Die Stelle auf dem Seelhorster Friedhof in Hannover war als „Blutwiese“ berüchtigt. Vor „Volksgenossen“ und Kameras bargen „belastete Nazis“ am 2. Mai 1945 526 Leichen. Zuletzt waren hier am 6. April 154 Gefangene erschossen worden.

Massaker auf dem Seelhorster Friedhof in Hannover (Zeichnung; urian)

Zwei Dutzend hatten unter dem Kommando von SS-Scharführer Gustav Wolters (39) die Grube ausgehoben.

Dabei „ein russisches Mädchen von etwa 17 oder 18 Jahren“. Es grub nicht.

„Die Wachmänner standen herum, lachten und unterhielten sich“, erinnerte sich Pjotr Palnikow (24), Hauptmann der Roten Armee.

Die eigentliche Hinrichtung dauerte drei Stunden. Als die letzte Gruppe am Grubenrand stand, heulten die Sirenen auf. Die US-Armee belagerte die Stadt.

Weil Palnikow entkam, wurde dieses „Verbrechen der Kriegsendphase“, mit dem Reichsführer-SS Heinrich Himmler seine Spuren zu verwischen versuchte, bekannt und 1947 im „Gestapo Case N°1“ geahndet.

Zu 13 Jahren verurteilt kam Wolters schon 1950 frei.

„Unberührt kehrten diese subalternen Henker später in ihr Urmilieu beflissener Dienstleistung zurück. […] Nahtlos fanden diese Beamten, die tausenden gehorsam den Tod gereicht hatten, den Anschluss an ihre harmlosen Kollegen, die nur Sparkonten durch Schalter reichen.“

Der Zeitungsreporter meinte die Zeugen im Prozess gegen die Anführer des Einsatzkommando 9 in Berlin 1962. Einer war der „wohlbestallte Kaufmann“ Wolters.

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Der Staatsanwalt schrieb mit, als Zeuge Wolters 1964 zugab: „Er habe fünf bis zehn Menschen erschossen.“

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Wolters diente in Hildesheim und Warschau, bevor er sich im Polizeireferat des EK 9 um die Logistik der Massenmorde kümmerte. Bei der Gestapo in Ahlem war er ab November 1942 einer der erfahrensten Folterer und Mörder.

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2002 überreichte der Bürgermeister seiner Heimatstadt ihm als „Anerkennung für seine Lebensleistung“ einen „Ehrenbrief“ des Bundeskanzlers. Dafür war das Kanzleramt über die Biografie des 94-jährigen Feinkosthändlers belogen worden.

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Fragen zur Ehrung beantwortete der Stadtrat, indem er die Politische Polizei auf die Fragesteller ansetzte. Tatsachen über die Stütze der Gesellschaft nannte der Lokalanzeiger „üble Nachrede“ und „Klamauk“.

„Man muss auch verzeihen“ und man muss auch vergessen“, ließ sich der Bürgermeister ein und bestritt endlich die Ehrung.

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Auszug aus dem Graphic Essay HIMMELREICH HIRN. Weitere Auszüge hier.

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