriner schmalen stockdunklen Twiete, wie die Durchgänge zwischen den Häusern hießen, während seine Verfolger ihn verloren.

■ Instrumente der Vernichtung

Hieb- und Stichwaffen: Keulen, Gelenkkeulen, Ganzmetall-Streitkolben, Rabenschnäbel, Dolchäxte und Streithämmer, Äxte und Beile, Dolche, Schwerter, Rapiere und Degen, Ordonnanzmäßige militärische Blankwaffen, Stangenwaffen, Bajonette, Spundbajonette, Klappbajonette, Tüllenbajonette, Degen- und Messerbajonette.

Wurfgeschosse und Wurfkörper: Schleudern, Wurfkeulen, Bumerangs, Wurfäxte und Wurfklingen, Wurfspeere, Handgranaten,

Leichte Fernwaffen: Bogen, Schichtbogen, Komposit-Bogen, Pfeile, Armbrust, Blasrohre, Windbüchsen, Handfeuerwaffen, Vorderlader, Vorderladerpistolen, Vorderladerrevolver, Hinterlader, Mehrläufige Hinterlader, Repetiergewehre, Trommelrevolver, Selbstladepistolen, Maschinenpistolen, Selbstladegewehre, Granatgewehre und Gewehrgranaten, Rückstoßfreie Handwaffen.

Geschütze: Wurfgeschütze, Federkraft-Wurfgeschütze, Torsionsgeschütze, Gegengewichts-Wurfgeschütze, Pulvergeschütze, Vorderladergeschütze, Schmiedeeiserne Ringgeschütze, Gegossene Vorderladergeschütze, Feldgeschütze mit glattem Rohr, Festungsgeschütze mit glattem Rohr, Glattrohrige Schiffsgeschütze, Gezogene Vorderladergeschütze, Mörser, Hinterladergeschütze, Hinterlader-Feldgeschütze, Belagerungs- und Eisenbahngeschütze, Gebirgsgeschütze, Küsten- und Festungsartillerie, Maschinenkanonen, Flugabwehrgeschütze, Bordkanonen für gepanzerte Fahrzeuge, Panzerabwehrkanonen, Leichtgeschütze, Hinterlader-Schiffsgeschütze, Maschinengewehre, Bordmaschinengewehre.

Sperrmittel und Minen: Hindernisse, Fallen, Sprengfallen, Selbstschüsse und Richtminen, Sprengladungen, Minen, Seeminen.

Bomben und Geschosse mit Eigenantrieb: Fliegerbomben, Wasserbomben, Torpedos, Raketen mit Feststoffantrieb, Raketen mit Flüssigkeitsantrieb, Panzerabwehrraketen, Flugabwehrraketen, Luftgestützte taktische Flugkörper, Seegestützte taktische Flugkörper, Strategische und taktische nukleare Flugkörper.

Atomare, biologische und chemische Waffen: Brandmittel, Chemische Kampfstoffe, Nukleare Kampfmittel, Biologische Kampfmittel.

Kapp-Putsch Hamburg-Harburg / Harburger Blutmontag (Zeichnung: urian)
Flieger- und Freikorpshauptmann Rudolf Berthold (Zeichnung: urian)

Berthold und die Baltikumer

Erschöpft sank Hauptmann Rudolf Berthold auf sein Lager. Als einziger aus der Truppe schlief er in einem richtigen Bett. Seine Männer nächtigten in der Scheune, auf Stroh; die Offiziere hatten sich Feldbetten besorgt. Für den Hauptmann war eine Stube im Wohnhaus requiriert worden. Die Bauernfamilie, bei denen sie einquartiert waren, ließ sich nicht anmerken, wie ihnen die erzwungene Gemeinschaft mit über 200 Kriegern behagte. Man diskutierte nicht mit Männern, die Waffen trugen und darauf zu brennen schienen, sie einzusetzen.

Immerhin hatte der Hauptmann seinen Leuten befohlen, bei der Feldarbeit zu helfen. Die Zahl der möglichen Helfer überstieg das Maß der Arbeit auf dem Hof bei weitem, und so lungerten die meisten Krieger untätig herum. Sie hatten den Fackelzug durch die Stadt und die Kundgebung als Unterbrechung ihres Nichtstuns genossen. In der Scheune schlief noch niemand; aufgewühlt erörterten die Männer ihre Perspektiven. Sie sehnten sich nach neuem Kampf.

Christian Philipp half dem Hauptmann beim Entkleiden. Der Leutnant war mehr als ein Adjutant wie ihn die Militärordnung vorsah. »Sie sind mein rechter Arm«, pflegte der Hauptmann zu sagen. Sein wirklicher Arm hing schlaff am Körper, ein totes Glied. Leutnant Philipp stand dem Hauptmann nicht allein bei den Dienstgeschäften zur Seite, er war auch sein Betreuer. Wenngleich der Hauptmann sich nach Kräften bemühte, seine Behinderung zu ignorieren, half ihm Philipp gleichwohl vom Aufstehen bis zum Zubettgehen. Näher konnte man dem Bewunderten nicht kommen.

Niemand aus der Truppe sah deutlicher, wie verbraucht Berthold war. Der Mann war ein Wrack. Zu den permanenten Schmerzen, die der Arm verursachte, kamen die Malaisen der inneren Organe. Mit seinen 28 Jahren war Berthold ein Todgeweihter. Stöhnend auf dem Bett warf er Philipp einen Blick zu, den dieser sofort verstand.

Der Adjutant öffnete die Lade des Nachttisches und entnahm ihr ein Lederetui und eine Pappschachtel. Das Etui enthielt zwei Spritzen, von denen eine stets sterilisiert war; in der Schachtel steckten Morphium-Ampulen. Mit geübten Handgriffen füllte Philipp eine Spritze und reichte sie dem Hauptmann. Obwohl es schwierig war, die Injektion mit der Linken vorzunehmen, ließ sich Berthold nie von seinem Adjutanten spritzen. Sollte es so weit kommen, dass er nicht einmal mehr das Morphium eigenhändig einnehmen könnte, wäre es Zeit, seinem Leben ganz ein Ende zu setzen.

Augenblicke, nachdem das Rauschgift in die Blutbahnen eingedrungen war, entspannte sich Berthold und versank in den Kissen. Seine Augenlider flatterten, er seufzte auf und war bald fort gedämmert ohne zu schlafen. Das Morphium, zuerst dazu gedacht, seine Schmerzen zu lindern, entführte ihn zugleich in eine Welt der Illusionen, weit weg von dem schäbigen Bauernhof, in dem man ihn und seine Truppe zwischengelagert hatte, hoch in den Himmel, in ein Flugzeug zwischen die Wolken, in den Luftkampf.

Berthold war ihr Sinn. Den Männern in der Scheune war nicht viel geblieben, worauf sich ihr Streben hätte richten können. Als meist unausgebildete Jünglinge in den Krieg gezogen sah das Zivilleben nach seinem Ende für sie nur Enttäuschungen vor. Mancher von ihnen hatte versucht, einen Platz zu finden in der Gesellschaft, ein Auskommen. Hatte sich eine Weile als Hilfsarbeiter durchgeschlagen. War am Rande der Bettelei entlang gewankt. Sie, die von Heldentaten geträumt und das eine oder andere getan hatten, das ihnen als heroisch erschien, standen ganz unten in der Hierarchie der Zivilgesellschaft. Irgendein fetter Kaufmann, der nie im Felde gestanden hatte, gab ihnen Befehle; die Ladenmädchen, für die sie schwärmten, beachteten sie nicht, weil sie nichts darstellten.

Freudig folgten sie den Aufrufen, in denen »stramme, junge Kerls, Turner, Jungmannen, Wandervögel und wer sonst noch Lust zum Soldatenleben hat« gesucht wurden. 400.000 waren sie, die sich den Freikorps, Einwohnerwehren und Geheimbünden anschlossen, die eine Fortsetzung des Krieges versprachen. »Im Felde unbesiegt« war ihre Losung. Auch die Führer der verhassten Republik bedienten sich ihrer, um Aufstände nieder zu schlagen, die zu schüren sich ihre Kommandeure nach Kräften bemühten.

Andere waren gar nicht fort gewesen, hatten die Kameradschaft nicht verlassen. Sie waren gen Osten gezogen, um dort weiter zu kämpfen. In Oberschlesien und im Baltikum führten sie einen Partisanenkrieg, um die Abtrennung der Gebiete vom Reich, die am Verhandlungstisch beschlossen worden war, doch noch zu verhindern.

Im April vorigen Jahres war in Döberitz, einem Dorf im Havelland, aus den Bataillonen Liebermann, Balla und Berthold das »2. Kurländische Regiment der Eisernen Division« aufgestellt worden. Die Männer in der Scheune bildeten das »Fränkische Bauerndetachement Eiserne Schar Berthold«. Sie hatten gekämpft, aber nichts erreicht. Die Regierung berief sie zurück in die Heimat und verteilte sie über das Land. Am 15. Dezember 1919 überschritt die »Eiserne Schar« die ostpreußische Grenze. Zur »Demobilmachung« wure ihr das Land Kehdingen an der Elbe zwischen Stade und Freiburg angewiesen. Anfang Januar 1920 (nach dem 6.) wurde das Bataillon in Stade ausgeladen. Vier Stunden Marsch nach Drochtersen. Dort installierten sich der Stab und die 1. und die 3. Kompanie, die 2. Kompanie ging nach Neuland, die Maschinengewehr-Kompanie ließ sich auf Krautsand nieder. Die »Bagage« blieb in Dornbusch und half bei der Feldarbeit.

Berthold war ihr Sinn. Um sich dessen zu vergewissern, zumal nach diesem Abend, dem Fackelzug, der ihre Kampfbereitschaft aller Welt demonstriert hatte, erzählten sie sich die Stationen der Heldenlegende ihres Hauptmanns. Geboren als Sohn eines Oberförsters am 24. März 1891 in Ditterswind bei Bamberg. Mit 19 Jahren der Armee beigetreten diente er zunächst in der Infanterie. Nach einer Ausbildung in Luftfahrttechnik lernte er fliegen. Den Krieg erlebte er als Jagdflieger.

Die Luftkämpfer waren ein exklusiver Club. Während auf dem Boden die Soldaten in Massen niedergemetzelt wurden oder am Gas erstickten, während die Heere von den Generälen als »Kanonenfutter« verschoben wurden, kultivierten die Flieger den Luftkampf als Duell. Strategisch wenig bedeutend galt er als Hohe Schule der Kriegskunst. Die Krieger im Himmel glichen Halbgöttern, die Namen der Fliegerasse wurden Legende. So wichtig wie der Sieg über den Gegner war ihre interne Konkurrenz, die mit sportlichem Ehrgeiz betrieben wurde. Für alle Zeiten aufbewahrt wurde die Rangliste der Abschüsse. Sie führte mit 80 erlegten Feindflugzeugen Manfred von Richthofen an. Mit 44 lag Rudolf Berthold auf Rang sieben.

Zur lebenden Legende machte Berthold seine »eiserne Energie«. Als Oberleutnant stürzte er bei einem Übungsflug ab. Halbtot, mit zerschlagenem Oberschenkel, Becken, Kopf und Kiefer, fast erblindet wurde er ins Lazarett gebracht. Ein Bein im Gipsverband ließ er sich nach ein paar Wochen in sein Flugzeug heben und kämpfte weiter. Sein 10. Abschuss brachte ihm den Orden »Pour le Mérite« ein, und er wurde Kommandant eines Luftgeschwaders.

Im Jahr darauf zertrümmerte ihn ein Schuss den rechten Oberarm. Er stürzte nicht ab, er brachte seine rot und blau lackierte Pfalz D. IIIa zurück und fiel nach der Landung in Ohnmacht. Der Arm blieb gelähmt. Berthold kämpfte weiter. Lernte mit der linken Hand schreiben und bestieg nach knapp fünf Monaten wieder das Flugzeug. Der rechte Arm eiterte. Mit dem linken feuerte er das Maschinengewehr ab, während er den Steuerknüppel mit den Zähnen hielt. So schoss er die Feinde ab, an einem Tag drei, an drei anderen Tagen jeweils zwei. »Ich muss den Jungen zeigen, dass über allem die Pflicht steht« schrieb er in einem Brief.

An dem Tag, als er den 43. und 44. Gegner vom Himmel holte, wurde auch sein Flugzeug schwer getroffen. Plötzlich löste sich der Steuerknüppel, die Maschine raste aus 2000 Metern auf den Boden zu. Dem entkräfteten Piloten gelang es nicht, mit dem Fallschirm auszusteigen. Das Flugzeug zerschellte auf einem Haus. Doch Berthold überlebte. Natürlich wollte er weiter fliegen. Aber der Krieg ging zu Ende. Mit einem von Scharnieren, Bändern und Stahlplatten zusammengehaltenen Körper kämpfte er weiter. Das Idol machte das Wrack vergessen.

»Hauptmann Berthold ist mir als ein glühender Patriot und Idealist bekannt, mit reichen Erfahrungen im Verkehr mit radikaler Arbeiterschaft aus den Zeiten der Spartakusunruhen in München, aber leider körperlich gänzlich verbraucht, daher oft unter Morphium stehend, aber mit eiserner Energie.« (Baltikumer in der Akte* [s. u. im Verz.])

Baltikumer wurden sie von der Bevölkerung genannt, weil sie in Lettland den Krieg fortgeführt hatten. Der Krieg war nicht einfach zu Ende gewesen, er war allmählich verebbt und noch nicht vorbei. Die Krieger konnten nicht von ihm lassen. Wenn die Baltikumer nicht zur bloßen Räuberbände verkamen, dann weil die Hauptleute ihren Ehrbegriffen anhingen. Galt zwar das Gesetz des verhassten Staates nicht für sie, hatten sie doch ein eigenes Gesetz.

Sektionsprotokoll: Gut entwickelter Knochenbau, mäßige Fettpolster; dunkelblonde Haare, fahlblonder Schnurrbart, stark entwickelte Augenbrauen; dunkelblaue Augen.

Die Freikorps waren gebildet worden, um die Revolution von 1918/19 niederzuschlagen und sollten nun, nachdem sich die politischen Verhältnisse scheinbar stabilisiert hatten, aufgelöst werden; zudem war am 10. Januar 1920 der Versailler Vertrag in Kraft getreten, der die Verringerung des Heeres um ein Viertel verlangte. Die Loyalität der Freikorps zur Weimarer Republik ging gegen Null, für sie galt noch der Treueeid auf den abgedankten Kaiser; im übrigen waren sie meist nach Führerprinzip auf ihren Kommandeur und Namensgeber eingeschworen. Ihre Zerschlagung war absehbar geworden.

27. Januar 1920: Berthold schrieb über die Feier zu Kaisers Geburtstag; er wollte ihn wiederhaben. (Gengler*)

8. März: Gustav Stresemann sprach im Hotel »Stadt Lüneburg« in Stade vor über 1000 Zuhörern.

Die »Eiserne Schar« hätte am 15. März entwaffnet und aufgelöst werden sollen, um anschließend Dienst zu tun bei der Kolonisation in Pommern. Das II. und das III. Bataillon widersetzten sich, unterstellten sich dem Befehl Bertholds und schlossen sich der 3. Marinebrigade Loewenfeld in Zossen an, mit der Berthold die Übernahme ausgehandelt hatte. Am 13. März sollte der Transport losgehen. Berthold unterstellte sich dem Befehl des Generals von Lüttwitz.

Berthold zu Oberarzt Dr. Freudenberg: »Wir haben Befehl von Lüttwitz, nach Zossen, Tagesziel sei Harburg, um zu sehen, wie die Haltung der Pioniere wäre.« Gemeint war das Reichswehr-Pionierbataillon Nr. 9. Am 12. März erteilte das Generalkommando VI Abwicklungsstelle Stade Major Hueg vom Pionierbataillon den Befehl, die Baltikumer zu entwaffnen, wenn sie in Harburg eintreffen. Diese hätten Befehl gehabt, sich in Harburg zu bewaffnen, nach Moorburg zu marschieren und dort überzusetzen, erklärte Major Hueg später.

Kaserne Schwarzer Berg (Foto: urian)
Ehemalige Kaserne am Schwarzen Berg

■ Sonnabend, 13. März

Putsch in Berlin: Am Morgen erfuhren die Hamburger von der Erhebung gegen die Reichsregierung und der Ernennung des Generallandschaftsdirektors Wolfgang Kapp zum Reichskanzler. Ausrufung des Generalstreiks: Seit Mittag lagen fast alle Betriebe, Behörden und Verkehrseinrichtungen still.

Bertholds Truppen marschierten am Nachmittag von Drochtersen nach Stade ab. (Gengler) – »Bereits der Transport von Drochtersen nach Stade machte Schwierigkeiten. Der geforderte Extrazug der Kehdinger Kreisbahn musste unter Waffendrohung vom Kreisbahndirektor Merk erzwungen werden. In Stade langte man am Abend des 13. an und bezog im Gymnasium Quartier.« (H. J. Schulze*) – »Postamt und Telegraphenraum, Rathaus und Bahnhof wurden besetzt.« (Gengler)

Dr. Hirschfeld und SPD-Bürgervorsteher Gehrmann zertrümmerten eine Scheibe der Filiale der Hannoverschen Bank und nahmen den Kommandeur des Pionierbataillons, Major Hueg, gefangen (H. N. am Mittag*). Zum neuen Führer der Pioniere (Soldatenrat) wurde Offiziersstellvertreter Anders gewählt. Arbeiter zogen vor die Kaserne, verlangten Waffen und bekamen sie. In der Nacht zum Sonntag bereits Zusammenstöße zwischen Einwohnerwehr und Bevölkerung; Schießereien: zwei Tote (H. N. am Mittag)

■ Sonntag, 14. März

Bataillon Balla erhielt den Befehl, von Stade abzurücken – noch unklar, wozu (Untersuchungsrichter 23.10.20) Laut Gengler streikten die Eisenbahner; jedenfalls behalfen sich die Baltikumer beim Transport selbst.

»Ausdrücklich möchte ich noch betonen, dass allgemein bei den aus Harburg eintreffenden Leuten die Ansicht verbreitet war, dass der Abtransport aus Stade nach Harburg auf Befehl des Generals Nebel, Kommandeur des VI. R. K. erfolgt ist, also von einer Befehlsstelle der verfassungsmäßigen Regierung und auch von dem General Nebel mit dem Pionier-Bataillon in Harburg vereinbart worden sein soll, dass der Transport in Harburg bewaffnet werden sollte, und dass nun damit die Schuld an dem Vorkommnis in Harburg in aller erster Linie die Regierung selbst bzw. deren Vertreter den General Nebel treffe.« (Baltikumer)

Die Beschaffung eines Zuges macht Probleme. Am Bahnhof Stade kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen den Baltikumern und den Einwohnern.

600 Mann starkes Bataillon (Untersuchungsrichter; H. J. Schulze) – 600 Mann mit 200 Gewehren (Staatsanwalt) – 700 Mann (Könke*) – 900 Mann Baltikumtruppen (Bericht des Polizei-Inspektors Wasmuth vom 16.3.20) – 800 Mann mit 300 Gewehren (Gengler) – 780 Mann (H. N. am Mittag) – 400 Mann (Lohmann*) – »Wir waren 600 Mann und hatten noch 75 Gewehre und 6 Maschinengewehre.« (Unteroffizier Leonhard Pfeiffer, Baltikumer) – Laut Gengler verfügte die »Eiserne Schar« noch über 100 Gewehre und zwei leichte Maschinengewehre.

»3.45 nachmittags ging der Transportzug der Bataillone Berthold, Balla und Liebermann in Richtung nach Hamburg ab.« (Baltikumer)

»Ein Hauptmann Rohlfs von den Pionieren versuchte nun, Berthold aus Harburg herauszuhalten, oder doch ihn zu bewegen durchzufahren. Berthold indessen hatte offenbar Anweisung, sich um die Pioniere zu kümmern und bestand auf dem Halt in Harburg. Auf den Rat von Rohlfs steig man in Hausbruch aus und nahm ein einer Heimfelder Schule Quartier.« (H. J. Schulze)

Die Begegnung mit Rohlfs fand unterhalb der Station Neugraben statt. Weiterfahrt bis Hausbruch, etwa zwei Kilometer oberhalb von Harburg (Baltikumer).

Rolfs gegenüber erklärte Berthold, dass er das Pionierbataillon nicht in seinem Rücken lassen könne und deshalb in Harburg einmarschiere. Rolfs empfahl die Schule an der Woellmerstraße als Quartier. (Harburgs Oberbürgermeister Denicke) – Berthold zu Rolffs: »Wenn das Bataillon [Pioniere] zur alten Regierung halte, müsse er es eben entwaffnen!« – Rolffs bat, vor Harburg auszusteigen und in der Mittelschule Quartier zu beziehen. (Staatsanwalt)

In Harburg-Unterelbe wird die Fahrt unterbrochen, weil die Eisenbahner den Weitertransport verweigern. Möglich auch, dass Berthold, der Führer des Detachements, Befehle für Harburg hatte. (Untersuchungsrichter) – Berthold hatte keinen Befehl für Harburg, sagte sein Adjutant Philipp.

»Obwohl mehrfach eindringlich vor Harburg gewarnt und von Oberst von Wangenheim, der das Detachement gern zur Verstärkung an sich gezogen hätte, zum Übergang nach Altona aufgefordert, ließ Berthold wegen der anbrechenden Dunkelheit, des Fehlens von Schiffen für den Transport nach Altona und in Ermangelung einer geeigneteren Unterkunft das Bataillon zur Übernachtung in eine Heimfelder Schule einrücken.« (Loose*)

Der Zug hielt zwischen Hausbruch und Unterelbe (Gengler); an einem Bahnübergang zwischen Hausbruch und Unterelbe (Leutnant Kurt Samuelsen, Baltikumer). – »Beim Zuge blieb Oberleutnant Lorenz als Transportführer nebst einigen Offizieren und einer Bewachung von etwa 80 Mann zurück.« (Baltikumer) – Laut Gengler sichert Lt. Dütsch den Zug.

Die Baltikumer ziehen »mit Sang« in die Stadt – »dann ging es unter Sang und Klang in die Stadt Harburg hinein, ein Beweis dafür, dass wir nichts Feindliches gegen Harburg im Sinne hatten«: »Wer uns nicht liebt, soll sterbend unterliegen!« (aus dem Lied der Eisernen Division). Sie bezogen Quartier in der Schule. »Der von frohen Soldatenliedern begleitete Marsch sollte der letzte sein für Berthold und für seine stolze Schar: es war ihr Marsch in der Tod! In die Falle von Rotmord!« (Gengler) 15 Minuten Marsch vom Zug nach Heimfeld.

In der Schule waren Licht- und Wasserzufuhr gesperrt (Gengler). Die Schule liegt ganz frei, die nächsten Häuser liegen über 100 Meter entfernt. Posten der Baltikumer an der Straße vor der Schule stehen Posten der Pioniere gegenüber. Verhandlungen mit dem Pionierbataillon, ob es sich anschließen wolle.

»Abgesandten der Pionierleitung und dem Harburger Oberbürgermeister Denicke erklärte Berthold, dass er mit der Harburger Bevölkerung und Einwohnerwehr nichts zu tun haben, sondern alsbald nach Zossen weiterziehen wolle. Allerdings sei für einen sofortigen Abzug die Wiedereinsetzung des Kommandeurs der Pioniere Major Hueg und seines Stabschefs Hauptmann Curtze – sie waren wegen ihrer Bereitschaft zur Ausführung von Befehlen Lüttwitz’ und Wangenheims in Haft genommen worden – Bedingung.« (Loose)

»Darauf versuchten die Arbeitervertreter, die Pioniere zum Vorgehen gegen den Verband Berthold zu bestimmen. Diese fühlten sich nicht stark genug, ließen aber dann die Waffenausgabe an Arbeiterwehren zu.« (H. J. Schulze) OB Denicke weiß nicht, auf wessen Befehl die Waffen ausgegeben wurden. Es gab sie für jeden, der sich meldete, nicht nur für die eingeschriebenen Mitglieder der Einwohnerwehr.

Foto: urian
Ehemalige Mittelschule in Heimfeld

»Nacht vom 14. zum 15. verlief ruhig, bis auf einige Schreckschüsse« (Lt. Samuelsen); »Postengeplänkel« (Gengler). – »Gegen 8 Uhr abends wurde das Fallen vereinzelter Schüsse sowie abgefeuerter Leuchtpatronen wahrgenommen.« (Baltikumer) – Gegen 9 Uhr abends erst lässt Berthold den Zug halten. (Gengler)

11 ½ Uhr abends wurde OB Denicke vom Direktor der Hannoverschen Bank, Kommerzienrat Weber, auf Gesuch der Gewerkschaften telefonisch gebeten, zu vermitteln. Begab sich zur Kaserne. Nahm den Adjutanten des Bataillons, Leutnant Bülle, mit. Passierte bald nach Mitternacht die Posten und ging in die Schule. Wurde an den Kellerraum, die Wohnung des Schulwärters, verwiesen, wo Berthold sein sollte. Der schlief bereits in der Küche des Schulwärters. Wurde geweckt. Denicke wartete. Berthold sagte, »dass er jedenfalls Harburg erst dann verlassen könne, wenn er – diesen Ausdruck gebrauchte er wiederholt – zu einem ›Arrangement‹ mit dem Pionierbataillon gekommen sei«; er habe für »Ruhe und Ordnung« zu sorgen; bis Mittag wolle er sich jedenfalls ruhig verhalten. Dauer der Unterredung: eine Stunde. Als Denicke ging, wartete bereits der Leutnant der Reserve Max Thörl, um im Auftrag des Führers der Einwohnerwehr, Hauptmann a. D. Graepel, mit Berthold zu verhandeln.

■ Montag, 15. März

Angriffe von Arbeitern auf die Schule vermutlich unter Beteiligung von Pionieren und Einwohnerwehr. (Untersuchungsrichter) Frage: War der Angriff der Arbeiterschaft organisiert?

Vormittags: Verhandlungen zwischen Berthold und den Militär- und Zivilbehörden sowie Gewerkschaftssekretär Otto Adler. »Die Verhandlungen verliefen glatt.« (Lt. Samuelsen). – »Um 8 Uhr erschienen Vertreter der Stadtverwaltung, der meuternden Pioniere und ›klassenbewussten Arbeiterschaft‹, die den Juden Adler präsentierte.« (Gengler) – »Um 9 Uhr kam dann eine Abordnung der Stadtverwaltung Harburg, mit der der Hauptmann verhandelte.« (Uffz. Pfeiffer)

Verhandlungen um 8 ½ Uhr (Staatsanwalt) / 9 Uhr (OB Denicke) im Lehrerzimmer der Mittelschule. Anwesend: Denicke und Kommerzienrat Weber, der Vorsitzende des Arbeitgebervereins Direktor Dr. Kuhlemann und der Geschäftsführer des Vereins Dr. Verheimb, der Führers der Einwohnerwehr Hauptmann a. D. Graepel, sein Stellvertreter Wodrig, Justizrat Palm, Otto Adler und andere Zivilisten, Hauptmann Cordts vom Pionierbataillon, Leutnant Bülle, der Waffenmeister, zwei Unteroffiziere sowie Hauptmann Berthold.

Berthold forderte, die Waffen müssten zurückgegeben, die alten Bataillonskommandeure wieder eingesetzt werden. »In besonders scharfer Weise missbilligte der Hauptmann Berthold dann noch, dass die deutschen Truppen bei Ausbruch der Revolution ihren dem obersten Kriegsherrn geschworenen Eid gebrochen hätten.« (OB Denicke) Dauer der Verhandlungen: bis 10 Uhr. Die Pioniere blieben noch zu weiteren Verhandlungen zurück. Ergebnis: Sie verhalten sich neutral, Berthold zieht am Nachmittag ab.

10 Uhr: Beginn des am Sonntag beschlossenen Generalstreiks. Bis 11 Uhr: Zugänge von der Kaserne bis zur Schule gesperrt; dann Absperrungen aufgehoben.

Montagvormittag »sammelten sich große Menschenmengen« vor der Mittelschule. »Immer toller wurden die Massen von jüdischen und marxistischen Rednern aufgepeitscht, so dass immer mehr ausgestellte Posten angepöbelt und angegriffen wurden. […] hinter Frauen wurden Maschinengewehre herangetragen«. (Gengler) – »Es begann bald nach 10 Uhr vormittags eine Schießerei« – bis gegen Abend. (Insp. Wasmuth)

11 Uhr vormittags wurde eine Baltikumer-Abteilung zum Transportzug geschickt, um Lebensmittel zu holen; wurde von der Einwohnerwehr aufgehalten. (Lt. Samuelsen) Kurz vor 12 Uhr, nach den Verhandlungen, fiellen die ersten Schüsse.

»Um ½ 12 versammelte sich vor der Schule eine große Menschenmenge. Die Weiber standen vorn, hinten standen Arbeiter mit Gewehren. Dies letztere merkten wir zunächst noch nicht. Der Hauptmann [Berthold] hielt eine Ansprache etwa des Inhalts, dass wir nichts im Schilde hätten, dass wir kein Blut vergießen wollten und friedlich sein. Als der Hauptmann geendet hatte, brachte die Menge drei Hurrahs aus und schien völlig zufrieden. Als der Hauptmann, der etwa 200 Meter vom Schulhaus entfernt stand, sich entfernen wollte, drängten plötzlich bewaffnete Arbeiter vor mit den Rufen: ›Haut ihn, schlagt ihn tot‹ usw. Darauf schoss einer von uns, ich glaube ein Unteroffizier Schmidt, der sich wie auch ich in Begleitung des Hauptmanns befand, einen Schreckschuss in die Luft ab. Darauf ging eine wüste Schießerei von Seiten der Arbeiter los. Wir erreichten noch die Schule, die drei Maschinengewehrschützen, die vor dem Portal Wache standen, wurden erschossen. Wir sahen ein, dass es gar keinen Zweck hatte, das Feuer zu erwidern. Der Hauptmann selbst verbot streng zu schießen.« (Uffz. Pfeiffer)

Berthold spracht zu der Menge, hatte fast den Erfolg, dass sie auseinandergehen, »einige Hetzer reizten das Volk jedoch wieder auf.« (Lt. Samuelsen)

Gegen Mittag: »roter Demonstrationszug«. (Gengler) – Baltikumer holten schweres Maschinengewehr aus der Schule und schossen. Bereits nach einigen Minuten: drei Tote und 20 Verwundete. Kampf dauerte bis sechs Uhr abends. (H. N. am Mittag) – Nur drei Tote im Gefecht, die übrigen wurden »auf grauenvollste Art und Weise« ermordet (Staatsanwalt).

Kurz nach 12 Uhr: einzelne Patrouillen der Baltikumer aufgegriffen und misshandelt; Pioniere versuchten, einen Unteroffizier zu retten, brachten ihn in ein Lokal, wo er jedoch weiter misshandelt wurde und mit »eingetretenem Brustkasten« starb. (H. N. am Mittag)

12 ½ Uhr: ein Sturmangriff gegen den Haupteingang der Schule scheiterte. »Von da an wurde nur noch ein Feuergefecht geführt, anschwellend und wieder abflauend. Das Gymnasium wurde von Kugeln durchsiebt, die Wasserleitung durchschossen.« (Lt. Samuelsen) – »An der Schule war kein Fenster und kein Ziegel mehr ganz.« (Baltikumer) – »MGs hämmerten gegen die abbröckelnden Mauern der Mittelschule, rissen die Fenster und Türen heraus und zersplitterten die Fenster in tausend Scherben.« (Gengler)

Verhandlungen bis Montagnachmittag: »Anscheinend war auch eine Einigung zustandegekommen.« – »Schon im Lauf des Tages gab es eine Anzahl von Toten und eine größere Anzahl von Verwundeten.«

Die Verwundeten wurden im Keller der Schule versorgt. »Im Keller stöhnten die dürstenden Verwundeten.« (Gengler) – »Die Kellerräume füllten sich immer mehr mit Verwundeten, so dass die Ärzte kaum die Arbeit bewältigen konnten.« (Baltikumer)

»Um ½ 3 Uhr hängten wir eine Tafel heraus mit der Aufschrift ›Feuerpause zum Verhandeln.‹ Die Schießerei wurde nur noch heftiger.« (Uffz. Pfeiffer) – »Nachmittags 3 Uhr hatten wie eine Schultafel zum Fenster hinausgehängt, worauf wir mit Kreide die Aufforderung geschrieben hatten, mit uns zu verhandeln. Dies hatte aber gar keinen Erfolg.« (Baltikumer) – Abends »Holztafel«, Aufschrift: »Waffenstillstand zu Verhandlungen!« Wurde heruntergeschossen. (Gengler)

Vor der Schule: Steine flogen, Berthold versuchte zu besänftigen; sollte die deutsche (schwarz-weiß-rote) Flagge einholen (H. N. am Mittag). – »Es erschienen einige in Matrosentracht gekleidete, verbrecherisch aussehende Individuen, die die Einziehung der schwarz-weiß-roten Fahne verlangten; ein besonders roher Patron wollte gar Lt. Philipp die Achselstücke abreißen, erhielt aber eine saubere Antwort durch einige Ohrfeigen. Knirschend zog er mit seinen Kumpanen ab.« (Gengler)

Sechsmal wurde die Menge zurückgedrängt. Unterdessen war der Zug der Baltikumer auf dem Gleis in Bostelbeck überfallen worden, die 300 Mann Besatzung flohen in die Haake. (H. N. am Mittag) – Gegen 2 Uhr macht Lt. Dütsch mit 25 Leuten und einem MG einen Ausfall, stößt durch einen Wald gegen die Schule vor, wird gestellt. Nur fünf Mann und der Leutnant überleben und fliehen zurück zum Transportzug, wurden aber festgenommen. (Gengler)

Bootsmann Adolf Bartmann iwar mit Seuffert und zwei anderen, von denen einer von der Kripo war, mit dem Auto zu Hauptmann Meyn und Oberst von Wangenheim nach Altona gefahren, damit diese Befehl geben, die Schießerei zu beenden. Daraufhin wurde ein Flieger losgeschickt, der den Befehl abwarf. (Aussage Bartmann)

»Um ½ 4 Uhr hissten wir die weiße Fahne. Auch dies hatte keinen Zweck.« (Uffz. Pfeiffer) – 5 – ½ 6 Uhr weiße Flagge. Flugzeug warf Flugblatt ab. (Baltikumer) – »Gegen 6 ½ Uhr abends erschien über dem Kampfplatz ein Flieger«. (Insp. Wasmuth) – In der Stader Straße fiel ein Schuss. „Platz frei – es wird geschossen!« rief Berthold. (H. N. am Mittag) – 5 Uhr: neue Verhandlungen, weiße Fahne, Schießerei der Arbeiter (Lt. Samuelsen). – »Um 5 Uhr 30 kreiste ein Flieger über uns, der angeblich von der Division kam, um uns eine Meldung zu bringen. Die Arbeiter sagten später, sie hätten die Meldung abgefangen.« (Uffz. Pfeiffer)

Befehl zum Abmarsch aus dem Flieger erhalten. (Lt. Samuelsen) – 6 Uhr weiße Fahne – Feuerpause (Gengler). – 6 Uhr: Waffenruhe. Unterhändler der Arbeiter kamen. Ein Flieger warf einen Befehl ab, die Baltikumer sollten die Waffen niederlegen und nach Altona zu Oberst von Wangenheim kommen; freier Abzug nach Moorburg zugesichert. (Lt. Samuelsen).

Unter dem Schutz der weißen Fahne gingen die Arbeiter zur Schule – und stürmten das Haus. (H. N. am Mittag) – »[…] dass im Bolschewisten bereits die blutdürstige Bestie wach geworden war, die nicht mehr anders als durch Mord befriedigt werden konnte.« (Gengler)

6 Uhr abends bat Berthold um Verhandlungen. Ergebnis: freier Abzug nach Abgabe der Waffen. (Untersuchungsrichter) –  6 Uhr: »Die Truppen traten darauf unter Führung der Offiziere vor der Schule an, und zwar ohne Waffen. Jetzt drängte aber die Menge gegen die Truppen an und besonders die Offiziere wurden sogleich ergriffen und misshandelt. Plötzlich begann auch Maschinengewehrfeuer auf die entwaffneten Truppen, die unter dem Rufe: ›Verrat!‹ in die Schule zurückeilten. Es gelang den Führern der Belagerer dann, die Truppen abzuführen, wobei indes die wütende Menge diese vielfach misshandelten.« (Staatsanwalt)

»Nunmehr [nach dem Flieger] stellten die Belagerer die Schießerei ein und sandten einen Parlamentär, später auf Verlangen des Hauptmanns eine Abordnung. Mit dieser wurde vereinbart, dass wir die Waffen abgeben und unter dem Schutze der Einwohnerwehr zum Transportzug geleitet werden sollten [nach anderer Version: zur Kaserne]. Darauf gaben wir sämtliche Waffen ab. Dann marschierten wir in Gruppenkolonne aus dem Hauptportal. Als etwa 100 Mann draußen waren, begannen die Arbeiter plötzlich mit Maschinengewehren zu schießen. Von den Herausmarschierten fielen 4 Mann. Die übrigen drängten in die Schule zurück, und die Verwundeten wurden von Sanitätsmannschaften der Stadt ins Schulhaus getragen. Nun marschierten wir wider in Gruppenkolonne aus dem Schulhaus, voran der Hauptmann. Ich befand mich ungefähr in der Mitte der Kolonne, die sich in der Richtung des Transportzuges bewegen sollte. Ich habe nun zunächst nichts von dem Hauptmann gesehen. Als wir etwa 300 m marschiert waren, sah ich unseren Hauptmann auf der Straße (Bürgersteig) tot am Boden liegen. Stiefel und Rock waren ausgezogen, der Schädel war zertrümmert. Vier Arbeiter standen dabei und riefen: ›Hier liegt Euer Hund, da guckt ihn noch mal an, da könnt Ihr ihn noch mal sehen.‹ Später erzählten mir die vorderen, dass etwa 10 Arbeiter auf ihn zu gesprungen seien, der Hauptmann habe versucht, zu entkommen, sei links in ein Haus gesprungen und sofort gepackt und auf der Straße erschlagen worden.« (Uffz. Pfeiffer)

Berthold ging als Parlamentär zu den Arbeitern. Er »erwiderte ungebührliche Fragen und Bedrohungen mit einem kühlen Lächeln und traten in Haus zwecks Verhandlungen mit seinen Gegnern. Plötzlich gab jemand einen Gewehrschuss auf ihn ab, und er stürzte, schwer verwundet nieder. Dessen ungeachtet stürzten sich Leute auf den Schwerverwundeten und schossen ihre Revolver auf ihn ab. Nun begann auch die umstehenden Menge an dem Toten seine [!] Wut auszulassen. Ein Arbeiter rühmte sich nachher, seinen Gewehrkolben am Kopf des Hauptmanns abgeschlagen zu haben. Frauen schnitten dem Führer die Gurgel durch.« 40 Baltikumer ließen sich entwaffnen. Die Arbeiter schossen und schlugen auf ihn ein. »So lag nachher noch ein junger Baltenkämpfer, dem ein Gewehrlauf im Auge steckte. Sechs Balten waren buchstäblich totgetreten.« (H. N. am Mittag)

»Ich [Hermann Noos, 37 Jahre, Vorarbeiter bei ›Teutonia‹, Führer der 3. Kompanie der Einwohnerwehr] und Bartmann und ein gewisser [Friedrich] Breitenfeld [Franckestr. 14], Obmann bei den Niemeyerschen Eisenwerken haben gegen 6 Uhr abends die Verhandlungen mit dem Hauptmann Berthold geführt. Dieser verlangte zunächst freien Abzug mit Waffen. Wir begaben uns zu der Menge zurück, die dieses aber entschieden ablehnte, und bedingungslose Übergabe forderte. Wir sind dann zurückgegangen und haben Hauptmann Berthold das mitgeteilt. Nach kurzer Beratung mit seinen Offizieren ging Hauptmann Berthold darauf ein. […] Er erklärte mir indessen, er bliebe bei seinen Leuten. Als die ersten draußen angetreten waren, begann plötzlich eine Schießerei und zwar aus der Menge heraus und möglicherweise auch von Truppen, die noch in der Schule waren. Bestimmt kann ich dies nicht sagen. Darauf spritze alles, was dort stand, auseinander, u. a. auch Hauptmann Berthold und andere Offiziere. Dabei muss er dann ergriffen und getötet sein. Näheres weiß ich darüber nicht.« (Noos)

Kapp-Putsch Hamburg / Harburger Blutmontag (Zeichnung: urian)

■ Bertholds Tode

»Darauf spritze alles auseinander, u. a. auch Hauptmann Berthold. Dieser wurde jedoch sofort wieder ergriffen, mit einem Kolbenhieb niedergeschlagen und mit Füßen getreten. Auch rissen sie ihm Mantel und Mütze vom Leibe. Ich habe ihn dann noch mit 5 Mann hochgehoben und wollte ihm zum Restaurant Rennbahn wegbringen. Wer mit angefasst hat, weiß ich nicht. Die Menge umdrängte uns fortgesetzt und wollte weiter auf ihn schlagen. Wir versuchten nach Möglichkeit ihn zu schützen, indem wir behaupteten, er sei schon tot. In dem Restaurant Rennbahn haben wir ihn in das Clubzimmer gebracht, das wir dann verrammelten. Die Menge drängte nach und brach die Tür zum Gastzimmer gewaltsam auf. Sie wollten dann wieder über Berthold herfallen. Ich versuchte ihnen vorzustellen, dass er doch auch ein Deutscher sei und wehrlos und dass sie das lassen sollten. Das hatte aber nur den Erfolg, dass sie erklärten, wenn ich noch einen Ton sagte, dann würden sie über mich ebenso herfallen wie über Hauptmann Berthold. Darauf erkannte ich, dass ich machtlos sei und ließ die Dinge geschehen. Sie schleppten ihn aus der Hintertür heraus. Vor der Haustür erhielt er den ersten schweren Kolbenschlag auf den Kopf. Er brach dann, von mehreren Kolbenschlägen getroffen, zusammen und lag auf der Straße. Sie traten dann mit Füßen auf ihm herum. Man sagte dann, man solle ihn noch leben lassen, der müsse noch länger gepiesackt werden. Dann wurde ihm ins Gesicht geleuchtet, und wenn er dann in seinen furchtbaren Schmerzen laut schrie, schlugen sie und traten sie wieder auf ihn ein. Schließlich schossen sie noch auf ihn. Ich bin dann weggegangen, weil ich den Anblick nicht mehr mit ansehen konnte. Unmittelbar nachdem Hauptmann Berthold bei der Schule niedergeschlagen war, trat ein Mann an ihn heran, der ihm den Mantel wegriss und eine dicke Geldbrieftasche herausnahm. Wer das war, weiß ich nicht.« (Wilhelm Henschke, 32, Arbeiter)

»Ein auffallend großer Mann, der mehrere Narben im Gesicht hat und zur Zeit auf der ›Teutonia‹ arbeitet, hatte dem Hauptmann Berthold Degen und Revolver abgenommen.« (Rudolf Kurtz, 27, Händler in Harburg)

»Die Kompagnien waren in voller Ordnung in den Gängen der Schule angetreten: Da kam Berthold die Treppe herauf. Leichenblass war er, als er die letzten Worte an seine Getreuen herauswürgte: ›Kinder, wir haben heute vergebens gekämpft! Aber ich habe freien Abzug durchgesetzt! Ich erwarte von allem Kompagnien, dass sie geschlossen und in tadelloser Ordnung den Heimweg nach Stade antreten. Dort werden wir uns dann wieder treffen. Auf Wiedersehen., Kinder!‹ […] Niemand sah die Tränen, die über seine vergrämten Züge in diesen bittersten Augenblicken seines Lebens liefen«. (Gengler).

»Als sie der Reihe nach die Schule verließen, versuchten schwerbewaffnete Arbeiter, die Offiziere von den Mannschaften abzusondern. Ein Unteroffizier der Reichswehr erfasste die Lage. Er legte Berthold seinen grauen Armeemantel über die Schultern, um zu verhindern, dass er erkannt würde. Berthold hatte erst eine kurze Strecke zurückgelegt, als ihm Matrosen und Arbeiter entgegenkamen«. (Koch*)

»Als die Truppen nach Waffenabgabe – die Offiziere voran – von Pionieren und Einwohnerwehr abgeführt werden sollten, begann ein heftiges M.G.-Feuer aus den Reihen der Arbeiterschaft auf sie. Alles flüchtete wider in die Schule. Darauf wurde – soweit ich bisher festgestellt habe – die Herausgabe des Hauptmanns Berthold gefordert. Die Menge drang anscheinend in die Schule ein. Hauptmann Berthold wurde ergriffen, seiner Kleider und allen Geldes (90.000 RM Bataillonskasse!) beraubt, geschlagen, getreten, gestochen und in der bestialischsten Weise ermordet. In ähnlicher Weise wurde Leutnant Grassmann ermordet. Ein anderer Leutnant – Leutnant Abraham? – sollte aufgehängt werden und entkam nur, weil die Menge ihn infolge der Misshandlungen für tot hielt.« (Untersuchungsrichter)

»Hauptmann Berthold, Leutnant Grassmann und Philipp, sowie der Leutnant Samuelsen wurden von der Menge sofort als Offiziere erkannt und in der nur denkbar schlimmsten Weise malträtiert. Hauptmann Berthold schleppte der Pöbel beiseite, zertraten ihn förmlich, rissen ihm den Orden Pour le mérite ab, rissen ihm seinen verkrüppelten Arm aus, verwundeten ihn mehrfach, zogen ihm sofort die Stiefel aus, schlugen ihm den Schädel mit einem Gewehrkolben ein, entwendeten ihm alle Habseligkeiten, unter anderem viel Bargeld (angeblich 90.000 Mark).« (Lt. Kimmelmann, Baltikumer)

300 Mann entkamen. Bei der Entwaffnung der verbliebenen 400 Mann: »Der Adjutant [Lt. Philipp] wurde totgeschlagen, trotzdem er bat: ›Schlagt mich nicht tot, sondern erschießt mich!‹ Ein anderer Offizier wurde aufgehängt.« (H. N. am Mittag)

Kapp-Putsch Hamburg-Harburg / Harburger Blutmontag
Das Lokal, in dem Berthold gefoltert wurde (Polizeifoto aus der Akte)

»Berthold ließ man nicht mehr los und schleppte ihn in die einige 100 m entfernte Wirtschaft ›Zur Rennbahn‹. Hier wurde er in das hinter der Gaststube gelegene sog. Klubzimmer gebracht, und zwar von etwa 5 – 7 Mann. Dort wurde er auf einen Stuhl gesetzt und einer begann eine Art Verhör mit ihm. Der Eingang zum Gastzimmer wurde verrammelt von dem Wirte [Wilhelm Brabandt]. Berthold sagte den Leute auf ihre Frage, er sei auf der Durchreise zu seinen Kameraden nach Berlin. Unterdessen wurde die Menge im Gastzimmer und draußen ungeduldig und drang durch einen zweiten Eingang vom Hausflur her in das Klubzimmer ein. Die eingedrungene Menge verlangte, dass er ferner vorgeführt und getötet wurde. Berthold sagte nur: ›Kinder, macht mit mir, was ihr wollt.‹ Er wurde von den Leuten ergriffen und durch den Hausflur auf die Straße geschleppt. […] Als Berthold die Straße betreten hatte, erhielt er den ersten Schlag mit einem Gewehrkolben auf den Kopf. Man nahm ihm dann einen kleinen Revolver ab, den er noch bei sich trug und machte Anstalten, um ihn damit zu erschießen. Indes riefen mehrere nun: ›Nicht schießen‹, wohl aus Besorgnis, die Kugeln würden von dem Pflaster zurückprallen. Darauf schleppte man ihn einige Schritte weiter auf einen ungepflasterten Platz gegenüber der Wirtschaft. Er wurde dann weiter in der rohesten Weise misshandelt; man trat mit Füßen auf ihm herum, schlug und stieß ihn; andere riefen, man solle ihn noch leben lassen, der müsse noch gepiesackt werden! Schließlich schoss man auf ihn. Er erhielt zwei Kopfschüsse, 4 Brustschüsse, 1 Bauchschuss und Zertrümmerung des Rückenmarks. Sowohl letzteres wie der Kopfschuss waren tödlich. Die Leiche Bertholds wurde dann auf Veranlassung des Wirts zur Rennbahn von Leuten der Einwohnerwehr in die Wirtschaft geschafft, da sonst die wütende Menge sie völlig zerfleischt hätte.« (Staatsanwalt)

»Berthold wurde in widerwärtiger Weise umgebracht.« (Loose)

»Einer von denen [Matrosen und Arbeiter] erkannte ihn [Berthold] am Pour-le-mérite. Sie fielen über ihn her, er wehrte sich, er schlug um sich, ein Kolbenhieb auf seinen bloßen Kopf ließ ihn umsinken. Er zog mühsam den Säbel, den er noch umgeschnallt hatte, doch wurde der ihm entrissen. Er, halben Leibes an einen Laternenpfahl gelehnt, kämpfte um den Orden. Man riss ihn herunter, sie trampelten ihm auf die Beine, sie zerrten ihm den Rock ab, sie brachen ihm den mehrfach zerschossenen Arm. Berthold entriss einem Matrosen die Pistole, schoss ihn nieder, sie stürzten sich auf ihn, ein Messer gleißte, zerschnitt ihm die Kehle. Langsam verröchelte er, einsam, kämpfend, in den Kot getrampelt. Seine Mörder teilten sein Geld.« (Ernst von Salomon* [25.9.1902 Kiel–9.8.1982 Winsen/Luhe], beteiligt an der Ermordung von Walter Rathenau)

Berthold wurde die Pistole gelassen, sagte Bartmann, »eine große Mauserpistole«.

»Der Hauptmann Berthold soll von einer Gruppe Männer zunächst ›verhört‹ sein, dann ist er durch mehrere Schüsse niedergestreckt und mit Füßen getreten, so dass sein Gesicht stark entstellt ist. Er ist als Leiche vom Platze getragen. Ferner ist der Versuch gemacht, einen Offizier an einem Baum aufzuhängen [Abraham]. Es ist der Einwohnerwehr gelungen, diesen Mann der wütenden Menge zu entreißen. Er musste sich totstellen und ist auf einer Leichenbahre noch lebend in das Krankenhaus gebracht worden. Lebensgefahr besteht nicht. Im städtischen Krankenhause liegt ferner ein Offizier, der annähernd 200 Messerstiche davongetragen hat [Hamacher].« (Insp. Wasmuth)

Kapp-Putsch Hamburg-Harburg / Bertholds Tod
Der Platz, auf dem Berthold starb (Polizeifoto)

»Die zwischen Berthold und den Vertretern des Pöbels getroffenen Abmachungen sollten in dem Lokal ›Zur Rennbahn‹ schriftlich niedergelegt werden. Der Weg in dieses Lokal führte über den Platz, der ganz von den aufgeputschten, blutgierigen Massen besetzt war. […] Dutzende von Gewehrkolben splitterten auf dem Haupte des Unglücklichen, Schüsse krachten, aus nächster Nähe abgefeuert, Dolche und Messer wurden in den erhaltenen Leib des Helden gewühlt. Seine Uniform riss man ihm vom Leib, seine Orden, sein kleines Armband, seine durchbohrte Brieftasche wurden sofort gestohlen. Vertierte Weiber rissen ihm den gelähmten rechten Arm aus dem Gelenk […] Starke Kratzwunden am Hals, eine von furchtbaren Kolbenschlägen zertrümmerte Schädeldecke, 7 Einschüsse in Kopf, Brust und Rücken, alle von hinten, ergab der spätere Sektionsbefund der Leiche Bertholds.« (Gengler)

Der Leutnant, der gehängt werden sollte, hieß Kurt Samuelsen [z. Zt. Münster], sagt Lt. Christian Philipp, 27 Jahre, z. Zt. Auerbach, am 4.11.1920 aus. Samuelsen lebte noch und machte eine Aussage. – Auf einem Baum vor dem Haus Heimfelder Straße 15 saß ein 14-jähriger Junge. Er hatte einen Strick, an dem die Menge versuchte, Leutnant Samuelsen hochzuziehen. Der Strick riss. Samuelsen entwich nach drei Tagen aus dem Krankenhaus; lt. Erwin Vaillant, 38, praktischer Arzt in Harburg wurde er nach zwei Wochen entlassen. (Staatsanwalt)

»In ihrem grenzenlosen Offiziershass stürzten sich diese Halunken, für deren Hals hoffentlich auch heute noch ein Strick bereitliegt, auf Bertholds Adjutanten, Lt. Philipp, allen voran ein riesiger Matrose, den Philipp schon einmal zurechtgewiesen hatte; man stellte den bereits verwundeten Offizier an eine Mauer, um ihn zu erschießen, er fiel um und erhielt noch einen schweren Rückenschuss. Lt. Graßmann wird mit dem Gewehrkolben erschlagen, Lt. Samuelsen, den man an seinem Mantel erkannt hat, soll aufgehängt werden, aber zweimal reißt der Strick ab und man schlägt das Opfer der roten Willkür ohnmächtig«. (Gengler)

Aussage von Kupferschmied Johannes Bremer, Zugführer der Volkswehr. »Am Nachmittag erhielt ich den Befehl, der Wilhelmsburger Einwohnerwehr entgegen zu gehen, um diese rascher an den Kampfplatz zu bringen. Ich ging zu diesem Zweck nach der Kaserne hin. Als ich dort ankam, wurde mir dort mitgeteilt, die Truppen hätten sich ergeben, es hätte keinen Zweck mehr. Ich bin dann durch den Postweg zurückgegangen, um zu meiner Wohnung in die Grumbrechtstraße zu gelangen. Als ich an der Gastwirtschaft ›Zur Rennbahn‹ vorbeikam, war dort ein großer Menschenauflauf, die mir auf Befragen erklärten, der Hauptmann Berthold sei in der Wirtschaft und sie wollten ihn heraushaben. Ich bin dann mit einigen andern, die ich nicht kenne, durch die Haustür und die Hintertür zur Wirtschaft in das Clubzimmer gedrungen. […] In dem Clubzimmer standen vielleicht 50 Mann um Hauptmann Berthold herum. […] Dort saß Hauptmann Berthold auf einem Stuhl, ihm gegenüber ein Mann, der ihn verband. Ich frug ihn, wer ihn beauftragt habe, Hauptmann Berthold zu vernehmen. Da ich darüber keine Auskunft bekommen konnte, habe ich Hauptmann Berthold mit einen andern durch die Hintertür aus dem Clubzimmer herausgebracht. Ich hatte die Absicht, ihn auf die Kasernenwache zu bringen. [….] [Berthold] ist mir dann freiwillig gefolgt. Er antwortete mir auf meine Frage, ob er mitgehen wolle: Ja. Ich habe ihn nicht angefasst. Ich habe nicht gehört, dass er gesagt hätte: ›Macht mit mir, was ihr wollt.‹ Ich habe nicht gesehen, dass Hauptmann Berthold schon blutete. Er hatte allerdings keine Mütze mehr auf. […] Als wir auf die Straße kamen, war diese inzwischen auch da angefüllt, wo ich aus der Haustür herauskam. Vorher war sie dort noch leer gewesen. Im Augenblick des Heraustretens wurde von drüben ›Platz, Platz‹ gerufen. Ich nahm an, dass man mit Handgranaten auf Hauptmann Berthold einwerfen wollte und ließ deshalb zur Seite. Als ich keine Detonation einer Handgranate hörte und zurückkommen wollte sah ich, wie Hauptmann Berthold bereits niedergeschlagen war. Ich sah dann, wie sie auf ihn einschlugen. Er lag platt auf der Straße. Es wurde immer gerufen, es solle doch von ihm abgelassen werden, er müsste noch länger leben, denn er müsse noch ordentlich gepiesackt werden. (Letztere Aussage streitet Bremer nach Verlesung des Protokolls wieder ab; cf. Aussage Henschke.) Ich habe dann noch gesehen, wie mit einem Revolver auf Hauptmann Berthold geschossen worden ist. […] Ich sah auch, wie einer ihm die Stiefel abnahm.« (Bremer)

Im Clubzimmer befanden sich laut Bartmann 50 bis 60 Leute. Sie drohten Bartmann und schlugen ihn mit einem Gummischlauch über den Kopf. »Ich sah also, dass ich machtlos war und bin, während sie Hauptmann Berthold herausbrachten, in die Gaststube gegangen und habe ein Glas Bier getrunken.«

Bremer verließ die Wirtschaft mit Berthold und Begleitern auf dem Weg nach der Privatwohnung des Wirts nach der Franckestraße zu. Dann: »Handgranaten«-Vorfall. Aussage Bremer: Berthold sei mit einer kleinen Pistole (Browning) erschossen worden, die man ihm tatsächlich nicht abgenommen hatte. – »[…] es wurde erzählt, dass ein Obermaat den Hauptmann Berthold erschossen hat und dass dieser Obermaat ihm auch die 90.000 Mark weggenommen hat […] ein großer, breiter Mensch, der sich besonders bei den Kämpfen hervortat« (Hans Wilhelm Nestler, Baltikumer)

Gärtner Eduard August Heinrich Henne (*15.6.1891, verheiratet, zwei Kinder) soll Zeugen gegenüber behauptet haben, er habe Berthold ergriffen und dessen letzte Worte seien gewesen: Major Hueg habe ihn im Stich gelassen. Henne habe den Zeugen die Mütze des Hauptmanns gezeigt (Protokoll 5.11.1920). – »Neben Hauptmann Berthold stand ein gewisser Bartmann und ein Arbeiter Henne aus der Niemannstraße 32. Bartmann sagte noch, sie sollten den Hauptmann Berthold zufrieden lassen, er solle ins Untersuchungsgefängnis gebracht werden.« (Kurtz)

Der Pelz des Hauptmanns war auch verschwunden. – Asservat: Patrone aus Bertholds Pistole, entladen vom »Chauffeur Noos« am 15. März.

Harburger Blutmontag (Foto: urian)
Projektil als Asservat im Landesarchiv Stade

Nachher

Die Truppen wurden durch die Grumbrechtstraße nach Sanssouci abgeführt. »Von den Truppen wurden je etwa 160 Mann in den Wirtschaften Sanssouci und Gambrinus [Wirt Emil Glische, Eißendorferstraße 2-4] untergebracht.« (Staatsanwalt)

»Auf dem Wege etwa 100 m von der Schule weg, sahen wir einen Menschen in Uniform, halb auf dem Trottoir und halb auf der Straße liegen. Ein Arbeiter leuchtete ihn an und sagte, das ist Euer Hauptmann. […] [in der Wirtschaft] gegen 8 Uhr abends […] als ein Arbeiter in meinem Alter auf uns zukam, uns ein Gewehr mit abgeschlagenem Kolben zeigte, an dessen Schloss Blut klebte. Er sagte zu uns, damit ist euer Hauptmann erschlagen worden. […] Bei diesem war noch ein anderer Arbeiter, dieser nahm aus der Hosentasche die mir wohlbekannte Brieftasche des Hauptmanns Berthold heraus und fragte mich, kennst du die Brieftasche noch? Ich bejahte. Dann zog er den Pour-le-mérite samt Band aus der Tasche und zeigte ihn mir, mit den Worten, das sei der Verbrecher-Orden. […] Wir fuhren dann im Auto nach Hamburg. Dort sah ich die Leiche des Hauptmann Berthold wieder. Der Schädel war eingeschlagen und die Kehle war herausgeschnitten. Wir richteten die Leiche etwas her und kam dann nach Wandsbek und dann nach Berlin, wo die Beerdigung stattfand.« (Balht Förster, Baltikumer)

»Seine Leute, die buchstäblich Spießruten laufen mussten, sahen ihn [Berthold] in der Gosse liegen, nackt, blutüberströmt, mit durchschnittener Kehle, einen Arm vom Körper abgetrennt.« (Koch)

»Der Mann, der Hauptmann Berthold den Schädel eingehauen hat, hat sich später, als die Leute bereits interniert waren, noch unseren Leuten gegenüber damit gebrüstet, mit seinem Gewehr, bei dem der Kolben abgebrochen war, den Hauptmann erledigt zu haben. Am Schloss pp. hingen noch Haare und Gehirnteile, sowie Fleischfetzen.« (Lt. Kimmelmann, Baltikumer)

Die Opfer: elf tote Zivilisten; ein Toter der Reichswehr; neun Baltikumer (insgesamt 21) »Die Zahl der Toten beläuft sich, so weit zur Zeit bekannt ist, auf 19, die Zahl der Verwundeten auf etwa 50.« (Insp. Wasmuth) – »[…] weit über 20 Todesopfer« (Loose) – »Im Ganzen verloren bei den Kämpfen 13 Zivilpersonen und 11 Militärpersonen ihr Leben. [ingesamt 24] […] Wahrend des eigentlichen Gefechts waren lediglich drei Militärpersonen gefallen. Die übrigen wurden erst nach der Entwaffnung umgebracht.« (H. J. Schulze) – 13 Ziviltote, 11 Militärs (Staatsanwalt)

Namentlich bekannte gefallene Zivilisten (13): Zank – Russmann – Lorenz – Heller – Richter – Fischer – Birkholz – Sannow – Reinking – Leye – Ozimic – Ernst Möller (*23.4.1903–†20.3.1920) – Albert August Schwindt (*17.8.1878–†20.4.1920, acht Kinder)

Gefallene Reichswehr: Büttner

Gefallene Baltikumer (10): Berthold – Hamacher (?) – Volkmann – Reuter– Czerner – Gumbmann – Behrmann/Josef Bechmann – Breu (?) – zwei unbekannte (?): Franz Numrich – Wilhelm Westphal – Paul Czerner, *3. 12. 1897 Posnitz, 2. Kurl. Inf.-Reg., †19. 3. 20 nachmittags 8 Uhr im städtischen Krankenhaus Harburg

Todesbescheinigung für Berthold von Offz.-Stellvertreter Hamacher 5. Komp. 2. Kurl. Inf.-Reg. (16. März vormittags 9 ½ Uhr): »zahlreiche Messerstiche, Verletzungen des Rumpfes, schwerste Quetschungen des Gesichts mit Nasenbeinbruch als Zeichen schwerster Misshandlungen, Fußtritte, Kolbenschläge u. dergl.« – Leichenbesichtigung eine Viertelstunde später (?); »Todes-Merkmale: Stillstand von Herz- und Lungenfunktion«; »mehrere Schusswunden, schwere Quetschungen am ganzen Körper, scheinbar durch schwere Misshandlungen hervorrufen, Fußtritte etc.« (Dr. Hansen, 16. März) – Sektionsprotokoll: vier Projektile im Körper. Zwei Kopfsteckschüsse mit Bruch der Schädelbasis (zwei Projektile); vier Bruststeckschüsse (vier Projektile); ein Bauchsteckschuss mit Zertrümmerung des Rückenmarks (kein Projektil).

18. März: Auf dem Kriminalbüro in Harburg erschienen Gewerkschaftssekretär Senator Adler, Senator Sperling und Parteisekretär Bürgervorsteher Gehrmann und erstatteten Anzeige gegen Adolf Bartmann (*6. Jan. 1888/1882 in Geestemünde, wohnhaft Kochstraße 5 / Bergstraße 5 I bei Frau Bähr, verheiratet, vorbestraft): er sollte 7.000 bis 8.000 Mark, die ihm Feldwebel Fritz Harms von den Baltikumtruppen (Bataillon Liebermann) zur Aufbewahrung gegeben hatte, unterschlagen haben. Außerdem sollte er Bertholds Brieftasche mit der Bataillonskasse gestohlen haben. »Bartmann hat mir, Gehrmann, zwei Telegramme des Hauptmanns Berthold mit dem Bemerken übergeben, er habe sie von einem Unbekannten erhalten.« Bartmann gab zu, 9000 Mark von Harms erhalten zu haben; er sollte das meiste in den Bordells in der Altonaer Peterstraße verzecht haben. Einzelheiten erinnerte Bartmann nicht, weil er zu betrunken war.

30. April: Gerüchte besagten, der Schuhmacher Adolf Glier sei im Besitz von Bertholds Pour-le-mérite-Orden. Kriminalwachtmeister Gielow fand ihn bei Glier nicht. Aber Glier gab an, »dass einige Tage nach dem Putsch ihm ein Kupferschmied Bremer in der Grumbrechtstr. wohnhaft, in dem Restaurant Sanssouci erzählt habe, er, Bremer, habe dem Hauptmann Berthold den Gnadenstoß gegeben.« – Im »Gambrinus« sollte Bremer das zerbrochene Gewehr vorgezeigt haben. Dabei hätte er erzählt, er habe Berthold beim Herausführen den Arm ausgerissen, es habe nur so geknackt. (Staatsanwalt)

4. September: In der Dreherei der Eisenbahn-Hauptwerkstätten war Bertholds Pour-le-mérite-Orden gefunden worden. Schlosserlehrling Diedrich Sandleben, 16 Jahre, lieferte ihn im Fundbüro ab.

23. Oktober: Bericht des Untersuchungsrichters.

28. Oktober: Tatortbesichtigung und Zeugenvernehmung im Restaurant »Zur Rennbahn«, Franckestraße Nr. 12. Umwandlung der Anklage von Totschlag in Mord.

29. Oktober: Otto Noack (Fischhändler, Grumbrechtstraße 62, *10. August 1880 in Spaken/Kr. Insterburg, verheiratet, vorbestraft) wurde zusammen mit Johannes Bremer (Grumbrechtstraße 62, *10. März 1885 in Harburg, Kupferschmied bei der Firma Grant seit 1898, verheiratet mit Else [37], zwei Kinder [sieben und 12 Jahre], nicht vorbestraft) des Mordes beschuldigt. Eine Zeugin sagte aus, Noack hätte den ersten Gewehrkolbenschlag gegen Berthold getan. Noack sagte, er sei nicht bei Berthold in der ›Rennbahn‹ gewesen; dem widersprach seine eigene Frau.

Ermittlungen gegen Major Hueg wegen Hochverrats. Zeugensuche: »ein angeblicher Ingenieur, in der Wallstraße wohnhaft, der als Naturheilkundiger geschildert wird, weil er nie einen Hut trage«. Ein großer Arbeiter aus den Ölwerken »Teutonia«, der mehrere Narben im Gesicht hat.

18. November: Aussage von Otto Adler.

21. Dezember: Aussage Oberbürgermeister Denicke.

11. Januar 1921: Anklageschrift von Oberstaatsanwalt Stelling.

7. Februar: Bremer und Noack wurden freigesprochen.

Protest von Bertholds Vater. Wiederaufnahmen des Verfahrens 1925/26 und 1932/33. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten tauchten neue Zeugenaussagen gegen Bremer auf. Er kam im März 1933 in »Schutzhaft«. Der Prozess wurde neu aufgerollt. Im Mai legte Bremer ein Geständnis ab; im selben Monat wurde in Harburg ein Berthold-Gedenkstein eingeweiht. Bremers weiteres Schicksal: → stolpersteine-hamburg.

Mordsache Hauptmann Berthold (Foto: urian)
Aus den 16 Bänden der Akte Mordsache Hauptmann Berthold der Staatsanwaltschaft am Landgericht Stade

Quellen

Mordsache Hauptmann Berthold in Harburg: Nds. Landesarchiv Stade Rep. 171a Stade Nr. 140 Bd. I–XVI │ Rep. 171a Stade Nr. 188 │ Rep 80 P Nr. 710 │ H[arburger]. N[achrichten]. am MittagStader Tageblatt 7.1.1920, März 1920, 7.9.1920, Okt. 1920, 21.6.1921, 8.3.1934, 15.3.1938

Literatur

▪ Adler, O.: Der Blutmontag in Harburg. Harburg o. J. [1920]
▪ Bohmbach, J.: Stade in der Weimarer Republik, in: Stade. Von den Siedlungsanfängen bis zur Gegenwart, Stade 1994
▪Gengler, L. F.: Rudolf Berthold. Sieger in 44 Luftschlachten – Erschlagen im Bruderkampfe für Deutschlands Freiheit. Geleitwort Hermann Göring, Berlin 1934
▪ Helfferich, S./J. Bohmbach: Schlemmerleben der Baltikumer traf nicht nur das Arbeiterherz. Zeitzeuge Heinz-Wilhelm Heyderich erinnert sich an die Zeit des Umbruchs, Stader Tageblatt 23.1.1999
▪ Jünger, E. (Hg.): Die Unvergessenen, Berlin 1930
▪ Koch, H. W.: Der deutsche Bürgerkrieg. Eine Geschichte der deutschen und österreichischen Freikorps 1918-1923, Berlin-Frankfurt/M.-Wien 1978
▪ Könke, G.: Arbeiterschaft und sozialdemokratische Arbeiterbewegung in Harburg 1918–1933, in: J. Ellermeyer/K. Richter/D. Stegmann (Hg.): Harburg. Von der Burg zur Industriestadt. Beiträge zur Geschichte Harburgs 1288–1938, Hamburg 1988
▪ Lohmann, H.: »Hier war doch alles nicht so schlimm«. Der Landkreis Stade in der Zeit des Nationalsozialismus, Stade 1991
▪ Loose, H.-D.: Abwehr und Resonanz des Kapp-Putsches, Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 56/1970
▪Schulze, H.-J.: Der Kapp-Putsch 1920 im Regierungsbezirk Stade, Stader Jahrbuch 1974
▪Schulze, H.: Freikorps und Republik 1918–1920, Boppard a. Rh. 1969
▪Salomon, E. v.: Die Geächteten, Berlin 1929
– (Hg.): Das Buch vom deutschen Freikorpskämpfer, Berlin 1938

Siehe auch → Kriminalgeschichten

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