Bemerkungen zum »Think Tank Stade«

Im Bild Stades Zukunft: ein Auto in der Fußgängerzone

„Geschichte wird von Euch gemacht! Wir laden ein, im Museum über die Gegenwart und Zukunft Stades zu sprechen. Welche Themen liegen Euch am Herzen? Werdet Teil der Stadtgeschichte! Es geht voran!“

So wird der Think Tank Stade beworben, ein von der Kulturstiftung des Bundes gefördertes „Projekt“. Über die Höhe der verflossenen Gelder wird gemäß städtischer Tradition geschwiegen, um keine Rückschlüsse zu erlauben, was die Beteiligten davon haben.

Einem Flyer zufolge, der mir im Büroartikelladen in die Hand kam, startete das Unternehmen im September 2017, den sonstigen Veröffentlichungen und der Website thinktankstade.de nach im Dezember. Da hätten Historiker, die diesen „Teil der Stadtgeschichte“ untersuchen werden, schon mal ein Rätsel zu lösen.

„Jede persönliche Geschichte ist tragender Teil des kulturellen Gedächtnisses unserer Stadt. Mit dem THINK TANK STADE möchte das Museum Schwedenspeicher jetzt alle Bürger*innen dazu einladen, in diesem Sinne über ihre Stadt zu sprechen, Fragen aufzuwerfen und Ideen zu entwickeln. Über die kommenden zwei Jahre konservieren wir auf einzigartige Weise das Stader Lebensgefühl und schreiben gemeinsam unsere Geschichte fort.“

Zwei Mal wöchentlich sollen Gesprächsrunden mit maximal sechs Personen stattfinden, um Fragen zu beantworten wie die zwölf auf dem Flyer genannten: „Wie wollen wir Leben? [!] Was bedeutet Heimat? Wem gehört die Stadt? Wem gehört die Straße? Wo kann man hier noch Abenteuer erleben? Was bedeutet mir Stadtgeschichte? Haben wir Visionen? Wie können wir Stade mitgestalten? Wo sind meine Lieblingsplätze in der Stadt? Was macht Stade besonders? Warum leben wir hier? Ist das meine Stadt?“

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1. Februar 2018

Die Ergebnisse der Gesprächsrunden sollen auf der Homepage des Projekts dokumentiert werden. Ob damit die Sätze aus der Fremdenverkehrswerbung gemeint sind, die ich in engen Spalten Weiß auf Grün mit Mühe auf meinem Smartphone lesen kann? Eine „Dokumentation“ oder Ähnliches zeigt das Menü nicht an. Weiteres Grübeln über die Gestaltung der Site habe ich mir erspart, als ich feststellte, wer Wortführer bei diesem Unternehmen ist.

„Jede persönliche Geschichte ist tragender Teil des kulturellen Gedächtnisses unserer Stadt.“ Das ist eine Binsenweisheit. Bedeutsam ist vielmehr, was als „kulturelles Gedächtnis“ verstanden wird und wer zu „uns“ gehört.

Das wird von Dieter Kunze definiert. Warum gerade von ihm, wäre eine der Fragen, die der Denkpanzer unter seiner Regie wohl kaum aufwerfen, geschweige denn beantworten wird. In seine Funktion als Kulturpapst ist er selbstverständlich nicht gewählt worden. Er hat sie sich angeeignet auf Wegen, die vom Think Tank gewiss nicht der Nachwelt überliefert werden. Das soll schon mal nicht zur „Stadtgeschichte“ gehören. Von dieser „persönlichen Geschichte“ wird nur der Teil überliefert, der dem Protagonisten genehm ist.

Ich habe genau eine persönliche Geschichte mit dem Meister der Kultur, und sie hat mir gereicht.

Als es mich vor einem Vierteljahrhundert in die Stadt verschlug, sah ich mich zuerst nach meinesgleichen um. Als leibhaftiger Literat war ich ein Unikum, und in der Geschichte fand ich genau einen Schriftsteller, der in Stade geboren – und komplett vergessen war. (Später entdeckte ich noch einen, von dem ich kein weiteres Aufhebens machen muss.)

Während ich mich mit Leben und Werk von Ernst Harthern beschäftigte, las ich im Lokalanzeiger von einer Initiative des Herrn Kunze zur Literaturförderung und nahm brieflich Kontakt mit ihm auf.

Er verstand mich nicht und wollte nichts weiter von mir wissen. Was konnte ich mit diesem einheimischen und toten Schriftsteller von ihm wollen? Was könnten alte Bücher mit Literatur zu tun haben?

Bei seinem damaligen „Projekt“ sollte es, wie sich zeigte, vor allem um ihn gehen. Zeitungsartikel mit Fotos von ihm und den auf Kosten der Kommune bewirteten auswärtigen Autor*innen sind alles, was sich dem „kulturellen Gedächtnis“ eingeschrieben hat. Historiker werden vergeblich nach substantiellen Beobachtungen und Betrachtungen zu Stade in den Werken der flüchtigen Gäste suchen. Für die Literaturgeschichte der Stadt war das Unternehmen ein Totalausfall.

Kulturell weist Kunze weiterhin den Weg. „Wem gehört die Stadt?“ Die Frage des Think Tank ist schon mal abgehakt.

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8. Februar

Natürlich ist es ärgerlich, bei google unter dem Namen seines Unternehmens grundsätzliche Zweifel angezeigt zu bekommen. Aber es ist nur eine Stimme, die den Fragen nachgeht, die der Think Tank Stade aufwirft, und keine laute. Dass sie eine externe sein muss, verweist wiederum auf Grundsätzliches.

Als es mich vor bald genau 25 Jahren hierher verschlug, war Stade ein großes Dorf, innerlich wie äußerlich. Bloß die Touristen täuschten zwischen Bahnhof und Hafen Stadt vor. Es gab weder Straßenmusiker noch Bettler oder die lebenden Statuen, die ziemlich exakt 30 Jahre, nachdem sie in Hamburg aufgekommen waren, in Stade auftraten: ein Maßstab für die „Ungleichzeitigkeit der Provinz“.

Man redete damals viel über die neuen Fremden, die „Ossis“. Man kannte keinen, hatte aber entschiedene Ansichten und wollte schon gar nicht hören, was der Zugezogene im zusammenwachsenden Berlin erfahren hatte; die „Stader“ waren gegen die Mauer- als Hauptstadt. Sie feierten ein Jubiläum. „Tausend Jahre Mittelmaß“ betitelte die Frankfurter Rundschau ihren Artikel dazu.

Es war klar, wer ein „Stader“ war und wer nicht; wer einer alteingesessenen Familie an- oder auf andere Weise dazu gehörte. Es gab Männer (!) von Gewicht und sonst alle anderen. Ich war immerhin nicht so fremd wie ein Ex-DDR-Bürger, aber dass ich 15 Kilometer entfernt geboren und aufgewachsen war, erhöhte meine Chancen, je ein „Stader“ zu werden, nur geringfügig. Zumal als „Piefke“ in Wien hatte ich Erlebnisse mit Fremdenfeindlichkeit gehabt; in Stade musste ich mich auf Dauer mit dem Status eines unerwünschten Ausländers einrichten.

Der Abgrund zwischen dem Dorf und mir lässt sich an meiner Arbeit als Reporter illustrieren. Ich operierte wie ein Auslandskorrespondent. Die Zeitungen, die ich belieferte, wurden in der fernen Fremde, in Berlin oder Bremen gedruckt; aber es genügte, wenn die Redaktion noch auf derselben Seite der Elbe, in Hamburg-Harburg saß, um Abstand zu haben zu dem, was in Stade maßgeblich war und mir Berichte zu erlauben über Angelegenheiten, die im Dorf partout nicht beredet werden sollten oder auf eine vorbestimmte Weise, die von der abwich, die ich nach gründlicher Untersuchung für angemessen hielt.

„Was macht Stade besonders?“ Keine Abweichung nach oben oder unten vom Durchschnitt. Ein „Mittelzentrum“, eine mittelmäßige Stadt. Das Aussehen macht einen Unterschied – nicht zu Lüneburg, aber zu Buxtehude. Unter dem Aspekt, dass Stade typisch ist, wurden mir Geschichten aus einer Stadt abgekauft, mit dem die Leser allenfalls noch ein Atomkraftwerk assoziierten.

Obwohl Stade äußerlich städtischer geworden ist, leben die maßgeblichen 300 Einwohner weiter in ihrem Dorf. So begrenzt die Kreise in der Kleinstadt sind, so streng sind sie gegeneinander abgedichtet: die Autofahrer von den Fußgängern; die Kunden der Wochenmärkte von jenen, die dort nie kaufen würden oder könnten; die Insassen des Altländer Viertels von den Bewohnern des Geestbergs.

Fotos: urian
Oben und unten am Abend

Fotos

Statt von mir müsste ich von denen reden, die vor 25 Jahren so wenig eine Stimme hatten wie heuer und sich von Aufforderungen wie dem Think Tank selbst dann nicht angesprochen fühlen, wenn ich sie darauf anspreche. Die den Schwedenspeicher nie betreten haben oder im Internet nach etwas suchen, das die Stadt betrifft, in der sie geboren und aufgewachsen sind, und das von ihren Verhältnissen handelt – weil sie es nicht anders kennen, als dass ihre Stimme nicht gehört wird und andere über sie reden.

Die Aufforderung zum „Mitmachen“ geht ins Leere, weil sie mit einem Artikel im Tageblatt und einem Flyer im Büroartikelgeschäft nur ausgesuchte Kreise erreicht. Wer sich gleichwohl angesprochen fühlt, müsste immerhin eine Ahnung davon bekommen, wozu das dient, an dem er teilnimmt. In einer Kommune, in der Bürgerbeteiligung selbstverständlich ist, würde sich auch das von selbst verstehen. In Stade müssten erst die Bedingungen geschaffen werden, gewissermaßen die Bahnen, auf denen ein Think Tank rollen könnte.

„Wozu das?“, fragte mich eine weltläufige Freundin, nachdem sie den ersten Eintrag und die Kommentare gelesen hatte. Ihr Unverständnis galt dem Think Tank, von dem sie erst hier erfahren hatte, wie dem, was mir dazu einfällt. Für sie ist das alles – esoterisch.

Der Think Tank soll bis August 2019 rollen. Man wird sehen, ob dabei mehr herumkommt als das Übliche: ein Artikel im Tageblatt mit einem Foto breit lächelnder Gesichter unter der Überschrift „Großer Erfolg“.

Stader Passagen (Fotos: urian)
11. Februar

Der Norddeutsche treibt sich gemeinhin nicht auf der Straße herum. Flaneure kennt er nicht, und sähe er einen, würde er ihn der Polizei melden. Man spaziere einmal als Mann ohne Hund durch ein Wohnviertel, um die eigene Absonderlichkeit zu empfinden und zu erleben, wie einen die Einwohner von ihren Vorgärten aus belauern.

Die Innere Stadt von Stade ist eine Ausnahme. Eine urbane Insel inmitten automobiler Provinzialität. Den niederdeutschen Dörflern in der Politik ist das suspekt, „öffentlichen Raum“ verstehen sie vor allem als Gefahrenquelle. Also schufen die „Bürger im Dienst“, Paare von Aufpassern, die urbane Verhaltensweisen verhindern sollten. Das Projekt war zwar von Anfang an zum Scheitern verurteilt, wird aber von denen, die nicht wissen (wollen), was jenseits ihrer Kreise vorgeht, am Leben erhalten.

Inzwischen laufen die Duos nurmehr pro forma durch die Gassen und beschäftigt sich mit sich selbst. Dem Tageblatt zufolge, dessen Redakteur/innen den öffentlichen Raum so wenig kennen wie ihre Brüder und Schwestern in Politik und Verwaltung, ist der „Freiwillige Ordnungs- und Streifendienst“ selbstverständlich ein großer Erfolg. (Das Grauen in den Gassen)

An den dreidimensionalen öffentlichen Raum schließt längst ein virtueller an. Scheinbar war das erkannt worden, und Politik und Presse kündigten freies WLAN in der ganzen Inneren Stadt bis Ende 2017 an. Daraus wurde nichts, und da in Stade nur Erfolgsmeldungen kommuniziert werden, kann ich nur rätseln, warum das WLAN-Angebot nicht nur nicht verbessert, sondern sogar verschlechtert wurde. Das Netz, das die Stadtwerke um den Hafen legten, wurde unterdessen abgeschaltet.

Braucht eine Stadt, in der urbanes Verhalten verdächtig ist, freies WLAN? Die Touristen, die den Bussen am Hafen entsteigen, sind Rentner aus Ostdeutschland und haben kein Smartphone dabei. Einige WLAN-Tankstellen (von Restaurants und Geschäften, die bis auf die Straße abstrahlen) teile ich mir vornehmlich mit Flüchtlingen. An anderen ernte ich argwöhnische Blicke, wenn ich mich zu lange an derselben Stelle aufhalte.

Blockwarte und freies WLAN passen nicht zusammen. Auch wenn die maßgeblichen Personen es nicht begreifen, benehmen sie sich danach. Die Patrouillen hören nicht auf, das WLAN lässt auf sich warten.

Ein aktuelles Phänomen des realen öffentlichen Raums sind die Pokémon-Go-Spieler, die sich auch im Winter, wenn die Passantenfrequenz rapide sinkt, allenthalben in der Stadt in ihren „Arenen“ versammeln. Keiner von ihnen loggt sich dazu in ein freies WLAN ein, selbst wenn es, wie zwischen dem Schwedenspeicher und dem Automobil des Think Tank, verfügbar ist. Sie kommen gar nicht auf die Idee, dass es in dieser Stadt freien Internetzugang geben könnte.

Zu erwartbaren Konfrontationen mit den Streifenbürgern kam es nicht, weil die Kontrolleure erst unterwegs sind, wenn die Spieler fort sind. So klein die Stadt ist, so wenig können die Bewohner voneinander wissen.

Die Spieler, die mir als Zusammenrottung über ihre Smarties gebeugter Gestalten auffallen mussten, sind umso bemerkenswerter, als sich dabei Leute von unterschiedlichem Alter – vom Kind bis zum Rentner – und sozialem Status – vom Armengeldbezieher bis zum Geschäftsmann – in einem öffentlichen Raum begegnen, in dem sie sonst beziehungslos aneinander vorbei laufen.

Für Soziologen, Kulturanthropologen oder Betreiber eines Think Tank, vor dessen Tür sie stehen, eine ideale Studiengruppe.

Fotos: urian
Pokémon-Go-Arenen

14. Februar

150 000 Euro, entnehme ich einem Bericht des Wochenblatt, kostet der Think Tank Stade, zur Hauptsache vom Konto der Kulturstiftung des Bundes.

Die interessanteste Information des Artikels ist jedoch, dass der Projektleiter aus Issendorff kommt. In welcher Weise für ihn die Zukunft der Stadt, deren Alltagsleben er kaum kennen kann, von Belang ist, mag man sich selbst denken.

22. Februar

Im März, teilt der Think Tank Stade mit, wolle er sich „mit der Vielfalt der Stadtteile und Quartiere beschäftigen. […] Wann wir wo unterwegs sind, geben wir jeweils über die Presse bekannt.“

Über die Presse, das meint in erster Linie das Stader Tageblatt als Organ der maßgeblichen Dreihundert. Das hält den Kreis der Informierten so klein wie möglich und stellt sicher, dass sich niemand angesprochen fühlt, der etwas zu sagen hätte, das der herrschenden Klasse nicht in den Kram passt; denn die anderen lesen das Tageblatt gar nicht oder fühlen sich durch dessen Eiapopeia-Berichte über die eigene Stadt abgestoßen.

Wer heute wissen will, was die Bürger denken, muss in die Sozialen Netzwerke gehen. Ich habe mich auf facebook vergewissert und genau drei Posts gefunden; einer ist von mir. Auf den Gedanken, dort eine eigene Site einzurichten, ist der Think Tank nicht gekommen. Man hätte wohl zu viel von dem zu hören bekommen, von dem man nichts zu wissen will. Stades Gegenwart und Zukunft sind offenbar nur beschränkt digital. Die Grenzen sind die alten, und ihre Hüter entstammen mittelalterlichen Bruderschaften.

1. März

„Stade neu denken / Alle machen mit“ steht am Kopf des Flyers, mit dem sich der Think Tank Stade bewirbt. Alle sind nicht dabei. Gewiss nicht die Bruderschaften, die seit dem Mittelalter die Geschicke der Stadt bestimmen und dafür Sorge tragen, dass alles beim Alten bleibt. Oder jene, die sich auf einem Opernball nach dem Feudalismus zurück sehnen. „Geschichte wird gemacht – es geht voran!“ meint der Think Tank. Geschichte ist Gegenwart und tritt auf der Stelle.

Während man sich im Hanselstädtchen für eine Handelsorganisation in die Brust wirft, der ihrerzeit der Rücken gekehrt wurde, tut man es sich mit der Behandlung zeitgenössischerer Fragen auffallend schwer – etwa bei der Erinnerung an den Nationalsozialismus, der so modern ist wie lange nicht. Mehr dazu: Gezerre um Gedenken.

29. März

„Stade neu denken“, wie der Think Tank vorzuhaben vorgibt – kann das gehen, wenn das Alte ignoriert wird? Was taugen Vorstellungen von der Zukunft der Stadt, wenn die Gegenwart nur unscharf wahrgenommen wird?

Der Vordenker des Tank, der Fahrer des Denkpanzers war am 14. März im Altländer Viertel, um sich umzusehen und umzuhören und berichtet davon auf dem Blog der Tank-Site. An seinem redlichen Bemühen besteht kein Zweifel, aber das allein reicht nicht weit.

Vernünftige Fragen zur Zukunft kann nur stellen, wer die Gegenwart kennt. Die erfährt man nicht bei einer zufälligen Straßenumfrage, und man wird die erhaltenen Antworten nicht einschätzen können, wenn einem unbekannt ist, wovon die Bewohner selbst nichts wissen, was ihnen vorenthalten und vorgelogen wird – und wovon sie gewiss nicht freimütig mit einem beiläufig parkenden Abgesandten der Stadtoberen reden.

(Für zufällig Hereingestolperte: meine Geringschätzung des Erkenntniswertes der Methode beruht auf drei Jahrzehnten journalistischer Praxis, indem ich täglich Stimmen eingesammelt habe. Wenn Redakteuren zur Sache nichts mehr einfällt, schicken sie Volontäre auf die Straße und lassen sie Gesichter fotografieren und Sätze notieren. Diese Selbstbespiegelung der Leserschaft ist nicht Information sondern Unterhaltung.)

„Ich fahre mit gemischten Gefühlen aus dem Stadtteil zurück“, notiert der Vordenker. Zurück nach Issendorff, wo er wohnt. Seine „gemischten Gefühle“ dürften die Inkongruenz betreffen zwischen dem, was er vorher über das Viertel wissen konnte, und dem, was ihm vor Ort mitgeteilt wurde.

Hauptquellen seiner Vorkenntnisse sind die politisch gelenkten Nachrichten über das Viertel im Lokalanzeiger und das vorurteilsbeladene Gewäsch der „maßgeblichen Dreihundert“, mit denen er überwiegend Umgang haben dürfte. Da passt allerhand nicht zu dem, was er aufgeschnappt hat. Manches wird er nicht bemerkt haben; anderes scheint ihm selbst ins Auge gesprungen zu sein.

Für jemand, der die Kluft zwischen dem, was dasteht und dem, wovon die Rede ist, erkennt, geht bei jedem Satz des Blog-Textes eine Falltür auf.

Beispielsweise ist der Ausdruck „Junkie-Block“ für ein bestimmtes Gebäude den Bewohnern, die ich daraufhin ansprach, völlig unbekannt, und es ist nicht ersichtlich (oder wird gar erklärt), worauf er sich bezieht – außer dass er ein Vorurteil bedient.

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Vielleicht ist das Haus nicht der „Junkie-Block“, sondern war es, als Der Spiegel vor über 20 Jahren die Basis für Vorurteile legte, die bis heute gehegt werden? Über die Zukunft der Stadt nachzudenken ist l’art pour l’art, wenn man Geschichte und Gegenwart nicht zunächst genauestens erkundet hat.

Das gilt für den Vordenker wie für die Teilnehmer seiner Gesprächsrunden. Collagen von Meinungen sind leicht zu haben – und ändern sich im Wind des Zeitgeistes. Daraus kann nur ein ziemlich flatterhaftes Zukunftsbild entstehen.

Ich kann auf weitere Einzelkommentare verzichten und auf längst vorgenommene Richtigstellungen verweisen ( →Saniertes Ghetto). Typisch dieser Satz: „Ein Problem sei auch, dass viele kinderreiche Familien aus Bulgarien und Rumänien in den letzten Jahren zugezogen seien, die in der Regel kein Deutsch sprechen und nicht in Programmen aufgefangen würden.“

Dabei dürfte es sich um die, soweit ich es überblicken kann, erste von den „maßgeblichen Dreihundert“ lizensierte Aufzeichnung des „Problems“ handeln, das von diesen seit mindestens zwei Jahren nicht nur ignoriert sondern gezielt verdrängt wird.

Von dem „Problem“ hätte man früher hören können – etwa im Zusammenhang mit Polizeieinsätzen, die entweder berichtet wurden oder gerade nicht, jedenfalls ohne das „Problem“ zu benennen. Erwünschter Nebeneffekt dieses Vorgehens war, dass allfällige Vorurteile bestätigt werden konnten. Wer von dem „Problem“ nichts wusste, konnte sich anhand der Verlautbarungen vormachen, es gehe um ganz andere „Probleme“. Wenn ich es richtig erinnere, fand in eben der Woche, als der Vortanker im Viertel zu Gast war, ein Polizeieinsatz statt, über den nichts verlautbart wurde.

Ein Satz im Bericht des Vordenkers vom Dorf bringt seine und die Perspektive seiner Auftraggeber unbewusst auf den Punkt: „Jemand erwidert, irgendwo müsse es in einer Stadt wie Stade ja auch ein ‚Armenviertel‘ geben.“

Vor ein paar Tagen stand ich mit einem Bewohner, auf dessen Beschreibung ich verzichte, so viel Bezeichnendes sie enthielte, am Straßenrand und beobachtete eine Hecke am Fuß eines Wohnblocks. Ich habe nicht auf die Uhr geschaut, aber in zirka zehn Minuten sahen wir ein halbes Dutzend Ratten vorbei huschen.

An der Breslauer in Stade (Foto

Inzwischen um die 20 Jahre her, dass ich einer offiziellen Sitzung im Viertel beiwohnte, auf der beschlossen wurde, von den Ratten nicht zu reden. Seither sind Millionen Euro für Baumaßnahmen in mir unbekannten Kanälen verschwunden – die Löcher, durch die Ratten in die Keller kriechen, gibt es nach wie vor.

„Irgendwo müsse es in einer Stadt wie Stade ja auch ein ‚Armenviertel‘ geben.“ Das ist die Wahrheit in ihrer ganzen unironischen Unvermeidlichkeit. Soweit es die Breslauer (Straße) anbelangt, braucht niemand einen hoch dotierten Think Tank, um sich die Zukunft auszumalen.

Letztes Zeichen für den utopischen Blick des Vordenkers auf die Gegenwart an der Breslauer, der sich insgesamt durch das charakterisiert, was er nicht erfasst: „Islam“ kommt in seinem Text nicht vor.

19. April

Kunst in Stade – geht mich nichts an.

Hätte ich nicht eine Förderin, hätte ich das Kunsthaus am Wasser West wohl nie betreten. Solche wie ich, Ausgesonderte, sind da nicht als Publikum vorgesehen. (Acht Euro Eintritt – »aber für drei Museen!« – das soll ein Witz sein.) In den letzten zwei Jahrzehnten habe ich so dennoch ziemlich jede Ausstellung gesehen.

Hätte ich mich nicht stets in angenehmster Gesellschaft dorthin begeben, hätte mich wenig verlockt. Insofern wir regelmäßig die nahe Kunsthalle zu Hamburg besuchen, hätte ich auf die Darbietungen für Bustouristen aus Ostdeutschland im Hanselstädtchen manches Mal verzichten mögen.

Nein, das ist keine rassistische Bemerkung, sondern Beobachtung und Schlussfolgerung. Ich treibe mich manche Stunde im freien WLAN rund um das Hafenbecken herum und sehe sie dort schubweise anlanden und wieder abfahren.

Ausgesonderte, sagte ich, sind im Kunstbetrieb nicht als Publikum vorgesehen. Sehr wohl aber als Personal. Freilich nicht zu den Bedingungen gewöhnlicher Werktätiger (oder wie das gerade wieder umbenannt wurde; »Lohnsklaven« nannte das kürzlich einer.)

Sind die Kalkulationen des lokalen Kunstbetriebs in öffentlicher Hand eigentlich öffentlich? Wer glaubt, das sei eine überflüssige Frage, kennt sich in Stade nicht aus.

Acht Euro Eintritt (durch drei, meinetwegen; oder zweieinhalb, weil für das Freilichtmuseum eigentlich niemand zahlen muss [ich bin nur zu blöd, das zu verstehen; ja, die Bauernstube – aber kann man dafür mehr als 50 Cent verlangen, ohne rot zu werden?])

Das Personal im Kunsthaus kriegt einen Euro nochwas (Trinkgeld heißt das in anderen Zusammenhängen) zusätzlich zum Armengeld. Das ist die Vergünstigung, arbeiten zu dürfen.

Aus gegebenem Anlass komme ich darauf. Man trifft leicht den und wen in der Inneren Stadt, wenn man nicht nur mit dem Auto herum kurvt.

Für Wochenenddienste gibt es unter der Woche freie Tage, erfahre ich, weshalb es zu der Begegnung an dieser Stelle zu diesem Zeitpunkt kommen konnte.

Den übrigen Tratsch behalte ich für mich. Kunst in Stade geht mich, wie gesagt, nichts an.

Aber sobald mein Blick vom Kunsthaus auf das Automobil fällt, das wieder vor dem Schwedenspeicher parkt, fallen mir die 150 000 Euro ein, die das Unternehmen Think Tank Stade kostet.

Macht auf zwei Jahre verteilt monatlich 6250. Für was eigentlich noch mal genau? Siehe oben.

Noch Fragen?

Ich könnte glatt ins Philosophieren geraten, um was für eine Kunst es sich handelt.

Aber das geht mich ja nichts an.

to be continued

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