Anlässlich einer beliebigen Assoziation: Warum das Zerstören von Bienenkisten kein Verbrechen ist

In einem Naturschutzgebiet bei Handeloh wurden in einer Mainacht von Freitag auf Samstag sechs Bienenkisten zerstört. Eine Zeitung veröffentlicht bereits den zweiten Artikel dazu, als wäre an diesem alltäglichen Vandalismus irgendetwas besonders bemerkenswert. (→ Kreiszeitung Wochenblatt) Das Publikum hat seine Liebe zu Bienen entdeckt; es ist, als wäre Maja getötet worden.

Weil es nichts weiter zu erzählen gibt, denunziert die Zeitung herum: »Es besteht ein schlimmer Verdacht«, lässt sie niemand Bestimmten wissen. »Bei den Tätern könnte es sich um Abiturienten handeln, die an besagtem Abend im Büsenbachtal das Ende ihrer Schulzeit feierten. ›Das wäre paradox. Am Morgen fand die Fridays-for-Future-Demonstration für mehr Klima- und Umweltschutz mit vielen Schülern statt, und nachts wird das genaue Gegenteil von Umweltschutz getan‹, erklärt die engagierte Imkerin.«

Alles hängt mit allem zusammen, ein Schmetterlingsflügel verursacht einen Orkan, und wenn in China ein Sack Reis umfällt, bebt in Portugal die Erde. Nach gründlicher Untersuchung kann es manchmal gelingen, die Kette der Kausalitäten ein Stück weit zu verfolgen. Nach gründlicher Untersuchung.

Umgekippte Bienenkisten mit dem Klimawandel und politischen Protesten in einen Topf zu werfen, umzurühren und als Text der Leserschaft vor die Füße zu kippen – solches Vorgehen ist zwar von der Pressefreiheit geschützt, es handelt sich aber nicht um das, wofür Ludwig Weidig 1834 unter der Folter starb, während Georg Büchner ins Exil geflohen war. Als im nächsten Jahrhundert das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verfasst und im Paragraf 5 die Meinungsfreiheit verankert wurde, war soeben eine Epoche vergangen, in der nicht Denunziation und sorglose Unterhaltung verboten waren, sondern die Mitteilung von Wahrheiten.

Ein Glied der Kette, die an den umgekippten Sack Reis in Gestalt umgestürzter Bienenkisten anschließt, finde ich zufällig, als ich die facebook-Site des Kreisverbandes Stade der Alternative für Deutschland aufschlage. Der Artikel der Kreiszeitung wird verlinkt, und in der Kommentarspalte äußert sich Andre K. aus Wolgast: »Die sollten auch zerstört werden [,] die das gemacht haben«. Zwei Likes hat er dafür schon erhalten.

Herr K. bewundert Erwin Rommel, und sein Profil zeigt ein Eisernes Kreuz als »Deutsches Herz«. Unverkennbar ein Neonazi. Wenn er »zerstören« schreibt, meint er es auch so.

Er kann eine Querfront bilden mit manchen Tierschützern, die Tierquälern wenn nicht die Todesstrafe wünschen, sie immerhin für lange Zeit ins Gefängnis schicken möchten. Menschen, denen die Gefühle einer Kuh mehr zu Herzen gehen als die ihrer Artgenossen. Die Tiere als Mitgeschöpfe annehmen, aber jene, die ihre Weltanschauung nicht teilen, mit drastischen Mitteln aus der menschlichen Gemeinschaft ausschließen möchten.

Ich bin versucht, den Vandalen von Handeloh als Verteidiger beizuspringen gegen Neonazis und Naturfantatiker. Was jene einmal aus einer Laune heraus getan haben, betreiben diese täglich mit System und unerhört gutem Gewissen.

Die Wortmeldung von Andre K. ist inzwischen gelöscht. Andere, die in die gleiche Richtung zielen, sind dazu gekommen. Die Vandalen werden zu Mindermenschen erklärt. Die Empathie der Kommentatoren gilt ganz den Insekten.

Sind sie voreingenommen durch die »Berichterstattung« der Zeitung, die besoffene Abiturienten als Täter anbietet? Oder fehlt in ihrem Hirn, das sie jenen ganz absprechen, die Schaltung, sich in eine Situation zu versetzen, in der jemand aus Verzweiflung auf etwas einschlägt? Einen Gegenstand zunächst, die Kiste, nicht die Bienen selbst.

Als Nicht-Autofahrer habe ich ohne buddhistische Mühe mehr Insekten nicht getötet, als ich es ohnehin vermieden habe, wenn ich etwa das Zimmer mit ihnen teilte. Ich hatte Umgang mit Kakerlaken (→ Leben und Sterben auf St. Pauli) oder Spinnen, die sich um ihre Nahrung sorgten, was mich vor Fliegen schützte. Ich habe mit Mäusen gelebt (→ Wenn es Winter wird im Gemäuer), mit Katzen und Hunden sowieso; mit Schafen, Ziegen, Hühnern, Schweinen etc. bin ich aufgewachsen. Ich mache in der Fauna Unterschiede, die ich bei Menschen nicht mache. Und ich mache einen Unterschied zwischen Tieren und Menschen. Es nicht zu tun, wäre Wahnsinn. Ich verstehe Insekten nicht, und sie mich nicht, schrieb ich in einem → Beitrag zur Insektenkunde.

Wie viele Insekten haben die Kommentatoren der Konstellation Kreiszeitung/AfD im Laufe ihres Lebens vernichtet, ohne es auch nur bemerkt zu haben? Wie viele haben sie ebenso willkürlich getötet wie der oder die Vandalen von Handeloh? Wie viele werden es noch werden? Es wurden wohl nicht gerade Bienen ihre Opfer, aber wo wir schon dabei sind, alle Unterschiede zu verwischen: ist die Biene wertvoller als Mücke oder Fliege? Und wenn es so ist, wie verhält sich diese natürliche Hierarchie zum gobalen demokratischen Anspruch? Und hätte sich der Mensch den Regeln der Natur zu unterwerfen, wie kommt er dann dazu, diese Regeln in seiner Gesellschaft missachten zu wollen?

Wie viele Tiere werden für den Verzehr der Kommentatoren geschlachtet, wenn ich realitischerweise davon ausgehe, dass nicht alle Veganer sind? Das ist ein Merkmal des Hasses, gleich welches Gesicht er annimmt, dass er so komplett unvernünftig ist und sich in Luft auflöst, sobald er sich begründen soll. Womit nurmehr ein Mittel bleibt, die Gewalt, um die eigene Position zu behaupten. So ähnlich könnten sich der oder die Vandalen gefühlt haben, als sie eines Nachts auf die Bienenkisten stießen.

Wenn mit der Tat genau diese Bienen gemeint gewesen wären? Die dort stellvertretend eifrig umsorgt werden, während dem Schicksal ihrer Art in den Medien unzählige Zeilen gewidmet werden. Die für menschlicher angesehen werden als manche Nebenmenschen. Von denen der Täter einer gewesen sein könnte. Er ging immerhin nicht auf Bienenliebhaber los, sondern die Objekte ihres Begehrens. Mit Wut auf eine Liebhaberei, die mit zeitgeistlichen Weihen versehen wird. Mit Verzweiflung über grotesk verschobene Maßstäbe. Wahrscheinlich bin ich nicht Insekt genug, weil ich die Vandalen leichter als die Bienen verstehe.

Jemand mit derart niederen Beweggründen hätte sich durch die Zeitung gerechtfertigt fühlen können. Indem sie sich nicht nur einmal über seine Tat empört, lässt sie wenigstens eine Gelegenheit aus, von menschlichem Elend zu berichten. In was für Zeiten leben wir, um Brecht zu variieren, in denen ein Gespräch über die Zukunft der Insekten bedeutender erscheint, als sich mit gegenwärtigen menschlichen Katastrophen zu beschäftigen? In denen die Fürze von Models mehr Aufmerksamkeit erhalten als ganze Bevölkerungsgruppen, über die Politik und Medien nie ein Wort verlieren, oder wenn in Verzerrung und Verstellung, während ein Tierschutz-Skandal sie wochenlang in Aufregung versetzt.

Abfall der Zivilisation am Rande einer viel befahrenen Straße, auf der gewiss auch engagierte Naturschützer rasen, ohne ihren Blutzoll je zu bemerken, gefunden bei einem kurzen Spaziergang.

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