Ansichtsvorlagen für Großeltern

Es ist soweit: die 1980er Jahre stehen auf dem TV-Programm für Rentner. Ich verfüge über keinen Fernseher, aber ich registriere das Angebot der Sendeanstalten, um eine Ahnung davon zu behalten, was die Mehrheit meiner Mitbürger für maßgeblich hält, beziehungsweise dafür halten soll.

Im Text zu einer Dokumentation in der Mediathek des ZDF heißt es: „Aber eine neue Generation ist am Werk, die auch eine völlig neue Protestkultur hervorbringt. Während die 68er noch als geschlossene Truppe aufmarschierten, mit charismatischen Anführern wie Rudi Dutschke, ist die Jugend der 80er – also die Babyboomer – bereits in viele Subkulturen gesplittet: Punker, Hausbesetzer, Ökos, Autonome, Gangs.“

Freilich muss ein solcher Text zuspitzen, aber hier wurde offenbar die Wirklichkeit einer steilen These geopfert: die 68er als geschlossene Formation, auf die eine Zersplitterung folgt. Die 68er waren Studentenproteste, Hippies und die RAF – von der behaupteten Einheitlichkeit keine Spur. Dass Proteste in den 1980ern so bedeutend waren wie diese Programmankündigung suggeriert, ist eine weitere Legende.

Die Subkulturen waren genau das, was ihr Name sagt: untergeordnet. Dass sie beim ZDF-Rückblick so hervorgehoben werden, verzerrt die Verhältnisse dar. Die große Mehrheit der Bevölkerung, inklusive der Jugend, war so konformistisch wie die Generation ihrer Eltern und wie ihre Kinder sein würden.

Natürlich geht es dem öffentlich-rechtlichen Sender nicht um Geschichte und die Aufklärung darüber, sondern um Unterhaltung. Inzwischen über 50-Jährige dürfen in Erinnerungen schwelgen, und dafür braucht es Bilder. Punks kommen da einfach besser als Durchschnittsgestalten. So pittoresk sie erscheinen, so exotisch waren sie.

Ich war in den 1980ern in meinen Zwanzigern und lebte in einer Großstadt. Dass ich Punks nicht nur aus Fernsehen und Zeitungen kannte, lag vor allem daran, dass ich als Reporter arbeitete und mehr herum kam als meine Leser. Die Zeitungen schrieben viel über Hausbesetzer, aber de facto handelte es sich um eine Handvoll.

In der Stadt, in der ich lebte, verursachte eine Hausbesetzung mehrere politische Krisen und ungezählte Polizeieinsätze. Um das Gebäude und die Leute, die sich darin aufhielten, bildete sich eine gewaltige politische Blase. Sie ist es, womit ein ZDF-Dokumentarist zu tun bekommt, der sich die 1980er vornimmt. Dazu gibt es reichlich Archivmaterial.

Ich wohnte eine Weile zwei Straßen entfernt von dem besetzten Haus und mancher Bewohner war in meiner WG zu Gast. Trotz dieser Berührung dieser Subkultur (oder vielmehr deswegen) würde mir nicht einfallen, sie als typisch für die 1980er darzustellen. Wenn schon der Vergleich mit den 68ern bemüht wird: den Unterschied zu den 1980ern macht, dass Jugendkulturen immer weniger Aufsehen erregen, immer weniger mit Protest zu tun haben und umstandsloser in den Common sens integriert werden.

Die „Ökos“ der ZDF-Aufzählung illustrieren das. Die Rebellen von einst haben ein neues Spießertum gebildet. Aus Überzeugungen, die gegen Widerstände zu behaupten waren, sind fraglose Vorschriften geworden, an die mensch sich zu halten hat, auch ohne sie zu begreifen. Der einst revolutionäre Umweltschutzgedanke ist zu einem gesellschaftlichen Dogma geworden, dessen groteske Versteinerung die nächste Jugendsubkultur vermutlich zum Dagegenhämmern animiert.

Ökos wussten bereits in den 1980ern von der Klimakatastrophe zu erzählen und wie dringend Gegenmaßnahmen gegen alle Arten Naturzerstörung wären. Vier Jahrzehnte später ist die Welt noch nicht untergegangen. Und ganz so ernst war es auch nie. Ökos fuhren während der ganzen Zeit so selbstverständlich wie alle anderen allein in ihren vier- und mehrsitzigen Autos.

Ein Viertel der vermeintlich schädlichen Gase, die das Klima verändern, entstammen dem Autoverkehr. Im Auto-Land Deutschland wagen nicht einmal die Grünen, daran auch nur entfernt zu rühren. „Mehr öffentlicher Nahverkehr“ – das wird heute wie in den 1980ern gefordert, als sei die Zeit stehen geblieben. Hätte ich dem Glauben je angehangen, wäre ich spätestens dann davon abgefallen, als ich einmal eine Aufgabe beim BUND für Umwelt und Naturschutz versah – und die SUVs der Damen und Herren vom Vorstand neben meinem Fahrrad parken sah.

Die Jugendsubkultur liefert ansehnliche Archivbilder, kann aber kein Hauptaspekt beim Rückblick auf die 1980er oder irgendeiner anderen Zeitspanne sein. Anlässlich dieser Großeltern-Sendung wird der Vorstand der Sparkasse in der Kleinstadt, der nie einer Jugendsubkultur anhing, von den Enkeln nach den Punks und Ökos gefragt, die er immer herzlich verachtet hat. Wenn aber das Fernsehen sagt, dass die zu seiner Geschichte gehören, wird er etwas erfinden müssen, um die Enkel zufrieden zu stellen, denen er schwerlich seine komplette Ignoranz gestehen kann.

Ehrlicherweise müsste er sagen, dass er in einer Welt gelebt hat, in der Punks gar nicht oder nur als Fernsehbild auftauchten, und Ökos erst ein bis zwei Jahrzehnte später an seinem Horizont auftauchten, als er sich beruflich mit denen und die sich dafür ausgaben, abgeben musste.

Enkellos und ohne Bedarf an Sentimentalitäten habe ich den ZDF-Beitrag nicht aufgerufen.

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