Alltägliche Randbemerkungen

Zu den Eigentümlichkeiten kleinstädtischen Lebens gehört, dass man öffentlich ist, sobald man auf die Straße tritt. Anders als in der Großstadt gibt es kein Untertauchen in der Menge, die so schnell vorbeirauscht, dass man kein bekanntes Gesicht wahrnimmt. Vielmehr ist in Stade die Anonymität dort, wo die Menge am dichtesten ist, am geringsten.

Zwischen Fisch- und Pferdemarkt trifft man stets irgendwen. Buchstäblich am laufenden Meter wird gegrüßt. Mürrisch und blicklos vorüber zu hasten verbietet sich. »Ich habe Sie da und dort gesehen«, heißt es dann später unvermeidlich, und der Vorwurf schwingt mit: »Warum haben Sie nicht gegrüßt?«

Meist bleibt es ja nicht beim Grüßen. Man hält sich auf, hört einer Geschichte zu oder erzählt selber eine. Und obwohl man nur kurz eine Besorgung machen wollte, steht man herum und plaudert, während noch mehr Bekannte grüßend vorbeigehen.

Und zum Abschied sagt man: »Wir sehen uns.« Diese Formel jagt mir jedes Mal einen Schauer über den Rücken. Ich hörte sie erstmals 1969/70 in einer britischen TV-Serie, in der es um Geheimagenten ging, die in einem Städtchen an der See eingesperrt waren und allerlei surreale Spielchen miteinander trieben.

Die Leute hatten Nummern statt Namen und sich mit ihrem Schicksal abgefunden. Nur Nummer Sechs wollte immer fliehen. Aber dann kamen weiße Kugeln und fingen ihn ein. »Wir sehen uns« war mehr eine Drohung als ein Gruß. Natürlich würde man sich wiedersehen, man konnte ja nicht abhauen.

Im Unterschied zu »auf Wiedersehen« beinhaltet »wir sehen uns« die Gewissheit, dass man sich erneut begegnen wird. Dass man nicht entkommen kann, zählt auch zu den Eigentümlichkeiten kleinstädtischen Alltags.

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Diese Menschen gehören in die Straßen wie die Kirchen oder die Geschäfte. Man bemerkt sie überhaupt nur, weil sie eine eigene Farbe ins Stadtbild tuschen. Beinahe täglich kann man sie in der Inneren Stadt sehen, und sieht man sie nicht, liegt es nicht daran, dass sie nicht da wären.

Gemeint ist nicht ein unbekanntes, zufällig zwei, drei Mal hintereinander gesehenes Gesicht, das dadurch Vertrautheit gewinnt. Die Rede ist von den unvermeidlichen Gestalten im Gemenge der Straßen, die sich darin aufhalten, weil sie dorthin gehören. Ihr ganzes Gebaren zeigt, dass das Getriebe ihr Zuhause ist, die Straße ihre Wohnstube.

Die Namen kenne ich nicht, weiß nicht, was sie sonst machen. Den einen könnte ich »das Muttersöhnchen« nennen, weil ich ihn oftmals in Begleitung einer älteren Frau gesehen haben; mag auch sein, sie ist sie seine Tante.

Er ist nicht mehr jung, aber jünger als sein angegrauter Vollbart vermuten lässt; um die 40, schätze ich. Er trägt eine Prinz-Heinrich-Mütze und fällt durch seinen sonderbaren Gang auf; wiegend, wie vorwärts tastend, als ginge er auf Eis, und dabei hält er den Kopf gesenkt, als philosophiere er wie Nietzsche im Gehen.

Seit Jahren ist er mir unvermeidlich. Ihm nicht zu begegnen wäre, als würde ich bei einem Gang durch die Innere Stadt nicht das Rathaus passieren: Kann vorkommen, ist aber selten. Und jedes Mal frage ich mich, an was mich sein Anblick gemahnen soll.

Der andere trägt einen grauen Trenchcoat, darunter einen braunen Anzug mit Weste. Die Kleidung ist auf eine Art abgetragen, die den gelernten Berber verrät. Raschen, geradezu wütenden Schritts durcheilt er die Straßen. Tagein tagaus, nervös wie das gefangene Raubtier, auf und ab, nirgendwoher, nirgendwohin. Und erinnert an alle anderen um ihn herum.

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Es ist unbequem, mühselig und oft auch schmerzhaft, die eigenen, mehr oder minder festgefügten Weltanschauungen revidieren zu müssen. Gleichwohl sollte man sich dieser Übung regelmäßig unterziehen, bevor aus Urteilen Vorurteile werden. Bisweilen erledigt das die Wirklichkeit ohne unser Zutun. Ein Beispiel gefällig?

Neulich im Zug. Im nächsten Abteil stehen zwei singende Burschen im Gang: Kahlrasierte Köpfe, hochgeschnürte Stiefel, offensichtlich Skinheads. Von ihrem Gesang verstehe ich nur eine wiederkehrende Zeile: »Ich hab mein Vaterland so furchtbar lieb«. Keine Ahnung, was sie da trällern, in dieser Art Liedgut bin ich nicht bewandert.

Der Gesang scheint jemanden im Abteil, den ich hinter der hohen Sitzlehne nicht erkennen kann, verhöhnen zu sollen. Ich bin schon drauf und dran, die Brille von der Nase zu nehmen, denn die stört, wenn es zu Handgreiflichkeiten kommt. Da haben die sangesfreudigen Burschen genug und ziehen lachend weiter durch den Zug.

Und ich schaue mir das Opfer ihres Spotts an. O nein, es ist kein Ausländer oder eine langhaarige »linke Zecke«, über den die Skins sich lustig gemacht haben, kein Jude, kein Intellektueller. Es sitzt dort ein blasser, blonder und blauäugiger Bundeswehrsoldat im Tarnanzug samt Barett und starrt angestrengt zum Fenster hinaus.

Was soll ich denn nun damit anfangen? Kann man sich denn nicht einmal mehr darauf verlassen, dass die Skinheads klar umrissene Freund- und Feindbilder haben? Stimmt es denn nicht mehr, dass rechte Jugendliche alles Militärische lieben und es eilig haben, zum Bund zu kommen, um dort Karriere zu machen?

So kann man sich täuschen. Die Menschen sind einfach zu kompliziert für simple Schemata.

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Ich bin knapp dem Tode entronnen. Ich wäre nicht gestorben für Volk und Vaterland oder hätte mein Leben für irgendetwas Wichtiges gegeben. Kein tragisches Ende. Mit diesem Ableben wäre ich bestenfalls in der Spalte »Kurioses« gelandet. In der Galerie der sinnlosen Tode hätte ich einen Platz bekommen neben Ödön von Horváth, der von einem im Gewitter abgerissenen Ast erschlagen wurde.

Ich wäre so nebenbei gestorben, wie zufällig, aus Versehen. Auf dem Bürgersteig in Buxtehude. Weil eine Frau in ihrem Auto nicht aufgepasst hat. Weil sie mit einer Hand lenkend, mit der anderen am Handy hängend, bei überhöhter Geschwindigkeit die Kurve nicht mehr gekriegt hat. »Uups« hätte sie vielleicht noch gesagt, und das wärs gewesen. Vom Auto erfasst, durch die Luft geschleudert, mit dem Schädel aufs Pflaster geprallt.

Wenn das Telefonat wenigstens wichtig gewesen wäre, sozusagen lebenswichtig. Es wäre immerhin eine Erklärung, eines anderen Leben dafür aufs Spiel zu setzen. Ich fürchte, ich wäre nur ein Opfer des Gelabers geworden. Irgendwie hätte das natürlich gepasst. Schreiben war sein Leben, gestorben ist er fürs Gerede.

In meiner Kindheit warb eine Tankstellen-Kette mit einem Satz, der heute terroristisch anmutet: »Nimm dir Zeit und nicht das Leben«. Oder, wie die Lateiner sagen, Eile mit Weile. Nicht, dass wir heute Wichtigeres zu erledigen hätten als früher. Aber es gehört zum guten Ton und zum Anschein der eigenen Bedeutsamkeit, alles möglichst rasch und möglichst gleichzeitig zu erledigen. Als kämen wir nicht alle rechtzeitig zum Tod. Wenn die Frau ihr Auto angehalten hätte, um zu telefonieren – ich hätte ihm nicht ins Auge blicken müssen.

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Es war Abend, ich wollte nur kurz einkaufen, zwischen zwei Zügen im nächstbesten Supermarkt am Harburger Bahnhof. 20 Minuten Zeit, das sollte reichen. Ein geeignetes Geschäft war auch gleich gefunden. Ein bisschen zu groß vielleicht für meine kargen Einkaufsbedürfnisse. Ich hätte gewarnt sein sollen.

Die Schlangen an den Kassen wenigstens waren überschaubar. Ich griff mir einen Wagen und zog los. Lange schmale Regalreihen verstellten den Blick in die Ferne. Textilien, Geschirr, Spielzeug – hier war ich falsch. Lebensmittel nicht zu sehen, bis ich endlich, nach fünf Minuten des Herumirrens, ein Schild entdeckte.

Es ging abwärts über eine Rolltreppe. Vor mir zwei junge Mädchen, die sich angeregt unterhielten. Im Schneckentempo rollte die Fahrbahn, meine Zeit wurde knapp. Zehn meiner 20 Minuten waren verbraucht, als ich die erste Ware in den Wagen gelegt hatte. Jetzt noch zur Kasse – es war zu spät.

Ich ließ den Wagen stehen und verzichtete auf den Plastikchip, den ich als Pfand hineingesteckt hatte. Wo war nur die Rolltreppe? Gab es hier kein Treppenhaus?

Ich fragte eine Kundin nach dem Weg. Sie musterte mich, schüttelte mitleidig den Kopf und sagte: »Gibs auf.« Dann zog sie weiter mit ihrem Gitterwagen, zu einer weiteren Runde.

Niemand in der Nähe, der wie ein Angestellter aussah. Immerhin fand ich die Rolltreppe wieder. Vor mir ein Ehepaar mit vollem Wagen, an dem ich nicht vorbei konnte.

Textilien, Geschirr, Spielzeug, die Umgebung kam mir vertraut vor, doch den Ausgang erspähte ich nicht. Ich sprach einen Kunden an. »Von mir wollen Sie den Weg wissen?« Lachend wandte er sich ab. »Gibs auf, gibs auf.«

Die langen Schlangen an den Kassen versperrten mir den Ausweg. Ich gab es auf und ließ den Zug fahren.

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