Stade – Cottbus und zurück: Park, Stadt und Ökologie

Assoziationsketten sind immer schlüssig; fraglich ist ihre Bedeutung. Sigmund Freud hat ihnen psychologischen Sinn beigelegt, ein anderer Wiener, der Biologe Paul Kammerer, weitergehende Gesetzmäßigkeiten geargwöhnt (siehe Unort Berlin).

Die Hauptglieder der Kette, die sich dieser Tage für mich knüpfte, lassen sich geografisch markieren: Schloss Agathenburg – Cottbus – Weidenstraße in Stade.

•∞•

Ich hatte mir vorgenommen, mich einmal wieder mit Gartenkunst zu befassen, als mir die unverhältnismäßige Begeisterung eines Freundes über den Park des Schlosses Agathenburg auffiel. Dieser ist weit davon entfernt, so auszusehen wie auf dem Modell der ursprünglichen Anlage, das in der Dauerstellung im Schloss gezeigt wird; wenn die Bezeichnung »Park« überhaupt gerechtfertigt ist, sieht er nicht nach Barock aus, sondern wie ein englischer Landschaftsgarten.

Park-Modell Schloss Agathenburg (Fotos: urian)

Wer sich wie mein Freund überwiegend in Stade und umzu aufhält, kann von Parks allerdings keine Vorstellung bekommen. Das einzige Areal, an dem sich Merkmale eines Parks erkennen lassen, ist der Horst-Friedhof.

In einem der Bücher, in denen ich zur Rekapitulation blättere, finde ich folgende Definition: »Der Park ist ein Produkt und Erbe höfischer Lebensform, der sich in zwei großen typischen Formen der Naturgestaltung ausprägte, der französischen und der englischen. Die französische Form, die auch die architektonische genannt wird, besteht in einer geometrischen und ornamentalen Durchgestaltung der Natur, die den Park zur Erweiterung des Schlosses macht. Die englische, die man auch die malerische nennt, besteht in einem Arrangement von Naturszenen, die Natur als Erfahrungsraum in der unmittelbaren Nähe des Schlosses verfügbar macht.« (Gernot Böhme, Für eine ökologische Naturästhetik, Frankfurt/M. 1989)

Mein Freund wird sich durch kein Medium eine Anschauung verschaffen können, was ein Park ist. Gartenkunst ist mehr noch als Musik und Theater es vor dem Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit waren, nur in Raum und Zeit zu erfahren; und auch dann nur unvollständig, denn der Eindruck eines Parks verändert sich mit den Tageszeiten und dem Wetter. Ein Musik- oder Theaterstück sind in der Zeit begrenzt, so wiederholbar sie sein mögen; ein Park erstreckt sich der Zeit noch sehr viel weiter als im Raum.

Ein Park muss nicht nur, wie jedes andere Kunstwerk begriffen, er muss buchstäblich erkundet werden. Von Buch, Gemälde, Musik- und Theaterstück lässt sich ein endgültiger Eindruck gewinnen; selbst von einem Bauwerk kann man jeden Winkel wahrgenommen haben. Vom Werk der Architektur, so ähnlich es ihm sonst ist, unterscheidet sich der Park darin, dass er, wäre er auch räumlich vollständig erfasst, dennoch Veränderungen durch die Zeit unterworfen ist, die sich niemandem (auch den Gärtnern nicht) je ganz erschließen können.

Aufführungen eines Musik- oder Theaterstücks können variieren, das ist ihr menschlich-natürlicher Anteil, der nicht wie in Buch und Bild eingefroren ist, sondern immer neu hinzu tritt. Dennoch bleiben Komposition und Text unverändert. Die Natur, aus der der Park gestaltet wird, ist nie still gestellt, sie wächst immerzu.

Der Plan eines Parks ist keine Komposition, sondern nur eine utopische Verlaufsskizze. Der Wald, der eingezeichnet ist, muss noch wachsen; die gesetzten Büsche wuchern ungeplant. Kein Park ist je fertig; er hat nur unterschiedliche Stadien der Gestaltung.

•∞•

Während ich vorläufige Überlegungen anstelle, wird in den Hauptnachrichten des Radio der Besuch des Bundespräsidenten in Cottbus gemeldet. Mit der Stadt im Brandenburgischen werden vor allem Finsternisse assoziiert: Fußball, und zwar wegen Randale, und dann noch Rassenhass und Neonazis. Obschon eher überempfindlich bei dem Genannten verbinde ich mit der Stadt so sehr andere Eindrücke, dass diese schon des Kontrasts wegen in die Welt gesetzt gehören.

Soweit es das Alltagsleben und Details des Straßenbilds anbelangt, sind meine Beobachtungen verjährt. Als ich mich 2005 in Cottbus aufhielt, ging es um NS- und DDR-Geschichte, und das heutige braune Image war der Stadt bereits verpasst worden. Dessen ungeachtet erlebte ich Cottbus als vielseitig – und damit ist viel gesagt für eine deutsche Stadt, die Metropolen Berlin, Hamburg, München, Frankfurt/Main ausgenommen.

Die meisten Städte haben, wenn überhaupt, eine Altstadt als historisches gewachsenes Quartier; der Rest ist irgendwie dazu gepappt worden. Bei der Stadtplanung gibt es nur ein Kriterium, das alle anderen aus dem Feld schlägt: die Erfordernisse des Autoverkehrs.

Eine Altstadt hat Cottbus auch, aber ebenso Straßenzüge, die aus späteren Epochen übrig geblieben sind und nicht nach Autofahrer-Bedürfnissen angelegt wurden. Dazu architektonische Scheußlichkeiten des real-existierenden Sozialismus und Vorzeigebauten der Nachwendezeit. Ich fand in Cottbus einiges zu entdecken und war zudem als Fußgänger nicht annähernd so deplatziert wie in vergleichbaren westdeutschen Städten.

Zum ersten Mal war ich in Cottbus der Parks wegen, bei der ersten Bundesgartenschau in den damals neuen Ländern im Sommer 1995. Auch andere Städte haben ansehnliche Parks, aber Cottbus ist die erste Adresse, um sich wirklich auf das Thema einzulassen. Hier befindet sich der Landschaftsgarten, den Fürst Hermann von Pückler-Muskau in Branitz gestaltet hat.

Pückler (1785–1871) war ein berühmt-berüchtigter Dandy und Weltreisender, der tatsächlich für die nach ihm benannte Eiskrem-Komposition verantwortlich ist. Und er war der gefragteste Gartenkünstler Europas. Sein Metier waren Parks nach englischer Manier, aber er war auch an gänzlich anderen Anlagen beteiligt wie den Buttes Chaumont in Paris mit seinen Tuffsteinhügeln und -höhlen.

In Branitz wurde Pückler bestattet, unter einer Erdpyramide in einem See, dem »Tumulus« von rund 13 Metern Höhe: eine Szenerie, die überhaupt nicht dem englischen Ideal entspricht. Pückler glaubte, sein Grabmal werde »wahrscheinlich alle Monumente jetziger Herrscher überdauern, wie die sieben Weltwunder alle verschwunden sind und die […] Pyramiden Ägyptens noch jugendlich ihre Häupter erheben«. Eine Brandstiftung im März 2018 hat daran noch nichts geändert.

Pückler-

Parks sind lebendige Kunst und dementsprechend vergänglich. »Unter den anmuthigsten Plätzen in Holstein nimmt Aschberg eine der ersten Stellen ein«, schwärmte Christian Cay Laurenz Hirschfeld (1742 – 92) in einem zweiten Buch, in dem ich blättere (Theorie der Gartenkunst [1779–85], Stuttgart 1990). »Der Plönersee, an welchem dieser Ort liegt, giebt ihm so viel zauberische Schönheiten, als in wenig Gegenden erscheinen. […] Ein ansehnlicher, mit Waldung bekleideter Berg, der sich in der ganzen vorliegenden Gegend auszeichnet, fesselt schon in der Ferne die Aufmerksamkeit; und dieser Berg ist eigentlich der paradiesische von vielen Fremden jährlich besuchte Lustplatz, von dem ich hier einen Schattenriss mittheile.«

Ist im Park des Schlosses Agathenburg allenfalls noch ein Schatten der einstigen Gestaltung zu sehen, war von dem Park, den Hirschfeld in Aschberg anlegte, als ich mich rund 200 Jahre nachher umsah, nicht einmal mehr zu ahnen, dass dieses Stück Natur einmal in Kunst verwandelt worden war.

Pückler-

Umso mehr sind die Anstrengungen zu würdigen, mit denen Pücklers Hauptwerk erhalten wird, der Park um das Schloss seiner Geburt und Stammsitz der Familie in Muskau an der Neiße unweit der polnischen Grenze.

Pückler-Park Muskau

Auf dem Weg von Cottbus dorthin wird man mit einer vollkommen anderen Art von Landschaftsgestaltung konfrontiert: den kilometerbreiten Kratern des Braunkohletagebaus.

Das bereits zitierte Buch von Gernot Böhme widmet sich den Parks im Zuge von Reflexionen über Ökologie unter ästhetischen Aspekten. Verwaltete und verbrauchte Natur sieht allerdings auch anders aus, als eine, die unberührt ist oder mit Bedacht gestaltet wird. Zwischen den Gruben der Kohlebagger und dem Muskauer Park klaffen ökonomische und ökologische wie ästhetische Abgründe.

•∞•

»Auf diese Weise wird die Naturästhetik ein Teil der Ökologie«, schreibt Böhme. »Welche Anblicke in der Stadt bestimmen, ist genauso wichtig wie die Qualität von Luft, Wasser und Boden.«

Weidenstraße Stade (Foto: urian)

Mit demselben Freund, der sich in Agathenburg über den Park entzückte, habe ich ein paar Mal im Auto eine Straße in meiner Nachbarschaft befahren, die ich sonst nie betrete. An einem stillen Sonntag nehme ich vom Garnisonsfriedhof nicht wie üblich die erste Abzweigung, sondern die zweite und biege in besagte Weidenstraße ein.

Kein Verkehr, aber die abgestellten Fahrzeuge sind immer im Bild. In vier Hauptformen zeigt sich, Böhme zufolge, Natur in der Stadt: »Park, Villa, Grünraum, Stadtbrache«. Wo die Weiden- in die Gartenstraße übergeht, wird es allerdings grüner, ich sehe einen offenbar mit mehr als dem üblichen Bedacht gestalteten Garten – und am Ausgang zur Harsefelder Straße steht wahrhaftig eine Villa, die »Villa Elbia« mit Ferienwohnungen.

»Welche Anblicke in der Stadt bestimmen« ist den Autofahrern in Stade gemeinhin gleichgültig, da sie ohnehin nicht hinschauen. Dito hatte ich vom Fahrzeug aus in der Weiden-/Gartenstraße vor allem den Gegenverkehr und die geparkten Autos bemerkt und nicht einen Gedanken an Stadt-Ökologie verwendet.

Gartenstraße Stade (

Ein stiller Sonntag soweit, bis auf die Innere Stadt. Rund um den Pferdemarkt lauter eilige Leute aller Altersklassen, freilich ohne Autos, entlang von Flatterbandbahnen, in denen Kinder laufen. Und als ich zur Hökerstraße komme wieder Trommeln, die angeschlagen werden, sobald wer vorbei rennt. Nicht dieselbe stupide Gruppe wie beim letzten Mal, aber überreichlich bis hinter die Kirche.

Auch was man in der Stadt zu hören bekommt, betrifft Humanökologie wie Ästhetik. Insofern hat Stade nichts Schönes, und ich bin mit Kopfhörern unterwegs.

Advertisements