Heinrich Himmlers letzte Stunde

aus HIMMELREICH HIRN. Die Legende von Heinrich Himmlers Ende. Graphic Essay

Lüneburg, 23. Mai 1945

20 Jahre später erinnerte sich Michael Murphy an ein Vorkommnis während der Autofahrt. Der Chef des Geheimdienstes in der Armee Seiner Majestät von Großbritannien hatte den »high-ranking German prisoner« im Sammellager 031 in Kolkhagen abge­holt und sich selbst ans Steuer gesetzt. An einer Abzweigung war er im Zweifel über den Weg und wandte sich an seinen Assistenten Bernard Stapleton. Antwort erhielt er von ihrem Passagier: »You are on the road to Lüneburg!«

Am Tag nach der Fahrt gab Major Storm Rice eine dienstliche Erklärung ab: »16. Murphy brachte ihn zum Wagen und ließ ihn einen Platz im Fond neben Oberstleutnant Stapleton nehmen. Oberst Murphy fuhr den Wagen. Ich und Oberstleutnant Osborn[e] saßen neben ihm. 17. Unterwegs fragte Himmler mehrmals nach den Umständen des Selbstmordes von Admiral Friedeburg und staunte darüber, dass dieser ihn begangen hatte.«

Colonel Murphy hatte den Suizid Hans Georg von Friedeburgs erwähnt, als der Gefangene in Camp Kolkhagen die Durchsuchung verweigern wollte. Am Morgen hatten die Briten in der Marineschule Mürwik bei Flensburg Hitlers Nachfolger Karl Dönitz und seine »Reichsregierung« verhaftet. Beim Schaulaufen für die Presse-Fotografen fiel Friedeburgs Fehlen auf. Er stand im Rampenlicht, seit er am 4. Mai in der Lüneburger Heide die erste Teilkapitulation im Reichsgebiet unterzeichnet hatte. Er hatte seine Orden angelegt, sich in einen Waschraum verzogen und Gift geschluckt.

Eine Lautsprecherdurchsage im Hauptquartier der Second Army in Lüneburg beorderte den Arzt Captain Clement J. Wells zur Zentrale des Geheimdienstes. Er war telefonisch vorgewarnt worden: »Himmler would be your guest for the night.«

Murphy erzählte: »Es war mir klar, dass Himmler immer noch Gift bei sich versteckt haben konnte, die naheliegendsten Stellen waren Mund und Gesäß. Ich sagte ihm also, er solle sich anziehen; und weil ich eine medizinische Untersuchung wollte, rief ich meinen Stellvertreter in meinem Hauptquartier an, damit ein Doktor sich bereithielt in dem Haus, das ich für solche Männer wie Himmler vorbereitet hatte.«

»Als Dr. Wells [im Haus in Lüneburg] an­kam, ging er mit Major [Norman] Whittaker alle Stellen durch, an denen Himmler das Gift verborgen haben mochte. […] Währenddessen wartete ihr Kompaniefeldwebel Edwin Austin auf Himmlers Ankunft, und um 10.45 p. m. wurde eine jäm­merliche Figur in den Vorderraum von [Uelzener Straße] 31a gebracht.«

»Angezogen mit einem Khaki-Hemd und Unterhosen, in eine Armeedecke gewickelt, kurzsichtig und verwirrt blinzelnd stolperte der Mann auf den Sergeant-Major zu, der ihn am Arm packte und durch die Tür ins Haus führte.« – »Konnte dies der Mann sein, der soviel Böses angestiftet hatte, diese schüchterne Kreatur, die unter der Armeedecke nur Hemd, Hose und Socken trug?«

Austin stieß die »cringing figure« in das Zimmer mit dem Erker. Die Hände dieser zugleich schauerlichen und kriecherischen Gestalt, die mit Federstrichen oder Gesten an Gehilfen den Tod gebracht hatten, hielten eine graue Armeedecke, die um die Hüften geschlungen war.

Hinterher wurde Austin vorgeschickt, um der Presse Geschichten zu erzählen. Dass er im Kino mit Bing Crosby »Going my way« summte, als auf der Leinwand eine Schrift eingeblendet wurde: »CSM Austin is requested to report at headquarters at once.« Wieder kreuzte ein Nazi seinen Weg.

In Austins Gewahrsam war in der Vorwoche ein Gefangener abgegangen. Mit den »Bandenkampfverbänden« hatte Hans-Adolf Prützmann unter dem Tarnnamen »Partisanen« Juden ausgerottet. Er war seit 1944 gegen echte Freischärler und Sowjetsoldaten angetreten. Die Kriegserfahrung, die er Gleichrangigen voraus hatte, die sich nur mit der Jagd auf Wehrlose auskannten, empfahl ihn dafür, Deutsche als Partisanen einzusetzen. Der »Reichswerwolf« war von Himmler von Flensburg aus nach Süden vor geschickt worden. Über ihre Verabredungen lässt sich nur mutmaßen.

Major Whittaker trug Prützmann am 15. Mai als »ersten Besucher für Nr. 31a«. »Wahrhaftig ein böse aussehender Typ. Aber er sprang schnell genug auf, als ich den Raum betrat. Darf nie ohne Wache gelassen werden.« Zwei Tage später: »Heute morgen hörte ich, dass Prützmann Selbstmord verübt hat – Gift versteckt in einem Feuerzeug. Gott sei Dank hat er es nicht während meines Dienstes getan.« Von Austin gibt es zwei Versionen. »Prützmann desertierte, indem er Gift schluckte, das in einem Feuerzeug verborgen war.« Oder er hatte »eine zweite Phiole im Mund versteckt«.

Mit »Austin, der fließend Deutsch sprach«, verhielt es sich entweder so: »›Ausziehen‹, befahl er Himmler. ›Er weiß nicht, wer ich bin‹, murmelte der Gefangene in seine Decke. ›Oh, yes I do! You’re Himmler. But still that’s your bed. Get undres­sed!‹« Oder es war so: »›Das ist Ihr Bett. Ziehen Sie sich aus!‹, be­fahl er auf deutsch. Himmler schien ihn nicht zu verstehen. Er fixierte Austin und wandte sich dann an den Dolmetscher. ›Er weiß nicht, wer ich bin‹, sagte er. ›Doch. Ich weiß es‹, entgeg­nete Austin. ›Sie sind Himmler. Ziehen Sie sich trotzdem aus. Das ist Ihr Bett.‹«

Himmlers Ende (Zeichnung: urian)

Vorbeugend wollte Austin die Eingelieferten bei der Ankunft niederschlagen. Einen »sandbag« hatte er schon, sagte er; aber Colonel Murphy sei dagegen gewesen. Der beriet sich mit Dr. Wells. Keine Droge konnte verhindern, dass Himmler das Gift schluckte, falls er es bereits im Mund hätte.

Hauptmann Dr. Wells gab zu Protokoll: »Nach einer ge­nauen Besichtigung des Leibes und der Gliedmaßen begann ich mit der Untersuchung des Mundes und der Zähne.« – »›Stehen Sie auf und kommen näher ans Licht‹, sagte er [der Arzt] und wies auf das Fenster.«

Dr. Wells: »Als ich eine Wange zur Seite zog, bemerkte ich gleich einen kleinen Gegenstand mit einem blauen Kopf, der zwischen seiner Wange und dem Unterkiefer lag. Ich versuchte sofort, diesen Gegenstand mit den Fingern aus seinem Mund zu entfernen, konnte den Gefangenen jedoch nicht daran hin­dern, ihn zwischen die Zähne und nehmen und zu zerdrü­cken.«

»Aber der Deutsche war zu schnell. Er warf seinen Kopf auf eine Seite und biss dabei kräftig auf die Finger des Arztes.« Dr. Wells schrie: »Mein Gott! Es ist in seinem Mund – er hat es getan!« »Der Schweinehund hat gewonnen!«, fluchte jemand. »Brauche ein Herzmittel!«, rief Dr. Wells. Nachher notierte er: »Ein starker Geruch von Zyankali verbreitete sich.«

Major Whittaker schrieb in sein Tagebuch: »Sofort stellten wir den alten Bastard auf den Kopf und taten seinen Mund in die Wasserschüssel, die da stand, um das Gift auszuwaschen. Schreckliches Seufzen und Stöhnen kam von dem Schwein.«

»Nadel und Faden«, befahl Colonel Murphy. Die Zunge wurde fixiert, um das Schlucken zu behindern. »Der Arzt presste immer noch die Kehle des Gefangenen zusammen, aber die Todeskrämpfe begannen bereits.«

Major Whittaker: »[…] it was a losing battle and this evil thing breathed its last at 2314.« Major Rice: »Ich blickte zufällig zur Uhr, als Himmlers Tod eintrat. Die Uhr zeigte 23.00.« (dt. Übers. d. russ. Fassung; engl. Original: »It was then 2304 hrs.«)

»Nach einer Viertelstunde […] warf Austin eine Decke über ihn und wandte sich ab.« – »Als sich sein Verhör dem Abschluss näherte«, heißt es in den Memoiren des britischen Premierministers Winston Chur­chill, »zerbiss er eine Ampulle mit Zyankali, die er offenbar stundenlang in seinem Mund versteckt gehalten hatte. Er starb beinahe sofort, kurz nach elf Uhr abends am Mittwoch, dem 23. Mai.«

Der Leichnam wurde fotografiert und gefilmt, Offiziere der USA und der UdSSR besichtigten ihn. Britische Gemeine be­gafften den erlegten Drachen und hoben die Decke: »the only German secret weapon not used«.

Als erste hatten zwei deutsche Kriminalbeamte die Decke gelüftet. Einer entsann sich: »Der Mann, um den es hier ging, lag im Erkerzimmer des Hauses Uelzener Straße 31a am Fenster zusammengekrümmt auf dem Fußboden. Er war vollständig nackt. Ich sah Schaum vor dem Mund. […] Man befahl uns, Abdrücke zu nehmen. Wir taten das mit einer Fingerabdruckplatte aus Messing und einem Abdruckbogen für das Gesicht.«

Britische Offiziere besuchten eine Nachbarin von 31a. Sie bemerkte eine Schallplatte. Man sagte ihr, darauf sei das Ge­tümmel im Erkerzimmer zu hören und »terrible groans and grunts«. Titel der Aufnahme: »I saw Himmler die.«

Himmlers Ende (Zeichnung: urian)

● Anmerkungen ● 

Aus der Überfülle der Undurchsichtigkeiten, die Verschwörern dienen und von ihnen erzeugt werden, sei eine herausgegriffen, von der die zeichnerische Umsetzung der Szene betroffen ist. Mordverschwörer heben heraus, dass unter den Zeugen des Abgangs der spätere israelische Staatspräsident Major Vivian (Chaim) Herzog gewesen sein soll. Kolportiert wurde (von Lord Weidenfeld in Die Welt 7.7.05), er »erzählte oft über den Fall Himmler und wich nie von der offiziellen Version ab. Bei Herzogs Staatsbesuch in Bonn erzählte er in kleinem Kreise von seinen Erlebnissen am Kriegsende und die Episode von Himmlers Gefangennahme und Tod.« Bereits 1985 zitierte R. Klöfkorn in der Bremervörder Zeitung Herzog mit seiner falschen Version der Verhaftung, wonach Himmler durch das Vorweisen seiner Papiere bei einer Kontrolle in Gefangenschaft geriet, und wies darauf hin, dass Herzog nicht zu den unmittelbar an der Causa beteiligten Offizieren gehörte.

Wie unzählige andere britische und alliierte Soldaten, die einen Grund weniger hatten, sich daran zu entsinnen und es bei Staatsempfängen zu erwähnen, könnte Herzog das Erkerzimmer betreten und die Leiche gesehen haben. Doch nicht etwelcher Beobachtungen wegen wird er von den Verschwörern ins Visier genommen. Dass ihre Theorie auf Deutsch nur angedeutet werden darf, ist ihnen Recht; der Zwang zur Selbstzensur erzeugt einen Teil des Nebels, den sie um die Tatsachen legen. Insofern nicht ausdrücklich die »jüdische Weltverschwörung« für den Mord an Himmler verantwortlich gemacht werden kann, muss von den Theoretikern nicht näher erklärt werden, wie die Zusammenarbeit mit Churchill vonstatten gegangen sein soll, der einen Mordbefehl erteilt haben soll.

Noch ein Zeuge, »Major Geoffrey Keating, Fotograf im Zivilberuf und späterer Sprecher einer großen Ölgesellschaft, war damals zur Stelle.« Wann genau? Für Fotos und Filme von der Leiche gibt es mehrere Urheber, aber sie trafen offenbar nicht vor dem Morgen des 24. Mai ein. Auf den Filmsequenzen ist die Straße am helllichten Tag nicht zu verkennen. »I then took the photo […] using the normal room lighting with some additional light from the nearby window«, beschrieb Norman Redford (irish-guards.co.uk), wie er zu unbestimmter Uhrzeit seine Aufnahmen machte.

Für die Vorstellung vom Sterbezimmer maßgeblich ist eine Presse-Zeichnung, auf der sieben Briten einen Gefangenen umstehen, der nicht Himmler sein soll, und den Eindruck erzeugt, es hätten doppelt so viele Platz. W. G. Ramsey, der scheinbar der einzige war, der den Raum betreten hat, bevor er über ihn schrieb, konfrontiert sein Foto des Erkers mit einer historischen Aufnahme. Die Täuschung der Zeichnung geht darauf nur für den hervor, der der um sie weiß. Dass der Erker kleiner ist als auf der Zeichnung, geht auch aus Filmeinstellungen hervor. Eine der Zeichnung vergleichbare Perspektive wäre im wirklichen Zimmer nur mit einer Fischaugenoptik zu erzielen.

Nachdem ich 1999 an der Tür geklingelt hatte, wurde mir ein Blick gestattet. Auf das Foto, das ich nicht machen durfte, kam es nicht an. Es würde nur zeigen, dass nichts an die Bilder von 1945 erinnert. Aber ein Blick genügte, um zu erkennen, dass acht Männer nicht so locker verteilt standen oder saßen wie auf der Zeichnung; jede weitere Person hätte ein Gedrängel erzeugt, das dem Arzt keine Ellenbogenfreiheit gelassen hätte. Spätestens als Austin Nadel und Faden beschaffte oder beschaffen ließ, musste die Tür geöffnet werden und könnte offen gelassen worden sein.

Als »in the room« anwesend wurden förmlich festgestellt: Murphy, Whittaker, Wells, Austin; »in the hall of the house« befanden sich Rice und Randall (Witte/Tyas, 219). Seinem eigenen Bericht nach war Rice Zeuge der gesamten Untersuchung – also offenbar durch die offene Tür vom Flur aus. Waren nur die »im Raum« Anwesenden Zeugen des Todes, bräuchten die in der »hall« Stehenden gar nicht erwähnt werden.

Außer den tatsächlichen Stolperstellen sind Schilderungen, die Unklarheiten erzeugen, eine Quelle für Mordverschwörer. Wie diese über Dr. Wells: »›Stehen Sie auf und kommen näher ans Licht‹, sagte er und wies auf das Fenster.« (Padfield, 611) (»›Come over to the light‹, he told Himmler«, bei S. Panton auf fpp.co.uk) Verschwörer schließen daraus, dass der Tod demnach keineswegs eine Stunde vor Mitternacht eingetreten sein könne, wenn es keinen Sinn machte, am Fenster mehr Licht zu suchen. Ich kenne keine Quelle für den Dialog; der Arzt selbst schrieb in seinem Bericht nichts davon. Dennoch können Aussage und Geste korrekt beobachtet und wiedergegeben und kein Argument gegen die Sterbestunde sein: im Erker mit den Fenstern hingen die Lampen.

Prützmanns Ende ist ähnlich geheimnisumwittert wie das Himmlers. Seine Verhaftung wird von D. Bradley (Hg.), Die Generale der Waffen-SS und der Polizei, Bd. 4, Düsseldorf 2008, 84 ff., anhand der Spekulation des Holocaust-Leugners J. Bellinger auf den 20.5. datiert – fünf Tage, nachdem Whittaker Prützmann in Lüneburg begegnete. Zum Tod wird ein Lieblingsgehilfe Himmlers zitiert, Jürgen Stroop, der im Mai 1943 das Warschauer Ghetto liquidierte: »Er starb als Held auf vorderstem Posten.«

Prützmann soll am 1.6. in einem Lager in Belgien gestorben sein – unter Berufung auf einen 1946 ergangenen, nicht näher bezeichneten »Beschluss« des Amtsgerichts Winsen/Luhe (entnommen einer Privatsammlung, die inzwischen meistbietend veräußert wurde). Für amtliche Feststellungen zu Prützmanns Ableben war das AG Winsen nicht zuständig. Freilich berufen Verschwörer sich gern auf Urteile in Zivilprozessen um Rentenansprüche, in denen ungeprüft Feststellungen zu historischen Tatsachen übernommen werden, die von SS-Veteranen und ihren Angehörigen vorgebracht wurden. J. Slawig erfuhr 2013/14 von Standesamt und Archiv in Lüneburg sowie der Kriegsgräberfürsorge, dass sie Prützmanns Tod nicht registriert hätten.

Literatur

▪ Chavkin, B./A. M. Kalganov (Hg.): Die letzten Tage von Heinrich Himmler, Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 4/2000
▪ Churchill, W. S.: Der Zweite Weltkrieg, Bern-München-Wien 1985, 1072
▪ Fraenkel, H./R. Manvell: Himmler. Kleinbürger und Massenmörder, Berlin-Frankfurt/M.-Wien 1965
▪ Frischauer, W.: Himmler. The Evil Genius of The Third Reich, London 1953
▪Herbert, J.: Blutwaffe, Roman [1978], München 1990
▪ Padfield, P.: Himmler. Reichsführer-SS, London 1990
▪ Pless, H. C.: Dieser Tote ist Heinrich Himmler, Lüneburger Landeszeitung 3./4.10.64
▪ Pless, H. C.: Lüneburg 45, 4. Aufl. Lüneburg 1982
▪Ramsey, W. G.: Himmler’s Suicide, After the Battle 14/1976
▪Ramsey, W. G.: The Gravediggers return to Lüneburg, After the Battle 17/1977
▪Ruprecht, U.: Tod im Erkerzimmer, Stader Jahrbuch 2001/2002
▪Witte, P./S. Tyas: Himmler’s Diary 1945, o. O. 2014

Siehe mehr über Himmlers Flucht und Tod auf diesem Blog:

 ● → Himmlers Ende (1) ● → Himmlers Ende (2) ● → Himmlers Ende (3) ● → Himmlers Ende (4)

Himmlers Höllenfahrt

und in bewegten Bildern auf YouTube

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