Andenken an imaginäre Reisen

Eine Kreisscheibe, über der sich eine Plastikglaskuppel wölbt, in der Plastikfeilspäne in destilliertem Wasser schweben und über eine Kulissenszene rieseln: die Schneekugel, made in Hongkong oder Neugablonz. Inbegriff des schlechten Geschmacks. Und wohl das Souvenir schlechthin.

Verkleinerte Abbilder der Sehenswürdigkeiten, ihrerseits symbolische Verdichtungen der Fremde, tauschen von Land zu Land unter dem transparenten Gewölbe den Platz. Nur das Objekt selbst ist überall gleich und wartet auf den Reisenden, der es in der Hand halten kann wie Kaiser und Könige den Reichsapfel. Ein Welt-Bild zum In-die-Tasche-Stecken.

 

Vorformen der Schneekugel sind zumeist religiöse Wachsfigurenszenen, die zum Schutz des empfindlichen Materials von einem Glassturz überwölbt wurden und im 19. Jahrhundert zur Ausstattung der Bürgerstube gehörten.

Die Glaskugel ist auch Instrument der Hellseherinnen. Sieht nicht der Pauschaltourist, dem das handliche Spielzeug Andenken bedeutet, nur, was er zuvor in den Reiseführern gelesen hat? Mit der Schneekugel bringt er die Bestätigung der eigenen Erwartung aus der Ferne heim.

Der Prozess des Schüttelns scheint eine Verwandtschaft der Schneekugel mit dem Ei der Alchimisten zu bezeugen: die wundersame Umwandlung von Realität in Traum. Im Geriesel tauchen die phantastischen Reste des Urlaubsortes auf und gehen wieder unter, wie wenn man sich die Augen reibt nach dem Erwachen.

Tatsächlich sind die Objektbilder in der Kugel getreu den Gesetzen komponiert, die Sigmund Freud an der Traumarbeit aufgedeckt hat: Verfremdung, Verschiebung, Verdichtung, Größenverhältnisse kehren sich um; auch in der Südsee schneit es. Eine Stadt wird durch ein Gebäude dargestellt, eine Region von zwei Bergen, zwischen denen eine Seilbahn verkehrt; ein Taucher reitet auf einem Seepferdchen.

 

Das Schneegestöber assoziiert Kälte: Erinnerungen sind in der Kugel wie tiefgefroren. Die Fremde ist im Glas unter Wasser gesetzt, wie tote Weichtiere in Spiritus eingelegt werden. Der Schnee verweist auch auf Weihnachten und den heiligen Ort Bethlehem. Im Zeitalter des Massentourismus kann jeder Ort für eine Saison zum Wallfahrtsort werden.

Der Ursprung der Schneekugel ist der Fetisch, das Stammesidol, die Reliquie. Was in der fernen Fremde die Andenkenbude anbietet, verkaufen zu Hause in nördlichen Breiten die Kitschabteilungen der Warenhäuser, in südlichen die Kramläden mit katholischen Devotionalien.

Der Nippes aus der Fremde oder als Mitbringsel zum Geburtstag ist nur aus oberflächlicher Sicht überflüssig. Der Kitsch ist eine Universalsprache des Nutzlosen; nicht allein die Kunst der kleinen Leute, sondern auch ihr Ersatz für Religion.

Die Botschaft der Plastikartikel lautet, dass überall dieselbe Bildsprache gesprochen wird, dasselbe Weltbild besteht. Der hoffnungsvolle Zuspruch zum erbärmlichen Alltag wird heute von der jeweils angesagten Marken-Puppe so gut geleistet wie ehedem von der Marienstatue.

 

Im Urlaub ist das Gesetz der Nützlichkeit gänzlich aufgehoben, und alle Gegenstände werden zum Spiegel des Selbstverständnisses, zum Objekt zweckfreier Kontemplation. Der Andenkenladen ist eine Kathedrale des Überflüssigen. Die feilgebotenen Gegenstände fungieren als Idole einer verweltlichten Religion, Heiligtümer einer illusionären Freiheit des Reisenden, die allerdings so begrenzt ist wie der Urlaub, an den sie erinnern sollen.

Die Schneekugel als Plastikartikel gehört seit den 1950ern zum Inventar der Andenkenbuden. „Das Plastik ist weniger eine Substanz als vielmehr die Idee ihrer endlosen Umwandlung, es ist die sichtbar gemachte Allgegenwart“, notiert Roland Barthes in den Mythen des Alltags. Endlose Umwandlungen führen die Schneekugeln drastisch vor. Identische Motive wechseln von Urlaubsort zu Urlaubsort lediglich die Beschriftung.

 

Der Pauschaltourist will ja auch nicht die authentische Ferne, sondern eine, in der die Betten so weich, die Straßen so sauber sein sollen wie zu Hause. Eine Ferne, die von den Reiseveranstaltern hinter Glas gehalten wird wie von den Scheiben des Sightseeing-Busses: eine Vitrinenwelt.

Wenn die Hongkong-Hersteller der Schneekugeln bei ihren Arrangements nur die Beschilderung austauschen, antwortet diese Rationalität des Geschäftssinns den Bedürfnissen des Pauschalreisenden, der sein Schneckenzuhause nicht wirklich verlassen möchte. Von Sammlern der Kugeln besonders begehrt sind solche Exemplare, bei denen am Fließband ein Fehler passiert und der Eiffelturm mit dem Schild „Bodensee“ versehen worden ist.

 

Sowenig die Kugelbilder wirkliche Orte zeigen, sowenig geben sie die Gefühle zurück, die an sie gebunden werden. Ein Rest bleibt: Melancholie. In diesem Sinne spielt die Schneekugel als Glasobjekt in Orson Welles‘ Citizen Kane von 1941 eine Hauptrolle.

„Rosebud“, murmelt der Zeitungsmagnat mit letztem Atem, die Kugel zerschellt, und die Kamera schaut durch die Splitter zurück auf die Geschichte, die im Fetisch verschlossen war. Natürlich ist es eine Kindheitserinnerung, von der das Objekt seine emotionale Kraft bezieht. Ein Schlitten im Schnee, der von Kane ebenso zurückgelassen wird wie die Mutter. Der Mutterleib — eine gleichfalls hohle, mit Flüssigkeit gefüllte Kugel.

Das verlorene Land der Kindheit vertritt ein Verwandter der Schneekugel, der Briefbeschwerer, auch in George Orwells 1984. Er zerbricht, als Winston Smith, der Freidenker, in die Hände der Gedankenpolizei fällt. Die Plastikschneekugel indes ist nahezu unzerstörbar.

 

Literatur: Ulli Ludewig: Die Schneekugel, Marburg 1983

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