Passage des Passanten

Rauchend kurve ich durch die Innere Stadt. Im Gehen denke ich am entspanntesten. In den sommerlichten Windungen der Gassen wiegen Mütter ihre Kinder in Karren und Jugendliche schlecken Eis. Touristen hinter Kameras, bräsige Beamte in der Pause, schwitzende Pizza-Boten schwärmen aus.

Die Passanten strömen in einem Hauptbett durch die Innere Stadt. Vom Brunnen am Pferdemarkt wie von einer Quelle ausgehend verteilen sie sich auf einige wenige Gassen. Zu den Rändern hin vereinzeln sie sich. So überfüllt die Einkaufsmeilen, so leer ist das übrige Quartier.

Stade, St. Cosmae (Foto: urian)

Wie oft bestürzt mich das unvordenkliche Alter der Kreisstadt als ein Verhängnis. Hamburg oder Berlin, wo ich gewohnt hatte, deutsche Großstädte sind ein für allemal geprägt von den Bomben des Zweiten Weltkriegs, die bis auf Reste und Ruinen die Versteinerungen der Geschichte ausgelöscht haben. In ihnen erhaten sich ältere Epochen allenfalls in Nischen dessen, was überwiegend während meiner Lebzeit entstanden ist.

Wien verschaffte mir längere geschlossene Rückblicke in fernere Zeiten, bis ins 18. Jahrhundert. Im Gassengespinst von Stade reichen die gemauerten Aussichten bis ins Mittelalter zurück. Eine verbreitete Leidenschaft für Archäologie bringt noch weitaus ältere Schichten zum Vorschein. In einem Kellergewölbe unter dem einstigen Munitionsdepot am Pferdemarkt wird das Grab eines Urahnen zur Besichtigung vorgehalten.

Stade, Lämmertwiete (Foto: urian)

Kanonenkugeln von einer Belagerung stecken noch in Mauern. Als müsse man das zwischen den Steinen vergossene Blut riechen. Hinter jedem Fenster war tausendfach gestorben worden. Eine Restauration könnte Pestzeichen an den Türbalken sichtbar machen. Unter dem holprigen Pflaster liegen seit wenigstens tausend beurkundeten Jahren Schädel über Knochen, zermahlen von den Schritten in der Zeit.

Die Beharrlichkeit der baulichen Erinnerung bewahrt das Überkommene wie in einer Vitrine. Wie die Gute Stube im Mittelpunkt des Bauernhauses sowohl gehegt und gepflegt wie gemieden wurde, bis auf besondere Anlässe unbenutzbar war, unveränderbar, nur zum Vorzeigen. Scheintot in einem Glassarg. Wie der Urahn unter dem Munitionsdepot.

Stade, Burggraben (Foto: urian)

Manchmal verlangsamt sich für mich der Alltag in der Inneren Stadt, bis die Zeit aushakt und Kulturgeschichte leibhaftig aufblitzt: Unterm Mond, in Gassen ohne Automobile, im laternenlosen Zwielicht, zwischen den unveränderlichen Fassaden, an denen Ahnenreihen entlang geblickt hatten und die Enkel bis zum nächsten Bombenkrieg oder Erdbeben als Erben des Klimawandels entlang zu blicken haben würden.

Stein für Stein umklammert Geschichte Gegenwart und Zukunft. Willkürlich ausgesetzten Ameisen gleich krabbeln die Lebenden in den von den Vorfahren gegrabenen Bahnen und eilen ihren Geschäften nach, über deren geheime Ordnung die Linnés und Fabres unter ihnen unverdrossen brüten.

Stade, Hafen (Foto: urian

Was den australischen Ureinwohnern die Fußspuren der Ahnen als Traumpfade aus Liedern sind den hiesigen Schattenspielern die Steinbauten, die seit altersher unverrückbar stehen als feste Burg. Als Festung, auf deren spät geschliffener sternförmiger Ummauerung der Umriss der Inneren Stadt beruht. In gewissen Nächten ohne oder mit zu viel Mond kommt mir das vom Wallgraben umgürtete Gebiet wie eine von Schemen bewohnte Katakombe vor. Unbesungen seit altersher.

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