Verschwörung und politische Montage an einem zufälligen Beispiel

Das deutschsprachige Internet ist ziemlich sauber. Auf google.de erhält der User zu bestimmten Schlagworten nur einen Bruchteil dessen angezeigt, was google.com zu bieten hätte, könnte es angewählt werden. Wer die Adressen von Neonazi-Sites nicht kennt, findet sie nicht ohne Weiteres.

Dagegen ließe sich vieles einwenden. Dass die Einschränkung der Meinungsfreiheit denen entgegen arbeiten soll, die diese einschränken wollen, erscheint nicht nur als Fehlschluss, er ist inzwischen als solcher erwiesen. Anfang der 2000er begannen die Bestrebungen, hinsichtlich des Neonazismus chinesische Verhältnisse zu installieren.

Das Ergebnis sitzt im Bundestag. Die Alternative für Deutschland postet täglich Ungeheuerlichkeiten, die denen untersagt wurden, die sich in Illustrationen eindeutiger auf ihr Vorbild bezogen. Ein Jahrzehnt lang wurde das Verbot der NPD als Allheilmittel propagiert. Kaum war es gescheitert, schöpfte die Neue Rechte ihr Potenzial voll aus.

Früher ließen sich Lügen und Legenden von Neonazis leichter entlarven. Dass bestimmte Behauptungen auf unverdächtigen Websites eine rechte Quelle haben, ist heute nurmehr mit Vorwissen nachverfolgbar.

Ein Propagandamittel der AfD ist die → »Antifa-Verschwörung«, wonach jeder Widerspruch gegen sie staatlich gelenkt und bezahlt ist. Die Denkfigur hat sie nicht erfunden, sondern von ihren neonazistischen Vorgängern geerbt.

Ein Instrument der Verschwörung existiert nicht mehr, der Informationsdienst gegen Rechtsextremismus IDGR, aber seine Verleumdung sehr wohl. Der IDGR wird in einem Artikel der → Jungen Freiheit vom 28. Februar 2003 (aktualisiert am 21.12.2007) als Beispiel angeführt, »wie weit der Medieneinfluss gediehen ist. Dienlich ist diese Weltnetz-Seite vor allem der öffentlichen Anprangerung unliebsamer rechtsstehender Personen. Ein Blick auf die beim IDGR vorgestellten mitwirkenden Autoren verweist auf den weitreichenden Einfluß von ›antifaschistischen‹ Leitbildern auf Autoren in bedeutenden Institutionen und Medien: […] zum Beispiel Uwe Ruprecht, journalistisch tätig beim Norddeutschen Rundfunk, bei der Zeit oder dem Hamburger Abendblatt«.

Der Artikel ist nicht namentlich gezeichnet, aber ausnahmsweise ist seine Quelle mit google.de eruierbar: die Homepage von Claus Wolfschlag, der laut → wikipedia »akademische Anti-Antifa-Publizistik« betreiben soll.

Von meinen »antifaschistischen‹ Leitbildern« kann Wolfschlag nichts wissen, weil ich keine habe. Ich komme ganz leidlich mit einigen von denen aus, die welche haben, aber meine Beschäftigung mit Neonazismus hat nichts mit Antifaschismus zu tun. (Dazu im Zusammenhang mit der AfD: → Neonazis aus dem Schatten)

Der Site des IDGR waren keine weiteren Angaben über mich zu entnehmen, ebenso nicht wikipedia, und zum Zeitpunkt, als Wolfschlag mich auszukundschaften versuchte, war seine beste Quelle meine eigene Homepage. Dort hatte ich lediglich ein paar Abnehmer meiner Texte verzeichnet. Wolfschlag macht daraus ein engeres Verhältnis, als es bestand, und er suggeriert, die Verbindung sei antifaschistisch.

Ich habe exakt einmal ein Honorar vom NDR für einen Text bezogen, für ein Hörstück über eine historische Kriminalgeschichte. (→ Elses Verehrer) Von Antifa-Verschwörung keine Spur. Die paar Texte, die ich in Die Zeit unterbringen konnte, nahm mir das Reise-Ressort ab, Geschichten über Grabbe in Detmold oder → ein Gesamtkunstwerk in der Nordheide; allein in einem Artikel über Szczecin/Stettin kam Nationalsozialismus vor. Keine Antifa, keine Verschwörung. Zu dem Zeitpunkt, als Wolfschlag mich in seine Theorie einbaute, hatte ich im Hamburger Abendblatt allerdings über Neonazis geschrieben: als Gerichtsreporter.

Natürlich hat Wolfschlag nicht vollkommen Unrecht. Ich habe den Neonazismus seit Mitte der 1980er beobachtet und sehr gelegentlich dazu publiziert. Seit Mitte der 1990er kam ich mit unterschiedlichen Neonazis und ihren Organisationen in Berührung. Freilich veröffentlichte ich wenig. Denn es gab nicht nur keine Antifa-Verschwörung, sondern einen Widerwillen der Redaktionen, sich des Neonazismus anzunehmen. Vieles, womit ich mich befasste, habe ich erst auf diesem Blog veröffentlicht. (→ Braune Bande)

Etliches ist gegen geringes Honorar in Fachpublikation erschienen. Meine Mitarbeit beim IDGR war unentgeltlich. Bevor die Medien eigene Internet-Präsenzen aufbauten, hatten Neonazis bereits Plätze besetzt. Beim IDGR erhielt der google-Nutzer Informationen über die Szene, die in den Einträgen zu gewissen Schlagworten dominierte. Ich verbreitete dort die Ergebnisse von Nachforschungen, die von den Zeitungen und Zeitschriften, die mich fallweise dafür bezahlt hatten, noch nicht ins Netz gestellt wurden.

Dass der IDGR »vor allem der öffentlichen Anprangerung unliebsamer rechtsstehender Personen« diente, erledigt sich von selbst, nicht nur, weil einer es behauptet, der sich darin überschlägt, irgendwen anzuschwärzen. Um Pranger handelte es sich schon deshalb nie, weil die Personen sich selbst in die Öffentlichkeit begeben hatten. Freilich war es um 2003 noch ungewohnt, dass diese das Internet umfasste, und lichtscheue Gestalten reagierten umso empfindlicher darauf. Das haben sie bis heute beibehalten, auch als AfD (→ Gestalten im Schatten).

Neonazis namhaft zu machen ist bis heute nicht nur von ihnen selbst unerwünscht. Entweder sollen es gar keine Neonazis sein, wie die AfDler, oder sie verleumden jene, die sie mit ihrem Ahnenerbe identifizieren, als bezahlte Antifa.

»Die aggressiven jugendlichen ›Antifa‹-Kader schwimmen somit relativ gefahrlos wie der Fisch im Wasser allgemeiner ›Anständigkeit‹, sofern sie nicht allzu massiv die öffentliche Ordnung gefährden, und können die Empfindungen zahlreicher etablierter Politfunktionäre und Journalisten in wütender Übersteigerung verbreiten, wie beispielsweise April 2001 im Berliner Untergrund-Blatt Interim formuliert wurde: ›Vertreibt Nazikader von dort, wo sie wohnen! Macht ihnen ihr soziales Umfeld, in welches sie sich zurückziehen, um ungestört Aufbauarbeit im rechten Netzwerk zu leisten, zur Hölle!‹«

Wie mein Name da hinein kommt, weiß Wolfschlag gewiss nicht. Er irrt, wenn er er mich im Zusammenhang mit Fachjournalisten nennt. Über neonazistische Umtriebe zu publizieren, gehörte zwar zu meinem Portfolio, aber ich habe mich anders als ausgewiesene Kenner auch mit allerhand anderem befasst.

Um Politik im engeren Sinne ging es mir nicht, wenn ich über Neonazis schrieb. Ich betrachtete sie als Verbrecher, als denen ich ihnen zuerst begegnet war, im Gerichtssaal, neben hunderten anderer Straftäter, und als Erben der Geschichte, mit deren kulturellen Umgang in der Gegenwart ich mich beschäftigte. Ich verfügte über fallweises Fachwissen.

Mit »etablierten Politfunktionären und Journalisten« habe ich nie in einem Boot gesessen. Und wenn wem das soziale Umfeld zur Hölle gemacht wird, dann nicht von mir, sondern von den Neuen Rechten, die sich nicht als Neonazis verstehen wollen oder nicht so verstanden werden. Sie konzentrieren sich zwar in der AfD, die Anschauungen aber reichen weit über diesen harten Kern hinaus und werden überall dort geteilt, wohin die »etablierten Politfunktionäre und Journalisten« nicht schauen wollen und worüber sie Leute wie mich nicht reden lassen wollen.

Das Schweigegebot gilt nicht für Meinungen oder Gesinnungen welcher Art auch immer, antifaschischtisch oder nationalsozialistisch. Wer immer mich damit identifiziert, hat nie eine Zeile von mir gelesen und verlässt sich auf das Wort von Leuten wie Wolfschlag. Mein Metier waren Tatsachen.

Meinungen gibt es im Dutzend billiger, und was für Gesinnung ausgeben wird, besagt wenig über das Gewissen. Tatsachen sind ein härteres Brot, als die Wolfschläger ahnen. Seine Unterstellungen erscheinen in der Rücksicht, im facebook-Zeitalter, harmlos, und sie sind allerdings nicht justizabel. Das hindert sie nicht daran, tatsachenfrei zu sein und nur zu simulieren, Auskunft über irgendeine Wirklichkeit zu geben.

Pranger nennt er, was ich getan haben soll? Ich hatte ein schlichtes Prinzip bei meiner Arbeit: wenn ich einen Namen nenne, dann weiß ich über die betreffende Person genug, um mich jederzeit vor einem Gericht dafür zu verantworten können, was ich in die Welt setze. War ich es selbst, der jemand durch Namensnennung der Öffentlichkeit ausgesetzt habe, dann erst, nachdem ich mir einen gründlichen persönlichen Eindruck verschafft hatte.

Tatsächlich habe ich nach Kräften vermieden, Neonazis, über deren Aktivitäten ich berichtete, beim Namen zu nennen. Sofern es Straftaten betraf, war das vorgegeben; aber da ich denen, über die ich schrieb, nicht nur einmal begegnete, konnte ich abschätzen, welche Wirkung eine Namensnennung hatte, als Pranger wie als Ruhmesblatt.

Für die Tatsachen tun die Namen nichts zur Sache. Auch nicht für die Tatsachen, die es über eine Person zu wissen gibt. Namen zu nennen kann Tatsachen vortäuschen, die gar nicht vorhanden sind.

Dass und wie Wolfschlag meinen Namen nennt, ist eine Tatsache. Ein Modell für das, was er mir vorwirft. Sein Vorgehen steht in einer Tradition, die in Gestalt der AfD einen politischen Siegeszug angetreten hat (von den sozialen und kulturellen Verwerfungen zu schweigen). Ein Vorgehen, das im Internet geradezu angelegt und von der vorrangigen Suchmaschine angeboten wird: zufällig zu montieren, was als Meinung oder Tatsache daher kommt, und es, ohne zu unterscheiden, ohne zu prüfen oder abzuwägen, ohne nachzudenken zu teilen. (→ Die Zitate der AfD)

Lügen haben im Internet-Zeitalter ganz lange Beine. Die Zahl der Einträge bei google.de ist zwar erheblich kürzer geworden, aber Wolfschlags Charakteristik meiner Umtriebe ist unverändert verfügbar für jeden, der etwas Passendes sucht. Ehedem hätte man eine gedruckte Fassung ausgraben müssen; heute schlägt sie ins Gesicht, wer nicht danach suchte. Wer dieses Fundstück für eine Wahrheit hält, kann sich ab jetzt nicht darauf berufen, es nicht besser gewusst zu haben.

Zur Illustration: Als schön die Begegnung eines Regenschirms und einer Nähmaschine auf dem Seziertisch zu begreifen – das Diktum des Comte de Lautréamont aus den Chants de Maldoror, das dem Surrealismus die Richtung vorgab, klang für mich sehr vertraut, als ich es zuerst las. Ich bin mit Nähmaschinen aufgewachsen. Meine Mutter war gelernte Herrenschneiderin und in der Textilindustrie beschäftigt, solange es sie in Deutschland gab. Das Geratter der Nadeln gehört zu meinen ersten akustischen Eindrücken und begleitet meine Kindheit und Jugend. Schnittmusterbogen zählen zu meinen ersten grafischen Erfahrungen.

Schnittmuster sind Projektionen dreidimensionaler Gegenstände als zweidimensionaler Zeichen. So bilden Worte Menschen ab. Ob es passt, verrät der Schnittmusterbogen nicht, sondern nur das fertige Kleidungsstück, und erst, wenn es der wirklichen Person angepasst wird. Da kann viel schief gehen. Eine der Arbeiten, mit denen meine Mutter beschäftigt war, bestand darin, die Fehler an seriell hergestellten Stücken zu korrigieren. Ob die Maschine das Schnittmuster falsch gelesen oder eine menschliche Hand sich falsch bewegt hatte?

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