Sieben Sätze im Dreivierteltakt über Ludwig Wittgenstein als Denkmusiker

1 LIBIDINÖSES LEPORELLO

Letzte Woche. Den Nachmittag mit Freundin verbracht. In letzter Gartensonne einen Katalog mit Collagen von Max Ernst durchgeblättert. Dann im Fernsehen ein Bericht über die Lucona-Affäre. Wien. Wittgenstein. Manchmal macht einen das Pochen der Zeichen verrückt.

L. W.: „Angenommen, es hätte Jeder eine Schachtel, darin wäre etwas, was wir ‚Käfer‘ nennen. Niemand kann je in die Schachtel des anderen schaun; und Jeder sagt, er wisse nur vom Anblick seines Käfers, was ein Käfer ist. – Da könnte es ja sein, dass Jeder ein anderes Ding in seiner Schachtel hätte. Ja, man könnte es sich vorstellen, dass sich ein solches Ding fortwährend veränderte.“

Lexikon. Ludwig Wittgenstein (Wien 26.4.1889 – 29.4.1951 Cambridge). Sohn des Stahlmagnaten Karl W. („Die Wiener Börse fürchtet Gott, Taussig, W. und sonst nichts auf der Welt.“ [Karl Kraus]) Geistiger Grundlagenforscher. Zwei Schulen inspiriert: Logischer Positivismus („Die Welt ist alles, was der Fall ist.“) und Sprachanalytische Philosophie („Der Philosoph behandelt eine Frage wie eine Krankheit.“). Gleiches Essen (Käse und Milch), gleiche Kleidung bevorzugt (Lederjacke, Weichselstock, ohne Hut und Krawatte). Volksschullehrer.

La Creation du Monde – die Korrespondenzen zwischen Wir und Wirklichkeit in der flüchtigsten Materie, im Geist abspielen, als Symbiose aus Sinnen und Denken, Bios und Symbol.

2 LABOR WELTKRIEG

„Was ist dein Ziel in der Philosophie? – Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen.“

Wenn Zeichen wirklich werden. Vorm Computer. Glotze gierig auf die Diagramme: Rudimentäre Räume besetzen das Bewusstsein, um am Joystick beschleunigend durchmessen zu werden. Layout: Raumfahrer auf einem fremden Stern. Farben/Höhe/Tempo/Isometrie/Flugwinkel des Fahrzeugs/Treibstoff/Punktzahl sind die sieben Sinne des Spielers. Türen werden aufgerissen und zugeknallt, Hallen und Flure, Sackgassen und Schatzkammern, ein Labyrinth. Eine Grenze ist der „Chef“, von dem man gegen Punktabzug Anweisungen erhält; Minotaurus die Tür mit dem Totenkopf: dahinter der freie Fall. Der Monitor crasht kurz schwarz auf, dann zeigten alle Sinne 000 000 0.

Nut-Wesen tilt wg. DIN. 1912/13: Ingenieurstudium am der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg. Patente für einen düsengetriebenen Propeller.

Weiche. Zu Bertrand Russell, seinerzeit im Status eines „jungen Genies“, Professor in Cambridge, Verfasser eines mathematischen Standardwerks: „Denken Sie, dass ich ein völliger Idiot bin? Weil ich, wenn ich einer bin, Pilot werde, wenn nicht, Philosoph.“

Wechselchor. Meisterschüler in Unispiel. November 1912: Aufnahme in den Kreis der „Apostel“ (cf. Paul Levy, G. E. Moore and the Cambridge Apostels, London 1979. – „Notes Dictated to G. E. Moore in Norway“ (LW März/April 1914).

Wachtschiff auf der Weichsel. Den TLP („Tractatus logico-philosophicus“, 1921) beendet LW in den Schützengräben des Stellungskrieges, als Extrakt seiner Tagebücher. „Ethik und Ästhetik sind eins.“ Der von Granatsplittern zerfetzte Körper ist weder schön noch gut.

Langeweile. Artilleriewerkstatt der Festung Krakau: „Ludwig stand, wie es scheint, direkt neben dem Geschütz, welches eine unexplodierte Patrone in sich hatte, und irgendwelche Dummköpfe höheren Dienstgrades machten sich am Geschütz lästig zu tun. Es explodierte, und ich nehme an, dass die Leute, die herumgestochert haben, den Tod fanden. Ludwig hatte alle Anzeichen einer schweren Gehirnerschütterung, die aber damals, glaube ich, nicht erkannt wurde.“

Logische Waage. LWs Beitrag zur Logik sind die „Wahrheitstafeln“: Tabellen, Leseroste, Schnellrechenhilfen zum Erkennen logischer Werte. Für p lauten die folgerichtigen Alternativen: wahr oder falsch; 0 oder 1; Strom fließt, fließt nicht; p oder ~p.

3 LÄCHELNDER WAHN

„Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt ewig, der in der Gegenwart lebt.“

Laute Worte. Bruder Paul, linkshändiger Pianist: „Ich kann nicht Klavier spielen, wenn du im Nebenraum skeptisch denkst!“

Ledige Lippen. So, wie er unentwegt Symphonien gepfiffen oder Klarinette gespielt zu haben scheint, folgt man den Quellen, veräußerte LW sein Denken. In Seminaren, auf Spaziergängen. Unerbittlich. Nach einem falschen Wort konnte er wochenlang maulen. Seine Wiener Nervosität war bei den philosophischen Pensionären in Cambridge (Professorendasein = „Lebendig-Begrabensein“) ebenso berüchtigt wie bei den Volksschulklassen seine Exkursionen. Wollten die Schüler schweifend umherschauen, hielt er ihnen vorm Haselstrauch einen Vortrag. – Und schrieb. „Ich hatte nicht die geringste Ahnung gehabt, dass sein Nachlass so enorm umfangreich war“, sagte einer seiner Meisterschüler. Bei Beginn des Ersten Weltkrieges hatte er ein Jahr in einer selbstgebauten Hütte in Norwegen verbracht. Auf einem Felsen im Fjord, nur mit dem Boot erreichbar, dachte er sich allein nach.

Wort Laute. „Philosophie ist keine Lehre, sondern eine Tätigkeit.“ Als Denkmusiker hat LW alle Formen der Musik praktiziert: Dirigent im Hochschulorchester, Tingeln mit leichtem Gepäck, als Volksschullehrer über die niederösterreichischen Dörfer: Trattenbach, Haßbach, Puchberg am Schneeberg, Otterthal. Sein Beitrag zur Logik im TLP ist ein neues Notationssystem zur Wiederabspielbarkeit der Gedankensätze und -stanzen. (Der Rhythmus von Punkt und Komma, das Schwingen der Begriffe, der Oberton des Verstehens.) – Experimente zur Psychologie des Rhythmus in Cambridge 1912/13. „Was geschieht, wenn wir lernen, den Schluss einer Kirchentonart als Schluss zu empfinden?“

Lob. Zwischenmusik: Gustav Mahler, Fünfte, das Adagietto. „Wenn es wahr ist, wie ich glaube, dass Mahlers Musik nichts wert ist…“ Der Logiker lispelt: „Wenn es wahr ist, wie ich glaube…“

4 WUNDERLICHE LIEDER

„Der Philosoph spürt Wechsel im Stil seiner Ableitung, an denen der Mathematiker von heute, mit seinem stumpfen Gesicht, ruhig vorübergeht.“

Wurzelwerk I: In der Abbildtheorie des TLP illustriert der Weg der Komposition vom Notenblatt zum Klang die Behauptung: „Der Satz ist ein Bild der Wirklichkeit.“ LW glaubte, eine Lösung gefunden zu haben; es war nur eine von vielen. Wie sich die Ausdrücke der Musik als Schrift oder Klang, Schallträger (Platte, CD, Datensatz) oder Aufführung, als einsam oder in Gesellschaft Gehörtes zueinander verhalten, ist nicht in eine formallogische Sprache übersetzbar, die allen übrigen den Takt vorgäbe.

Lyrische Wucherung. Musik in Gedankensätzen. Der TLP (sieben Haupt- und ihre Relativsätze) entspricht den gleichzeitigen Reduktionen Schönbergs oder Saties. (Minimale Denkart.) Beispiele vermeidet LW wie die funktionalistische Architektur das Ornament. Rücksichtslos gegen Leser lauscht er der eigenen Stimme. Die Einfühlung in den Gedankengang wird abgewehrt. – Die „Philosophischen Untersuchungen“ (Cambridge, bis 1949) sind Einfallscollage. Philosophie soll nur beschreiben, ihre im Licht der Frage durchscheinenden Beispiele nicht erklären oder erfinden, sondern lediglich Vorhandenes arrangieren. Montage aus Erkenntnisblitzen. Er hat die Arbeit daran abgebrochen. Die nummerierte Folge der Absätze endet mit 693 (7 vor 700).

Liturgie. Die Zahlenlogik der Musik steht laut Pythagoras im Einklang mit der Harmonie der Sphären. Sternenklang, Heiligenhöhe. LWs „Philosophische Grammatik“ ist „zur Ehre Gottes geschrieben“.

Wurzelwerk II. Im TLP sucht er das Urwort, dem alles entspringt, die Tonleiter der Elementarsätze, sieben Töne, Moll oder Dur? In den „Philosophischen Untersuchungen“ lauscht er auf Denkstrukturen, und wie aus ihnen Lebensformen, „Sprachspiele“ erwachsen. Er inszeniert Modellsituationen. Kann ich wissen, ob einer lügt, wenn er sagt, er habe Zahnschmerzen? Gibt es Privatsprache? Er legt Denkbilder zueinander, die ein Du ansprechen, das mal Lehrer, mal Schüler ist.

5 LÄNDLER

„Denk dir eine Schrift, in welcher Buchstaben zur Bezeichnung von Lauten benützt würden, aber auch zur Bezeichnung der Betonung und als Interpunktionszeichen. (Eine Schrift kann man auffassen als eine Sprache zur Beschreibung von Lautbildern.) Denk dir nun, dass Einer jene Schrift so verstände, als entspräche einfach jedem Buchstaben ein Laut und so als hätten die Buchstaben nicht auch ganz andere Funktionen. So einer, zu einfachen, Auffassung der Schrift gleicht Augustinus` Auffassung der Sprache.“

Soziale Plastik I. Tugend g`winnt`s Welt. Den 15.9.1920 ging LW durchs Gebirg. Die Steinwände steil zum Himmel hoch, Birkenbräute beiderseits, die Kalkfelsen hinunter Geröll und Farnwälder. Drängen und Suchen in ihm wie nach verlorenen Träumen, Sich in das All wühlen! „Schönes kleines Nest“, rief er aus. Will Kindern das Evangelium vorlesen, „… will bei kärglichem Lohn anständige Arbeit verrichten und dann einmal als anständiger Mensch krepieren“. Will arm sein. Verschenkt sein ererbtes Vermögen. „Auch wenn alles, was wir wünschen, geschähe, so wäre dies doch nur, sozusagen, eine Gnade des Schicksals, denn es ist kein logischer Zusammenhang zwischen Willen und Welt…“ Eine sittliche Handlung begehen. Verantwortung! Pflicht! Ein Ziel! Lässt sich zum Lehrer ausbilden. Verlässt die Laufbahn, nachdem er eine Schülerin geschlagen hat.

6 WOHNZEITLUPE

„Mein Haus für Gretel ist das Produkt entschiedener Feinhörigkeit, guter Manieren, der Ausdruck eines großen Verständnisses (für eine Kultur etc.) aber das ursprüngliche Leben, das wilde Leben, welches sich austoben möchte – fehlt (Treibhauspflanze).“

Widerspiegelung. Zwischen der Schule, an der LW sich nach sieben Jahren Arbeit am TLP für seine sieben Jahre als Lehrer ausbilden ließ, und dem Haus, das er anschließend für seine Schwester baute, besteht neben dieser zeitlichen auch eine räumliche Beziehung. Dieselbe Straße. Gegenüber. Das „Haus für Gretel“ wendet der ehemaligen Lehrerbildungsanstalt und nachherigem Gymnasium den Rücken. Eingang nicht an der Kundmanngasse, deren Nummer das Haus trägt (19), sondern an der Parallelstraße. – Vor und nach der Lehrerzeit arbeitete er in philosophischer Mission in Cambridge; veröffentlichte seine einzigen Bücher, den TLP und ein „Wörterbuch für Volksschulen“.

Philosoph ohne festen Wohnsitz beim Hausbau. In Wien mit seinen optischen Schleckereien stellt die Trutzburg des Ritters LW einen Schnitt dar in die gedrängten Häusermassen, in die aus Steinpflanzen und Halbgöttern, Teufelsfratzen und Berühmtheiten überquellende fantastische Landschaft der Gassen. – Zementkuben. Schmale Fenster wie Schießscharten. Handlauf der Treppe aus Eisenrohren. Enge Vertikalen in Türen und Fenstern, mit denen das Glas gegliedert wird, erinnern an Gitter. „Wohnung für Götter“. Kloster. – Ein Haus für wen, der nicht empfängt, der durch langen Anweg, große Hallen, viele Türen und Hauspersonal gegen die Außenwelt abgeschirmt sein will. Visitenkarte auf Silberteller. Luki, das Nesthäkchen, hatte so gelebt. Seither bevorzugte er stickige Kammern, aus denen ihn die Unbill der Gesellschaft regelmäßig auf lange Spaziergänge durch den Wald trieb. Ihm wäre sein Bau zeitlebens zu groß gewesen.

7 WANDERER IM LABYRINTH

Lebte englisch, schrieb deutsch (Cambridge 1929–47).

Soziale Plastik II. „Er hatte die größten Schwierigkeiten sich auszudrücken, und seine Worte waren mir unverständlich … Nach diesem erfolglosen Anfang schwieg er einige Zeit, aber er rang offensichtlich mit seinen Gedanken. Er schien ganz konzentriert, seine Hände machten lebhafte Bewegungen, als begleiteten sie einen Vortrag. Alle Anwesenden verharrten in aufmerksamem und gespanntem Schweigen.“

„– So lebte er hin.“

„Die eigentliche Entdeckung ist die, die mich fähig macht, mit dem Philosophieren aufzuhören, wann ich will.“

© Uwe Ruprecht

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