Über den Umgang der „Hansestädter“ mit Geschichte

Es gibt in Stade eine Anzahl Historiker, die ihre Existenz mit Forschungsaufträgen der öffentlichen Hand bestreiten. Kaum jemand außer ihren Kollegen und Auftraggebern nimmt ihre Werke zur Kenntnis, weil sie nicht Geschichte darstellen, sondern die in Akten niedergelegten Ansichten der jeweils Herrschenden wiederholen. Ihre Aufträge sehen nicht vor, Geschichte zu vermitteln, und den Auftraggebern ist es umso lieber, wenn das Verständnis geschichtlicher Vorgänge auf einen kleinen Kreis von Eingeweihten beschränkt bleibt.

Dass Institutionen der Demokratie Forschungen finanzieren, die einem breiteren Publikum Historie näherbringen, mag vorkommen. Nicht jedoch in Stade, das abseits aller seitherigen Staatsverfassungen seit einem halben Jahrtausend von Männerbünden, die sich „,Brüderschaften“ nennen, regiert wird. Diese Geschichte ist selbstverständlich nicht erforscht und soll auch nicht näher betrachtet werden, weil sie an die Gegenwart anschließt.

Da außer ihnen niemand ihre Geschichten zur Kenntnis nimmt, haben sich Auftraggeber und Autoren nie kritischen Fragen ausgesetzt gesehen und sind ihre durch öffentliche Gelder geschmierten „brüderschaftlichen“ Verbindungen unangetastet geblieben.

Abseits dieser akademischen Geschichtsschreibung, die zwar parteiisch aber sachlich ist, gibt es die Geschichte der Tourismuswerber, die im Wesentlichen aus Täuschungen und Lügen besteht. Sie kulminieren in der Vorspiegelung einer Geschichte als Hansestadt, auf die ich an anderer Stelle bereits eingegangen bin.

In der tausendjährigen Chronik der Stadt finden sich wenige Namen, die über die Region hinaus bekannt sind. Der mit Abstand prominenteste ist Georg Christoph Lichtenberg, der ein halbes Jahr als Astronom in Stade verbrachte. Zufällig ergab es sich, dass kurz nachdem meine dokumentarische Erzählung Lichtenberg in Stade erschienen war, auf der Museumsinsel, wo der Philosoph sein Fernrohr aufbaute, eine Statue aufgestellt wurde. Der Einweihung wohnte ich als unerwünschter Gast bei.

Ein neuer und mit den mafiösen Gepflogenheiten in der Stadt noch unvertrauter Redakteur der Kreiszeitung hielt es für eine naheliegende Idee, seinen Bericht über das Denkmal mit einem Hinweis auf mein Buch zu verbinden. Anschließend wurde er dafür angerempelt, und über diesen Umweg erfuhr ich, dass dem Stader Tageblatt geraten worden war, mein Buch zu ignorieren. Natürlich war es auch nicht in den Buchhandlungen erhältlich.

Lichtenberg hat es in Stade nicht gefallen, und er hat sein Unbehagen deutlich formuliert. So geht das in der „Hansestadt“: man schmückt sich mit dem Namen, aber die wahre Geschichte will man nicht kennen.

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Mit erheblicher Verzögerung ist die Statue mit einer Tafel versehen worden. Sie demonstriert, wie es mit dem Verständnis von Geschichte in der Stadt bestellt ist, die damit renommiert. In den vier Sätzen ist ein kapitaler Fehler enthalten: „im November 1773 zog er weiter nach Cuxhaven“. Tatsächlich war seine nächste Station Harburg. Gut für die hoch bezahlten, aber offensichtlich wenig sorgfältigen Tourismuswerber, dass kein Reisender in meinem Buch nachlesen kann, wie es wirklich war.

In Cuxhaven hielt Lichtenberg sich auf dem Weg nach Helgoland auf. Seine Reise dorthin ist eine Pioniertat des Tourismus. Aber das zu würdigen, ist von den Fremdenverkehrsfachleuten in Stade zu viel erwartet. Die zählen lieber auf, welche Generäle in der Stadt geboren wurden, sonst aber keine Spuren hinterlassen haben. Krieger gelten viel unter den „Brüdern“.

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