Legenden um Heinrich Himmlers Flucht und Ende

Das Rätsel der letzten Tage

In einer Stader Kirche, wurde einst einem Kind erzählt, befände sich ein Stein aus der Brücke, auf der der schwarze Mann verhaftet wurde. Auf einer Brücke in Bremervörde soll er gefasst worden sein, der Erfinder und Organisator des industriellen Völkermordes; der Reichsführer-SS und Innenminister von Nazi-Deutschland; der Chef der Polizei und Herr der Vernichtungslager; der „Fernsteuerungs-Killer“, der per Unterschrift mordete; die blinde Bestie der Bürokratie in Buchhaltergestalt; der „Bluthund Europas“, der sich nicht bewusst war, „dass zu jeder Stunde des Tages sein Name von den sterbenden Menschen eines ganzen Kontinents verflucht wurde“; der Inbegriff des Bösen.

Heinrich Himmlers letzte Tage sind bis heute rätselhaft. Die gesicherten Fakten sind spärlich, wahrscheinlich vorhandene Akten in britischen Archiven noch bis 2045 gesperrt. Überhaupt ist das Ende eines der schrecklichsten Massenmörder der Geschichte kaum je eingehend beschrieben worden; die relevante Literatur lässt sich an einer Hand abzählen.

Geht es um die Biografien der Täter, setzt das kollektive Gedächtnis aus. Tonnen von Literatur über den Holocaust – aber nur ein kleiner Haufen von Seiten über den maßgeblichen Vollstrecker. Nicht nur gibt es keine aktuelle Biografie von Himmler, sondern sowieso nur drei umfassende Lebensbeschreibungen: von 1953, 1963 und 1990, alle im Original englisch, und nur eine wurde vor 37 Jahren ins Deutsche übersetzt. Der Funktionsträger, der Name taucht selbstverständlich allenthalben auf, und kürzlich wurde sein Dienstkalender 1941/42 herausgegeben als Dokument zur Durchführung der „Endlösung“, aber der Mensch bleibt ein „schreckliches Rätsel“.

Unterdessen wird Himmlers Mythos im Internet gepflegt, als Hohepriester des Herrenmenschentums, als Verkünder der arischen Überlegenheit. „Himmler was a good guy“, ruft da jemand aus, der sich „Weissmacht“ nennt, „and he was loved by the whole white world“. Mythen kümmern sich nicht um Fakten. Aber im Fall Himmlers besteht nicht einmal die hypothetische Möglichkeit, den Verklärungen die volle Wahrheit entgegen zu setzen. Zumal die Geschichte von Himmlers Flucht und Ende spricht jeder Idealisierung Hohn. Nur ist sie bislang nie ausführlich untersucht und dargestellt worden.

Um so heftiger wuchern die Legenden. In Dithmarschen und auf der Bremervörder Geest, in Flensburg und Lüneburg, wo immer Himmler sich zwischen dem 10. und dem 23. Mai 1945 aufgehalten haben soll, gibt es jemanden, der dazu eine Anekdote erzählen kann. Unbeeindruckt vom Fehlen historischer Forschung, ungestört von Daten und Fakten hat sich eine Art Volksüberlieferung gebildet, die auch nur selten bis in die Publikationen der Regionalhistoriker vordringt. Eine „oral history“ über eine historische Episode, die alle Bestandteile einer großen Legende enthält.

Himmler, Inkarnation des absolut Bösen, streift unerkannt durch Feld und Flur; keiner weiß genau, wo; viele glauben ihn gesehen zu haben. Hat er gar einen Schatz vergraben, irgendwo zwischen Flensburg und Lüneburg? Schließlich siegt doch das Gute, und Himmler wird von der britischen Besatzungsmacht gefangen genommen.

Der Stein in der Stader Kirche ist ein Beispiel für die Legendenbildung, ein anderes stammt aus dem Dorf Esgrus bei Gelting an der Ostsee, westlich von Flensburg. Am 3. Mai 1945 klopft Heinrich Himmler ans Schlafzimmerfenster von Johannes F. und will ins Haus. „Himmler stand vor unserem Hause auf dem Rasen und begrüßte mich mit den Worten: ‚Sie sollen mich aufnehmen…‘ Am anderen Morgen verschwand er wieder, so heimlich, wie er gekommen war.“

Das Vorhandensein solcher lokalen mündlichen Überlieferung allein lässt es notwendig erscheinen, ihr die schriftlich gesicherten Fakten gegenüberzustellen. Wurde Himmler wirklich in Bremervörde verhaftet?

Schellenbergs Machenschaften

Die letzten Wochen des 44-jährigen Reichsführers-SS waren gekennzeichnet von hektischen Versuchen des Wolfs, sich einen weißen Fuß zu machen. Nervös klopfte Himmler mit den Fingernägeln gegen die Zähne. Oder lutschte an einer Zigarre. Auch er war nur ein Mensch. Und kein besonders auffälliger. In den Porträts, die von ihm gezeichnet wurden, kehrt die Verwunderung wieder, dass der Mann, dem der Ruf eines Monsters anhing, sich als eine blasse und etwas linkische, aber leutselige und überhaupt nicht furchteinflößende Person erwies. Wie ein Schullehrer, der Vergleich fiel den meisten ein; sein Vater war Gymnasiallehrer. Himmler kam aus gutem Hause. „Schützt Humanismus denn vor gar nichts?“, fragte sich Alfred Andersch im Nachwort seiner Erzählung „Der Vater eines Mörders“, worin er eine Schulstunde mit Himmlers Vater schildert.

„Er war unheimlich durch den Grad von konzentrierter Subalternität, durch etwas engstirnig Gewissenhaftes, unmenschlich Methodisches mit einem Element von Automatentum“, notierte der Hohe Kommissar des Völkerbundes in Danzig, Carl Jacob Burckhardt, über den zweitmächtigsten Mann des Dritten Reichs. Wie ein Automat: Wie ein Befehlsempfänger, nicht wie ein Befehlshaber. Gesteuert von Stereotypen. Gleichgültig gegenüber allen Ablenkungen der Wirklichkeit lief das einmal eingespeiste Programm ab. Immer im Dienst. Sich entspannen, sich zurücklehnen, Gemütlichkeit ist eine tödliche Gefahr. Wenn die Anspannung nachlässt, quillt das Unterdrückte herauf und droht, das unter Krämpfen gepresste Bild des Deutschen Mannes zu durchweichen.

Himmler war ein Workaholic, sein Leben war Arbeit, die Arbeit der Verwaltung des Strafens und Züchtigens, des Tötens. Der Mensch trat nicht hinter seinen dienstlichen Funktionen zurück, er ging in ihnen auf. Organisieren, kontrollieren, befehlen waren Verrichtungen, die ihn ausfüllten und befriedigten. Könnte man bei einem Automaten von Leidenschaft sprechen, dann galt sie der Verwaltung.

In seinen letzten Wochen, als der sich beschleunigende Zusammenbruch nichts mehr zu verwalten übrigließ, wurde Himmler vollends zum Getriebenen, Gehetzten, schließlich zum Fliehenden. Er war ein lenkbarer Charakter – zuerst und vor allem von Hitler, zwischenzeitlich von Heydrich, bis schließlich Walter Schellenberg, Leiter des SS-Auslandsnachrichtendienstes, die Rolle des Souffleurs übernahm.

Der 34-jährige Schellenberg hielt sich für einen Meisterspion und war bemüht, Himmler in bester Agentenmanier „umzudrehen“. Ein geläuterter Reichsführer, so schien er zu glauben, würde als seine Visitenkarte bei den Alliierten dienen können. Immerhin, Himmler hörte ihm zu und ließ ihn nicht erschießen für seine Umsturzpläne. Doch obschon Himmler sich an den Gedanken gewöhnte, die Alliierten würden nicht an ihm und der SS als „Ordnungsfaktor“ in Europa vorbeikommen, zauderte er.

Bereits Ende 1943 hatten die Versuche begonnen, Himmler vom Weg abzubringen. Schellenberg hatte in Stockholm Gespräche mit einem Vertreter Roosevelts geführt. Bevor es jedoch zum direkten Kontakt mit dem Reichsführer kam, hatte dieser auf sein Koppelschloss gepocht, „Meine Ehre heißt Treue“, und war zurückgewichen. Die Beziehung nach Stockholm hatte Felix Kersten gebahnt. Der 1898 geborene finnische Staatsbürger hatte in Berlin eine Massage-Praxis betrieben, als Himmler auf ihn aufmerksam wurde und ihn 1939 zu seinem Leibarzt machte. Allein seine „magischen Hände“ vermochten die lebenslangen Magenkrämpfe des Reichsführers zu lindern. Der tägliche Termin des Masseurs war ein Heiligtum im Dienstkalender; musste er ausfallen, war es eine Katastrophe. Kersten, der in ständiger Verbindung mit der schwedischen Regierung stand, nutzte seine einzigartige Vertrauensstellung als „Beichtvater“, um von Himmler die Freilassung von KZ-Insassen zu erreichen. „Kersten rettet mit seiner Massage Menschenleben, mit jedem Griff eins“, soll Himmler gesagt haben.

Felix Kersten (Zeichnung: urian)
Kersten und Himmler

Kersten und Schellenberg brachten Himmler dazu, in Treffen mit Graf Folke Bernadotte einzuwilligen, dem Vizepräsidenten des schwedischen Roten Kreuzes, der die Freilassung mehrerer tausend dänischer und norwegischer Gefangener zu erreichen versuchte. Schellenberg wollte Bernadotte außerdem als Vermittler bei den Alliierten gewinnen. Bevor diese jedoch mit Himmler reden würden, soviel war dem Geheimdienstchef klar, müssten die Gasöfen abgeschaltet und die „Todesmärsche“, die Evakuierungen der Konzentrationslager vor der anrückenden Front, gestoppt werden. Ob Schellenberg wirklich glaubte, dass Himmler als Verhandlungspartner für die Alliierten in Frage kam oder mit der Aussicht darauf seinen Chef nur zu Zugeständnissen bewegen wollte, ist unklar. Um Himmler vom nahen Ende zu überzeugen, scheute Schellenberg vor keinem Trick zurück. So führte er ihm einen Astrologen zu, den Hamburger Theodor Wulff, der die passenden Horoskope lieferte.

Die Zeit wurde knapp, und ein Termin jagte den nächsten. Himmler und seine Entourage waren ständig unterwegs. Am 20. April 1945 in Berlin zu dessen 56. Geburtstag versicherte der hinter seinem Rücken als „Anhimmler“ Verspottete Hitler seiner Treue, um am nächsten Morgen auf Kerstens Gut Hartzwalde nördlich der Hauptstadt mit einem Abgesandten des Jüdischen Weltkongresses zusammen zu kommen. Eine der abscheulichsten Szenen der Weltgeschichte: Himmler begrüßte freundlich einen Vertreter derer, die er millionenfach hatte ermorden lassen. Und schwadronierte eine Dreiviertelstunde lang darüber, dass er die Juden ja hätte auswandern lassen, aber niemand sie haben nehmen wollen. Die Konzentrationslager seien in Wahrheit Schulungsstätten, wo die Arbeit hart aber die Behandlung gerecht sei. Alles andere sei Gräuelpropaganda. Und wenn dort Leute gestorben seien, dann zur Seuchenabwehr. Jedenfalls, Himmler entschied, dass die Todesmärsche aufhören sollten.

Schon ging es weiter, nach Hohenlychen in der Uckermark, wo Bernadotte bereits wartete. Wiederholt hatte sich Himmler in Krankheit geflohen und in die von seinem Bekannten aus der Jugendzeit Prof. Dr. Karl Gebhardt geleitete SS-Klinik am Zenssee. Rote Kreuze auf den Dächern sicherten vor Bombenangriffen. Aus dem nahegelegenen Frauen-KZ Ravensbrück bezogen die Ärzte von Hohenlychen das „Material“ für Menschenversuche. „Nehmen Sie alle Juden, die Sie wollen!“ beschied der übermüdete, rastlos hin und her laufende Himmler den schwedischen Grafen. Mit Bernadottes weißen Bussen wurden schließlich mehr als 20.000 KZ-Häftlinge gerettet.

Während die SS auf seinen Befehl hin „Defätisten“ jagte und „fliegende Standgerichte“ desertierte Soldaten oder Bürger, die eine weiße Fahne aus dem Fenster hängten, erschossen oder aufknüpften, hatte der Reichsführer den Kampf längst aufgegeben und überlegte, wie er sich bei einer Begegnung mit General Eisenhower verhalten solle. Sollte er ihm die Hand geben?

Wieder weiter: Himmler und Schellenberg fuhren nach Wustrow, wo sich Himmlers noch etwa 600 Mann zählendes Gefolge befand, und gerieten in einen Tieffliegerangriff – vermutlich die erste unmittelbare Berührung des Reichsführers mit dem Krieg, den er bis dahin, auch als vorübergehender und kläglich gescheiterter Befehlshaber der Heeresgruppe Weichsel, nur aus der Etappe wahrgenommen hatte. Dann wieder zurück nach Hohenlychen. Inzwischen war der Sonderzug „Heinrich“, Himmlers rollendes Hauptquartier, nach Berchtesgaden geschickt worden. Dorthin, wo später unter einer Scheune sein „Privatschatz“ gefunden wurde: Devisen aus aller Welt, darunter auch 7500 palästinensische Pfund. In Berlin wurde es unterdessen eng. Von seinen Unterführern gedrängt schickte Himmler den größeren Teil seines Gefolges zur Verteidigung in die Reichshauptstadt. Ihm blieben immer noch rund 150 Mann.

In der Nacht vom 23. auf den 24. April traf er sich erneut mit Bernadotte. Kaum war Himmler in der schwedischen Gesandtschaft in Lübeck eingetroffen, gab es Fliegeralarm. Unerkannt saß Himmler eine Weile im Luftschutzkeller „und versuchte sichtlich, die Stimmung im Volke zu erkunden“, wie Bernadotte notierte – oder vielmehr Schellenberg, der als Ghostwriter des Buchs des Grafen über seine Verhandlungen gilt.

„Ich gebe zu, dass Deutschland besiegt ist“, erklärte Himmler, als der Alarm vorbei war und er bei Kerzenlicht dem Grafen gegenüber saß. Bernadotte zerstörte seine Hoffnungen, die Alliierten würden mit ihm über einen Separatfrieden verhandeln, um dann gemeinsam gegen den Bolschewismus zu kämpfen. Was werde er tun, wenn sein Angebot abgelehnt würde, fragte Bernadotte. „In diesem Fall übernehme ich das Kommando eines Bataillons an der Ostfront und falle im Kampf“, verkündete Himmler. Er war völlig durch den Wind. Er bestand darauf, selbst zu chauffieren und steuerte sein Auto schon nach wenigen Metern zielsicher in einen Stacheldrahtzaun.

Die letzte Entourage

Wohin jetzt? Himmler suchte Anschluss an den von Hitler zum Befehlshaber Nord ernannten Großadmiral Karl Dönitz und folgte ihm als ungebetener Gast, nachdem dieser sein Hauptquartier von Schwerin nach Plön und schließlich in die Nähe von Flensburg verlegte. Während Dönitz in Großsolt residierte, hatte sich Himmlers Anhang in dem Dorf Hüholz bei Kappeln an der Schlei niedergelassen. Später wechselte Dönitz in die Marineschule in Mürwik. Himmler immer hinterher. Allmorgendlich antichambrierte er beim Großadmiral. Dönitz wagte es nicht, ihn wegzuschicken. Noch hatte Himmler einen Haufen bewaffneter SS-Leute um sich und war eine unkalkulierbare Größe im untergehenden Reich. Wie alle anderen hielt Dönitz Himmler für Hitlers natürlichen Nachfolger.

Inzwischen waren die Verhandlungen mit Bernadotte in der ausländischen Presse bekannt geworden. Am 28. April erfuhr Hitler davon, verfluchte den „treuen Heinrich“ und befahl seine Liquidierung. Von Dönitz zur Rede gestellt, leugnete Himmler: „Das ist eine Falschmeldung!“ Unterdessen ließ Hitler Hermann Fegelein als vermeintlichen Mitwisser von Himmlers Verrat erschießen. Der SS-Verbindungsmann beim Führer hatte sich klammheimlich aus dem Bunker entfernt. Fegelein war mit Eva Brauns Schwester verheiratet; am Abend wäre er Hitlers Schwager geworden.

Zwei Tage später war auch Hitler tot. Als Himmler erfuhr, dass Dönitz zum Nachfolger ernannt wurde, bot er sich als „zweiter Mann“ an. Dönitz antwortete ausweichend; noch fürchtete er die SS. Bei den Sitzungen des neuen Kabinetts erschien Himmler selbst oder einer seiner Adjutanten uneingeladen. Der Mächtige geriet zusehends ins Abseits. Lutz Graf Schwerin von Krosigk, ehemals Finanzminister, der noch am 19. April mit Himmler gemeinsame Sache machen wollte und nun bei Dönitz den Posten des Außenministers bekleidete, riet Himmler, den britischen Feldmarschall Montgomery aufzusuchen und die Verantwortung für seine Taten zu übernehmen. Himmler erwiderte, er werde eine Weile untertauchen, bis die Westalliierten mit den Sowjets in Streit geraten wären; dann werde man ihn wieder brauchen. „Das darf nicht geschehen“, empörte sich Schwerin von Krosigk, „dass der ehemalige Reichsführer-SS mit falschem Namen und falschem Bart aufgegriffen wird!“

Schellenberg und Kersten waren längst fort, sie konnten ihm nicht mehr raten. Nach und nach trafen andere SS-Größen in Flensburg ein, darunter der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höss und SS-Hauptamtsleiter Otto Ohlendorf. Vergeblich erwarteten sie von Himmler Führung. Bei einem letzten großen Kriegsrat am 5. Mai riet Himmler seinen entsetzten Untergebenen: „Taucht unter in der Wehrmacht!“

Am nächsten Tag raffte Dönitz sich auf und entließ Himmler offiziell. Beider Leibwachen waren aufmarschiert, Dönitz hatte angeblich einen geladenen Revolver griffbereit. Aber Himmler zog sich stillschweigend zurück. Seine Leute erhielten von Dönitz Marine-Papiere und -Uniformen und zerstreuten sich. Zurück blieb das engste Gefolge:

Der 35-jährige Sekretär Dr. Rudolf „Rudi“ Brandt, Himmlers treuester Diener, der elf Jahre lang sein „wandelndes Notizbuch“ gewesen war. Der gesamte Schriftverkehr des Reichsführers ging durch seine Hände und mancher Befehl, den er seinem Herrn abnahm, trug nur seine Unterschrift und kostete ihn an seinem 39. Geburtstag 1948 in Landsberg den Kopf. Schellenbergs und Kerstens Konspirationen waren ihm nicht entgangen, und er hatte sie geduldet, wenn nicht unterstützt.

Werner Grothmann, 29 Jahre, war seit August 1941 militärischer Adjutant der Waffen-SS im „Persönlichen Stab Reichsführer-SS“. Er hat eine überlegene und zuweilen etwas selbstgefällige Haltung, wurde bei einer psychologischen Prüfung 1935 über ihn festgestellt, he was a swaggering, unpenitent (…) 100% Nazi, vermerkten seine britischen Vernehmer zehn Jahre später. Grothmann entsprach dem Typus, den Hollywood gern als SS-Bestie auftreten lässt: Groß, blond, blauäugig, schneidig und eiskalt.

Heinz Macher, 25 Jahre, Chef der Leibwache, ein „Kampfschwein“, der sich mit 17 Jahren bei der SS beworben hatte, nahm am Polenfeldzug, am Westfeldzug, am Balkanfeldzug, am Ostfeldzug teil; er war dabei, wo man nur dabei sein konnte, und wurde viermal verwundet. Weil er einen unerfahrenen Untergebenen bei einer Übung mit scharfer Munition hatte hantieren lassen, wodurch dieser und ein anderer umkamen, wurde er 1943 zu fünf Monaten verurteilt, die zur Frontbewährung ausgesetzt wurden. Einen Monat später zeichnete er sich in durch kriegerische Eigeninitiative aus, und der Schandfleck in seiner Akte wurde getilgt.

Josef „Sepp“ Kiermaier, 47 Jahre, gelernter Sattler, war Kriminalkommissar und Himmlers persönlicher „Wachhund“ und Gesellschafter, der einzige Bayer in der engsten Entourage, eine „ehrliche treue Soldatenseele, die sich für Himmler totschlagen lassen würde“.

Hin und wieder, heißt es, sei Himmler allein aus Flensburg verschwunden, niemand wisse, wohin. Kann sein, er traf sich mit seiner Geliebten und ehemaligen Sekretärin, Hedwig „Häschen“ Potthast, und ihren beiden unehelichen Kindern. Gerüchte in Raubgräber-Kreisen besagen, ein Motorradbeiwagen mit Papieren sei irgendwo in Schleswig-Holstein vergraben worden. Einiges spricht dafür, dass der Sammler und Verwaltungsfreak Himmler bis zum Schluss Dokumente bei sich hatte. Das letzte überlieferte Blatt seines Dienstkalenders stammt vom 18. März. Danach nichts mehr.

Die Daten der Flucht sind sämtlich unsicher, auch wenn kaum einer, der darüber geschrieben hat, dies einräumt. Die verlässlichste Quelle ist bisher das Protokoll eines Verhörs Werner Grothmanns durch den britischen Geheimdienst am 13. Juni 1945. Demnach befanden sich noch fünf Mann in Himmlers Begleitung: Außer Grothmann selbst Brandt, Macher, Kiermaier und ein Oberstabsarzt Dr. Müller. Vom 6. oder 7. bis zum 11. Mai hatten sie ihr Lager in einem Bauernhof bei Satrup aufgeschlagen. Zunächst Himmler selbst, dann Grothmann und Brandt fuhren täglich zu Dönitz, um Neues zu erfahren.

Am 8. Mai, dem Tag der Kapitulation, soll Himmler sich den Schnauzbart abrasiert haben. Ein wahrhaft symbolischer Akt. Doch ob es wirklich genau an diesem Tag war, ist zweifelhaft, denn es soll sich auch in Flensburg ereignet haben, wo Himmler sich Grothmann zufolge gar nicht mehr aufhielt.

Am 11. Mai flüchteten Himmler und Entourage Richtung Süden. Grothmann swears that Himmler had no particular hiding place in view, notierte der britische Geheimdienst. Im Harz, soll Himmler geglaubt haben, könne er sich verbergen, bis Ruhe eingekehrt sein würde.

Sie trugen eine Mischung aus Zivilkleidung und Uniformteilen und hatten Papiere der Geheimen Feldpolizei dabei, der Kiermaier angehörte. Himmler reiste als „Feldwebel Heinrich Hitzinger“. Er trug eine schwarze Klappe über dem linken Auge.

Freitag, 11. Mai, zwischen 22 und 23 Uhr: Beim Haus des Stromwärters von Delve, einem 700-Seelen-Dorf an der Eider südöstlich von Friedrichstadt, legt ein Schiff an. An die Tür des Stromwärters klopft ein Mann in blauem Overall. Sie hätten eine Feier an Bord, erklärt er, und nur ein Kuchen fehle ihnen noch; Lebensmittel und Briketts seien da, sogar Rum für das Aroma, bloß kein Ofen.

Derweil die Frau des Stromwärters mit den luxuriösen Zutaten den Kuchen backt, plaudert der Fremde mit dem Hausherrn. Als der Blaumann des Gastes verrutscht, blitzt kurz der schwarze Kragenspiegel mit den Sigrunen auf.

Noch ein Gast findet sich ein, „ein großer Hagerer mit Nickelbrille, im Wehrmachtsmantel ohne Rangabzeichen“, den der Blaumann mit „Reichsführer“ anspricht. Leutselig nimmt der Neuankömmling mit der Nickelbrille Platz und schwatzt beim Rum mit dem Stromwärter: „Prost, ich war als junger Mann Polizeipräsident von München.“ Er verrät, dass sie mit ihrem Schiff auf dem Weg nach Argentinien seien.

Dann röhrt draußen ein Motorrad. Und bald darauf ist der Spuk vorbei, das Schiff fährt fort in die Nacht. Zurück bleibt achtern Diek am Haus des Stromwärters eine 500-er BMW.

Rund um Hamburg kontrollierten die Briten alle Übergänge der Elbe. Die Gruppe versuchte es im äußersten Westen und trieb sich bis zum 15. Mai im Raum Friedrichskoog herum. Am 15. oder 16. Mai überredeten sie in Brunsbüttel einen Fischer, sie in seinem kleinen Boot überzusetzen. Ihre beiden Autos mussten sie zurücklassen. Dass Himmlers Fluchtgruppe aus insgesamt 14 Männern bestanden haben soll, wie auch behauptet wird, erscheint spätestens an diesem Punkt unwahrscheinlich: Dann hätten sie schon ein größeres Boot gebraucht.

Angeblich soll auch Karl Gebhardt mit Himmler geflohen sein. Gebhardt hatte sich noch am 23. April von Hitler persönlich zum Präsidenten des Deutschen Roten Kreuzes ernennen lassen und wird seinen Jugendfreund „Heini“ eher gemieden haben. In der einzigen Buchpublikation, die sich ausführlich mit ihm beschäftigt, heißt es denn auch, er sei bereits an der Elbe festgenommen worden, bevor Himmler zur Flucht aufbrach. Grothmann nennt Gebhardt nicht.

Von Neuhaus an der Oste ging es zu Fuß weiter nach Süden. Nun zerfransen die Versionen völlig.

Scheune, Brücke, Leselupe

Vom 18. bis zum 22. Mai soll Himmlers Gruppe in der Scheune eines Bauern am Rand von Bremervörde auf eine Gelegenheit zur Überquerung des Oste-Flusses gewartet haben. Die Scheune gibt es noch, und der Sohn des Bauern bestätigt die Geschichte. Welche Geschichte? Dass in der Scheune Männer übernachteten, vermutlich abgehalfterte Soldaten, und dass es Himmler samt Gefolge gewesen sein soll. Förmlich vorgestellt hatten die sich nicht.

Kiermaier und der Englisch sprechende Gebhardt seien schließlich zum Posten der Brücke gegangen, um die Lage zu erkunden. Weil die Geheime Feldpolizei, als Untergliederung der Gestapo, grundsätzlich auf den Fahndungslisten stand, hätten die dabei vorgewiesenen Papiere den Posten sofort alarmiert, aber er habe sich nichts anmerken lassen, und der Rest der in dieser Version noch zwölfköpfigen Gruppe sei ahnungslos nachgekommen und verhaftet worden. Nur Himmler, Grothmann und Macher waren nicht dabei. Die habe man einen Tag später, immer noch in Bremervörde, aufgegriffen und nach einer Nacht in der Sägemühle an der Oste ins Lager Westertimke transportiert. In einer anderen Version wurde Kiermaier allein ins Bremervörder Rathaus geschickt, um Passierscheine zu beschaffen. Als er nicht wiederkehrte, hätten die anderen sich aus dem Staub gemacht.

Bremervörde, 21. Mai. Rauch stieg in der Ferne auf. Das Kriegsgefangenenlager bei Sandbostel brannte. Mit Feuer bekämpften die Briten die in den Baracken ausgebrochenen Epidemien. Während des Krieges waren nach und nach eine Million Gefangener aus 46 Nationen in Sandbostel interniert, darunter der marxistische Philosoph Louis Althusser und die Schriftsteller Leo Malet und Giovanni Guareschi. Nach der Befreiung verglichen britische Soldaten die Zustände im Lager mit denen in Bergen-Belsen, und im ersten Moment überlegten sie, zur Vergeltung mehrere Dörfer im Umkreis des Lagers zu zerstören.

Am späten Abend desselben Tages wird der Bürgermeister in seinem Amtszimmer von zwei Besuchern erwartet, die sich als Major und Oberarzt vorstellten. Sie gehören, sagen sie, zu einer Polizeiabteilung von 13 Mann, die Befehl hätten, sich auf dem Landratsamt zu melden, um Quartier und Verpflegung zu erhalten. Der Bürgermeister stellt eine Anweisung über 20 Brote aus. Die Kohorte steht auf der Straße vor der Mühle. Ihm sei ein Mann mit Augenklappe aufgefallen, behauptet der Bürgermeister später.

Noch in derselben Stunde werden der Major und der Oberarzt beim Landrat vorstellig und bitten um einen Passierschein für die Brücke über die Oste. Dazu sei er nicht befugt, erwidert der Landrat, das sei allein Sache der Briten. Er könne ihnen bestenfalls ein Papier mitgeben, wonach sie sich bei ihm gemeldet hätten. Aber das helfe ihnen kaum, setzt er hinzu.

Die Posten an der Brücke, bei denen die Flüchtlinge es ausprobieren, zucken nur die Achseln über das Schreiben in Deutsch, das sie nicht lesen können. Zurück zum Landrat, der Major, der Arzt und diesmal der Mann mit der Augenklappe dabei. Der Landrat wiederholt unwillig, dass er ihnen keinen Passierschein ausstellen könne und keinen anderen Weg wisse, als sich beim britischen Kommandanten zu melden.

Angeblich wurde Himmler in der Sägemühle eine Leselupe abgenommen, „now held by the local museum“. Im Heimatmuseum jedoch wird die Authentizität der Devotionalie bezweifelt. Und, natürlich, gibt eine zweite Version zur Leselupe, Carl May erzählt sie. Bei seiner Festnahme soll Himmler ein Handköfferchen getragen haben. „Ich habe es selbst bei den Tommys zu sehen bekommen“, notierte May in seinem „Tagebuch“. „Unter anderem war Himmlers SS-Mütze dabei. Zum persönlichen Andenken an meine KZ-Zeit und diesen Unmenschen erhielt ich seine Leselupe – ein einfaches Vergrößerungsglas. Ich ließ mit den Empfang bescheinigen. Sonst kam nichts von dem Kofferinhalt in Privathand eines anderen“.

Grothmann zufolge hielt sich die Gruppe außerhalb von Meinstedt auf, einem Dorf bei Zeven. Brandt, Kiermaier und Dr. Müller seien nach Bremervörde geschickt worden, um Passierscheine zu besorgen. Als sie nicht zurückkehrten, seien die verbliebenen drei nach Meinstedt hineingegangen und dort verhaftet worden. War es aber wirklich Meinstedt, das immerhin fast 20 Kilometer von Bremervörde entfernt ist, oder nicht vielmehr Minstedt, das erheblich näher liegt und außerdem eine Oste-Brücke hat? Mit den deutschen Ortsnamen hatten die Briten durchaus Probleme. So soll Himmlers Gefolge auch in einem Lager in „Seelos-bei-Bremervörde“ untergebracht worden sein; nur gibt es keine Ortschaft dieses Namens.

Wenn der Ort der Verhaftung, was nach überwiegender Quellenlage festzustehen scheint, Meinstedt ist, wird äußerst fragwürdig, ob Himmler sich je in oder um Bremervörde aufgehalten hat, es sei denn nach der Festnahme, in der Sägemühle. Ein möglicher Grund, warum die britischen Quellen über die Verhaftung variieren: Himmler wurde nicht von den eigenen Leuten gefasst, die fieberhaft nach ihm fahndeten, sondern von drei sowjetischen Soldaten, die dem Kontrollposten in Meinstedt beigeordnet waren.

Zum Zeitpunkt der Verhaftung war nicht klar, wen man da in Gewahrsam hatte. Himmler, Grothmann und Macher wurden zwischen dem 21. und dem 23. Mai in mindestens zwei Lager transportiert. Im zweiten Lager, in dem er am Morgen des 23. Mai eintraf, im Civil Interrogation Camp 031 zwischen Barnstedt und Kolkhagen bei Neukolkhagen, forderte Himmler, zum Kommandanten vorgelassen zu werden. Captain Thomas Selvester: „The first man to enter my office was small, ill-looking and shabbily dressed, but he was immediately followed by two other men, both of whom were tall and soldierly-looking, one slim, and one well-built. The well-built man walked with a limp [Macher]. I sensed something unusual“. Der kleine Mann nahm seine Augenklappe ab, setzte eine Brille auf und sagte mit leiser Stimme: „Heinrich Himmler.“

In der Zeit, die er den inzwischen meistgesuchtesten Nazi-Verbrecher im Gewahrsam hatte und auf das Eintreffen des Geheimdienstes aus dem Hauptquartier in Lüneburg wartete, konnte Captain Selvester nicht widerstehen und legte Himmler Fotos vom befreiten Konzentrationslager Buchenwald vor. „Was kann ich für die Exzesse meiner Untergebenen?“, soll Himmler kommentiert haben.

Am Abend des 23. Mai, erzählte er später, wurde Company Sergeant-Major Edwin Austin aus dem Kino in Lüneburg geholt, um einen wichtigen Gefangenen zu bewachen. Acht Tage vorher hatte Austin bereits Hans-Adolf Prützmann verloren, SS-Obergruppenführer, General der Waffen-SS und Chef des „Werwolfs“. Er hatte, während Austin ihn bewachte, eine von den Zyankali-Kapseln benutzt, die auch Hitler von der SS erhalten hatte. Dass Austin trotzdem als Bewacher wieder in Frage kam, lag angeblich daran, dass er fließend deutsch sprach.

Eineinhalb Stunden, nachdem Himmler im Vernehmungsraum in der Uelzener Straße 31a eingetroffen war, war er tot. Heute beherbergt das Haus am Rand des Kurparks diverse soziale Dienste; im Erkerzimmer, Himmlers Sterberaum, trifft sich die Seniorengruppe von „LAB“, „Länger aktiv bleiben“.

In der ersten Himmler-Biografie wurden Gerüchte angedeutet, dass Kompanie-Hauptfeldwebel Austin Himmler einen Kinnhaken versetzt habe, wodurch dessen in einem Backenzahn verborgene Giftkapsel zersplittert sei. Die offizielle Version ist um einiges gruseliger. Man hatte bei Himmler bereits eine Messinghülle samt Glaszylinder und eine leere Hülle entdeckt und konnte also davon ausgehen, dass er noch eine Phiole am Körper verborgen hatte. Im gut bürgerlich eingerichteten Erkerzimmer standen Colonel Michael Murphy vom Geheimdienst, Kompaniechef Major Norman Whittaker und Austin daneben, als Captain Dr. C. J. Wells Himmler untersuchte und besonders auf die Körperöffnungen achtete. Den Anus hatte er inspiziert, jetzt war der Mund dran. Der Arzt griff gerade hinein, als Himmler den Kopf wegdrehte und zubiss, in den Finger des Arztes und auf die Glaskapsel im hohlen Zahn.

Mit verzerrtem Gesicht stürzte Himmler zu Boden. „The bastard’s beat us!“ schrie einer der Männer. Blausäuregeruch verbreitete sich. „We immediately upended the old bastard and got his mouth into the bowl of water which was there to wash the poison out“, notierte Major Whittaker in einem Tagebuch. „There were terrible groans und grunts coming from the swine.“ Mit Nadel und Faden fixierten sie Himmlers Zunge, damit er nicht schlucken konnte. Der Arzt versuchte es mit Wiederbelebung. Vergeblich. Nach einer Viertelstunde gaben sie auf. „… it was a losing battle and this evil thing breathed its last at 2314.“

Die Totengräber

Die Leiche wurde ausgiebig fotografiert, amerikanische und sowjetische Offiziere sowie die Presse besichtigten sie. Britische Gemeine kamen und bestaunten das Ungeheuer. Sie hoben die Decke und machten Witze über „the only German secret weapon not used“. Eine, vielleicht auch zwei Totenmasken wurden abgenommen. Am 25. Mai wurde eine Autopsie durchgeführt und das Zahnschema verglichen, das Gehirn und Teile des Skeletts wurden entfernt. Die Presse lauerte auf das Begräbnis. Später wurde Sergeant-Major Austin vorgeschickt, um darüber zu berichten: Er habe nachts Himmlers Leiche aufgeladen und in einen Wald gefahren. Er allein wisse, wo das Monster begraben liege. Austin arbeitete im Zivilleben bei der Müllabfuhr.

Diese Version ist die bevorzugte, noch die jüngste Himmler-Biografie von 1990 übernimmt sie. Aber natürlich hat der Kompanie-Hauptfeldwebel das Grab nicht selbst gegraben, und natürlich hat sich sein Kompaniechef mit eigenen Augen davon überzeugt, wo es sich befindet – für alle Fälle und falls Churchill und Montgomery doch noch anders entscheiden würden. Immerhin war Himmler der einzige aus der ersten NS-Reihe, dem eine Erdbestattung zuteil wurde. Am frühen Morgen des 26. Mai fuhren vier Mann mit Himmlers Leiche in einen Wald bei Lüneburg: Major Whittaker, CSM Austin und die Sergeants Raymond Weston und William Ottery. Die beiden niederen Dienstränge gruben das Grab in die Wurzeln einer Eiche hinein. 1976, Whittaker und Austin waren tot, kehrten Weston und Ottery mit dem Herausgeber eines britischen Militärmagazins an das Grab zurück. Damals waren Himmlers Überreste noch vorhanden. Bislang ist der Ort unbekannt und nicht zur Kultstätte geworden.

Einmal auch hat sich die deutsche Bürokratie mit Himmlers Ende befasst. Am 21. August 1947 wurde in Lüneburg eine Todesurkunde ausgestellt für Heinrich Luitpold Himmler, geboren am 7. Oktober 1900 in München. Aber die darf nicht eingesehen werden. Anspruch auf Einsicht in Standesamtsunterlagen haben nur Familienangehörige. Freilich kann die Einsicht auch zur historischen Forschung gewährt werden. Aber das will die Stadtverwaltung nicht. Von wegen Datenschutz.

Datenschutz für Himmler? Oder für Gudrun „Püppi“ Burwitz, seine Tochter, die durch ihre Beiträge für das Altnazi-Netzwerk „Stille Hilfe“ bekannt geworden ist? Wurde die Urkunde ausgestellt, um Erbansprüche von Himmlers Familie sicherzustellen? Oder weil Gerüchte umgingen, er lebe noch? Zähes Nachbohren hat schließlich die Mitteilung erbracht, dass als Todesdatum der 24. Mai angegeben wird. Noch ein Rätsel um Himmlers Ende, das der Aufklärung harrt.

Himmler ist tot, sein Geist nicht. „Unter uns leben Tausende von Himmlers“, stellte Erich Fromm in einer Charakterstudie über den Unmenschen fest. Ein Blick in die Tageszeitung scheint ihn zu bestätigen.

aus: Stader Jahrbuch 2001/2002, Hg. Jan Lokers, Stade 2002

→ Literaturverzeichnis

Siehe auch

Himmlers Höllenfahrt
Das Grab im Wald

und den Graphic Essay
HIMMELREICH HIRN
Himmlers Ende (1)
Himmlers Ende (2)
Himmlers Ende (3)
Himmlers Ende (4)