Der jüngste Streich zur NS-Geschichte in Stade

»Vertreter aller Parteien sprachen von einem gelungenen und positiven Ergebnis der konstruktiven Beratungen.« Selbstlob stinkt immer, und wenn es die politische Klasse ist, die sich im Stader Tageblatt beweihräuchern lässt, darf man eine ziemliche Kloake vermuten.

Die Chose bestand aus Parteiengezänk und Kompetenzgerangel. Schon vergessen und für nie gewesen erklärt. So läuft das halt im Hanselstädtchen. Am Ende gibt es Eiapopeia. Alle sind eine große Familie, eine Volksgemeinschaft, vereint in Haltungslosigkeit.

Ein »Lokalhistoriker«, wie ihn die Zeitung nennt, hat mehr als 150 unbekannte Todesopfer des Nationalsozialismus ermittelt, vor allem Zwangsarbeiterinnen und deren Kinder. 2005 war eine Stele mit 152 Namen errichtet worden zwischen der Kirche St. Wilhadi und dem Justizgebäude, in dem unter anderem das Erbgesundheitsgericht »Euthanasie«-Morde verfügte. Wer die Quellenlage und den Forschungsstand kannte, wusste, dass die Geschichte damit nicht vorbei war. Nur wer bei der Einweihung der Stele Schlussstrich-Gedanken hegte und glaubte, mit einem Gedenkritual sei das Thema erledigt, konnte sich ärgern, als der »Vogelschiss« erneut auf der Tagesordnung stand.

(Siehe Gezerre um Gedenken [Febr. 2018])

»Einstimmig beschlossen« wurde, vermeldet die Zeitung, »dass es eine weitere Stele an der Wilhadi-Kirche geben soll, außerdem wird ein Gedenkbuch angelegt, das einen Zwilling in digitaler Form erhält.« Kein Wort mehr davon, dass um Totentafel und Totenbuch als Alternativen gerungen worden war. Am Ende haben eben alle Recht, und Klappe zu.

Gleich im ersten Satz des Zeitungsartikels wird die herrschende Heuchelei auf den Punkt gebracht: »Die Mitglieder des Stader Rates bekennen sich zur Erinnerungskultur, wie sie in Stade gepflegt wird.« Um Erinnerung ging es in der Debatte – so weit sie öffentlich wurde – nicht. Der Stelen-Streit gehört zu einer Gedenkkultur als Element einer Erinnerungskultur, die ihrerseits eine kritische Würdigung der Formen des Andenkens umfassen müsste.

Das ist keine semantische Spitzfindigkeit; es handelt sich um andere Sachlagen. Die Gedenkkultur, »wie sie in Stade gepflegt wird«, bestand bis dahin aus unsachlichem Zank, der bei früheren Gelegenheiten Jahre anhielt und sich diesmal immerhin über neun Monate hinzog. Diese Varianten der Abwehr von Erinnerung rasch zu vergessen und dem Publikum Einhelligkeit vorzumachen – das wiederum zählt zur Erinnerungskultur.

Mit dem Eiapopeia in der Ratssitzung, die der Zeitungsartikel bekränzt, wird die Geschichte als Gedenken gerahmt. Das ausstehende Einweihungsritual der zweiten Stele wird die Geschichte wieder in der Zeitkapsel verschließen, aus der ein »Lokalhistoriker«, der auch Politiker ist, sie hervor gepult hat. Erinnerung kann das nicht heißen.

Das Eiapopeia besiegelt eine verpasste historische Chance. Aus dem »fruchtbaren Schoß« kriecht soeben wieder Fürchterliches. Die Geschichte scheint nah wie nie; sogar akademische Kapazitäten vergleichen die Gegenwart mit dem Ende der Weimarer Republik. Im Hanselstädtchen aber wird Erinnerung als zeitloses ästhetisches Problem behandelt. Als würde nicht gerade zu solchen Aussonderungen angesetzt, deren mörderischer Konsequenzen gedacht werden soll.

(Siehe dazu Gezerre um Gedenken [2] [August 2018])

Das markiert die Bruchstückighaftigkeit der Erinnerung nicht nur in Stade, die sich im Gedenken an die Opfer erschöpft. »Es ist wenig reizvoll, aber moralisch dringlicher, die Handlungen der Täter zu verstehen«, hob Timothy Snyder in Bloodlands hervor, einer Untersuchung der nationalsozialistischen und stalinistischen Massenmorde. »Die moralische Gefahr, alles in allem, ist niemals, dass jemand Opfer, sondern Täter oder Zuschauer werden könnte.«

Opfer-Gedenken, das die Täter ausblendet, ist Schein-Erinnerung. In Stade hat man außerdem einen Sonderweg der Erinnerungskultur beschritten und mindestens einen Täter geehrt. (Ein ehrenwerter SS-Mann)

Die Abschottung der Geschichte von der Gegenwart, »wie sie in Stade gepflegt wird«, erzeugt nicht Erinnerung, sondern ist eine Form des Vergessens. »Unsere Vergesslichkeit lässt uns glauben, wir seien anders als die Nazis, denn sie verschleiert, worin wir uns gleichen«, vermerkte T. Synder in Black Earth, einer Studie über die Wiederholbarkeit der Shoah.

Eine Vertreterin der CDU als der Partei, die bis heute an der Täter-Ehrung festhält, »bedauerte, dass nur noch wenige Besucher nach dem Thema Strabs [Straßenausbausatzung] im Ratssaal anwesend waren.« Das Publikum für Gedenk-Eiapopeia ist begrenzt. Kann man es verdenken? Auch ich habe mir das Wechselbad aus Wut und Fremdschämen erspart.

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