Abt Albert wandert 1236 von Stade nach Rom und zurück

Jahrhundertelang war Stade ein geistlicher Verkehrsknotenpunkt. Wer aus dem Norden zu den heiligen Stätten im Süden pilgerte, passierte die Hafenstadt. Ein steter Strom frommer Reisender zog hindurch und machte Station. Kein Zufall, dass hier vor acht Jahrhunderten ein außergewöhnlicher Text entstand, der zu den frühesten bekannten Reiseführern zählt. Er beschreibt in knappen und präzisen Angaben, wie man von Stade nach Rom und zurück gelangt.

Der Autor hat den Weg anno 1236 selbst beschritten. Wenig sonst weiß man über den Mönch Albert. Sein Geburtsdatum ist unbekannt. 1206, als er Diakon am Kanonikerstift in Ramelsloh war, muss er mindestens 20 Jahre alt gewesen sein. Ab 1232 stand Albert dem Kloster St. Marien vor, das sich damals vor den Toren von Stade befand, in der Gegend des heutigen Bahnhofs.

Seit 1144, als die männliche Linie der Stader Grafen ausgestorben war, rangen zwei Parteien um die Herrschaft über die einträglichen Besitztümer zwischen Elbe und Oste: einerseits der Braunschweiger Welfenfürst Heinrich der Löwe und seine Nachkommen, andererseits die Erzbischöfe von Bremen. Zu den Schachzügen von Erzbischof Gerhard II. gehörte der Versuch, St. Marien von einem Benediktiner- in ein Zisterzienserkloster umzuwandeln, wodurch es nach der geltenden Rechtslage unter seinen direkten Einfluss geraten wäre.

Abt Albert hatte offenbar eigene, theologische Gründe, an diesem Plan mitzuwirken. Vielleicht deshalb, weil die Ordensregeln der Zisterzienser strenger waren als die der Benediktiner. Nur wollten seine Ordensbrüder nicht dabei mitmachen. Albert beschloss, sich Unterstützung von höchster Stelle zu holen und machte sich auf den Weg zum Papst nach Rom. Es war ein Fußmarsch, den der etwa 50-Jährige unternahm, und er war wenigstens ein halbes Jahr unterwegs und legte über 3500 Kilometer zurück.

Sein lateinisch geschriebenes Itinerar (Wegweiser) ist in weiten Teilen nicht mehr als eine Straßenkarte in Worten: »Von Stade sind es 10 Meilen bis Bremen, 4 M bis Wildeshausen, 2 M bis Vechta, 5 M bis Bramsche, 3 M bis Tecklenburg, 5 M bis Münster, 3 M bis Lüdinghausen, 1 M bis Sülsen; dort kommst du über den Lippe-Fluss.« In dieser trockenen Präzision besteht die Besonderheit des Textes, die ihn von anderen Reiseberichten mittelalterlicher Mönche unterscheidet. Mit seiner Hilfe kommt man tatsächlich ans Ziel.

Allerdings nicht auf dem direkten Weg. Albert wanderte via Frankreich nach Rom, ohne diesen Umweg zu begründen. Für die Rückreise empfiehlt er zwei Routen. Die eine, über den Brenner, beschreibt er so genau, dass man annehmen kann, dass er sie selbst abgeschritten ist.

Gelegentlich streut Albert in seinen Text Bemerkungen über Sehenswürdigkeiten ein, etwa dazu, wo ein Finger Johannes des Täufers aufbewahrt wird. Oder er erzählt, dass zum Bau einer gewissen südfranzösischen Burg Pferde- und Menschenblut als Mörtel verwandt wurde: »jeder vorüberziehende Mensch musste ein Pfund, jedes Pferd zwei Pfund hergeben«.

Vor der Gegend nördlich von Ferrara warnt Albert eindringlich: »Gute Menschen wirst du dort nicht antreffen, weil die größten Taugenichtse sich dort aufhalten. Durchquere das Gebiet deshalb bei Tage und nicht während der Nacht.«

Als Reisezeit empfiehlt Albert den August, »weil dann die Luft warm ist, die Wege sind trocken und die Flüsse seicht. Die Tage sind mehr als ausreichend lang, ebenso die Nächte zum Ausruhen des Körpers; und die Scheunen findest du mit neuer Frucht gefüllt.«

Alberts Ausflug war im Übrigen erfolglos. Vom Papst erhielt er nicht das Dokument, das er sich erhofft hatte. Nach seiner Rückkehr änderte sich die politische Lage für Stade. Der Erzbischof ging ein Bündnis mit den Welfen ein und hatte kein Interesse mehr an der Umwandlung des Klosters.

Albert betrieb den Plan noch eine Weile weiter. 1240 gab er ihn endgültig auf und legte sein Amt als Benediktinerabt nieder. Statt jedoch zu den Zisterziensern zu wechseln, trat er dem Kloster St. Johannis der Franziskaner bei, das gerade erst, vielleicht von Albert selbst, gegründet worden war.

Seine Beweggründe sind nicht überliefert. Denkbar, dass er auf seiner Romreise den im Norden nicht sehr verbreiteten Franziskanerorden kennen und schätzen gelernt hatte.

Albert widmete sich ganz dem Schreiben. Er verfasste eine Chronik der Weltgeschichte, die Stader Annalen, von der sein Rom-Reiseführer ein Teil ist. Die Aufzeichnungen enden 1256. Inzwischen um die 70 Jahre alt, ein seinerzeit biblisches Alter, wird Albert danach nicht mehr lange gelebt haben. Überliefert ist, dass er an einem 9. Februar starb, aber nicht in welchem Jahr. Unbekannt auch seine Grabstätte.

© Uwe Ruprecht

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