Wespenphobien und sonstige achtgliedrige Verirrungen

Zunächst habe ich es für Einbildung gehalten. Wie das Geschwätz über die Hitze und den Klimawandel, der die Leute im Winter einen Scheißdreck interessiert hat, obwohl ihre Autos und Heizungen kräftiger für seine Verwirklichung gearbeitet haben.

Etwas taucht auf, das gestern noch nicht da war, und schon ist es ein Riesenproblem und erzeugt Panik. Wie Flüchtlinge oder Geflüchtete oder wie sie gerade heißen sollen.

Jetzt also die Wespen, stöhnte ich. Ein Vorzug meines täglich steigenden Alters ist die Erfahrung: habe ich alles schon schlimmer erlebt. Dieses Jahr hatte ich keinen Obstkuchen in einem Garten gegessen und lange keine Wespe gesehen.

Schließlich war es aber doch so weit, und ich lernte sie näher kennen. Ich gestehe, ich habe mich geirrt. Etwas ist anders mit den Wespen – wie auch mit den Fliegen, die meine Behausung mit mir teilen. Sie sind aufdringlicher und hartnäckiger denn je. Und dabei träger.

Ich bin kein Buddhist, töte aber trotzdem kein Insekt ohne Not. Wenn ich ehedem nach Stunden die Geduld mit einer Stubenfliege verlor und zum Mord entschlossen war, musste ich dem Vieh lange auflauern und brauchte mehrere Versuche, es zu erlegen.

Dieses Jahr sind sie penetranter und mein Geduldsfaden kürzer. So kurz wie die Jagd. Neu ist außerdem, dass sie beim Verscheuchen so ungeschickt ausweichen, dass sie mir gegen die Hand fliegen. Oder dass sie, wenn ich sie vom Rand einer Tasse fort wedele, in die Tasse fliehen und gegen deren Wände stoßen.

Am Vormittag des 14. August starb auf diese Art eine Wespe. Ich wollte sie nur verjagen, traf sie aber so (un)glücklich, dass sie einen Meter fort schleuderte und liegen blieb. Sie zappelte noch, war aber sichtlich schwer angeschlagen. Ich beendete ihr Dasein. (Dass diese Untat am Morgen keinen erkennbaren Schatten auf den Tag warf, trägt nicht zu meiner Bekehrung zum Buddhismus bei.)

Was passiert also gegenwärtig mit den Fliegen, Wespen, den Insekten überhaupt? Verzweifelt kommen sie mir vor, wie angezählt. Als hätten auch sie von ihrem drohenden Untergang gehört und würden noch einmal, bereits tödlich verwundet, um unsere Aufmerksamkeit buhlen.

Nein, das ist Disney. Ich verstehe die Insekten nicht und sie mich nicht. Wenngleich ich ihr Existenzrecht nicht bestreite – Mitleid kann ich nicht haben.

Letzte Zuckungen der Insektenwelt? Darwin statt Disney: etwas wird nachkommen.u

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