Die Legende vom Borsteler Mord

Die Liegefrist war abgelaufen, kein Zahlungseingang mehr. Aber eine Ahnung bewog den Verwalter des Horst-Friedhofs in Stade, den Grabstein nicht zur Zertrümmerung zu bestimmen, sondern den Passanten in den Weg zu stellen. Unter dem Todestag 6. Dezember 1924 der Zusatz: „gest. eines gewaltsamen Todes“.

Im Stadtarchiv eine Zeitungsmeldung vom 9. Dezember 1924: „Mord in Borstel. Heute Verhör des mutmaßlichen Mörders“. So geht es meist bei wahren Verbrechen: Tat und Aufklärung in einem Bericht. Kriminalistischer Spürsinn wird in Wirklichkeit viel weniger abgefragt als im Roman.

Strafakte (Zeichnung: urian)

Strafakte (Foto: urian)

Im Staatsarchiv die Strafakte des Täters. Peter Kegeler, zur Tatzeit 25 Jahre alt, brachte Julius Plege um, einen zehn Jahre älteren Schullehrer, bei dem er selbst Unterricht gehabt hatte.

Verbrechen sind stets Geschichten. Nur indem sie Legende machen, werden Straftaten überhaupt erinnert. In Borstel, heute ein Ortsteil von Jork, laufen Gerüchte um über den Mord. Längst nicht alle passen zu den feststellbaren Tatsachen.

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Man erinnerte sich noch an den Lehrer aus der eigenen Schulzeit. Und an die Suchaktion, nachdem am Samstagmorgen die Putzfrau Blutspritzer im Treppenhaus der Schule entdeckt hatte. Oben hatte der Lehrer eine Dienstwohnung, die leer war.

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Als Letzte hatte Else den Vermissten gesehen. „Julius war ja doch mit uns zusammen“, sagte die 24-jährige Tochter des Hauptlehrers. „Wir haben tüchtig gefeiert.“

Im Schnee entdeckte man „Fußspuren nach dem Fleet“. Der Kanal war die Hauptstraße des Obstbauerndorfes, die Anlieger benutzten Kähne wie heute Autos.

Beim Nachbarn lag ein Kahn mit Pleges Portemonnaie. Man glaubte an das Ungeschick eines Betrunkenen und stocherte in dem 500 Meter langen Abschnitt zwischen Schule und Schleuse.

Am Sonntagmittag zog der Schleusenwärter ein Hemd mit eingestickten Initialen „J. P.“ und blutigem Unterärmel aus dem Wasser. „Dem Schleusenwärter träumte nun, dass die Leiche sich in der Schleusenkammer befinde“, schrieb die Zeitung.

Vor Gericht wiederholte der 68-jährige Jakob Helmcke: „mir träumte“. Träumte er, oder lag er in der Nacht zum Montag nicht vielmehr wach und grübelte über den Fundort des blutigen Hemdes?

Helmcke stieß auf Widerstand, als er die Schleusenkammer mit der „Totenangel“ abfischte. Um das Hafenbecken versammelte sich das Dorf zur Besichtigung der Leiche.

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Unterdessen wurde an der Tür einer Kneipe ein mit Bleistift geschriebener Zettel entdeckt: „Teile Ihnen hiermit mit, dass ich am Mittwoch spätestens am Donnerstag zur Schule komme. Ich bin bei einem Bekannten. Ich bin am Kopf und am rechten Arm verwundet, möchten Sie bitte zur Schule Nachricht senden. Jul. Plege“.

Einer der Umstehenden erkannte die Handschrift, die sofort zum Täter führte, der gegenüber der Schule wohnte.

Erst war er arbeitslos geworden und aus Hamburg zurückgekehrt ins Haus seiner Eltern. Dann hatte Else ihm den Laufpass gegeben, weil er arbeitslos war. Und Else poussierte mit Plege.

Am Freitagabend hatte Peter Kegeler die beiden und ein zweites Paar verfolgt. Sie waren auf einer Silberhochzeit gewesen und anschließend auf dem Tanzboden einer Gaststätte. Sturzbetrunken wurde Plege in seiner Wohnung abgesetzt. Else ging schlafen, im Nachbarhaus.

Peter Kegeler schlich in die Schule. Er prügelte auf den vermeintlichen Nebenbuhler mit einem Stück Holz ein. Er schlang ein Handtuch um seinen Hals. Er stach mit dem Messer auf ihn ein.

Am Handtuch zerrte Kegeler den Sterbenden hinter sich her, die Treppe hinunter. Er zog die Leiche durch das Fenster eines Klassenzimmers zum Fleet, hievte sie in den Kahn, ruderte mitten durch den ganzen Ort zur Schleuse.

Kegeler kam mit Zuchthaus davon. 15 Jahre und zwei Tage nach dem Mord kam er frei. Im November 1945 kehrte er nach Borstel zurück, wo er 1977 starb.

Die Legende hatte den Mord ergriffen, bevor jemand die Akten las, die kursierenden Geschichten sammelte, sortierte und mit Chroniken und Presseberichten abglich. „Er gehörte doch zu uns“, hieß es in Borstel über den Mörder, der am Tatort einen Kiosk betrieb.

Und man raunte: „Else hatte doch die Schuld.“ Was zwischen ihr und dem Opfer war, bleibt Spekulation. Vor Gericht sagte sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus, und niemand es schrieb auf.

Else verließ Borstel, heiratete einen Justizbeamten in Hamburg; ein Sohn wurde Richter. Inzwischen hat die Legende meinen „wahren Bericht vom Verbrechen“, der im Hörfunk ausgestrahlt, in Zeitungen, auf Lesungen und im TV verbreitet wurde, überholt. Doch auch in dieser Version hat Else immer noch Schuld.

Die Ahnung des Friedhofsverwalters hatte indes nicht getrogen. Pleges Schwester machte der Kirche ein Vermächtnis mit der Auflage, das Grabmal zu erhalten. 2012 lief auch diese Frist ab. Die Legende wird sie überdauern.

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Pleges Grabmal 2017

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Dies war meine erste wahre Kriminalgeschichte, zuerst veröffentlicht unter dem Titel Elses Lachen als Hörstück von 55 Minuten in der Regie von Hans Rosenhauer mit den Stimmen von Peter Buchholz, Lutz Herkenrath, Herma Koehn u. a. vom NDR produziert und im Dezember 1994 gesendet; hier in einer Fassung für die Kreiszeitung Syke vom August 2009.

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Auf Recherche 1993

Man erzählt keine wahre Geschichte ungestraft. Handelt es sich um eine, über die die Leute ohnedies reden, riskiert man, dass der eigene Beitrag, wie vorsichtig er auch verfasst sein mag und Deutungen und Wertungen nicht leichtfertig einsetzt, den Legendenbestand vermehrt.

Zeitzeuge 1998 / Lesung 1995

Ein Zeitzeuge, dem zunächst abgeraten worden war, mit Fremden zu reden, gab Zeitung und Fernsehen Interviews, in denen er seine ursprünglich vagen Erinnerungen und Bruchstücke der Legende mit dem vermischte, was er von mir erfahren hatte. Inzwischen schilderte der Greis lebhaft die Beziehungen zwischen den Mörder, seiner Geliebten und dem Opfer, von denen er als Kind kaum etwas hatte wissen können und über die im Dorf geschwiegen werden sollte, als ich mich erkundigte.

© Uwe Ruprecht

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