Alltag der „Lügenpresse“

Nur 37 Prozent der Bevölkerung, besagt eine aktuelle Untersuchung, halten die Medien für glaubwürdig. Das ist keineswegs ein Erfolg des „Lügenpresse“-Geschreis der AfD. Die Partei hat lediglich den Akzent gesetzt auf eine Entwicklung, die älter ist als das Auftreten des Internets, sich aber durch dieses und die Sozialen Netzwerke beschleunigt hat.

Die Süddeutsche Zeitung, Der Spiegel, Deutschlandfunk – Medien, die nicht nur das verbreiten, wovon alle anderen berichten, und ihre Mitarbeiter recherchieren lassen, sind an einer Hand zu zählen. Die übrigen sind wie das Blatt, auf das ich angewiesen bin, wenn ich über meine unmittelbare Umgebung mehr wissen will, als man mich wissen lassen will, und das mich dabei im Stich lässt.

Den Kauf der Zeitung kann ich mir nicht leisten, also begnüge ich mich mit den paar Zeilen und dem Foto pro Artikel, das die Online-Ausgabe anbietet. Das reicht, um zu erkennen, dass ich aus der Zeitung nichts Wesentliches erfahre, von dem ich nicht auch auf anderem Wege Kenntnis erhielte.

Beispielhaft die Nachmittags-Ausgabe des Stader Tageblatt vom 12. Februar 2018:

Der erste Artikel scheint mich zu widerlegen, es ist ein Prozessbericht: „Mitglieder der Einbrecher-Bande gestehen Taten“. Dazu muss man vor Ort sein, das liefert keine Pressestelle. Warum die Zeitung, die eine regelmäßige Gerichtsberichterstattung längst eingestellt hat, ausgerechnet diesen Termin wahrnimmt, verweist auf ihre Abhängigkeit. Nachdem ein CDU-Politiker den „Kampf gegen Einbrecher“ auf sein Panier geschrieben hatte, sekundierten Polizei und Presse und häuften Nachrichten zum Thema.

„Rettungsdienst rückt immer öfter aus“: Eine Termin-Geschichte, die Vorstellung einer offiziellen Statistik.

„Hund stirbt nach Unfall: Polizei sucht Unfallfahrer“: wie alle übrigen „Blaulicht“-Meldungen Abschriften der Pressestelle der Polizei.

„Keine Rekonstruktion der wilhelminischen Fassade“: eine Denkmalschutzdebatte im Rathaus des Nachbarstädtchens mit dem ulkigen Namen. Das darüber nichts unabhängig von der Zeitung zu erfahren ist, liegt nicht zuletzt daran, dass die lokalen politischen Parteien daran gewohnt sind, nur über die Zeitung ihre Wähler anzusprechen und sich selbst äußerlich kümmerlich im Netz präsentieren.

Die nächste Nachricht betrifft nicht die Gegend, in der ich lebe, sondern die nächstgelegene Großstadt. Dagegen wäre nichts einzuwenden, die Beziehungen sind vielfältig. Warum mich jedoch gerade diese Mitteilung interessieren soll, erschließt sich mir nicht: „Gefängnis am Holstenglacis frisch saniert“.

„Schüler forschen in Südafrika“: Das ist eine Veranstaltungsankündigung. Es folgt der Bericht von einer Veranstaltung, Theater diesmal, aber wieder mit Schülern.

Weiter geht es mit der AfD, aber nicht die Machenschaften vor Ort, sondern um die bundesweit verbreiteten Zwistigkeiten im Landesvorstand Niedersachsen. Offenbar Agenturmaterial.

Nochmal Polizeimeldungen über einen Großbrand und einen Autounfall. „Haftbefehl gegen mutmaßlichen Messerstecher erlassen“ lese ich und denke, es könnte sich um den Fall handeln, mit dem ich kürzlich das Versagen der Lokalpresse illustriert hatte (siehe hier).

Doch es betrifft einen Vorfall am Hamburger S-Bahnhof Sternschanze, von dem ich bis dahin nichts gehört hatte und nicht weiß, warum er mich mehr angehen sollte als der vor meiner Haustür, über den die Zeitung nichts zu berichten weiß, weil es dabei nicht mit dem Kopieren der Mitteilung einer Pressestelle sein Bewenden hätte.

screenshot Stader Tageblatt 18.2.18

Noch ein Veranstaltungsbericht, über eine „Schlagernacht“ auf dem Dorf, in dem ich geboren bin, das nur 15 Kilometer entfernt liegt, und das mich gleichwohl weniger angeht das Schanzenviertel, wo ich mich zuletzt häufiger aufgehalten habe als in Harsefeld.

Das Porträt des „Wohlerster Dorfchronisten“ ist ein Originalbeitrag der Zeitung, aber keiner, der irgendeine Anstrengung erforderte. Der 81-Jährige war Mitarbeiter des Blatts.

Folgt der Neujahrsempfang der SPD. Nein, nicht im Berichtsgebiet der Zeitung, sondern in Hamburg, und ins Blatt kam er wegen des gerade bundesweit ins Gerede gekommenen Olaf Scholz.

„Wozu dient die Fastenzeit vor Ostern?“ Dabei handelt es sich um jenes Material, mit denen Vereine und Verbände die Medien beliefern. Etliche Lokalzeitungen bestücken Rubriken wie „Gesundheit“ damit. Diesmal ist es die Pressestelle einer Krankenkasse, die hier zu Wort kommt.

Und nochmal Schanzenviertel, als wolle man mich drängen, mich mehr darum zu kümmern, als um das, was vor meiner Haustür abgeht: „Verfahren gegen Rote Flora-Anwalt Beuth eingestellt“.

Ich bin lange in der Stadt, in der die Zeitung erscheint, unterwegs gewesen und habe Geschichten gefunden, die in anderen Zeitungen erschienen. Geschichten, die mir nicht durch Behörden, Parteien oder Verbände angeboten wurden, sondern an die ich durch schlichte Beobachtung und Gespräche gelangte. In der Redaktion des Lokalanzeigers sitzen allerhand Leute – ich habe sie nicht gezählt – und bringen nicht eine solche hervor. Vermutlich weil sie an ihren Schreibtischen hocken und sie nur verlassen, um in ihren Autos zu einem Termin zu fahren.

„Lügenpresse“ ist geschmeichelt. Es setzt immerhin irgendein Engagement voraus, dass der Redaktion des Lokalanzeigers in jeder Hinsicht fehlt. Bürokraten produzieren eine Zeitung, die niemand braucht, der google News aufrufen kann. Da kriege ich via Focus online mancherlei angezeigt, dass ebenfalls aus dem Internet gefischt wurde, und dem Lokalanzeiger entgangen ist.

Die Glaubwürdigkeit der Medien ist ein nachrangiges Problem. Ich bezweifle nicht den Wahrheitsgehalt der Meldungen, sondern ihre Bedeutung. Die geht gegen null Prozent.

Eine halbe Stunde auf dem Pferdemarkt, dem zentralen Platz, und ich weiß, worüber in der Stadt geredet wird und was die Leute umtreibt. Aber die kaufen allesamt keine Zeitung. Kämen gar nicht auf die Idee, dass darin etwas für sie Belangvolles stehen könnte.

Und wenn sie etwas umtreibt und auch etwas dazu in der Zeitung steht – wie seit Monaten zum Neubau eines Einkaufszentrums und den befürchteten Parkplatzproblemen –, stellen sie fest, dass die Artikel nichts erhellen und die Rätsel lediglich zum Geheimnis erklären.

Nachtrag — Wie oben zu lesen gehört Harsefeld zum täglichen Berichtsgebiet des Tageblatt. Dass die „Journalisten“ tatsächlich lediglich Veranstaltungstermine abhaken und Mitteilungen aus dem Rathaus verbreiten, geben sie in der Ausgabe vom 19. Februar selbst zu: „Die TAGEBLATT-Redaktion ist am Donnerstag, 22. Februar, in der Samtgemeinde Harsefeld unterwegs. Bei der Aktion ‚On Tour‘ möchten die Redakteure wissen, was die Menschen im Flecken und ganz speziell in den kleineren Orten und Mitgliedsgemeinden bewegt.“

Die Bürokraten erheben sich von ihren Sesseln und sind unterwegs. Darauf, dass sie einen Tag lang tun, was für echte Journalisten Alltag sein sollte, sind sie sogar so stolz, dass sie es mit einem Foto freudiger Gesichter ankündigen.

Ob sie bei der Gelegenheit viel von dem erfahren, das ihnen sonst gleichgültig ist („was die Menschen […] bewegt“), kann bezweifelt werden. Vor allem anderen handelt es sich um eine Veranstaltung zur Eigenwerbung. Da geht das Sprachrohr der Mächtigen auf die Straße und macht sich ausnahmsweise mit dem Plebs gemein – und möchte, das dieser ihm dafür Abos abkauft. Die Dummen werden eben nicht alle, denken die, welche sich für klug halten.

„Auf die Straße gehen“ kann in Harsefeld nur symbolisch verstanden sein. Passantenverkehr gibt es im Flecken praktisch nicht. „Auf die Straße gehen“ heißt sich in Gefahr begeben. Wenn die Zeitung mithin „on tour“ ist, dann fährt sie entweder selbst mit dem Auto herum oder stellt sich irgendwo hin, wo sie von vorbeirasenden Autofahrern gesehen wird. Angesichts von so viel Bewegung fehlt mir die Vorstellungskraft, wie die „Journalisten“ erfahren sollen, was „die Menschen […] bewegt“.

Neben allem anderen dokumentieren die Blattmacher, welche Distanz zwischen ihnen und ihren Lesern, besagten „Menschen“, besteht. Müssten sie sich sonst egal wann und wohin oder wie begeben, um zu erfahren, was diese umtreibt? Sollte es nicht selbstverstämdlich sein, dass sie es wissen, oder sich immerhin täglich darum bemühen?

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