Die Ästhetik des Verschwindens

Die Geschichte könnte er sich ausgedacht haben. Geschichte im deutschen Doppelsinn; das Englische macht da eine feine Unterscheidung zwischen story und hi(gh)-story, dem Hohelied. Die Geschichte nämlich, dass Hollywood eine Fantasie über seinen Tod verfilmt und mit dem Kino-Helden Gregory Peck besetzt. Old Gringo – „ein Monumentalfilm voller Kraft und Leidenschaft“ (Werbung) – nach dem Roman von Carlos Fuentes rankt sich um das Verschwinden des 71-jährigen Journalisten Ambrose Bierce im Winter 1913/14 in Mexiko.

Tod als Lebenswerk

Die Story von seinem Tod hat er sich ausgedacht, und auch dass eine Legende daraus werden könnte, einkalkuliert. „Als Gringo an eine mexikanische Mauer gestellt zu werden – ah, das wäre ein Gnadentod.“ Diese Stelle aus einem seiner letzten Briefe kursiert in vielerlei Fassungen durch die deutschen Ausgaben seiner Kurzgeschichten und Epigramme; ob es überhaupt ein amerikanisches Original davon gibt? Die Legende zwingt Literatur und Lebenslauf zu einer einzigen Geschichte zusammen. Bierce, zu dessen journalistischem Handwerkszeug die Mythenbildung gehörte, hat mit den kleinen Ungenauigkeiten, die dabei entstehen, gerechnet.

Der eigene Tod war das krönende Schlussstück in seiner Privatsammlung: einer Enzyklopädie der Todesarten in Erzählungen, der moralischen Metzeleien im Devil’s Dictionary und ungenannter realer Leichen, über die er als Soldat und Erfolgsjournalist ging. „Sein Tod war sein größtes Werk“ müsste auf dem Grabstein stehen, über dessen Platz er nur Fiktionen zugelassen hat.

1913 beendete Ambrose Bierce die dreijährige Arbeit an seinen Gesammelten Werken (Auflage: 250 Exemplare). Darin habe er, heißt es, seine besten Geschichten unter Zeitungsartikeln verschüttet. Zu seinem eigentlichen Lebenswerk gehörten neben den Horror-Kurzgeschichten, die ihn nach dem Zweiten Weltkrieg berühmt machten, die kunstlosen Todeswünsche, die er im Kapitalkampf der sich industrialisierenden USA Leuten wie dem Boss der Central Pacific Railways zudachte: „dieser Veteran unter den Ehrabschneidern verdient, an jedem Zweig jedes Baumes in jedem Staat und jeder Gegend zu hängen, in die seine Gleise vorgedrungen sind“, „dieses Schwein des Jahrhunderts“.

Von Washington aus, wo er Pressegeschichte mitgeschrieben hatte, brach Bierce auf, um die Schlachtfelder des Bürgerkriegs, an dem er 1861-65 als Freiwilliger der Südstaaten-Armee teilgenommen hatte, wiederzusehen. Der Bürgerkrieg war die intensivste Zeit seines Lebens; von Glück kann man bei einem Charakter wie ihm nicht sprechen. Via Army war der 18-Jährige aus dem Elternhaus geflohen. Der Krieg als erster Lehrmeister begründet seine lebenslange Besessenheit von Todesbildern. Bierce‘ Leidenschaft erregt sich an der Vielfalt der Formen, in denen der Krieg den Tod zum Vorschein bringt.

Krieger im Literaturkampf

Geboren 1842 in Meigs County/Ohio als zehntes von 13 Kindern calvinistischer Farmer. Typ aggressiv schweigsamer Sonderling, der sich bei jeder Gelegenheit in die Blockhütte mit der Bibliothek des Großvaters oder mit einem Buch in den Wald zurückzieht. Drucker-Lehrling mit 14; schreibt erste Artikel. Im Krieg „zeichnete er sich durch besondere Tapferkeit aus“. Billy the Kid wird zur Ausbildung nach Kentucky geschickt, an eine Art Adelsschule der bis zur Paranoia zur Auseinandersetzung bereiten Neuen Welt. Als Topograf im Offiziersrang immer in vorderster Front.

Militärische Gestik und Moral prägen seine Haltung, der Ehrenkodex eines Söldners, den nicht die Ideologie sondern die männliche Selbstbehauptung im Kampf umtreiben: für die Befreiung der Mexikaner von dem durch Österreich eingesetzten Kaiser Maximilian, gegen die Befreiung von der Sklaverei. Als Journalist streitet Ambrose Bierce auf Seiten der politischen und ökonomischen Monopole gegen das Faustrecht im Westen. Während des Zeitungskriegs zwischen Pulitzer und Hearst, Bandenkämpfen oberster Ordnung, war er in San Francisco vom Army-Stabsoffizier zum General an der Literaturfront befördert worden.

Seine Macht als Kritiker übte er mit Innigkeit aus. Verrisse kamen Todesurteilen gleich; für die Opfer stand der Job auf dem Spiel. Erst 1894 veröffentlichten US-Verlage mehr einheimische als großbritannische Romane. Solange war der Journalismus das einzige Berufsfeld für Schriftsteller. Aus den Grenzgängen der Autoren entstanden Stilgattungen wie die Short Story, im Zweifronten-Einzelkampf mit rückratlosen Redakteuren und verknöcherten Kritikern. Edgar Allan Poe hatte eine Generation vor Bierce aus diesem Zwiespalt eine Taktik gemacht. Mit der Begründung, dass etwas, das vorstellbar sei, auch möglich sein könne, verkaufte er seinen fiktiven Bericht über eine Atlantik-Überquerung im Ballon als Extrablatt; seine Novellen über die Antarktis-Expedition Artur Gordon Pyms und Julius Rodmans Durchquerung der Rocky Mountains bedienten die Rubrik der Magazine für Reiseberichte mit fantastischen Erzählungen, die als authentisch ausgegeben wurden.

Niemandsland

William Randolph Hearst (Citizen Kane), der Verleger des ersten Boulevard-Blatts, das die Vernetzung des Kontinents per Eisenbahn zur Beschleunigung des Nachrichtenflusses einsetzte, kaufte Ambrose Bierce 1896 als Presse-Gouverneur ins wachsende Machtzentrum Washington. Nebenher beschreibt Bierce Schauplätze tödlicher Vorkommnisse und verfolgt ein intimes Projekt, das mit Literaturgeschichte soviel oder sowenig zu tun hat wie die Enzyklopädie der Laster des Marquis de Sade. Die Gesammelten Werke sind nur der Katalog einer jenseitigen Sammlung. Als Topograf des Todes zeichnet er nur die Karte. Den Maßstab für die Abbildungsbeziehung zwischen den Texten und der von ihnen kartografierten Landschaft gibt die Legende von Bierce‘ Verschwinden an.

Zu den Toden, die er gesehen hat, erfindet er sich neue. Tod durch den eigenen Schach-Roboter, den eigenen Schatten; Tod durch Blutsturz beim Anblick einer ausgestopften Schlange; Tod auf dem Friedhof und bei Mondlicht; Tod im Duell und in der Schlacht; Tod durch übersinnliche Einwirkungen; Tod durch Liebe, Tod durch Hass; einer erlebt sich fliehen in der Sekunde, bis ihn der Strick ins Nichts reißt; einer stirbt, als er den Liebhaber seiner Frau rettet; ein anderer wird derart in einem Haus verschüttet, dass er regungslos gegenüber seinem eigenen Gewehrlauf liegen bleibt, mit dem er Suizid verübt.

Höhepunkt der Systematik sind die Tode des Elternmörder-Clubs. Nekrologisch verschachtelte Momentaufnahmen inspirierter Tode. Ästhetisch kalkuliertes Sterben als Liebesspiel. Schwarzer Humor der Art von Quinceys Der Mord als schöne Kunst betrachtet, Sades Statuten der Gesellschaft der Freunde des Verbrechens oder Swifts Bescheidener Vorschlag. Der Tod als Ereignis von Glanz, Farbe, Reichtum und Lust. Bierce‘ Texte illustrieren, was Todestrieb heißen kann.

Ambrose Bierce (Zeichnung: urian)

Angemessene Umgebung

Eines von Bierce‘ brillantesten Bildern ist die unsichtbare Bestie, der gestaltlose Tod, der nur an Veränderungen der Umgebung erkennbar wird; das unbekannte Tier von einer Farbe, die Menschen nur dadurch sehen, „wie sich der Windhafer auf eine höchst unerklärliche Weise bewegt“.

Vom Unbegreiflichen bildet Bierce die objektiven Umrisse ab. Der Eindruck des Todes erzeugt ein Muster, indem er das Netzwerk der entsprechenden Umwelt für kürzer oder länger verzerrt, eine Vertiefung oder Erhebung bildet, Landmarken, deren Längen- und Breitengrade Bierce penibel vermisst. Leidenschaften, Zufälle, Übersinnliches, Räume und Stimmungen, Dinge und Geschehen zeigen das Vorhandensein der leeren Ursache im Zentrum, den Tod, das letzte Mysterium, indem sie die Kontur seiner Wirkungen nachzeichnen.

Fälle mysteriösen Verschwindens behandelt eine Serie von Storys im teilnahmslosen Stil des Polizeireports. Anti-Western en miniature über Leute, die ohne Aufsehen von einem Augenblick zum nächsten nicht mehr da sind, Episoden der Universalgeschichte des Unbegreiflichen. Ein Mann überquert eine Straße und ist fort. Bierce notiert, wer zuletzt was von dem Verschwundenen gesehen hat, alle sichtbaren Spuren werden pedantisch registriert. Aber das Verschwinden bleibt namenlos, der Tod entwischt dem Tatsachenraster. Keine Leiche, nicht die Spur einer Idee, was geschehen sein könnte, kein UFO, kein Zeichen.

Die Gruselgeschichte selbst vollendet sich im Mord. Suitable Surroundings (1891) porträtiert den Autor als Attentäter. Das Kapitel Die Nacht zeigt eine typische Bierce-Szene: der Knabe im dunklen Westwald. „‚Hier irgendwo steht das alte Breede-Haus‘, sagte er zu sich.“ Heute Nacht ist dort wirklich etwas los. Ein Mann sitzt im Fenster, liest und erschrickt, als der Knabe, überzeugt ein Gespenst zu sehen, nähertritt. „Der Mann fuhr hoch; dabei warf er den Tisch um und löschte die Kerze aus. Der Junge machte sich aus dem Staub.“

Am Vortag hat James R. Colston, der kleine Horrorgeschichten im Messenger veröffentlicht, seinen Leser in der Straßenbahn erwischt und auf die drei Pflichten bei der Lektüre einer Gruselstory vergattert: „In der Einsamkeit – nachts – bei Kerzenlicht.“ – „So kam es, dass der Farmerjunge, als er durch ein unverglastes Fenster vom Breede-Haus lugte, einen Mann bei Kerzenschein sitzen sah.“

Der Folgetag führt den Jungen mit einer Abordnung von Bürgern zum Waldhaus. Bei der Leiche findet sich Das Manuskript. Darin kündigt der Autor seinem Leser an, sich das Leben zu nehmen und ihm nach Mitternacht als Geist zu erscheinen, um ihn derart umzubringen. Der Leser des Manuskripts verbrennt das Blatt, aber das ist eine andere Geschichte. Abschließend eine Notiz aus der Times: der Autor ist, von einer alten Schuld überrannt, wahnsinnig geworden.

Die letzte Schlacht

Als 70-Jähriger hatte Ambrose Bierce keine private Katastrophe ausgelassen: geschieden, ein Sohn mit 16 im Duell erschossen, der zweite an Alkoholismus zu Grunde gegangen, die Tochter auch geschieden. Als er, von schwerem Asthma geschüttelt, seinen Tod in Mexiko suchen geht, schreibt er in einem Brief, er wolle dahin, „wo etwas los ist oder wo überhaupt nichts los ist“. In einer „Welt der Narren und Schurken, blind vor Aberglaube, gequält von Neid, verzehrt von Eitelkeit, selbstsüchtig, falsch, grausam, geplagt von Illusionen – schäumend vor Wahnsinn“, ist ein schöner Tod sein letztes Wort. Untertauchen im letzten Bild. Genug Spuren, um die Symbolik zu markieren; zu wenig, um das Kryptogramm zu entschlüsseln: das präzise Zusammenspiel der äußeren Umstände, unter denen Bierce die äußerste Grenze überschritten hat.

An den Rändern der Kulturgeschichte findet sich eine Handvoll inszenierter Tode: der Dadaist Arthur Cravan, der 1917 im Golf von Mexiko mit einem Ruderboot verschwand; der Kanadier Charles John Fare, der sich sechs Mal von seinem Amputationscomputer zerlegen und beim siebten Mal 1968 vor geladenen Gästen enthaupten ließ; der Wiener Aktionist Rudolf Schwarzkogler, der sich 1969 aus dem Fenster vor eine Dampfwalze warf.

Bierce‘ letzte Geste macht mit seinen Geschichten leibhaftig ernst und Geschichte. Vom Autor zum Helden. Ein Rückweg. Vom Bürgerkriegshelden zum einflussreichen Autor, den Weg hatte er hinter sich. Wäre in Mexiko nicht ein Bürgerkrieg ausgebrochen, er hätte ihn anzetteln müssen. Showdown mit dem Tod, nicht um den Preis des ewigen Lebens, aber der Legende. Sein Abgang ist auch sein größter journalistischer Coup. Zwar so erbärmlich wie jeder andere erregt ein rätselhafter Tod die Neugier der Nachwelt nachhaltig. Ein Menschenalter bis zum Hollywood-Mythos.

Dass der Tod nichts, bloß Verschwinden sei, glaubt auch Parker Adderson, Philosoph, ein Stoiker: „solange ich noch Bewusstsein habe, lebe ich, und wenn ich tot bin, habe ich kein Bewusstsein mehr. Die Natur scheint dies ganz in meinem Interesse geregelt zu haben“, sagt er zunächst, um nach einem absurden Fluchtversuch, der zwei Leben kostet, vor dem Exekutionskommando zu winseln. Zwölf Bände Gesammelte Werke sind eine relative Ewigkeit. „Ein Gringo in Mexiko sein – o was für ein gnädiger Tod.“ Von den Schlachtfeldern des Sezessionskrieges, seiner Erinnerungslandschaft aus verschaffte Bierce sich die Papiere, um mit Korrespondentenstatus nach Mexiko zu gehen. Möglicherweise hat er auf Seiten der Revolutionäre an der Schlacht bei Ojinaga am 11. Januar 1914 teilgenommen.

© Uwe Ruprecht

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Das erste Buch, das ich als Buch wahrnahm, tief in den 1960ern
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