Unerhörte wahre Begebenheit / Graphic Novelle

Illustrierte Kindergeschichte

Verhängnis des Glasbläsers (Zeichnung: urian)

glasblaeser_009

glasblaeser_014

Das Heft: 140 Seiten, 76 beschrieben, angelegt am Buß- und Bettag 1935 enthält es Abschriften von Briefen seit 1932. Der Autor hat es im Zuge seines Widerstands gegen die Obrigkeit bei Gericht eingereicht. Am 22. Januar 1937 wurde es zurückgesandt. Das Schreiben des Gerichts liegt in dem Heft, das in der Familie aufbewahrt wird, die es nach dem Willen der Justiz nicht geben dürfte.

glasblaeser01

glasblaeser_015a

glasblaeser_016

Er ist acht, als der Krieg ausbricht; er wird 13, als er endet. Er kennzeichnet die Zeit mit einem Wort: „Hunger“.

glasblaeser_017

glasblaeser_020

glasblaeser_023

glasblaeser_032

glasblaeser_033

glasblaeser_038

„Um die Osterzeit war es, als das Wunder an mir geschah.“

„Geistes wohl nicht so schwach wie körperlich werde ich 27 Jahr alt.“

„Ausgesteuert“ sollte er als Musiker fort. „Meine Mutter war wie in einen Bann geschlagen.“

glasblaeser_042

„Werden mir so allerhand Gedanken eingegeben, die ich bisher noch nicht kannte. Ich muss sagen, Gottes Stimme ist es, die also spricht.“

„Drum freue dich, O Christenheit, der Jüngste Tag ist – da!“

glasblaeser_046

„Dass man mich von den gescheitesten und geschicktesten Professoren und Ärzten von Deutschland, ja meinetwegen von der ganzen Welt untersuchen lässt, was da eigentlich los ist.“

„Ist daher meine höflichste, heilige und dringlichste Bitte, mit Männern, die an verantwortungsvoller Stelle stehen, also Wächter und Träger des Christenglaubens und der Kirche sind, die Grundfragen der Frohen Botschaft eingehend und gründlichst zu behandeln.“

„Sollte jedoch jemand, und wenn es die ganze Welt sein sollte, meinen Worten nicht glauben, was liegt daran. Meinen Glauben kann das nicht erschüttern.“

glasblaeser_049

glasblaeser_050

„Erfülle als deutscher Bruder gegenüber Gott, meinem lieben Vater, unserem Herrn Jesus Christus und allen heiligen Brüdern eben nur meine mir zukommende heilige Pflicht!“

Und er hob seine rechte und linke Hand auf gen Himmel und schwur bei dem, der ewiglich lebt, dass es eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit währen soll; und wenn die Zerstreuung des heiligen Volks ein Ende hat, soll solches alles geschehen.
*
Gehe hin, Daniel; denn es ist verborgen und versiegelt bis auf die letzte Zeit.
*
Und von der Zeit an, wenn das tägliche Opfer abgetan und ein Gräuel der Verwüstung angerichtet wird, sind 1290 Tage.

Aus dem Buch Daniel 12, 6–13: Verweis im Brief vom 24.7.33.

„Es geht um Geheimnisse, die in Gott verborgen liegen, und sie solange die Welt besteht, nur wenige treue Menschen kannten, ja denen es der lebendige und starke Gott durch seine Gnade und Liebe frei geschenkt hatte.“ Könnte „eine Zeichnung“ beifügen, die „einen lebendigen und heiligen Wegweiser versinnbildlichen soll“.

„Ich selbst will doch nicht, dass mein liebes deutsches Volk sich den Fluch aufladen würde! Es bleibt nämlich nichts verborgen, das nicht noch an den Tag kommen wird!“

„Könnte noch vieles andere schreiben, wird aber genügen, wenn ich sage: wir stehen vor der Offenbarung der Heiligen Schrift!“

glasblaeser_052

glasblaeser_054

„An die Obrigkeit 24.7.33

Da doch die Verheißung in diesem Jahr zur bestimmten Zeit erfüllt sein muss, so möchte ich heiligsten Ernstes und reinen Herzens die sehr hochzuverehrende Obrigkeit aufs herzlichste bitten, mir dich bis spätestens 3. August eine Antwort zugehen zu lassen! Und so ich mich mit meinem Schreiben vielleicht nicht an die richtige Stelle gewandt habe, bitte aufs Höflichste, dich so liebenswürdig zu sein und selbiges dahin weiterzuleiten! Für die etwaige Bemühung sage ich im Voraus meinen herzlichsten Dank! Dann auf zum Kampf zum Frieden und zur Freude!

glasblaeser_056

Steinheid, 14.2.1936
„Da ich mich doch jetzt gesund fühle und auch sonst keine schwere Krankheit hatte, teile ich dem Erbgesundheitsgericht auf das Schreiben betreffs meiner Unfruchtbarmachung mit, dass doch der Grund meiner jetzigen Angelegenheit nicht so ernster Art ist, und dass auch daher meine Unfruchtbarmachung nicht für notwendig halte! Hochachtend grüßt ‚Heil Hitler!‘“

Bürgermeister: „Die Mutter ist geistig auch nicht normal. Einer ihrer Brüder ist in der Anstalt Hildburghausen. Ein anderer inzwischen verstorbener Bruder war mehrfach auffällig. Von dessen fünf Töchtern soll eine in Hildburghausen gestorben sein. Zwei sind noch dort. Eine wollte sich im Herbst das Leben nehmen.“

„So ist es vorgekommen, dass er sich auf einem zu seiner Wohnung gehörenden Abort setzte und nicht eher herunterzubringen war, bis Pfarrer Halle kam und ihn herunterzog. […] Zusammenfassend möchte ich feststellen, dass er nur zeitweise nicht geistig ganz auf der Höhe ist.“

glasblaeser_060

„Ich muss in die Welt hinaustelefonieren, dass die Menschheit selig und gesund werde.“

Pastor: „Ich kenne diesen jungen Mann und habe ihn sehr schätzen gelernt. […] Am 5. Januar entfernte er sich in einem unbewachten Augenblick aus der Wohnung; seine Angehörigen haben nach ihm gesucht, kehrten aber bald wieder unverrichteter Dinge zurück. Am Nachmittag machten sich dann noch mehrere Bekannte, auch der Polizeibeamte mit seinem Hund auf die Suche; aber sie haben ihn nicht gefunden. Abends gegen 10 Uhr ist er dann völlig durchnässt zurückgekehrt, vollkommen erschöpft. Als ich ihn am nächsten Tage aufsuchte, fand ich ihn wieder normal. Den Vorfall auf dem Abort vor vier Jahren habe ich nicht miterlebt.“

glasblaeser_068

Hausarzt Dr. Kost: „Patient äußerte Verkündigungsideen, bewegte sich in abnormen religiösen Grübeleien, verließ einmal fluchtartig für einen ganzen Tag seine Wohnung – kurz, es bestand eigentlich kein Zweifel, dass es bei ihm wieder ‚rappelte‘. Im Ganzen halte ich ihn für einen gutmütigen und intellektuell eher über dem Durchschnitt stehenden Menschen, der eben nur leider genotypisch und auch phänotypisch die traurige schizophrene Belastung mit sich schleppt.“

glasblaeser_070

Amtsarzt Hille: „Ich gestatte mir hinzuweisen auf Gütt-Rudin-Ruttke, Auflage 1934, Seite 98, wo auf die Bedeutung der Klärung derartiger Fälle besonders hingewiesen ist.“

Emil Kraepelin, München 1909: Geisteskrankheiten beruhen auf Vererbung und Degeneration: Entartung. Schüler Ernst Rüdin: Gründungsmitglied der Gesellschaft für Rassenhygiene, 1933 Reichsleiter der Neurologen und Psychiater, Co-Autor des Standardwerks zur Verhütung erbkranken Nachwuchses.

glasblaeser_071

„Rasse-Günther“ (Hans Friedrich Karl G.), Autor des Bestsellers Rassenkunde des deutschen Volks (1922) wird auf einen Lehrstuhl für Sozialanthropologie in Jena berufen. Antrittsvorlesung 1930 in Anwesenheit von Hitler und Göring.

glasblaeser_067

Zwei Drittel der Ärzteschaft gliederte sich willig dem System ein. Mediziner waren Vorreiter und eifrige Anhänger des Nationalsozialismus. Zu Tausenden quälten und mordeten sie. Unter dem Vorwand des Erkenntnisgewinns erfanden sie Foltern.

Eugenik überträgt die Evolutionstheorie auf die menschliche Gesellschaft. Anhänger waren Churchill, H. G. Wells, G. B. Shaw, Roosevelt.

Eugenik wurde im United Kingdom konzipiert, in den USA institutionalisiert, in Deutschland Realität. Mit dem Erbgesundheitsgesetz begann die rassische Aussonderung. Auf die Zwangssterilisationen folgte der erste Genozid.

H. Friedlander, Der Weg zum NS-Genozid, 1997: „Nicht nur Anstaltsinsassen [wurden] für eine Sterilisation in Betracht gezogen, die unter bedeutsamen Geisteskrankheiten litten, sondern sogar Personen, die in der Lage waren, ohne besondere Schwierigkeiten zu leben und zu arbeiten.“

glasblaeser_069

Amtsarzt 7.2.36: Steckbrief

160 cm, 57 kg. Kräftig, guter Ernährungszustand / geringe Unterschenkelverkrümmung / kleiner Nabelbruch / geringe Rötung des Rachens / Rachitis als Kleinkind / gute Schulleistungen / keine Krämpfe

1932 viel in der Bibel gelesen; eine Nacht im Walde umhergeirrt

Mitte Jan. 1936 Bibellesen, Grübeln, Schwermut, Umherirren im Walde

„Wir sind als Laien gar nicht fähig, es bis in die tiefsten Gründe zu ergründen.“

„Ich bin auch mal fort, so aus einem Gefühl heraus, im den Wald, bis dort wieder so ein Gefühl sagte: ich muss auch wieder nach Haus.“

Das Erbgesundheitsgericht Sonneberg lehnt den Antrag auf Unfruchtbarmachung ab. Der Amtsarzt legt Beschwerde ein.

Das Erbgesundheitsobergericht Jena ordnet eine Untersuchung in den Landesheilanstalten Stadtroda an. Sterberate dort 1936: 7,5 Prozent. „Mordstätte im Mustergau Thüringen“, „von Augenzeugen als KZ für Kranke beschrieben“. (Ernst Klee)

Die Akten des Mutterbruders Max sowie der Basen Minna, Klara und Olga aus der Heil- und Pflegeanstalt Hildburghausen werden zur Begutachtung beigezogen.

„Er fühlte sich während der ganzen Beobachtungszeit sichtlich nicht recht frei, war äußert zurückhaltend mit seinen Antworten, gab bald der Befürchtung Ausdruck, etwas zuviel, bald der Befürchtung, etwas zu wenig oder etwas nicht ganz richtig gesagt und dargestellt zu haben.“

Wie war das 1932?

„Hatte keine Arbeit und war von der Krankenkasse ausgesteuert. Da sucht man eben Trost, wo man ihn finden kann. Der einzige Trost ist Gott. Ich habe um Hilfe gebetet.“

„Ich habe nie Stimmen gehört oder Gestalten gesehen. Ich habe überlegt, wie das Wort Gottes geschrieben ist, dass es von Menschen geschrieben und doch Gottes Wort ist!“

„Ich habe mit Pfarrer Halle darüber gesprochen. Er war nicht zufrieden mit mir und hat die zum Abschied gereichte Hand zurückgezogen.“

glasblaeser_082

Wie war das mit dem Abort?

„Als ich fertig war, dachte ich: gehst nicht eher wieder herunter, bis der Pfarrer da war.“

Weshalb dieser eigenartige Gedanke?

„Ich wollte ihn prüfen, ob er mir die Hand gäbe und dorthin ging, wo ich saß. Ob er nur predigte, oder auch nach dem Wort handelte: ob er wirklich denkt, dass, wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“

„Das mit dem Abort war am 3. Ostertag. Nach Ostern habe ich die vielen Briefe an Hindenburg geschrieben. Alle sollten wieder zu Christus, dann wäre allen geholfen.“

„Den richtigen Selbstmordgedanken hatte ich nicht. Nein, das ist nicht wahr. Man versteht’s hinterher gar nicht so recht. Habe mir auch wieder überlegt, was ich machen soll, wie ich Frau und Kinder ernähren soll.“

„… musste der Untersucher den Eindruck haben, dass der Proband nicht immer absichtlich verschweigen wollte, sondern auch deshalb zurückhielt, weil er für die früheren Erlebnisse keine adäquate Ausdrucksform fand. […] Wir neigen eher zu der Auffassung, dass schizophrene Krankheitsanfälle vorgelegen haben. […] Ein durchgängiger pathologischer Affekt ist nicht feststellbar. […] Im Übrigen stößt man erfahrungsgemäß gerade in Thüringen häufig auf Psychosen, die nicht die klassischen Züge des manisch-depressiven Irreseins oder der Schizophrenie aufweisen. […] Wir halten eine Schizophrenie für vorliegend; er ist daher unfruchtbar zu machen.“

glasblaeser_085

„Da ich doch körperlich und geistig gesund bin und auch sonst bei meinen Angelegenheiten von 1932 und 1936 bei Verstand war, bin ich mir nicht bewusst, warum ich an Schizophrenie leiden soll. Ferner waren mir die wirklichen Ursachen zu meiner Angelegenheit relativ bedingt, durch äußere Einflüsse und auf natürliche Art entstanden, also keine Erbkrankheit. […] Die leichte Erkrankung bei meiner Mutter im Kriege 1916 ist lediglich auf die Not (Unterernährung) zurückzuführen. Da doch nun meine Geschwister gesund sind, so weiß ich nicht, warum gerade ich eine Erbkrankheit haben soll. […]

Unfruchtbar kann man einen Menschen gleich machen, aber nicht wieder fruchtbar! […] Solange meine Angelegenheit nicht restlos geklärt ist, bitte ich Vorsicht zu üben, zumal es sich bei mir um einen besonderen Fall handelt.“

2. Oktober
„Würde es als ein Unrecht ansehen müssen, wenn man mich wegen den Vorkommnissen von 1932 und 1936 unfruchtbar machen will! Da es sich doch vielmehr bei mir um eine Glaubenssache mit ihren Begleiterscheinungen handelt, deren Ursachen natürlicher Art sind […] so bitte ich das verehrte Erbgesundheitsobergericht zwecks Wiederaufnahme des Verfahrens um eine nochmalige genaue Prüfung des Sachverhalts meiner Angelegenheit.“

30. November
„… so habe ich die höflichste und dringende Bitte, mir doch aufgrund meines mit eingesandten Buchs und der erkannten Wahrheit eine persönliche Aussprache mit einem sachverständigen Geistlichen, verehrten Herrn Medizinalrat Dr. Schenk […] herbeizuführen.“

glasblaeser_092

Erbgesundheitsobergericht wg. 176/36
Jena, 24.6.36
Nichtöffentliche Sitzung mit Oberlandesgerichtsrat Dr. Lorey, Obermedizinalrat Dr. Boening, Abteilungsleiter Dr. Neuert

„Der Vorsitzer belehrte die Beteiligten über ihre Pflicht zur Verschwiegenheit. Die Sache wurde verhandelt und der Erschienene angehört.“

11.11.36
„Es erschien bei Aufruf des Termins niemand. Die Sache wurde verhandelt. Die Beschwerde wird zurückgewiesen. […] Nach den Erfahrungen der ärztlichen Wissenschaft ist mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten, dass seine Nachkommen an schweren geistigen Erbschäden leiden werden. Seine Unfruchtbarmachung ist daher geboten.“

glasblaeser_097

„… wurden die Samenleiter beiderseits freigelegt und je 3 cm excidiert.“
Syn. Vasoresektion Vasektomie: Ligatur und Resektion des Ductus Deferens

31. Geburtstag am Tag vor dem Eingriff.

1937 Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar eingerichtet
1938 Aktionen gegen „Arbeitsscheue“ und „Zigeuner“
1939 bis 1945 werden im Zuge der „Euthanasie“ 200 000 Menschen ermordet

glasblaeser_106

H. Friedlander, Der Weg zum NS-Genozid, 1997:

Die „Euthanasie“-Ärzte waren „unempfindliche und uninteressante Männer und Frauen“. „Sie erledigten ihre Arbeit zwar gründlich und genau, den meisten von ihnen mangelte es aber an Fantasie, sie waren schlichtweg langweilig und führten ein konventionelles Leben. […] Ihre schriftlichen Äußerungen waren bürokratisch, ihre Reden von Klischees geprägt und ihre Aussagen aus der Nachkriegszeit von Ausflüchten, Gefühllosigkeit und Selbstmitleid bestimmt.“

„Die Psychiatrie lag in den Händen von Ärzten, die dazu ausgebildet waren, die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten geistiger Störungen ausschließlich aus biologischer und chemischer Sicht zu betrachten.“

„Schließlich glaubten die Aufseher, wie auch die Manager, dass sie ‚Geschichte machen‘ und sich als Beteiligte im Zentrum bedeutsamer Ereignisse empfanden. Sie waren stolz darauf, am Marsch der Geschichte teilzunehmen.“

Das Erbgesundheitsgesetz war eine Einnahmequelle für den Berufsstand. Besitzer in den Erbgesundheitsgerichten waren Ärzte mit „Wissen über die Vererbungslehre“, die auf Honorarbasis arbeiteten. Für die ärztliche Praxis spielte die Vererbungslehre keine Rolle. Die Beisitzer kamen frisch von der Universität oder waren Ärzte, die sich das „Wissen“ eigens für den Posten angeeignet hatten. Ihre Fachkompetenz reichte nicht über den Rahmen des Gerichtsverfahrens hinaus.

glasblaeser_107

Dem NS-Justizministerium zufolge wurden 1936 64 646 Sterilisationen vorgenommen. Rund 200 000 waren es in den drei Jahren, für die Zahlen vorliegen. Die meisten der 837 registrierten Todesfälle waren Frauen, bei denen der Eingriff komplizierter ist. Die Gesamtzahl der Zwangssterilisationen wird auf bis zu 400 000 geschätzt.

(B. Müller-Hill, Tödliche Wissenschaft, 1984; Dt. Bundestag Drucksache 16/3811, 2006)

„Wer aber […] hat nicht im weiteren Familienkreis einen, der von der Norm abweicht? Ist das eine Schande? Ist es nicht vielmehr schändlich, die Namen von Opfern der Gewaltherrschaft zu unterschlagen?“ (G. Aly, Die Belasteten, 2013)

„Die Opfer – die zwangsweise sterilisierten wie die ermordeten Patienten – sind […] bis heute nicht als NS-Verfolgte anerkannt. Eine Schande.“ (E. Klee 2010)

Den Archivgesetzen nach darf über ihre Fälle nur ohne Namensnennung geschrieben werden. Geschützt werden sollten nicht die Opfer, sondern die Täter, die ihre Karrieren nach 1945 weitgehend ungebrochen fortsetzen konnten und dabei auf ihre „Forschung“ im Namen des Nationalsozialismus aufbauten.

Von einigen der akademischen Ideen wurde das Blut, durch das sie gezogen wurden, abgewaschen. Studien belegen, dass ein Viertel der Deutschen weiterhin Ideen der Nationalsozialisten anhängt.

Dass Geisteskrankheiten erblich sind, wird ebenso gern geglaubt wie von der „Norm abweichendes“ Verhalten als geistige Störung gebrandmarkt wird.

Während ich dies schreibe, im Dezember 2015, proklamiert ein Funktionär der Alternative für Deutschland, der um zehn Prozent der Wählerstimmen zugetraut werden, den Rassenkampf zwischen Afrika und Europa.

glasblaeser_111

Während das Verhängnis über ihm schwebte, im August 1936, zeugte er eine zweite Tochter. Der Ausrottungsversuch misslang.

glasblaeser_110

Eine Geisterhand malt an die Wand: „Mene meine tekel u-parsin“. Belsazar ruft Daniel, um die Schrift zu lesen. „Du wirst dein Reich verlieren.“

„Nach den Erfahrungen der ärztlichen Wissenschaft ist mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten, dass seine Nachkommen an schweren geistigen Erbschäden leiden werden.“

Am 30. April 1951 wurde in Steinheid eine Enkelin geboren, die als Oberstudienrätin arbeitete. Ein weiterer Enkel leitet eine Behinderten-Werkstätte. Ein Urenkel ist Radio-Reporter. Die Familie, die es nicht geben sollte, widerlegt den Wahn der NS-Ärzteschaft.

glasblaeser_112

© Uwe Ruprecht

Advertisements