Piraten auf der Unterelbe 1922

Der Steuermann hockte auf einer Kiste an der windabgewandten Seite des Steuerhauses und blinzelte in die Sonne dieses stürmischen Oktobertages, während von der Kombüse Essensdünste zu ihm heraufzogen.

Er räkelte sich wohlig und sog an seiner Pfeife. Viel war es nicht, was er hatte, aber es war mehr als viele andere hatten: Arbeit, und noch dazu eine, die ihm zusagte.

Der Wind scherte ihn nicht, das bisschen die Elbe runter würden sie leicht bis zum Abend schaffen, und im Kanal könnten sie überall sofort anlegen.

Die Bertha, ein motorisierter zweimastiger Schoner, war nur ein kleines Schiff, aber kleine Schiffe waren nicht von den Reparationsleistungen an die Sieger des Ersten Weltkrieges betroffen und um so weniger Sorgen musste man haben, dass Ladung ausblieb.

Von den Schiffen, die den Krieg überstanden hatten, mussten nach Maßgabe des Versailler Vertrages alle über 1600 Bruttoregistertonnen und die Hälfte derjenigen zwischen 1000 und 1600 BRT abgeliefert werden.

Wenn sie am Mittwoch das brasilianische Holz, Bauholz für Eisenbahnschwellen und Telegrafenmasten, das sie gestern im Hamburger Hafen geladen hatten, in Kalmar an der schwedischen Südküste abgeliefert hätten, würden sie gleich neue Fracht aufnehmen.

Die Rücktour würde sie nach Stralsund führen, in den Heimathafen, und der Steuermann würde seine Familie wiedersehen. Als Trampfahrer konnte man es nicht besser treffen.

20 Millionen Mark wert war ihre Ladung. Eine blödsinnig hohe Summe. Es herrschte Inflation: Ein US-Dollar wurde mit über 1600 Mark gehandelt. Der Steuermann überschlug die Frachtsumme: 12 000 Dollar.

Auch mit seinem Kapitän hatte er es gut getroffen. Der Alte ließ es ruhig angehen. Ein anderer hätte sie vielleicht ununterbrochen den Strom hinab gehetzt. Aber der Kapitän der Bertha hatte gestern abend in der Dämmerung Anker werfen lassen.

Und erst nach Mittag an diesem Sonntag, den 22. Oktober 1922, wollten sie von der Reede vor Freiburg ablegen und könnten sich bis zum Abend in Brunsbüttel eingeschleust haben und ein Stück weit den Kaiser-Wilhelm-(heute Nord-Ostsee-)Kanal hinaufgefahren sein.

Während der Steuermann döste und auf den Ruf zum Mittagessen wartete, war der Kapitän in seiner Kajüte; einer der Matrosen machte sich in der Kombüse zu schaffen, der zweite Matrose und der Jungmann saßen im Logis.

Sie sahen nicht das Boot, das von Süden, von Glückstadt her auf sie zuhielt. Das Boot stieß an, und vier mit Revolvern bewaffnete Männer enterten die Bertha.

Die überraschte Mannschaft hatte keine Chance zur Gegenwehr. Der Steuermann wurde unter Deck getrieben und mit den anderen ins Logis gesperrt, einer der Piraten als Wache davor postiert.

Der Kapitän hatte sich in seiner Kajüte verbarrikadiert. Die Piraten traten die Tür ein und schossen sofort auf ihn. Die Kugel traf ihn im rechten Oberarm.

Noch gab der Kapitän sich nicht geschlagen und schleuderte einen Aschenbecher nach den Räubern. Zwei Schüsse in seinen Rücken waren die Quittung.

Der Anführer der Bande, ein etwa 30-jähriger, vierschrötiger Mann, schlug noch zwei Mal mit dem Griff seines Revolvers auf den Kopf des Kapitäns, bis dieser endlich zu Boden ging. Die Piraten fesselten ihn und sperrten ihn in der Kajüte ein.

Dann durchsuchten sie das Schiff. Sie fanden 100 000 Mark in bar, verschiedene Wertsachen, darunter eine goldene Uhr, und die Papiere der Besatzung.

Der Piratenhauptmann holte den Steuermann zu sich und befahl ihm, das Schiff in Gang zu setzen. Aus seinen Bemerkungen war zu entnehmen, dass er nach Dänemark wollte.

Sollte es sich bei den Seeräubern um die aus dem Gefängnis in Fuhlsbüttel entflohenen Sträflinge handeln, von denen die Zeitungen berichteten? Am Freitag waren insgesamt acht entwichen, von denen vier alsbald wieder gefasst werden konnten.

Der Anführer, den die anderen Hans nannten, trieb seine Genossen mit üblen Reden und Gewalt an; er traktierte sie, schrieb später eine Zeitung, »wie Sklaven mit Fußtritten und Schlägen«.

Der Steuermann erkannte, dass es sich bei den anderen drei um einen Vater und seine minderjährigen Söhne handelte. Der jüngste, Eduard gerufen, schien ziemlich einfältig zu sein, was Hans besonders gegen ihn aufbrachte.

Aus seinen Wunden blutend lag der Kapitän in der Kajüte und jammerte. Als Fritz, der ältere der Piratensöhne, nach ihm sah, bat er darum, wenigstens die schmerzhafte Fessel an der Händen zu lockern.

Fritz willigte ein. »Aber sagen Sie dem Hans bloß nichts davon!«

Die Bertha näherte sich Cuxhaven. Der Anführer kam selbst zum Kapitän und erkundigte sich nach den Schiffspapieren und dem Verhalten bei der Zollrevision.

»Was haben Sie mit meinem Schiff vor?« fragte der Kapitän.

»Ich fahre nach dem Sund, wo ich Verbindungen habe. Was ich mit dir mache, weiß ich noch nicht.«

»Gehen Sie vorsichtig mit meinem Schiff um! Ich bin ein armer Mann, die ›Bertha‹ ist weit unter Wert versichert.«

Der Pirat lachte. »Ich bin ein Bolschewist!« verkündete er. »Arme Männer wie du sind meine speziellen Freunde.«

Der Wind in der Nordsee war ungünstig, und Hans, der es eilig hatte, wollte Richtung Holland abdrehen. Vorher sollte die Bertha Wilhelmshaven anlaufen, damit man dort eine Karte besorgen könne.

Doch der Steuermann machte den Piraten einen Strich durch die Rechnung. Ihre Unkenntnis in Seefahrtdingen ausnutzend, steuerte er das Schiff in die Jade. Eine Stunde vor Mitternacht lief die Bertha zwischen Minsenersand und Mellumplate auf Grund.

Hans verhöhnte den Kapitän: »Armer, armer Mann! Ich will mein Leben lang für dich arbeiten!«

Das Schiff schlug leck und war verloren. »Alles in die Masten!« schrie der Steuermann. Die Seeräuber waren die ersten, die die rettenden Taue ergriffen.

Inzwischen war es dem schwer verletzten Kapitän gelungen, sich von seinen Fesseln zu befreien. Er schleppte sich in das Beiboot und rief seine Mannschaft von den Masten herunter. Sie stießen von dem Wrack ab, während die Räuber ihnen in der Nacht nachschossen.

Am Montagmittag erreichten die Schiffer den Vosslapp-Leuchtturm, wo der Kapitän verarztet wurde. Am Dienstagmorgen gegen acht Uhr sichtete der Tonnenleger Mellum das Wrack der Bertha mit den Piraten in den Masten.

Es waren nur noch drei. An Bord der Mellum gab Hans an, sie seien Schiffbrüchige, und ihr Kapitän wäre mit seinem Sohn an Land gefahren.

Doch mittlerweile hatte die Mellum vom Leuchtturm einen Winkspruch empfangen, dass sich dort die echte Mannschaft der Bertha aufhalte. Die Piraten wurden an das Torpedoboot V6 abgegeben, danach holte die Mellum die Besatzung der Bertha vom Leuchtturm ab.

Nachmittags um halb vier lief die Mellum in der Wilhelmshavener Kammerschleuse ein. Kurz darauf kam auch V6 mit den Verbrechern an.

»Eine erregte Menge von Lotsen, Seeleuten usw. drängte sich heran«, notierte die Presse, »und es bedurfte aller Energie der Schupoleute, um die Seeräuber vor der Wut der Menge zu schützen.« Erst als sie den Schiffern der Bertha gegenübergestellt wurden, gaben die Verbrecher ihr Leugnen auf.

Wo aber waren das gestohlene Geld und die Wertsachen von der Bertha? »Haben wir über Bord geworfen«, behaupteten die Piraten. Die Polizei vermutete dagegen, Fritz, der vierte, angeblich ertrunkene Räuber, habe es mitgenommen. Doch die Fahndung nach dem Verschwundenen blieb erfolglos.

Zum Prozess im März 1923 bemühte der Berichterstatter der Lokalzeitung den Vergleich des Piratenhauptmanns Hans Kuhlmann mit Störtebeker, der zwischen Rügen und Helgoland allenthalben auf Beute ausgezogen war. Kuhlmann wäre darauf wohl stolz gewesen.

Derselbe Reporter vermerkte: »Schon als Junge hatte er, wie so viele Knaben in den Fischer- und Stranddörfern, einen unwiderstehlichen Drang nach der See, der durch das Lesen von Schiffergeschichten noch gestärkt wurde. So stark wurde die Abenteuerlust in dem noch schulpflichtigen Knaben, dass er zwei Mal heimlich mit einem Boote ausrückte und später halbverhungert und zerlumpt in sein Elternhaus zurückkehrte.«

Und als er die Verbrecherlaufbahn einschlug, krönte er sie mit dem Freiburger Piratenstück.

Mit zehn Jahren, sagte Kuhlmanns Mutter aus, konnte Hans ohne Noten Geige spielen. Doch nach Ansicht eines Arztes soll er »nicht normal« gewesen sein.

Der medizinische Gutachter hingegen konnte keinen Defekt feststellen. Allerdings sei Kuhlmann »ein Willensmensch«, den ein starker Freiheitsdrang umtreibe; auch aus der U-Haft hatte er zwei Mal auszubrechen versucht.

Kuhlmann gehörte tatsächlich zu den aus Fuhlsbüttel geflohenen Sträflingen. Seine Kumpane waren Albert Lange und Söhne, die aus Ostpreußen stammten, und erst seit kurzem in Finkenwerder lebten.

Kuhlmann wurde für zehn Jahre und drei Monate ins Zuchthaus geschickt, Lange senior für fünf Jahre und der dumme Eduard für ein Jahr ins Gefängnis.

© Uwe Ruprecht

Advertisements