Wozu über Kriminalität berichten? Warum nicht allen das Leben erleichtern und darüber schweigen, so gut es geht?

Das habe ich mich oft gefragt, wenn ich Leser zeitnah mit den Scheußlichkeiten bekannt gemacht habe, die von ihnen weitgehend unbemerkt alltäglich vorfallen.

Kindesmissbrauch zum Beispiel, wovon dieser Tage wieder einmal lauter die Rede ist. Es kam vor, dass ich zwei Mal in der Woche, vor dem Schöffengericht wie beim Landgericht, davon zu hören und in Gestalt der Beteiligten zu sehen bekam.

Und zwei Wochen später noch ein Verhandlungstermin. Ein Verbrechen mit hoher Dunkelziffer. Nicht gerade ein Massendelikt wie Ladendiebstahl, aber vor Gericht sind Hochstapler seltener als Kinderschänder.

Kein Grund, sich um das Kind auf dem Spielplatz Sorgen zu machen – soweit es einen Schwarzen Mann betrifft, der sich anschleichen könnte. Ein Onkel oder Lebensgefährte der Mutter sind als Täter wahrscheinlicher.

Öffentliche Wachsamkeit hilft wenig. Berichte über die Taten lassen allzu viele Leser in Selbstgerechtigkeit schwelgen, rühren aber keinen Täter oder seine Mitwisser und halten sie von nichts ab.

Bis eine Geschichte vor Gericht zu Ende erzählt worden ist, bleibt allerhand an einem Verbrechen Spekulation. Es kann vernünftiger sein, so lange wie möglich nichts zu sagen.

Ich bin nur ein blöder Blogger und verfüge nicht über dieselben Fragerechte wie ein Journalist. Das heißt, ich kann den Pressesprecher der Polizeiinspektion Stade zwar fragen, was er sich bei seiner Meldung vom 11. Oktober 2017 gedacht hat, aber er muss mir nicht antworten. Von den Journalisten, die es dem Hörensagen nach in Stade geben soll, stellt ihm keiner Fragen. (Mehr dazu hier.)

Besagte Meldung besteht aus vier Teilen:

„1. Unbekannte Täter sprengen Fahrkartenautomaten am Bahnhof Hammah […] Der angerichtete Schaden wird auf über 10.000 Euro geschätzt. 2. Harsefelder Polizei sucht Unfallverursacher […] Verkehrsunfall, bei dem bei zwei aneinander vorbeifahrenden Fahrzeugen die Spiegel angeklappt und beschädigt wurden. 3. Motorroller in Nottensdorf entwendet.“

Und dann kommt, fast versteckt, was nach oben und in eine Schlagzeile gehört hätte – aber der Pressesprecher ist, was die Redakteure, die ihr Gehalt durch das Abschreiben seiner Texte bestreiten, gern vergessen, kein Journalist, sondern ein Beamter, der das Alphabet beherrscht:

„4. Ermittler suchen unbekannten Messerstecher in Stade. Am frühen Sonntagmorgen kam es gegen 06:30 h in der Stader Innenstadt am Pferdemarkt zu einer Messerstecherei, bei der ein 38-jähriger Mann aus Hamburg schwer verletzt wurde. Nach Zeugenangaben hatte ein bisher unbekannter Mann unvermittelt im Vorbeigehen einmal mit einem Messer auf das Opfer eingestochen und diesen dabei im Bauchraum getroffen. Passanten und die sofort eingesetzten Beamten leisteten Erste Hilfe und der Hamburger konnte anschließen nach der Erstversorgung durch den Rettungsdienst ins Stader Elbeklinikum eingeliefert werden.“

Warum die Polizei, die einen „angeklappten“ Auto-Spiegel zeitnah vermeldet, drei Tage braucht, um mit einem Zeugenaufruf an die Öffentlichkeit zu gehen, wäre so eine Frage, die sich aufdrängt.

Sonntagmorgen auf dem Pferdemarkt: dann ist dort nur unterwegs, wer von der Samstagnacht übrig geblieben ist. Soweit nicht weiter bemerkenswert, wenn es zu Tätlichkeiten kommt.

Diese aber soll sich derart zugetragen haben, dass der Täter „unvermittelt“ zugestochen habe. Kein Streit unter Betrunkenen, sondern ein Fremder, der „im Vorbeigehen“ einem anderen Passanten „schwer verletzt“. Wie schwer?, nebenbei gefragt.

Ich habe einen ziemlich genauen Überblick der Straftaten der letzten 200 Jahre in Stade, und darunter sind zahllose Messerstechereien. Aber „en passant“ – fällt mir keine ein.

Am Tatort halte ich mich täglich, oft länger, auf; der Pferdemarkt, der zentrale Platz der Stadt, ist mein Wohnzimmer. Nicht als übrig gebliebenen Nachtschwärmer aber sonst schon könnte es mich an einem Sonntagmorgen dorthin verschlagen.

Wenn Tatort und Tatzeit von Bedeutung sind und nicht nur ebenfalls zufällig sind wie das Opfer ausgewählt worden zu sein scheint – muss ich als Passant mit einer willkürlichen Messerattacke rechnen?

Da ich nur ein blöder Blogger bin, muss ich warten, bis die Polizei geruht, mehr zu berichten. Denn Journalisten, die nachfragen, gibt es, wie gesagt, in Stade nicht.

Wie demokratisch könnten die Zustände sein, gäbe es eine vierte Gewalt! In Hinblick auf Kriminalität (und nicht nur) sind die Verhältnisse – wie unter anderem der Fall Burmeister zeigt – feudalistisch.

13. Oktober 2017

Nachtrag: Und schon geht es los: „Immer öfter werden unbeteiligte Passanten Opfer plötzlicher Messerattacken durch Ausländer“, behauptet eine Website namens unzensuriert (ein Wort, das mein Duden als schweizerisches, bzw. österreichisches Synonym für „unzensiert“ kennt) und zieht die Meldung der Stader Polizei als Beleg heran, die den Täter als „klein und schmächtig mit schwarzem vollen Haar und südländischem Aussehen“ beschreibt.

Den Ariern passt es nicht, aber „südländisches Aussehen“ macht noch keinen Ausländer. Für unzensuriert reicht es dagegen für noch weiter gehende Schlüsse:

„Dass ‚Flüchtlinge‘ und sonstige Bereicherer immer öfter mit Messern bewaffnet unterwegs sind, ist eine Tatsache, die zwar erkannt wird, jedoch kaum Gegenstand von Maßnahmen ist, diese für die Allgemeinheit gefährliche Bedrohung zu unterbinden. Ob ‚Traumatisierte‘ sich bei der ‚Schutzsuche‘ mit Messern besonders sicher fühlen wollen, sei dahingestellt. Eher ist wohl anzunehmen, dass solcherart Bewaffnete stets am Sprung sind, blitzartig ihre Potentiale weiter zu entwickeln. Für uns besonders besorgniserregend: Unerwünschte Begegnungen mit derartigen Herrschaften enden vielfach nicht nur mit Pöbeleien oder Schlägen, sondern immer öfter mit Stichverletzungen.“

Hetzer und ihre Gefolgschaft scheren sich nicht um Fakten. Aus dem von Polizei und Presse als „Haupttäter“ im Fall Burmeister deklarierten deutschen Staatsbürger machten sie umstandslos einen „Asylanten“. Und für einen bis dato völlig ungeklärten Fall haben sie alles parat: nicht nur den Täter, sondern auch sein Motiv.

Ihre Quelle ist nicht das, was Polizei und Presse berichten, sondern die Dunkelzone dazwischen. Dass die Journalisten den Polizisten keine Fragen stellen, ist für sie Anzeichen einer Verschwörung zur Zensur.

Ganz falsch liegen sie damit, wie ich bestätige, nicht. Die Vereinbarungen zwischen Polizei und Presse schützen freilich nicht Ausländer oder Flüchtlinge, wie unzensuriert unterstellt, sondern die eigenen Interessen und die ihrer Milieus.

Ob sie es wollen oder nicht, leistet das Zusammenspiel von Behörden und „unabhängigen“ Journalisten den Hetzern Vorschub. Die glauben nicht zu Unrecht, dass die Berichterstattung über Kriminalität manipuliert ist. Freilich ist sie das insgesamt, und nicht nur nach Maßgabe der politischen Korrektheit in Bezug auf Ausländer oder Flüchtlinge, wo die Hetzer nach Indizien suchen.

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