Noch bis zum 15. September 2019: Erich Kuithan im Kunsthaus Stade

»Ein Wanderer zwischen den Stilrichtungen«, »das humanistische Ideal in Wort und Bild«, »über das Allegorische in den Bildern Kuithans«, »Jugendstil, Expressionismus, Symbolismus: eindrucksvolle Vielseitigkeit«, »der Universalkünstler Kuithan«, »Kuithans Frauenbild zwischen Tradition und Emanzipation« – das Begleitprogramm zur Ausstellung im Stader Kunsthaus lässt Erich Kuithan (Bielefeld 1875 – 1917 Berlin) bedeutender erscheinen, als er ist.

Kuithans war ein Gebrauchskünstler. Jemand, der das gezeichnet und gemalt hat, was seine Kunden bestellten: darin besteht seine »Wanderung zwischen den Stilrichtungen«, das ist seine »Universalkunst«. Er war Symbolist, wenn Sonnenauf- oder -untergänge gefragt waren, vor denen sich pathetische Gestalten gen Himmel reckten oder am Boden krochen; er machte in Jugendstil, wenn die Zeitschrift Jugend Illustrationen bestellte; und als der Zeitgeist so weit war, eignete er sich expressionistische Malgesten an. Er hat auch Geschirrmuster gestaltet und was sonst noch Geldeinnahmen versprach.

Erich Kuithan (1875–1917)

Einige der Gemälde sind schlicht Kitsch. Kuithan hat keine andere Kunstauffassung als eine handwerkliche. Er hat in seinen 42 Lebensjahren keine Handschrift entwickelt, nichts Eigenes und Wiedererkennbares geschaffen. Was an den Wänden des Hauses am Wasser West hängt, hat man schon einmal gesehen, von anderen, die die Motive und Malweisen geprägt haben, in denen sich Kuithan je nach Auftragslage versuchte.

Dass Kuithans Frauenbild die Tradition verlässt und auch nur eine Ahnung von Emanzipation zeigt, wie es im Begleitprogramm heißt, ist eine mutige Behauptung. Oder schlicht aufgesetzter Unsinn. Kuithans Frauen sind Madonnen ohne Religion nach dem Geschmack der Belle Epoque.

Der »Aufbruch in die Moderne« des Ausstellungstitels ist eine Besuchertäuschung. Das zeitgenössisch Modernistische an den Bildern wirkt 100 Jahre später vor allem vorzeitig gealtert. Das Plakat zeigt eine Nachahmung von Paul Gaugin. Was 20 Jahre zuvor revolutionär war, richtet Kuithan für seine bürgerlichen Abnehmer gefällig her.

In Jena, wo er seine letzten Jahre verbrachte, wurde er als regionale Größe zu seinem 100. Todestag wieder entdeckt. Eine Slide-Show zum historischen Jena in der Stader Präsentation ist umso sinnloser, als nichts von der realen Stadt in den Bildern gespiegelt wird.

Die Ausstellung in Stade ist überflüssig. Bei Kuithan gibt es nichts zu entdecken. Selten war ich von einer Bilderschau so gelangweilt und schnell fertig mit ihr.

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