Kurzfassung: Der Harburger Blutmontag

1. Der Fall

Der Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik war gewaltsam. Revolution, Aufstand, Politikermord, Putsch – die erste deutsche Republik ging hervor aus blutigen Wehen. Kaum staatsrechtlich etabliert, musste sie sich wehrhaft erweisen. Frustrierte Reichswehrgeneräle, kaisertreue Beamten und marodierende Freikorps unternahmen im Namen des Verwaltungsbeamten Wolfgang Kapp im März 1920 einen Umsturzversuch. Nicht nur am Regierungssitz in Berlin, auch in anderen Teilen des Landes kam es zu Kämpfen mit den Putschisten, so im Ruhrgebiet und in Hamburg.

Dieser Angriff auf die Demokratie wurde abgewehrt, aber die Ablehnung der Republik überdauerte. Die Nationalsozialisten stellten sich in eine Traditionsreihe mit den Kapp-Putschisten. In einem 1934 erschienenen Buch ließen sie eine der scheußlichsten Episoden des gescheiterten Staatsstreichs zur Heldenlegende verklären. Bei einem Massaker an einer Schule in Harburg kam der Anführer der Aufständischen, ein hochdekorierter Kriegsheld, um. Hauptmann Bertholds „Opfertod unter den Fäusten und Messern vertierter Rotmordbanditen“, faselte Hermann Göring im Geleitwort des NS-Gedenkbuchs, „bleibt eine ewige Schande für ein System, das dem Verbrechen feigen Untermenschentums freie Bahn gab und erst vom Freiheitssturm der Volksbewegung Adolf Hitlers hinweggefegt wurde. (…) Möge das Berthold-Buch in dieser Richtung eine Geisteswaffe jedes Deutschen werden!“

Man ist bei den Vorkommnissen des „Harburger Blutmontags“ nicht auf die Verzerrungen und Entstellungen der Legendenbildung angewiesen. In 16 Bänden ist die „Mordsache Hauptmann Berthold in Harburg“ außergewöhnlich gut dokumentiert. Gegenstand der Akte der Staatsanwaltschaft ist freilich nicht das Massaker. Allein der Tod des Fliegerhelden Berthold wurde eingehend erforscht; über die Todesarten der übrigen zwei Dutzend Opfer erfährt man nur am Rande etwas. Aber da Berthold im Mittelpunkt des Geschehens stand, ist die Untersuchung seiner Ermordung geeignet, eine Chronik des Blutbads zu zeichnen.

Akte Mordsache Berthold (Fotos: urian)
2. Stimmengewirr

An Zeugen bestand kein Mangel. Tausende waren zugegen, hunderte wurden vernommen. Über 13 Jahre sind beim Landgericht Stade Aussagen und Ermittlungsergebnisse gesammelt worden. Bisweilen hat ein Staatsanwalt oder Untersuchungsrichter den Versuch unternommen, das Stimmengewirr in einer Erzählung zu bündeln. An Schlüsselstellen aber werden die Berichte unsicher; die Entscheidung, warum die Darstellung gerade dieser und nicht einer anderen Zeugenaussage folgt, ist nicht nachvollziehbar. Das liest sich ganz stringent, die Geschehnisfolge wird ohne Zögern vorgetragen – doch Selbsttäuschung schreibt mit. Auch die Staatsanwälte und Untersuchungsrichter, die sich an dem Fall versucht haben, fanden nicht heraus, was wirklich geschehen ist.

Gewiss, sie waren vor Ort; anders als wir, die nur ihre Aufzeichnungen kennen, schrieben sie im Angesicht der Beteiligten und Zuschauer. Aber sehr viel mehr als jene zerstreuten Abrisse einzelner Blickwinkel, die sie überliefert haben, scheinen auch sie nicht in Erfahrung gebracht zu haben. Die Bruchstücke des Mosaiks passen nur mit großen Lücken. Ungenügen an der eigenen Darstellung klingt mit, wenn Oberstaatsanwalt Stelling am 11. Januar 1921, zehn Monate nach den Ereignissen, seinen grundsätzlichen Zweifel ans Ende der ersten Anklageschrift zu dem Fall setzt. Stelling glaubt, „dass viele Zeugen aus Angst ihre Aussage zurückhalten und dass viele offensichtlich mehr wissen, als sie jetzt für wahr halten wollen.“

Sichereres ist später nicht zu Tage getreten. Gerichte, Generalstaatsanwaltschaft, Preußisches Justizministerium, alle mit dem Fall befassten Instanzen legten ihn als ungelöst ab. Zwar wird im März 1933, nach Hitlers Machtübernahme, eine Aussage notiert, wonach Angst kein Hindernis mehr sein soll für die Wahrheit: Früher hätte er den Mörder nicht zu nennen gewagt, „weil ich sonst von meinen Gesinnungsgenossen erhängt worden wäre. Aber heute kann man es ja schon sagen.“ Freilich handelt es sich hierbei nur um das Gerede eines Unbekannten, das ein Kaufmann ein paar Monate vorher in einer Kneipe aufgeschnappt haben will. 13 Jahre nach den Vorfällen sind zu den verwirrten Schilderungen der Augenzeugen die kursierenden Gerüchte hinzugetreten, die den Bestand echter Erinnerungen längst überwuchert haben.

Aus tausend Akten-Seiten ist keine befriedigende Aufklärung zu erlangen. Tausende Augen waren auf das Geschehen gerichtet, hunderte Stimmen haben ihre Eindrücke überliefert. Die Überzahl an Zeichen verwischt die klare Sicht. An dieser Stelle können nur eine Spur durch das Gewirr gelegt und Eckpunkte markiert werden für eine Rekonstruktion des Massakers vom 15. März 1920, dem „Harburger Blutmontag“. Mehr noch als über die tatsächlichen Ereignisse lernt man daraus, wie unzuverlässig die Berichte darüber sind.

3. Abfahrt nach Harburg

Im Morgengrauen des Sonnabend, 13. März, besetzten die 5000 Mann der Freikorps-Brigade Erhardt das Regierungsviertel von Berlin. Wolfgang Kapp wurde als Reichskanzler proklamiert, General Freiherr von Lüttwitz ernannte sich zum Oberkommandierenden der Armee. Im ganzen Land unterstellten sich Freikorps dem Befehl von Lüttwitz und versuchten, an ihren Standorten die Kontrolle zu übernehmen oder in die Reichshauptstadt zu gelangen.

Die Freikorps waren gebildet worden, um die Revolution von 1918/19 niederzuschlagen und sollten nun, nachdem sich die politischen Verhältnisse scheinbar stabilisiert hatten, aufgelöst werden; zudem war am 10. Januar 1920 der Versailler Vertrag in Kraft getreten, der die Verringerung des Heeres um ein Viertel verlangte. Die Loyalität der Freikorps zur Weimarer Republik ging gegen Null, für sie galt noch der Treueid auf den abgedankten Kaiser; im übrigen waren sie meist nach Führerprinzip auf ihren Kommandeur und Namensgeber eingeschworen. Ihre Zerschlagung war absehbar geworden, der später so genannte „Kapp-Putsch“ sollte dem zuvorkommen.

Auch die Bataillone Liebermann, Balla und Berthold des 2. Kurländischen Regiments der „Eisernen Division“, genannt die „Eiserne Schar“, die seit Anfang Januar an der Unterelbe zwischen Hamburg und Cuxhaven, in Neuland, Dornbusch, Drochtersen und auf Kraustand lagerten, hätten am 15. März entwaffnet und aufgelöst werden sollen, um anschließend Dienst zu tun bei der Kolonisation in Pommern. Von der Bevölkerung wurden sie „Baltikumer“ genannt, weil sie noch im Vorjahr in Lettland gegen die Bolschewisten gekämpft hatten.

Das Verhältnis der Fremden zu den Einheimischen war in der Stader Region wenigstens zwiespältig. „Während der Arbeiter trotz schwerer Arbeit nicht so viel verdienen kann, um seine Familie menschlich zu ernähren, führen diese Truppen (…) teilweise ein Schlemmerleben und leben stets üppiger als der bestbezahlte Arbeiter“, hieß es in einer SPD-Eingabe an den Reichswehrminister. Die Baltikumer seien nicht entlaust, sie hätten Seuchen eingeschleppt und zögen mit „vielen verkommenen Weibern“ herum, immer bereit, von der Waffe Gebrauch zu machen. „Lediglich in Kehdingen bestand zwischen den Soldaten und der bäuerlichen Bevölkerung ein durchweg gutes Verhältnis.“ Nämlich halfen die Baltikumer dort bei der Landarbeit.

Ein Kommandant der „Eisernen Schar“, Hauptmann Berthold, knüpfte Kontakte zur den Putschisten und war über das Bevorstehen der Erhebung unterrichtet. Der 28-jährige Rudolf Berthold, Sohn eines Oberförsters aus der Bamberger Gegend, war „wahrscheinlich der am schwersten verwundete Jagdflieger des Kriegs“. 44 Abschüsse gingen auf sein Konto, seit seinem 10. Luftsieg war er Träger des höchsten Ordens des Kaiserreichs, des „Pour-le-mérite“. Knochenbrüche, die er bei einem Absturz erlitt, ließ er nicht ausheilen, sondern flog weiter. Bald darauf zerfetzte Maschinengewehrfeuer seinen rechten Arm, der gelähmt blieb. Als „körperlich gänzlich verbraucht, daher oft unter Morphium stehend“, beschrieb ihn einer seiner Untergebenen. Berthold war aber auch „ein glühender Patriot und Idealist“. Ein Kriegsheld, der mit Frieden und Republik nicht zurecht kam. Ein Desperado, der nichts zu verlieren hatte.

Rudolf Berthold (Zeichnung

Mit der in Zossen stationierten 3. Marinebrigade Loewenfeld handelte Berthold die Eingliederung seines Freikorps aus. Seine Begründung klingt in der von den Nationalsozialisten kolportierten Version wenig menschenfreundlich: „Werfen wir die Leute heute auf die Straße, haben wir morgen Spartakisten, denn sobald der Hunger in den Gedärmen wühlt, und der deutsche Mann keine Arbeit hat, wird er zum Tier.“ Als am Sonntag, den 14. März, die Nachricht vom Putsch Kehdingen erreichte, unterstellten sich zwei Bataillone der „Eisernen Schar“ Bertholds Befehl und machten sich auf nach Zossen.

Die Angaben über die Stärke von Bertholds Truppe und ihre Bewaffnung schwanken erheblich. 411 Mann zählten die Harburger Gewerkschafter nachher – abzüglich der Toten, Verletzten und Geflohenen. „Wir waren 600 Mann und hatten noch 75 Gewehre und 6 Maschinengewehre“, gab ein Unteroffizier der Baltikumer zu Protokoll. Von 600 Mann mit 200 Gewehren ging die Staatsanwaltschaft aus. 780 Mann schrieb die Lokalzeitung H. N. am Mittag. Im Berthold-Gedenkbuch der Nationalsozialisten sind es 800 Mann mit 300 Gewehren. Auf 900 Mann kam der erste Bericht eines Polizei-Inspektors zum Blutmontag. Historiker haben mal diese, mal jene Zahl übernommen. Für jede Kombination von Truppenstärke und Waffenbestückung gibt es gute Gründe, eine Entscheidung wäre willkürlich.

Inzwischen war von der gewählten und nach Leipzig geflüchteten Reichsregierung der Generalstreik ausgerufen worden, der den Putsch binnen dreier Tage erledigen sollte. Der Verkehr ruhte. Die Baltikumer übten, unterstützt durch einen mit Lüttwitz sympathisierenden Hauptmann der Stader Garnison, Druck auf die Eisenbahner aus, die den Transport verweigerten. Drohungen mit standrechtlichem Erschießen fruchteten jedoch nicht. Am Abend kaperten die Baltikumer eine verwaiste Lokomotive. Beim Zusammenstellen der Wagen kam es zum Handgemenge mit republikfreundlichen Einwohnern. Gegen 18 Uhr fuhren Bertholds Mannen auf das „rote“ Harburg zu.

Ob Berthold auf direktem Weg nach Zossen wollte, ob und welche anderen Befehle er Harburg betreffend hatte, ist umstritten. Angeblich hatte er von der Marinebrigade Anweisung erhalten, sich in der Kaserne am Schwarzenberg, beim Pionier-Bataillon Nr. 9, zu bewaffnen, nach Moorburg zu marschieren, dort über die Elbe zu setzen und die Putschisten in Hamburg unter Oberst von Wangenheim zu unterstützen, die zeitweise das Altonaer Rathaus besetzt hielten. So jedenfalls ließ sich der putschfreundliche Major Hueg von den Harburger Pionieren ein.

Berthold selbst soll zum Arzt seiner Truppe gesagt haben: „Wir haben Befehl von Lüttwitz, nach Zossen, Tagesziel sei Harburg, um zu sehen, wie die Haltung der Pioniere wäre.“ Bertholds Adjutant, Leutnant Christian Philipp, widersprach, sie hätten keinerlei Befehle für Harburg gehabt. Ein Halt in Harburg scheint jedenfalls vorgesehen: Am 12. März erteilte das Generalkommando VI Abwicklungsstelle Stade, der die Auflösung der Baltikumer oblag, Major Hueg den Befehl, die „Eiserne Schar“ zu entwaffnen, sobald sie eintreffe.

Hinter Neugraben erwartete Pionier-Hauptmann William Rolffs den Zug. Von diesem spätestens erfuhr Berthold, dass Major Hueg und sein Stellvertreter als Bataillonskommandeure abgesetzt worden waren, weil sie sich für den Putsch erklärt hatten. Angesichts der angespannten Lage riet Rolffs sogar ab, Harburg nur zu durchfahren. Berthold soll erwidert haben, er könne das Pionier-Bataillon „nicht in seinem Rücken lassen, sondern: Wenn das Bataillon zur alten Regierung halte, müsse er es eben entwaffnen!“ Oder war die Fahrtunterbrechung nur ein Notbehelf, weil die Eisenbahner den Transport behinderten, wie der Untersuchungsrichter anfangs mutmaßte? Wenn Berthold Befehl hatte, sich von Moorburg aus nach Altona einzuschiffen, musste er ohnehin aussteigen.

Es war 20 Uhr, vielleicht schon 21 Uhr; die Baltikumer brauchten ein Quartier für die Nacht. Rolffs empfahl die Heimfelder Mittelschule. Der Zug fuhr etwas weiter, bis zu einem Bahnübergang zwischen den Stationen Hausbruch und Unterelbe. Berthold ließ ein Kontingent von 80 bis 90 Mann zur Bewachung zurück. Dann ging es „mit Sang“ in die Stadt. „Wer uns nicht liebt, soll sterbend unterliegen!“ lautet eine Zeile im „Lied der Eisernen Division“.

Foto: urian
Ehemalige Mittelschule in Heimfeld

4. Belagerung der Mittelschule

Bereits am Sonnabend hatten die Vorsitzenden von Gewerkschaft und Parteien mit Harburgs Oberbürgermeister Denicke beraten, wie man der Bedrohung durch Bertholds Truppe begegnen könne. Pioniere und Gewerkschafter schickten am Sonntag unabhängig voneinander Unterhändler zu den Baltikumern. Die Sicherheitswehr aus Hamburg, die die Baltikumer als Verstärkung für Oberst von Wangenheims Truppe fürchtete, regte an, die Gleise bei Buxtehude zu sprengen, um die „Eiserne Schar“ aufzuhalten.

Die Pioniere fühlten sich nicht stark genug, ihnen entgegenzutreten. Schließlich wurden also Waffen an die im Zuge der Revolution gebildete Einwohnerwehr ausgegeben. Und nicht nur an diese: Jeder, der anstand, bekam ein Gewehr oder Handgranaten. OB Denicke erinnerte sich später nicht mehr, wer die Waffenausgabe anordnete. Sie verlief „planlos“, gestand Offiziersstellvertreter Anders, der nach der Absetzung Major Huegs von den Mannschaften gewählte Kommandant.

Am Sonntag gegen 23.30 Uhr klingelte bei OB Denicke das Telefon. Im Auftrag der Gewerkschaften bat ihn Kommerzienrat Weber, der Direktor der Hannoverschen Bank, mit den Baltikumern zu verhandeln. Denicke ließ sich vom Pionier-Leutnant Bülle begleiten. Die Mittelschule, ein massiver, vierstöckiger Backsteinbau, stand frei nach allen Seiten, die nächsten Häuser über 100 Meter entfernt. Ein strategisch ungünstiger Platz, wurde hinterher vermerkt. Ringsum standen Posten der Baltikumer denen des Pionier-Bataillons gegenüber. In den Straßen versammelten sich Einwohnerwehr und organisierte Arbeiter, bewaffnet, beobachtend.

Kurz nach Mitternacht passierte OB Denicke die Postenketten und betrat die Schule. Berthold, sagte man ihm, sei im Keller, in der Wohnung des Pedells, und schliefe schon.

Während der Hauptmann geweckt wurde, wartete Denicke. Er gab das Warten ausdrücklich zu Protokoll; es scheint gedauert zu haben, bis der Kriegsbeschädigte – „körperlich gänzlich verbraucht, daher oft unter Morphium stehend“ – ihn empfangen konnte.

Ihre Unterredung dauerte eine Stunde. In den Worten Denickes sagte Berthold, „dass er jedenfalls Harburg erst dann verlassen könne, wenn er – diesen Ausdruck gebrauchte er wiederholt – zu einem ‚Arrangement‘ mit dem Pionier-Bataillon gekommen sei“; er habe für „Ruhe und Ordnung“ zu sorgen. Bis Montagmittag, sicherte er zu, wolle er sich ruhig verhalten. Als Denicke ging, wartete ein Abgesandter des Führers der Einwohnerwehr Hauptmann a. D. Graepel, um mit Berthold zu verhandeln.

Bis auf Postengeplänkel mit Schreckschüssen verlief die Nacht ruhig. Die Belagerung der Mittelschule begann am Montagmorgen. Einwohnerwehr und organisierte Arbeiterschaft drängten sich um das Gebäude und in den umliegenden Gastwirtschaften.

Zwischen acht und neun Uhr traf eine große Harburger Delegation im Lehrerzimmer der Schule auf Hauptmann Berthold. Neben OB Denicke und Hauptmann Graepel waren der Vertreter des Arbeitgebervereins, Hauptmann Cordts und vier Pioniere, sowie SPD-Vertreter und Gewerkschafter anwesend. Im Gedenkbuch der Nationalsozialisten hervorgehoben wurde Otto Adler, 44 Jahre, Gewerkschaftssekretär aus Hannover: Er war Jude.

In einer Broschüre gab Adler selbst eine ausführliche Schilderung der Verhandlungen. Berthold brachte zunächst vor, dass in der vorangegangenen Nacht aus den nächstliegenden Häusern an der Heimfelder Straße auf seine Posten geschossen worden sei. „Wenn er gewollt habe“, soll er gedroht haben, „hätte er die Häuser leer machen können.“

Seine Haltung zum Putsch beschrieb er ausweichend: „Er sei Soldat und habe nichts mit Politik zu tun.“ Als rein soldatisch gab er denn auch seine Einmischung in die Angelegenheiten des Pionier-Bataillons aus: „Eine Truppe, die ihre Führer gefangen nehmen lasse, sei keine Truppe. Seine Leute hätten gesagt, als sie von der Gefangennahme der Offiziere hörten, die Leute, die das veranlasst hätten, müssten in Stücke gerissen werden.“ Das wäre, wenn er es so gesagt hätte, schon ein starkes Stück, denn eben jene „Leute, die das veranlasst“ hatten, saßen ihm gegenüber.

Berthold, schrieb Adler, ereiferte sich zusehends. „Er schlug mit der linken gesunden Hand auf den Tisch (…) und sagte: ‚Wo war der Fahneneid im November 1918? Der Eid, den man seinem obersten Kriegsherrn geschworen hatte?‘ Ich rief ihm zu: ‚Einem Fahnenflüchtigen braucht man den Eid nicht zu halten!‘ Darauf sagte Berthold, dass er es bis heute noch nicht verwinden könne, dass das Haus Wittelsbach abgesetzt sei.“

Die Szene erinnerte auch OB Denicke in seiner kargeren, dem Gericht gemachten Aussage: „In besonders scharfer Weise missbilligte der Hauptmann Berthold dann noch, dass die deutschen Truppen bei Ausbruch der Revolution ihren dem obersten Kriegsherrn geschworenen Eid gebrochen hätten.“ Berthold beharrte auf seiner Forderung, der Einwohnerwehr die Waffen abzunehmen und Major Hueg als Bataillonskommandeur wieder einzusetzen.

Gegen zehn Uhr löste sich die Verhandlungsrunde auf, allein die Pioniere blieben noch. Angeblich erreichten sie Bertholds Zusage, am Nachmittag abzuziehen, wenn sie sich „neutral“ verhielten – was bedeutet haben könnte, sich nicht einzumischen, falls es zu Auseinandersetzungen mit der Einwohnerwehr käme. Otto Adler ging besorgt von der Schule fort.

Zu einem Abzug der Baltikumer am Nachmittag kam es nicht mehr. Unterdessen war die Menschenmenge aus Bewaffneten und Schaulustigen rund um die Schule enorm angewachsen, tausende sollen es gewesen sein. Die einzig präzise Angabe spricht von 10 000 Belagerern mit 3000 Gewehren und 50 Maschinengewehren – sie stammt von Franziska Berthold in einem schwülstigen Bericht über den Tod ihres Bruders, der teilweise in das Gedenkbuch der Nationalsozialisten übernommen wurde.

Der Schluss der Verhandlungen fiel mit dem Beginn des Generalstreiks zusammen. Bei aller propagandistischen Verzerrung enthält die Schilderung des NS-Gedenkbuchs eine wahrscheinlich korrekte Beobachtung: „Immer toller wurden die Massen von jüdischen und marxistischen Rednern aufgepeitscht, so dass immer mehr ausgestellte Posten angepöbelt und angegriffen wurden.“ Die Konfrontation zwischen der Menge und den Baltikumern wurde zumindest von Harburger Seite geschürt.

Nicht nur im fernen Berlin, direkt in Heimfeld, als Eindringlinge, war die Bedrohung gegenwärtig, gegen die der Streik ausgerufen worden war. Die Belagerten, wie feindselig ihre Absichten gewesen sein mögen, waren ein leibhaftiges Beispiel, das sich die Redner von SPD und Gewerkschaften schwerlich entgehen ließen. Die Baltikumer mochten sich nicht lumpen lassen und pöbelten zurück. Das Geplänkel ging hin und her; nachher war kaum noch auszumachen, wann welcher Vorfall die Eskalation in Gang setzte.

Um die Mittagszeit herum wurde eine Abteilung der Baltikumer auf dem Weg zu ihrem abgestellten Zug von der Einwohnerwehr aufgehalten. In der H. N. am Mittag las es sich als Mord. Pioniere hatten demnach versucht, einen Unteroffizier der Baltikumer zu retten, brachten ihn in eine Wirtschaft, wo er jedoch weiter misshandelt wurde und mit „eingetretenem Brustkasten“ starb. Ganz abzuweisen ist diese Schilderung nicht. Nur Bertholds Tod wurde eingehender betrachtet; wie seine Soldaten im einzelnen umkamen, ist nicht aktenmäßig überliefert.

Vor oder nach diesem Vorfall, vielleicht durch ihn veranlasst, trat Berthold vor die Menge. „Der Hauptmann hielt eine Ansprache etwa des Inhalts, dass wir nichts im Schilde hätten, dass wir kein Blut vergießen wollten und friedlich sein“, gab einer seiner Unteroffiziere zu Protokoll. „Als der Hauptmann geendet hatte, brachte die Menge drei Hurrahs aus und schien völlig zufrieden.“ Franziska Berthold schwelgte dazu: „Inmitten der Menge stand er still und blickte sie mit seinen fesselnden Blicken an, alle Verwünschungen schwiegen, Stille trat ein, sie alle fühlten, das ist ein Führer, der steht über uns.“

Tatsächlich hatte nach Aussage des Baltikumer-Leutnants Kurt Samuelsen die Rede fast den Erfolg, dass die Menge sich zerstreute, „einige Hetzer reizten das Volk jedoch wieder auf“. Der Unteroffizier berichtete weiter: „Als der Hauptmann, der etwa 200 Meter vom Schulhaus entfernt stand, sich entfernen wollte, drängten plötzlich bewaffnete Arbeiter vor mit den Rufen: ‚Haut ihn, schlagt ihn tot‘ usw. Darauf schoss einer von uns, ich glaube ein Unteroffizier Schmidt, der sich wie auch ich in Begleitung des Hauptmanns befand, einen Schreckschuss in die Luft ab. Darauf ging eine wüste Schießerei von Seiten der Arbeiter los. Wir erreichten noch die Schule, die drei Maschinengewehrschützen, die vor dem Portal Wache standen, wurden erschossen.“

Angeblich hatten die Baltikumer die Bewaffneten in der Menge nicht bemerkt: Die Weiber standen vorn, hinten standen Arbeiter mit Gewehren, so Leutnant Samuelsen. Das Motiv der Heimtücke taucht mehrfach auf: „hinter Frauen wurden Maschinengewehre herangetragen“, heißt es im NS-Gedenkbuch.“ Die Baltikumer, soll dieses Bild belegen, wurden nicht ehrlich besiegt.

Den ganzen Nachmittag über zog sich das Feuergefecht hin, „anschwellend und wieder abflauend“. Aus Sicht der Belagerten: „Das Gymnasium [!] wurde von Kugeln durchsiebt, die Wasserleitung durchschossen.“ – „An der Schule war kein Fenster und kein Ziegel mehr ganz.“ Im NS-Gedenkbuch liest es sich noch farbiger: „MGs hämmerten gegen die abbröckelnden Mauern der Mittelschule, rissen die Fenster und Türen heraus und zersplitterten die Fenster in tausend Scherben.“ Im Keller wurden die Verwundeten versorgt. Schwester Franziska dichtete: „Ermutigend ging Hauptmann Berthold von einem zum anderen, seine letzte Cigarette teilte er mit zwei schwer Verwundeten.“

Die Zahl der Verwundeten wurde nicht genau ermittelt. Am Dienstag zählte die Polizei insgesamt 50; allerdings zweifelsfrei zu wenig Tote, nämlich 19. Der H. N. am Mittag zufolge sollen bereits „nach wenigen Minuten“ 20 Baltikumer verwundet gewesen sein. Otto Adler nennt insgesamt 40 Verwundete, davon 26 Baltikumer.

Harburger Blutmontag / Rudolf Berthold (Zeichnung: urian)
5. Kapitulation und Massaker

„Um ½ 3 Uhr hängten wir eine Tafel heraus mit der Aufschrift ‚Feuerpause zum Verhandeln‘“, berichtete ein Baltikumer: „Die Schießerei wurde nur noch heftiger.“ Die Schultafel mit der Kreideschrift war offenbar nur einer von mehreren Versuchen von Bertholds Leuten, aus ihrer unmöglichen Lage zu entkommen. Mehrfach stürmten die Harburger auf die Schule ein und wurden knapp zurückgedrängt. So schien die Einnahme der Schule zwar unmöglich, indes den Belagerten unweigerlich Munition und Verpflegung knapp werden würden. Über Wasser verfügten sie bereits nicht mehr.

Am späten Nachmittag, zwischen 17 und 18 Uhr, erschien über dem Kampfplatz ein Flieger. Er warf Zettel ab mit einem Befehl von Oberst von Wangenheim aus Hamburg: Laut Leutnant Samuelsen sollten die Baltikumer die Waffen niederlegen und via Moorburg nach Altona abziehen. Vier Mitglieder der Einwohnerwehr, unter ihnen der 39-jährige Bootsmann Adolf Bartmann, waren zuvor nach Altona gefahren, um Oberst von Wangenheim zum Eingreifen aufzufordern. Die Belagerten hängten eine weiße Fahne heraus.

Um 18 Uhr, darin sind sich die meisten Aussagen einig, trat eine Waffenpause ein. Hermann Noos, Vorarbeiter bei den Ölwerken Teutonia und Führer der 3. Kompanie der Einwohnerwehr, der erwähnte Adolf Bartmann und Friedrich Breitenfeld, Obmann bei den Niemeyerschen Eisenwerken, führten seitens der Belagerer die Verhandlungen mit Hauptmann Berthold. „Dieser verlangte zunächst freien Abzug mit Waffen“, sagte Noos aus. „Wir begaben uns zu der Menge zurück, die dieses aber entschieden ablehnte, und bedingungslose Übergabe forderte. Wir sind dann zurückgegangen und haben Hauptmann Berthold das mitgeteilt. Nach kurzer Beratung mit seinen Offizieren ging Hauptmann Berthold darauf ein.“

In Kolonnen traten die Baltikumer in der Schule an. Das Gedenkbuch der Nationalsozialisten überliefert die Szene so: „Da kam Berthold die Treppe herauf. Leichenblass war er, als er die letzten Worte an seine Getreuen herauswürgte: ‚Kinder, wir haben heute vergebens gekämpft! Aber ich habe freien Abzug durchgesetzt! Ich erwarte von allem Kompagnien, dass sie geschlossen und in tadelloser Ordnung den Heimweg nach Stade antreten. Dort werden wir uns dann wieder treffen. Auf Wiedersehen, Kinder!‘“

Die Beschreibung schließt: „Niemand sah die Tränen, die über seine vergrämten Züge in diesen bittersten Augenblicken seines Lebens liefen“. Genau so steht es im Bericht von Franziska Berthold: „Keiner sah die Tränen, die ihm aus den Augen tropften.“ Niemand sah die Tränen, also auch Franziska nicht oder der Autor des NS-Gedenkbuchs.

In geordneter Formation, die Offiziere voran, verließen die Baltikumer die Schule. Einer von ihnen sagte aus: „Als etwa 100 Mann draußen waren, begannen die Arbeiter plötzlich mit Maschinengewehren zu schießen. Von den Herausmarschierten fielen 4 Mann. Die übrigen drängten in die Schule zurück, und die Verwundeten wurden von Sanitätsmannschaften der Stadt ins Schulhaus getragen. Nun marschierten wir wieder in Gruppenkolonne aus dem Schulhaus, voran der Hauptmann.“

Die Staatsanwaltschaft fasst den Vorgang knapp zusammen: „Plötzlich begann auch Maschinengewehrfeuer auf die entwaffneten Truppen, die unter dem Rufe: ‚Verrat!‘ in die Schule zurückeilten. Es gelang den Führern der Belagerer dann, die Truppen abzuführen, wobei indes die wütende Menge diese vielfach misshandelten.“

Während im Gefecht außer 13 Arbeitern und einem Pionier offenbar nur drei Baltikumer den Tod fanden, starben sieben oder acht von Bertholds Leuten nach der Kapitulation. In den Akten wird außer Berthold nur ein Toter genauer betrachtet: Offiziers-Stellvertreter Hamacher starb durch „zahlreiche Messerstiche, Verletzungen des Rumpfes, schwerste Quetschungen des Gesichts mit Nasenbeinbruch als Zeichen schwerster Misshandlungen, Fußtritte, Kolbenschläge u. dergl.“

Wie mit den übrigen sechs Opfern verfahren wurde, lässt sich nur vermuten. Die H. N. am Mittag berichtete: „So lag nachher noch ein junger Baltenkämpfer, dem ein Gewehrlauf im Auge steckte. Sechs Balten waren buchstäblich totgetreten.“

Einen Offizier versuchte man, zu hängen. Ein Harburger Arzt erinnerte den Vorgang so: Auf einem Baum in der Heimfelder Straße saß ein 14-jähriger Junge. Er hielt einen Strick, an dem die Menge versuchte, den Offizier hochzuziehen. Der Strick riss zwei Mal. Der Offizier stellte sich tot und wurde dadurch gerettet. Im Postweg soll ein weiterer, bereits verwundeter Offizier gelegen haben, dem Frauen ins Gesicht traten und der von einem Krankenwagen überfahren wurde.

6. Hauptmann Bertholds Tode

Rudolf Berthold starb mehrere Tode. Sicher ist, was das Obduktionsprotokoll festhielt: zwei Kopfsteckschüsse mit Bruch der Schädelbasis, vier Bruststeckschüsse und ein Bauchsteckschuss mit Zertrümmerung des Rückenmarks, zudem „schwere Quetschungen am ganzen Körper, scheinbar durch schwere Misshandlungen hervorrufen, Fußtritte etc.“

Sicher ist, dass eine Version seiner Ermordung falsch ist, dass ihm nämlich sein verkrüppelter Arm ausgerissen wurde, wie mehrere Zeugen behaupteten und die Legende später dankbar übernahm: „Vertierte Weiber rissen ihm den gelähmten rechten Arm aus dem Gelenk.“ Falsch auch, was ein erster Zeitungsbericht beschrieb: „Frauen schnitten ihm die Kehle durch“.

Unklar bleibt, wie Berthold von der Schule zu der Stelle gelangte, wo er den Tod fand. Einwohnerwehr-Führer Noos gab an: „Als die ersten [Baltikumer] draußen [vor der Schule] angetreten waren, begann plötzlich eine Schießerei und zwar aus der Menge heraus und möglicherweise auch von Truppen, die noch in der Schule waren. Bestimmt kann ich dies nicht sagen. Darauf spritzte alles, was dort stand, auseinander, u. a. auch Hauptmann Berthold und andere Offiziere. Dabei muss er dann ergriffen und getötet sein. Näheres weiß ich darüber nicht.“ Wortgleich schilderte es ein anderer Arbeiter: „Darauf spritzte alles auseinander.“

Die Legende will, dass ein Pionier Berthold beim Ausmarsch zu schützen versuchte, indem er ihn in einen ihrer Armeemäntel hüllte. Doch die Arbeiter erkannten den „Blauen Max“, wie der Orden „Pour-le-mérite“ im Volksmund hieß.

Erich von Salomon, Mitverschwörer beim Rathenau-Attentat, später Schriftsteller, beschrieb es so: „Sie fielen über ihn her, er wehrte sich, er schlug um sich, ein Kolbenhieb auf seinen bloßen Kopf ließ ihn umsinken. Er zog mühsam den Säbel, den er noch umgeschnallt hatte, doch wurde der ihm entrissen. Er, halben Leibes an einen Laternenpfahl gelehnt, kämpfte um den Orden. Man riss ihn herunter, sie trampelten ihm auf die Beine, sie zerrten ihm den Rock ab, sie brachen ihm den mehrfach zerschossenen Arm. Berthold entriss einem Matrosen die Pistole, schoss ihn nieder, sie stürzten sich auf ihn, ein Messer gleißte, zerschnitt ihm die Kehle. Langsam verröchelte er, einsam, kämpfend, in den Kot getrampelt. Seine Mörder teilten sein Geld.“

Doch Berthold starb nicht vor der Schule, sondern einige 100 Meter weiter. Ob er vor der Schule bereits so misshandelt worden war, dass man ihn tragen musste, oder ob er auf eigenen Füßen folgte – jedenfalls brachte eine Handvoll Arbeiter ihn in die Wirtschaft „Zur alten Rennbahn“. Wozu? „Die zwischen Berthold und den Vertretern des Pöbels getroffenen Abmachungen sollten in dem Lokal ‚Zur Rennbahn‘ schriftlich niedergelegt werden“, sagt das Gedenkbuch der Nationalsozialisten. Doch es irrt, wenn es Berthold gar nicht im Lokal ankommen lässt, sondern ihn zum Opfer der „aufgeputschten, blutgierigen Massen“ werden lässt, die den Platz um die Schule beherrschen. Und wozu schriftliche Abmachungen in einer Lage, die ohnehin außer Kontrolle war?

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Das Lokal, in dem Berthold gefoltert wurde (Polizeifoto aus der Akte)

Berthold erreichte das Lokal, man brachte ihn in das Klubzimmer. Die einen sagten aus, sie haben Berthold dadurch vor dem Mob retten wollen, der ihn gelyncht hätte. Die anderen wollen gar nicht dabei gewesen sein. Man scheint eine Art Verhör mit Berthold geführt zu haben; einer saß da und machte Notizen. Fünf bis sieben Mann umringten den Gefangenen. Der Wirt des Lokals verrammelte die Tür zum Gastzimmer, wo weitere Arbeiter sich drängten, insgesamt etwa 50 Personen.

Berthold, auf einem Stuhl sitzend und angeblich mit einem Gummischlauch auf den Kopf geschlagen, erklärte noch einmal, er sei mit seinen Leuten auf der Durchreise nach Berlin und habe für Harburg keine Befehle. Die Menge im Gastzimmer rüttelte an der Tür und verlangte, dass man Berthold herausgebe, um ihn zu töten. Der Hauptmann soll gesagt haben, schrieb der Staatsanwalt: „Kinder, macht mit mir, was ihr wollt.“

Berthold wurde auf die Straße gezerrt. Hier erhielt er einen Schlag auf den Kopf mit einem Gewehrkolben. Die Pistole, die er noch trug, wurde entdeckt und ihm abgenommen. Jemand wollte damit auf ihn schießen, ein anderer ging dazwischen – aus Angst, die Kugeln könnten vom Pflaster abprallen. Berthold wurde auf einen freien Sandplatz zwischen den Häusern gegenüber der Wirtschaft geschleppt.

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Der Platz, auf dem Berthold starb (Polizeifoto)

Weitere Misshandlungen. Jemand sagte, man solle ihn leben lassen, um ihn weiter zu „piesacken“. Doch dann schoss man auf ihn, mit der eigenen Pistole.

„Die Leiche Bertholds wurde dann auf Veranlassung des Wirts zur Rennbahn von Leuten der Einwohnerwehr in die Wirtschaft geschafft, da sonst die wütende Menge sie völlig zerfleischt hätte“, schloss der Staatsanwalt seinen Bericht. Laut Totenschein starb Berthold um halb zehn Uhr.
Bertholds Leute wurden in verschiedenen Gastwirtschaften interniert, misshandelt und offenbar ausgeraubt. Sie reichten später Klage ein und forderten Entschädigung.

7. Verdächtigungen und Legenden

Angesichts der Ungereimtheiten bei der Rekonstruktion des Tatablaufs kann nicht verwundern, dass es praktisch unmöglich war, Täter zu ermitteln. Wenn der Staatsanwalt vermutete, „dass viele Zeugen aus Angst ihre Aussage zurückhalten“, meinte er Verabredungen unter den Mitgliedern der Einwohnerwehr und der organisierten Arbeiter. Die Baltikumer, sofern sie einzelne Vorgänge bezeugten, konnten die Betreffenden allenfalls beschreiben aber nicht namentlich nennen.

Einen Tag, nachdem die Berliner Putschisten aufgegeben hatten, am 18. März, erstatteten Otto Adler, Senator Sperling und SPD-Parteisekretär Gehrmann Anzeige gegen Adolf Bartmann: Er soll 7000 bis 8000 Mark, die ihm ein Feldwebel der Baltikumer zur Aufbewahrung gegeben habe, unterschlagen haben; außerdem soll er Bertholds Brieftasche mit der Bataillonskasse gestohlen haben. Bei den Verhandlungen an der Mittelschule war Bartmann bereits in undurchsichtiger Rolle aufgetreten. Gehrmann sagte aus, Bartmann habe ihm zwei Telegramme des Hauptmanns Berthold „mit dem Bemerken übergeben, er habe sie von einem Unbekannten erhalten“. Bartmann gestand zwar die Unterschlagung von 9000 Mark, aber von der Brieftasche des Ermordeten wisse er nichts. Bald nach seiner Vernehmung trat er mit seiner Geliebten Rosa Feierabend die Flucht an.

Am 30. April 1920 ging die Polizei Gerüchten nach, der „Blaue Max“ des Hauptmann Berthold befinde sich im Besitz des Schuhmachers Glier. Eine Hausdurchsuchung erbrachte nichts. Aber Glier behauptete nun, der 35-jährige Kupferschmied Johannes Bremer habe ihm gegenüber mit dem Mord an Berthold geprahlt.

Bremer habe ein Gewehr, dessen Kolben am Kopf des Hauptmanns zerbrochen sei, gezeigt und erzählt, er habe dessen Arm herausgerissen, dass es nur so geknackt habe. Desgleichen geriet durch indirekte Anschuldigungen der 39-jährige Fischhändler Otto Noack ins Visier der Ermittler. Der Orden des Hauptmanns wurde im September in der Dreherei der Eisenbahn-Hauptwerkstätten von einem Schlosserlehrling gefunden.

Bei der Suche nach Zeugen und Verdächtigen gehen die Behörden jedem vagen Hinweis nach. So soll „ein angeblicher Ingenieur, in der Wallstraße wohnhaft, der als Naturheilkundiger geschildert wird, weil er nie einen Hut trage“, wichtige Beobachtungen gemacht haben, ebenso wie ein großer Arbeiter aus den Ölwerken „Teutonia“, der mehrere Narben im Gesicht hat.

Im Februar 1921 wurde Bremer und Noack vor dem Stader Geschworenengericht der Prozess gemacht. Das Verfahren gegen den flüchtigen Bartmann wurde abgetrennt. 67 Zeugen traten auf. In Anbetracht der dürftigen Beweislage war der Freispruch unvermeidlich. Im Juni folgte der Prozess gegen Bartmann, der im April in Bremen gefasst worden war, und einen neuen Verdächtigen. 90 Zeugen – erneut Freispruch. Versuche, das Verfahren wiederaufzunehmen, scheiterten 1925 und 1926.

Pünktlich zu einer Trauerfeier mit Einweihung eines Gedenksteins auf dem Harburger Ehrenfriedhof am 13. Jahrestag des Blutmontags wenige Tage nach der Machtergreifung bemühten sich die Nationalsozialisten, einen Täter präsentieren zu können. Berthold, gestorben „unter den Fäusten und Messern vertierter Rotmordbanditen“, avancierte zu einem Märtyrer der Nazis; zwei Junkers-Flugzeuge, die 1934 bei der Lufthansa in Dienst gestellt wurden, trugen seinen Namen.

Die Polizei sammelte Gerüchte. Irgend jemand hatte von jemand anderem gehört, wie irgendwer sich des Berthold-Mordes gebrüstet hatte. Bremer und Noack standen schließlich wieder ganz oben auf der Liste und wurden in „Schutzhaft“ genommen. Endlich beschuldigte Noack Bremer, der im Mai 1933 gestand, Berthold mit einem Gewehr den Gnadenschuss gegeben zu haben. Sechs Projektile aus Bertholds Pistole, die im Mai 1921 als verloren galten, tauchten im Mai 1933 wieder auf.

Handelt es sich wirklich um Geschosse aus Bertholds eigener Waffe? Was ist dann aber mit den Patronen aus derselben Waffe geworden, die laut Akte der „Chauffeur Noos“ entladen hatte? Und wieso erscheint der siebte, der Gewehr-Gnadenschuss, nicht im Obduktionsprotokoll?

Das Preußische Justizministerium lehnte im Oktober 1933 die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Bremer ab, und so blieb der Mord an Hauptmann Rudolf Berthold endgültig ungesühnt.

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Quellen

Mordsache Hauptmann Berthold in Harburg: Nds. Landesarchiv Stade Rep. 171a Stade Nr. 140 Bd. I – XVI | Rep. 171a Stade Nr. 188 | Rep 80 P Nr. 710 | Rep. 1011 Nr. 10 | Stader Tageblatt 7.2.1920, März 1920, 7.7.1920, Okt. 1920, 21.6.1921, 8.3.1934, 15.3.1938

Literatur

O. Adler: Der Blutmontag in Harburg, Harburg o. J. [1920] | A. Becker: Fliegerhauptmann Rudolf Berthold, Donauwörth 1934 | J. Bohmbach: Stade in der Weimarer Republik, in: Stade, Stade 1994 | L. F. Gengler: Rudolf Berthold, Sieger in 44 Luftschlachten, Berlin 1934 | E. J. Gumbel: Verschwörer, Wien 1924 | S. Haffner: Die deutsche Revolution 1918/19, München 1979 | S. Helfferich/J. Bohmbach: Zeitzeuge Heinz-Wilhelm Heyderich erinnert sich an die Zeit des Umbruchs, Stader Tageblatt 23.1.1999 | E. Jünger (Hg.): Die Unvergessenen, Berlin 1930 | H. W. Koch: Der deutsche Bürgerkrieg, Berlin-Frankfurt am Main-Wien 1978 | G. Könke: Arbeiterschaft und sozialdemokratische Arbeiterbewegung in Harburg 1918–1933, in: J. Ellermeyer /K. Richter/D. Stegmann (Hg.): Harburg, Hamburg 1988 | H. Lohmann: Der Landkreis Stade in der Zeit des Nationalsozialismus, Stade 1991 | H.-D. Loose: Abwehr und Resonanz des Kapp-Putsches, Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 56/1970 | H. M. Mason: Die Luftwaffe, Herrsching o. J. [1973] | U. R.: Meuchelmord an einem Kriegshelden, Hamburger Abendblatt 16.3.1999 | U. R.: Hauptmann Bertholds Tode, Stader Jahrbuch 1999/2000 | U. R.: Der Harburger Blutmontag, Hamburger Morgenpost 29.6.2008 | U. R.: Hauptmann Bertholds Tode, in: ders., Elses Lachen, Bremen 2009 | E. v. Salomon: Die Geächteten, Berlin 1929 | E. v. Salomon (Hg.): Das Buch vom deutschen Freikorpskämpfer, Berlin 1938 | H. Schulze: Freikorps und Republik 1918–1920, Boppard a. Rh. 1969 | H.-J. Schulze: Der Kapp-Putsch 1920 im Regierungsbezirk Stade, Stader Jahrbuch 1974 | H. A. Winkler: Von der Revolution zur Stabilisierung: Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik, 2. Aufl. Berlin/Bonn 1985

© Uwe Ruprecht

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