Aurora von Königsmarck 1662 – 1728

Sie war so schön. Zugleich schaudernd und gerührt beugte sich Claes Horn über ihren offenen Sarg. Seit Monaten stand die schlichte Holzkiste in einer Nische des Kirchengewölbes. Niemand war bereit, die 100 Taler Gebühr zu zahlen, die eine standesgemäße Beisetzung in der Gruft kostete.

Maria Aurora von Königsmarck, Pröpstin des Stifts zu Quedlinburg, war am 16. Februar 1728 hochverschuldet gestorben. Claes Horn hätte die Gebühr nur zu gern übernommen. Aber der 65-Jährige hatte in seinem ganzen Leben kaum je einmal 100 Taler am Stück besessen.

Sie war so schön, dachte er, dass selbst der Tod ihren vielgerühmten Leib nicht ganz besiegen konnte. Friedlich wie im Schlaf lag Aurora vor ihm. Horn schien es wie eine Fügung, dass ihre Schulden sie nicht gleich unter die Erde gebracht, sondern ihre sterbliche Hülle der merkwürdigen Luft in der Kirche ausgesetzt hatten. Ihr Leichnam verweste nicht, sondern trocknete mumienartig ein.

In ihren letzten Jahren, hatte Horn gehört, sei Aurora dick geworden. Doch an ihrer Leiche war davon nichts zu bemerken, vielmehr wirkte sie so, wie er sie in Erinnerung hatte, schlank und feurig. Wie ein Überzug aus glänzender Emaille sah die Haut aus.

Claes Horn am Sarg von Aurora von Königsmarck (Zeichnung: urian)
Claes hatte Aurora 1684 in Stockholm kennen gelernt. Sie war 22, er ein Jahr jünger. Sie war die Königin des Hofs, er nur ein kleiner Gardeleutnant, der sie aus der Ferne bewunderte. Bis zu jenem Tag, als er sich ihretwegen mit Oberstleutnant Sparre prügelte und seinen Vorgesetzten zum Duell forderte.

Durch den Prozess am Hofgericht wegen »Bruch des Burgfriedens«, bei dem sie aussagen musste, fiel er Aurora auf. Horn wurde zum Abschlagen der rechten Hand verurteilt, konnte aber ins Ausland fliehen. Seither tauschten sie Briefe und Gedichte, lieh sie ihm Geld und Juwelen.

Zuweilen auch begegneten sie einander, so 1693 in Hamburg. Er bettelte sie an, ihn nicht wieder zu verlassen; er drohte, sie zu entführen. Mit einem Lächeln brachte sie ihn zur Ruhe.

Claes Horn, der sich für den einzig wirklichen Liebhaber der umschwärmten Frau hielt, erinnerte sich am offenen Sarg des Lebens der Aurora, der »Morgenröte«, die Voltaire »die berühmteste Frau zweier Jahrhunderte« genannt hatte.

Geboren wurde sie am 28. April 1662 im Stadthaus ihrer Familie in der Großen Schmiedestraße in Stade. Ihr Großvater hatte die Stadt während des Dreißigjährigen Krieges erobert und 1648 das Ende der Schlachten herbeigeführt, als er die Kleinseite von Prag einnahm.

Zur Belohnung erhielt Von Königsmarck die Ämter in Rotenburg und Neuhaus sowie das Generalgouvernement von Stade. Ein Jahr nach Auroras Geburt starb der Statthalter der Schweden im Elbe-Weser-Dreieck.

Fotos: urian
Schloss Agathenburg

Aurora und ihre Geschwister verlebten die Kindheit auf dem Schloss Agathenburg vor den Toren der Stadt. Die Mädchen wurden in Musik, Malerei und Dichtkunst unterwiesen, die Jungen erlernten das Waffenhandwerk.

1680 entstand Unruhe im schwedischen Adel: Die ehemals verliehenen oder geschenkten Güter sollten der Krone zurückgegeben werden. Auroras Vater war längst im Kampf gefallen, die Mutter siedelte mit den Kindern von Stade nach Stockholm, um vor Ort ihre Angelegenheiten zu regeln.

Foto: urian
Modell des Schlosses in Agathenburg

Für Aurora begann die glänzendste Epoche ihres Lebens. Noch im Jahr des Umzugs wurde in Hamburg eine Oper nach ihrem Libretto aufgeführt. Am schwedischen Hof war sie der Mittelpunkt aller Feste, gleichermaßen bewundert für ihr Aussehen wie für ihren Geist und ihr Talent als Dichterin und Malerin.

»Groß, dunkel, feuervoll sind diese Augen, voll wunderreichen Glanzes«, schwärmte man über sie und verglich sie mit Kleopatra. Sie sei eine jener Frauen, »welche mit einem unerklärlichen und geheimnisvollen Reize ausgestattet sind, dem sich niemand entziehen kann, der in ihre Nähe kommt« – einfach »ein Meisterwerk der Natur«.

Foto
Bilder aus der Dauerausstellung im Schloss Agathenburg

Nach dem Tod der Mutter 1691 verließ Aurora die schwedische Hauptstadt und zog nach Hamburg zu ihrer jüngeren Schwester Amalie, deren Mann auf Kriegszug war. Ein reicher Oberst aus der Hansestadt, der 60-jährige Herzog von Braunschweig oder der 17-jährige Herzog von Mecklenburg – an Verehrern herrschte kein Mangel. Doch keiner genügte ihr. Und Claes Horn war schlicht zu arm, ein Flüchtling, ein »unglückseliger Desperado«.

Entscheidend beeinflusst wurde Auroras weiterer Weg durch die rätselhafteste Kriminalaffäre der Zeit: Das spurlose Verschwinden ihres jüngeren Bruders Philipp Christoph, der eine Liebschaft eingegangen war mit seiner Jugendfreundin Sophie Dorothea, der Gattin des Kurprinzen von Hannover und späteren Königs Georg I. von England.

In einer Julinacht 1694 geschah es, irgendwo in den Gängen und Kammern der hannoverschen Residenz. War der Liebhaber vom Ehemann ermordet worden? Hielt man ihn irgendwo gefangen? Wurde er gefoltert? Bis heute gibt es keine befriedigende Antwort.

Aurora jedenfalls ließ nichts unversucht, das Schicksal ihres Bruders aufzuklären. Am 9. August 1694 erschien sie am Hof zu Dresden: Ihr Bruder stand zuletzt in sächsischen Diensten, und sie wollte den Kurfürsten bewegen, in Hannover Druck zu machen.

Zeichnung
Aurora als Morgenröte

August der Starke erreichte an der Leine nichts. Umso mehr hingegen bei der Bittstellerin. Der Hof zu Dresden war einer der prachtvollsten des Barock. Besonders beliebt waren Maskeraden und allegorische Aufführungen, bei denen das Hofpersonal vorzugsweise Szenen aus der antiken Mythologie nachstellte. Bei einer solchen Gelegenheit landete die 32-jährige Gräfin aus Stade erstmals im Bett des 24-jährigen Kurfürsten.

Eine Schar Nymphen begrüßte Aurora auf dem Jagdschloss Moritzburg: »Die Waldgottheiten erwarten dich!« Am gedeckten Tisch empfing sie der als Pan verkleidete Fürst. Draußen blies man zur Hirschjagd.

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Jagdschloss Moritzburg

Historiker haben hunderte Geliebte Augusts des Starken gezählt. Aurora wurde für ein Jahr seine offizielle Mätresse, blieb aber auch später mit ihm befreundet. Im Geheimen, in Goslar brachte sie im Oktober 1696 einen Sohn zur Welt.

Moritz wurde später von seinem Vater anerkannt. Nachdem er durch diverse Abenteuer zum Schuldenberg seiner Mutter beigetragen hatte, machte er als Feldherr Karriere und war unter anderem Generalfeldmarschall von Frankreich.

Gekränkt wurde Aurora dadurch, dass August sich ausgerechnet Fatima zu ihrer Nachfolgerin auserkor. Die türkische Gefangene war ihr 1686 in Stockholm geschenkt und auf den Namen Maria Aurora getauft worden. Die Gräfin hatte sie gewissermaßen selbst dem Kurfürsten in den Schoß gelegt.

An Heirat dachte sie nicht mehr. Mit 38 wurde sie auf Betreiben Augusts in die Leitung des Quedlinburger Damenstifts berufen. Einmal noch trat sie in der großen Geschichte auf, als sie 1702 während des Nordischen Krieges von August, der inzwischen König von Polen war, mit einer diplomatischen Mission beim schwedischen Herrscher Carl XII. betraut wurde. Doch der empfing sie nicht.

Aurora blieb verschwenderisch und reiselustig, bis Asthma, Herzbeschwerden und Wassersucht ihre letzten Tage vergällten. »Stunden verwunden – die letzte tötet und heilt«, schrieb sie kurz vor ihrem Ende.

Es ist nicht belegt, ob ihr lebenslanger Verehrer Claes Horn je an ihrem Sarg gestanden hat. Andere, tausende haben es getan. Noch 1914 war die Mumie in der Quedlinburger Stiftskirche eine Attraktion für Reisende.

An dieses makabre »Überleben« der schönen Frau schließt eine Legende des Stader Schriftstellers Ernst Harthern an. Erzählt wird sie von der Titelfigur des 1913 gedruckten Romans Axel Mertens Heimat, die sich in einer Schenke in Sichtweite des Agathenburger Schlosses sinnlos betrinkt.

»Er wird meine Brust, von der er sagte, dass sie weiß wie die Blüten der Äpfel sei, noch küssen, wenn ich längst im Grabe vermodert bin«, prophezeit Aurora August dem Starken. Nach dem Tod der Gräfin erscheint in dessen Warschauer Residenz ein Mann mit einer seltsamen Trommel.

»Jeden Morgen ließ sich der König von der Trommel wecken. Nachts musste ihn die Trommel in den Schlaf spielen.« In einer Schlacht werden der Trommler getötet und die Trommel zerfetzt. Ein versiegelter Brief fällt heraus und erklärt August, dass das Trommelfell aus Auroras Brusthaut besteht. Und der König küsst es.

Aurora von Königsmarck (Zeichnung: urian)

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© Uwe Ruprecht

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