Zeichensätze zum Sommer 1991 vom Sommer 1992

1 – Wahnzeichen

Zeichenwahn tritt periodisch auf. Erster Hinweis, eine mit Lackstift bemalte Karteikarte mit dem Emblem des MAGAZINs, liegt im Januar auf dem Boden des Schuppens. Träume von der Hauptstadt. Durch den schwarzen Schuppen führt der Weg in die Absteige zum Abschaum an der Herdstarrgasse. Ende Februar: eine Stelle im Berliner MAGAZIN. Abschied, wenn man weiß, dass die Zeit begrenzt ist. Pause vor dem Umschwung.

LIEB BLEI BEIL LEIB NR (Zeichnung: urian)
Zweiter Hinweis: ein Foto, aufgenommen ein Jahr zuvor, als Fontispiz in das Buch mit den zukünftigen Berliner Aufzeichnungen geklebt. Zeigt ein Haus, dessen Balkone und Fensterhauben ein Gesicht schneiden und das am zukünftigen Weg zwischen Wohnung und Arbeitsplatz, der Friedrichstraße, liegt.

Die Neuronen springen, Satz für Satz. Tintenstriche sollen ihren Lauf abbilden. Verschlossen unter der Schädeldecke quillt Gehirnschleim, wirft Gedankenblasen. Brodeln im Laboratorium, Reagenzgläserklirren. Gase treten aus. Der Flug der Neuronen beschleunigt, der Stift verliert den Anschluss, rote Rücklichtfunken fallen verkohlt auf das Blatt. Die Puppe erwacht.

2 – Glaubenssätze

Abschiedsszene im Herrengraben am Fleet. „Tschüß, Svenja“, ruft lange noch die Großmutter und steht vor dem Hauseingang (Backstein mit Torbogen). „Tschüß“, ruft Svenja noch lange aus der Karre, die ihr Vater zieht. In der Rehhoffstraße laufen drei Jugendliche in das gezückte Heft hinein. „Darf ich Ihnen dies zum Lesen geben?“ Ein pink Sekten-Prospekt wird überreicht. Menschen huschen durch das Licht des Schaufensters einer Versicherungsgesellschaft. Wenige Schritte weiter treffen sich zwei Katzen von links nach rechts zur Paarung.

3 – Gezeiten

Die Puppe erwacht. Nur fort, rasch. Den Koffer packen, Ballast abwerfen, den Müllwerkern ein Fest hinterlassen. Wieviel Schrott sich ansammelt in so kurzer Zeit! Dabei ist es nicht einmal sehr viel. Dinge ersticken, Besitz bedrückt. Wie wenig wirklich nötig ist. Dinge panzern, sonst leidet die Haut. Haut ab! Die Puppe macht sich selbständig. Ein Bild fällt in den Tautropfen.

LIEB BLEI BEIL LEIB NR (Zeichnung: urian)

Gleichgültig rollte das Meer an den Strand. Die Sonne im Zenit brachte den Sand zur Weißglut. Noch hinter geschlossenen Lidern gleißte er. Der Flüchtling kniff die Augen zu und drehte den Kopf wie ein Periskop. Rote und grüne Flecken schleuderten über die Netzhaut, während der Flüchtling Schatten suchte. Aber das Licht war überall. Er presste die Handflächen vor das Gesicht, die Flecken wurden violett. Der Schatten vermehrte sich kaum.

Dass das Meer stetig grollte, wurde ihm nur bewusst, wenn verklingende Stimmen Vorbeigehender sich erhoben und dagegen ansprachen. Woher das Meerrauschen kam, erkannte er im Moment nicht, es brach sich an der Steilküste und umringte ihn. Bildete er sich die fremden Stimmen ein? Wenn das Rauschen sie nicht forttrug, warf es sie vielleicht an den Strand.

4 – Anzeichen

Drüben im Fenster am Hof springt manchmal ein Gesicht hervor und grinst durch die Eisenjalousie. Zeichenwahn setzt periodisch ein. Frisst eine Weile am Gehirn, legt sich wieder nieder in die Fallgrube. Sonderlich wird der Mensch von unsichtbaren Händen gezerrt, nach höherem Plan durch das Leben gejagt von Göttern weniger als von Maschinen innerhalb der Natur, unvordenklichen Ritualen aus un- und vormenschlicher Epoche, von denen er dirigiert wird, sobald er sich in besondere Bereiche des Geistes verirrt, gar gezielt auf diese losgeht, die von den Mehreren aus Instinkt gemieden werden, einer Vorahnung der Gehirngräuel wegen oder weil ihre Abgeschiedenheit im Gehäuse die, deren Heimat die Herde ist, von vornherein abstößt. Wer auch immer sieben Jahre jenseits der Schwelle verbracht hat, meidet die Falltüren indes vergeblich und stürzt im unbedachten Augenblick unvermeidlich in den Zwischenraum der Worte und Bilder, die sich ähneln.

LIEB BLEI BEIL LEIB NR (Zeichnung: urian)

5 – Anfahrt

Familien-Ausflugsstimmung im Bus, man kennt sich, fährt zum x-ten Male miteinander. Auf der Strecke im leergefegten Land im Dunst: zwei Autos begegnen sich am Waldrand. Rendezvous, Vorbereitung zum Attentat, Zufall? Schon längst ist der Bus vorbei.

Leitplankenblechstücke liegen aufbaubereit am Mittelstreifen. Der Billard-Center-Inhaber ist seit siebzehn Jahren Bürokaufmann. Die Förderungen durch den Verband sind unzureichend, mit den Lippen weist er die blutende Wunde vor. Keine Liga, nur fünf bis sechs Veranstaltungen im Jahr. Er ist fast zwei Meter groß.

6 – Kunsthandlung

Grade der Zerfahrenheit in Berlin. Barthes und Böhme streiten um die Melancholia von Cranach (1532). Der Engel finstern Fittichs schnitzt gelangweilt am Stab der Zeit. Er ist ein Schizzo, vom Leiden nur halb gekrönt, der Rest noch heiter. Für eine Million Mark soll das Gemälde am 30. Mai unter den Hammer kommen. Die Sammlerin aus Neukloster will Illustrationen zum Kleinen Häwelmann von Storm. US-Piloten haben in Philadelphia, wo Duchamps Hauptwerke versammelt sind, eine riesige Feuerkugel mit grünlich-rotem Schweif beobachtet. Ein Pilot: „Die Kugel saß aus wie die Mutter aller Meteore.“

7 – Im Aufzug

Fingerkuppen prasselten nieder auf das Keyboard. Zögernd zuerst, bald kräftiger und klangvoller klapperten die Plastikkappen. Zwangen die Finger den Lichtzeichner, Buchstaben zu bilden. Zeichen, die aus Nichts aufblendeten, vom Tastendruck gezaubert wie auf Glas geschrieben, gehaucht auf die Oberfläche des Schirms, sekundenschnell getupft aus vierundzwanzig Quadratrasterpunkten. Stromschwingungen, still in der Zeit, bereit, sofort zu erlöschen.

Hände hämmerten die Tastatur wie ein Schlagzeug; der Kopf suchte Synchronizität, Gleichklang der Anschläge mit geheimen Gedankenrhythmen, Geplapper der Seele, und die Tasten legten Schalter um im Gehirn. Stumm assistiert spielte der Redakteur mit dem Keyboard.

LIEB BLEI BEIL LEIB NR (Zeichnung: urian)
Er hatte sich in Rage geredet. „Stasi-Spitzel schnüffelt weiter“, beschimpfte er die Scheibe. Die Oszillationen verharrten ungerührt. „Halten alte Seilschaften und rote Socken Stasi-Boten den Steigbügel?“ variierte er. „Stolpert, der Satz.“

Er schwieg und bediente die Tastatur. Zeichen eines Ungewissen brach das Licht im Spiegelschirm. Die Schirmzeichen hatten einen Schatten, der kein Schatten war. Zwei Millimeter tief unter dem Glas lag er, schwankte aber nicht im Lampenlicht. Schatten und Schirmzeichen waren ein falsches Double. Die Schrift war der Schatten, der Schatten die Quelle. Über der Schulter des Redakteurs stieg der nächste Satz auf.

8 – Kulturgeschichte

In den Schachteln der Hütchenspieler verschwindet für eine Sekunde die Welt. Sie umlagern die Beine der Passanten, legen Matten aus, wirbeln die Schachteln, die Erbsen, fahren rasch auf, wenn die Polizei kommt: ergötzliche Verfolgungsjagden wie im Kino für den müßigen Spaziergänger.

Der Operndirektor stellt einem Jugoslawen das Bein, als dieser um einen Schaukasten biegt. „Millionen“, schreit er triumphierend, als er dem gefällten Straßenspieler den Fuß in den Nacken stellt, „gebt mir Millionen für meine Spielzeugschachtel!“ Die Passanten versammeln sich, klopfen dem mutigen Direktor auf die wattierte Schulter. Umarmungen wehrt er ab.

Das MAGAZIN ist eingeschaltet. Frauen seufzen, Männer brummen. Sie geben ihm die Hundertmarkscheine, die für den Jugoslawen vorgesehen waren. Um in sein Haus zu kommen, müssen sie noch mehr Scheine abdrücken und bereuen, einen Abend Langeweile echtem Nervenkitzel vorgezogen zu haben. Bei steigender Arbeitslosigkeit, sagt der Senator, muss der Kulturetat erst recht bleiben, weil Kultur stabilisierend wirkt, als Bollwerk gegen die Barbarei der Beschäftigungslosen. Ein Drittel von dem, was er zu vergeben hat, bekommt der Operndirektor schon.

9 – Hirnkater

„Das Jonglieren mit Quanten in gigantischen Röhren, Tunneln und Schächten“, sagt Raven, „ist zum gewohnheitsmäßigen Spiel der Industrie geworden. Raketen donnern geläufig in den Himmel. Es gab einen Gehirn-Boom in der Publizistik, die Metapher wurde beliebt. Doch der tatsächliche Stand der Gehirnphysiologie ist jämmerlicher als die Propaganda vermuten lässt, wenn nicht vieles von den Militärs versteckt wird. Die Erde ist vermessen, die Anatomie abgeschlossen bis auf die Landkarte des Gehirns. Sie sieht kaum anders aus als jene, die Benjamin als Abbildung aus seiner Bibliotheksabteilung mit Büchereien von Geisteskranken ausgewählt hat, das Schema einer Gehirnregion nach Gehrmann: Körper, Gehirn, Seele, Gott, mit den Bezeichnungen Panzer tragen an der Biegung von C. cucullare und C. latissimum dorsi zwischen Mühle und Angst vor der Todsünde, im Sektor bereiten, zurechtmachen bei C. erector sinceritas, dem Schiff der Kirche. Carl Gehrmann, praktischer Arzt in Berlin, hat 1893 in vier Bänden 258 Krankengeschichten ausgewertet, die er selbst so zusammenfasst: ‚Fall 13: Rückwirkung des Fußschweißes auf das Sexualsystem und den Atmungsapparat – die Heilung bedeutet die harmonische Entfaltung de Centri Strümpfe – der Springbrunnen der Sacramente.’“

LIEB BLEI BEIL LEIB NR (Zeichnung: urian)

Die Taschen prall gefüllt mit winzigen Karteikarten in mikroskopischer Schrift, entpuppte Raven sich als Zettelkasten. „Man weiß, das Neuronen springen“, fummelte er den Zettel zurück in die Tasche, die ein automatisches Ablagesystem zu enthalten schien, „aber messbar sind sie nur in größeren Formationen – als empfange man Morsezeichen in einer fremden Sprache und entziffere das Bild der Zacken und Kurven am Oszillator. Der Weg eines Blicks bis zum Eintritt in das Gehirn ist verfolgbar mit den Mitteln der Apparate – dann kommen die Gedankenschwärme. Aus der Bewegung der Schwärme lässt sich manches ableiten, aber in Wesentlichen ist die Gehirnphysiologie auf Beobachtungen von Verhaltensweisen angewiesen, auf Psychologie. Wie sollte eine Maschine auch beschaffen sein, die Gedanken misst? Gedanken und Gefühle, deren Geschwindigkeit schneller als Schall und Licht ist. Deren Zeit nicht die der linear aufzeichnenden Geräte ist. Man beobachtet also Gesten und entschlüsselt symbolische Zusammenhänge, mit Federstrichen.“

10 – Noten

Probleme der Solisten, die anspruchsvollen Lagen in der Lautstärke gegen den großen Klangkörper durchzusetzen. Singen sich gegenseitig an die fehlende vierte Wand, wo das Publikum wartet, klatschen zu können. Manchmal bricht es vorzeitig aus. Auch ein misslungenes Experiment ist den Versuch wert, tröstet sich der Kritiker für die vertane Zeit. Ein einstürzender Neubau hat ein Maschineninsekt beigesteuert, das unter der Decke an einem Draht zupft. Pointen mit dem, was jeder denkt.

Im Café Kisch Unter den Linden Roda Bechers „Berliner Simulationen“: der Satz, die Alltagsmenschen hielten Verbindung mit dem Numinosen durch das MAGAZIN.

11 – Zusammenhänge

Ciciolina für Carsten. Unter dem Dach der Philharmonie. Eine Einheit gleich dreiundzwanzig Pfennige, singen die Alten Kameraden. Riecht nach frischer Farbe im Saal. Da hilft nur reimen. Paravents auf die Bühne. Autounfälle und Organspenden.

12 – Seezeichen

Richtung Westkreuz / Wannsee ein Frosch mit roter Brille. An einem abgeschieden scheinenden Strandstück, nach dem Strandkorb im Stadtbad, kommt ein Schlauchboot, das nicht mehr fahren will, während die Sonne schon wieder hinter den Wolken verschwunden ist, und die Insassen basteln, während das Warten bei der Wolkenbank verbucht wird.

Die Luft wird kühl ohne Sonne; das Wasser hat die Wärme der letzten Tage gespeichert. Jetzt lassen die Insassen ihr Boot wieder zu Wasser. Einer zweifelt und zögert. Beurteilt er das Wagnis, mit einem defekten Vehikel unterwegs zu sein oder betrachtet er nur die Wellen? Hilflos stoßen sie vom Ufer ab, weil sie sich nicht nass machen wollen.

Man muss sich Wind wünschen, damit die Wolken weichen. Äste streifen das Oberdeck des Busses und schlagen gegen die Fenster, als protestierten sie gegen die Verletzung des Waldes durch die Havelchaussee.

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13 – Zeitgeschichte

General Jolibos, der französische Stadtkommandant, erzählt dem MAGAZIN eine Geschichte aus der Fremdenlegion. Eine Rohrdommel und ein Graureiher kommen darin vor, beschädigte Zäune und vergebliche Anzeigen. Ein Hitchcock-Drehbuch, das er auswendig gelernt hat, mit Zutaten aus dem Whisperer in the Dark.

Der Kontaktbereichsbeamte kennt sich mit den Orchideenarten aus. Er war früher im Knast Tegel und hat mit Vorliebe Zellen gefilzt. Beuys kennt er nicht, aber die Geschäfte unter der Decke.

„Wenn ich zum Flughafensee komme, habe ich nur mit Wilderern zu tun“, sagt er. Was gewildert wird, will er nicht verraten, weil in diesem Moment der Biologielehrer mit seinen Kindern das Freilandlabor betritt.

„Wir kennen uns aus, wo man was findet“, sagen Lehrer und KOB im Chor, während sie den Wegesrand nach Wendehälsen und Roten Ameisen absuchen.

Der Wendehals, eine bedrohte Spechtart, frisst die Waldameisen, deren Hügel von den Passanten zertreten werden. Als Waldpolizei stehen die Ameisen unter dem ausdrücklichen Schutz des Gesetzes.

„Der Badesee ist ein Geheimtip“, sagt der KOB, während er ein kopulierendes Paar auseinandertreibt.

Der dreiundzwanzigjährige Revierförster ist ein Naturbursche aus dem Typenkatalog, blond, blauäugig, naiv und besessen vom Wald, trägt eine grüne Joppe, die Wangen als habe er keinen Bartwuchs.

14 – Maschinen

Weimar, IM WARE, AM WIRE (Draht), WA REIM. Eine Nähmaschine, die einen Menschen verstrickt. Das größte Museum auf deutschem Boden. Nicht eine Stadt, sondern ein Garten, an dem eine Stadt liegt.

Sie ist die Tochter des Alten. Er war nie in der Partei, aber er hatte die Privilegien des Künstlers. Sie ist noch im April bespitzelt worden. Ihre westdeutsche Freundin hatte ihr Tagebuch bei der Volkspolizei liegen gelassen, worin sie eben Bemerkungen über die Stiefel der Beamten eingetragen hatte. „Verdächtige Westkontakte“ bei einer, die oft Ausländer traf, die reisen durfte; man war paranoid geworden.

Der Spitzel war ein Mittzwanziger, neu in dem Job, für den man offenbar bloß Beschäftigung suchte, erzählt sie. Ein bisschen einschüchtern kann nie schaden, für alle Fälle, wer weiß, was herauskommt. Oder wollte man sie anwerben?

Leitsystem. Anzeigetafeln wie auf einem Bahnhof. Technische Leitwarte, Heizung und Belüftung, Beleuchtung, Aufzüge, Rolltreppen, Videoschirme, Schalttafeln, Schaltkreise, Zahl der Arbeitsplätze, „per Draht gefragt“. Der Untor hat in dreiunddreißig Jahren keinen Tag frei.

15 –Verwandlung

Verfallene Mausoleen entlang der Mauern, die Dächer eingestürzt oder von Bäumen durchbrochen, die in zersplitterten Särgen wurzeln. Einige Todesgewölbe dienen als Abraumhalde für die traurigen Überreste der anderen. Eisentüren, Bretter und Sargdeckel lehnen an Backstein, aus dessen Fugen Schimmel quillt. Gleichermaßen von allem hatte das Gras Besitz ergriffen, es deckt zu, man läßt es arbeiten.

Am Grab E. T. A. Hoffmanns haben Verehrer Federn ins Efeubeet gesteckt. Auf einem Stück Erde, frei vom Grün, ein rotbraun verwelktes Blatt und in einer seiner Windungen die graugläserne Leiche eines Käfers samt lebendem Nachkommen.

LIEB BLEI BEIL LEIB NR (Zeichnung: urian)

16 – Olimpia

„Wir haben nicht nach der Wurst aus der Speckkiste gerufen“, sagen die Braven. Neeltje, siebzehn, kommt aus Friesland und streichelt die Gips-Sphinxen vor dem Museum. Dann treibt der Fotograf sie vor sich her durch den Ausstellungstunnel. Sie wehrt sich erst, nachdem sie ahnungslos in das Spiel eingewilligt hat. Als auch Tränen den Fotografen nicht rühren, lässt sie seine Arbeit über sich ergehen.

Der Tunnel ist ein Labyrinth aus Katakomben, in denen unvordenklich alte Kultobjekte wie in einer Geisterbahn in den Nischen angeleuchtet werden. Riesige Blöcke mit winzigen eingeritzten Schriftzeichen, Löwen und Stiere aus Rosengranit.

Neeltje ist nackt, als der Fotograf sie in die blaue Grotte stößt. Dorthin, befiehlt er, Neeltje schützt mit einem Arm ihre Brüste, die andere Hand hält sie vor ihre kahle Scham, gehorcht aber seinem Kopfnicken. Sie steigt auf den Rücken des Stiers, schaudert über den kalten Stein, rutscht vom Nacken auf den Kopf des Idols und schlingt ihre Schenkel um das linke Horn.

„Schach“, sagt der Fotograf und schießt. In Neeltjes ängstlichem Auge spiegelt sich der Ausstellungsleiter, der, an eine Löwentatze gelehnt, ihrem Ritt zugeschaut und sich dabei einige Male unwillkürlich an die Hose gegriffen hat. Aufgeputscht von der Aufmerksamkeit, die ihm der Eröffnungstag schenkt, fehlt ihm nur eins noch zur Vollkommenheit.

Dem Fotografen ist die Geste nicht entgangen. Als er den Ausstellungsleiter auffordert, willigt dieser sofort ein, Neeltje auf dem Stier zu besteigen. Mit heraushängendem Schwanz erklimmt er den Rücken des Granittieres. Neeltje klammert sich an das Horn.

„Er ist noch zu schlaff“, rügt der Fotograf. „Blas ihm einen!“ fordert er Neeltje auf. Der Ausstellungsleiter scheuert seinen nackten Steiß erwartungsvoll am Stein, während Neeltje sich langsam umdreht, eine Hand zaghaft vorstreckt, nur blinzelnd den Schaft packt, der sogleich um ein weniges anschwillt, sich zum Ausstellungsleiter zurückbeugt, die Lippen der Eichelspitze nähert, die Zunge vorstreckt, den Mund über dem zuckenden Fleischzapfen schließt und in die Wurst beißt.

Das MAGAZIN hat am nächsten Tag eine schön-schreckliche Schlagzeile. „Wie bei dem Autounfall, als eine Hure den Typ am Steuer gelutscht hat, und als es ihm kam, ist er gegen die Leitplanke geknallt.“

LIEB BLEI BEIL LEIB NR (Zeichnung: urian)
17 – Wald der Winke

„Sie haben sicher selbst einmal Fingerzeige erlebt“, fuhr Raven fort, „minutiöse Korrespondenzen, flüsternde Echos.“

„Fingerzeige? Von wem?“

„Von etwas anderem, jemand fremden? Vielleicht haben Sie keine Details, keine Töne bewahrt, nicht die Melodie mehr, sondern bloß den Nachhall einer Konkordanz, einer Schwingung kosmischer Sphären, ein Lufthauch Schicksal im Ungefügen? Serien von Übereinstimmungen, die Sie vergessen haben wie einen Nachttraum, von dem sie am Morgen kein Bild aufrufen können.“

Niemand sagte etwas.

„Der Wiener Biologe Paul Kammerer hat zwanzig Jahre lang Koinzidenzen aufgezeichnet und 1919 unter dem Titel ‚Das Gesetz der Serie‘ veröffentlicht. Zum Beispiel“, auch dafür hatte Raven einen Zettel, „der Fall Rohan. Kammerers Frau hat in einem Roman von einer Frau Rohan gelesen; in der Straßenbahn fällt ihr ein Unbekannter auf, weil er dem Fürsten Rohan ähnlich sieht, mit dem sie befreundet ist; dieser erscheint am Abend auf unangemeldeten Besuch. Der Unbekannte in der Straßenbahn, der dem Fürsten ähnlich sah, war danach gefragt worden, ob er Weißenbach am Attersee kenne; Kammerers Frau verlässt die Bahn am Naschmarkt, wo sie von einem Verkäufer nach Weißenbach am Attersee gefragt wird.“

„Am Naschmarkt habe ich mal gewohnt …“

Raven ging nicht darauf ein. „Kammerer schoss sich mit vierundvierzig Jahren eine Kugel in den Kopf, angeblich weil man ihn verleumdet hatte. Der Erste Weltkrieg hatte seine in Europa einzigartigen Terrarien mit Salamander- und Krötenzüchtungen im Prater zerstört. Von seinen aufsehenerregenden Experimenten zur Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften war nur ein in Spiritus gebadetes Exemplar einer Geburtshelferkröte übrig, mit Brunftschwielen an der einen und dunkler Färbung an der anderen Hand. Der Farbton war injizierte Tinte. Ohne Zweifel hat Kammerer Augen bei Grottenolmen gezüchtet.“

18 – Fingerabdrücke

Der Redakteur trieb den Lichtzeichner mit Phrasen an, sonderte und verschmierte Ausscheidungen gemeinsten Dünkels. „Dem Leser muss die Birne rausknallen!“

Zischend verging die Filterzigarette in der Cola-Flasche. Stimmen der Unschuld in einer Atmosphäre von Ungeduld. Auf dem Drehstuhl hüpfend trug der Redakteur seine Tirade dem grünen Schillern vor.

Der zweiundzwanzigjährige Dikta-Tor probte mit dem im Glas gefangenen Volk die Erstürmung der Bastille. Blieb er lange unbeachtet, machte er den Narren und stülpte sich eine Mickey-Mouse-Mütze über.

„Mach mir den Elch!“ knatterte die Gegensprechanlage. Der Bürochef, Oberfeldwebel der Reserve, ordnete an. Der Turm spaltete sich neu, der Schizzo kroch, gemächlich noch, rasch ganz aus dem Riss im Panzergemäuer.

„Mach mir den Elch!“ knisterte der Vorgesetzte im vergitterten Lautsprecher. Auf die Plätze, antreten in Reihe, und Schütze Arsch, die blonde Volontärin, ergriff das Plüschtier und beugte es über dem Mikrophon, bis das klagende Knurren aus dem Bauch den Boss zufriedenstellte.

Der Gott der Geringen war gierig und verlangte mehr. „Der Elch, Himmel! Nochmal, mach mir den Elch!“

Büro-, ach, Gartenlaubengeschichten. „Verkehr, Geld, Sex, das interessiert den Leser, der Preis, der Wert muss immer dabeistehen, verstanden?“

Je mehr Eindrücke aufzunehmen, je rascher ihr Wechsel, desto geringer der Eindruck einzelner. Weder Sinne noch Bewusstsein wirklich betroffen. Verhetzte Skizzen am Wellenrand. Urban live. Kurz, schnell, hart. Im Staccato durch die Straßen.

LIEB BLEI BEIL LEIB NR (Zeichnung: urian)
19 – Straßenbilder

Der Standard-Spruch zum Abschied. „Wir sehen uns.“

Im öden Herz von Berlin. Ein scharfer Wind weht, über dem Tiergarten geht die Sonne in den Wolken unter. Die Häuser ringsum zeigen ihre Brandmauern. Der Garten aus den Eisengitterstäben der Mauer. Bunte Papierfetzen flattern wie Fahnen an den Spitzen. Aus dem Boden sprießt es, das Gras, das Gras, singt Whitman.

Zwei rot-grüne Boote liegen am Reichstagsufer. Sprachschwierigkeiten machen die Lautmalereien nicht. Lautsprecher schallen die vielsprachige Botschaft außenbords. Unter Deck Puppenspiele im Guckkästen.

Erik Talisyn, Artist aus Santa Monica/USA, schwört auf die Microcomputer von Vobis: „Kunst ist die Tätigkeit, die den höchsten Freiheitsgrad anstrebt. Alle anderen menschlichen Verrichtungen sind a priori begrenzt durch Methoden, Zielvorgaben, was sie gegenüber anderen zulassen oder nicht. Kunst ist all-zulässig.“

LIEB BLEI BEIL LEIB NR (Zeichnung: urian)

20 – Straßentheater

Die Schönen und die Schwulen. Drei Mädels am Kottbusser Tor. Aus Apfelkisten haben sie Bauchläden gebastelt und üben einen Kanon, mit dem sie auf der Fete herumlaufen und Kleingebäck anbieten werden.

„Käsebällchen – sehr zu empfehlen!“ – „Dass da keine Haare drin sind!“ – „Auf der Demo gab‘s echt nichts zu essen. Da wären wir schon alles losgeworden.“ – „Was ist so gut an den Käsebällchen?“ – „Die machen liebestoll!“ – „Die machen schwul!“ rufen die drei begeistert.

Bis auf den Autoverkehr ist der Osten ausgestorben. Die Seelenbinder-Halle eine mit Luftballons geschmückte Wellblechgarage. Was brauchen gebundene Seelen Protz und Schmacht? In der Turnhalle mit Kronleuchtern aus Scheinwerfern: Senf ist nicht wasserlöslich, als Gleitmittel ungeeignet, belehrt der Conférencier das Publikum. Man fiebert dem Höhepunkt entgegen, einem Wohngemeinschaftskomiker aus Hamburg.

LIEB BLEI BEIL LEIB NR (Zeichnung: urian)
21 – Zeitsprung

Clara schleppt ihren üblichen roten Rucksack. Die Last auf dem Rücken und ihre Reiselust sind unzertrennlich. Ihre Beine in einer engen grünen Hose werden bewundert, da verkündet sie, sich umziehen zu wollen mit dem Inhalt des Rucksacks. Außerdem enthält er Bücher, Brote und anderes, das an diesem Tag nicht mehr zum Vorschein kommt und lange am dunklen Zuunterst lagert.

22 – Zettelkasten

Kormoran anstelle von Hammer und Sichel, Geschichte lernen, Bücher – Kinderbücher, Held, erzählen eine neue Geschichte durch die Erinnerung der Kinder, Mythen, Legenden, Geschichten über Helden, Schauspieler, Technik, Kostüme, Maschine läuft selbständig ab, er hat geschrieben, Maschine kollektiv, wohnen zusammen, erfinden, wohnen in Nantes, Atelier in Nantes, Straßentheater, beziehen ein Schiff in drei bis vier Monaten, zwanzig Jahre alter Soja-Tanker, Jean-Luc Courcoult (36), zuletzt Regen in Südfrankreich, motorisierter Pelikan.

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23 – Zeichenkunde

Sekt mit O-Saft, sich austoben, mit dreißig. Kommt bald in die Vorschule. Teerplacken auf dem Pflaster. Um sieben ist die Friedrichstraße schon abgeräumt. Schatten der Abendkühle bereitet sich aus.

„Andere machen Frühschoppen, wir sitzen in der Sonne“, sagt Carola und badet ihre Füße vor dem Museumsdorf. Heide mit dem Hut übt Brettchenwebtechnik, Kammwebtechnik und weist stolz das Bischofsband vor, dass sie in vierjähriger Arbeit geschafft hat. „Ich bin ein Fachmann“, sagt sie.

Der Fuchs hat die Gänse geholt. Auf dem Gelände sind Teerschwelgruben gefunden worden, deshalb bot es sich für das Dorf an, erklärt der Professor und tätschelt dem zurückgezüchteten Schwein den borstigen Rückenkamm. Kopien, montiert auf eineinhalbfacher Größe, bearbeitet, verkleinert auf DIN, erklärt er das Verfahren, mit dem er im Schwein das Erbgedächtnis hervorgezüchtet hat.

24 – Zwischenschnitte

ORT ROT TOR ins Heft gekritzelt. Anagrammatisieren, das Geisterross. Zufliegende Worte zersetzen und neue, fremde Worte bilden, die als Schatten oder Schimmer schon im Ursprungswort enthalten waren. Gänge in den doppelten Boden der Sprache, wo die Buchstaben in Zerrspiegeln brechen.

Zuweilen herumlaufen wie der Privatdetektiv Der-weiß-wie-der-Tod-riecht aus Burroughs‘ „Städten der Roten Nacht“, der abwechselnd Zitate aus der Klospülung und Geräusche aus Fowles‘ „Magus“ auf Band nimmt, um sie später im Sinne der Spur, die ihn in diese Räume geführt hat, auszudeuten, Schrift in Schlamm graben.

25 – Einbahnstraße

Die Großbeerenstraße wie ein Schnitt mit dem Messer. Moosrand der Baumwipfel um die Wunde. Zu Füßen die Stadt, ein rot-grünes Gewächs, das als Teppich die Erde bis in den Himmelsdunst bedeckt. Nordosten, die Klippen von Hellersdorf und Marzahn.

Zwei Blaumänner mit Zollstöcken vermessen die Gegend mit Blicken. Fern hinter den Bäumen Klirren eines Kieselsteins, im Straßenrauschen tauchen Glockenschläge auf und unter. Von anderswo antworten zwei Geläute, ein Klangbrecher aus Baulärm im Osten, der wieder abebbt.

Marzahn, das Betongebiss, die Stümpfe im Blau verwaschen. Sonne fällt aus einem Wolkenloch auf das Haus im Scheitel der Großbeerenstraße und lässt das frische Kupferdach aufglänzen.

Liebe und Wissen besiegen die Zeit. Ringen mit dem Ich im runden Kleist-Park am Volksgerichtshof.

Von der Rampe aus geht der Blick auf ein Schild jenseits der Potse: „Die Heilsarmee“.

LIEB BLEI BEIL LEIB NR (Zeichnung: urian)

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