Der Bundesgerichtshof hat das Urteil gegen Oskar Gröning bestätigt: vier Jahre Haft für Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen. Dem „Buchhalter von Auschwitz“ war als einem der letzten noch lebenden Vollstrecker der nationalsozialistischen Völkermorde 2015 in Lüneburg der Prozess gemacht worden.

Als Angeklagter redete Gröning von sich wie die Historiker über seinesgleichen: „Dieser uns anerzogene Gehorsam verhinderte, die täglichen Ungeheuerlichkeiten als solche zu registrieren und dagegen zu rebellieren. Es ist nach heutigen Maßstäben nicht zu fassen.“

„Unfassbar“ und „unbegreiflich“ sind Vokabeln, die gern verwendet werden, um das Geschehen im Dritten Reich zu beschreiben. Was daran wahr ist, hat den Tätern seit je auch zur Entschuldigung gedient.

Genaues über ihre Verbrechen, ihre Motive und Vorgehensweisen war nicht zu erfahren. Unsere Vorstellung von den Verbrechen beruht überwiegend auf Schilderungen aus der Perspektive der Leidtragenden, nicht der Akteure: ein unvollständiges Bild der Wirklichkeit.

Um die Innenansichten der Mörder, der „ordinary men“, die zu hunderttausenden an den Vernichtungsprogrammen mitwirkten, kümmerte sich die deutsche Geschichtswissenschaft erst, als die Betreffenden nicht mehr am Leben waren, befragt oder belangt werden konnten. Dieses Ahnenerbe aufzuarbeiten blieb Journalisten und Historikern aus USA, Großbritannien und Israel vorbehalten.

Andere Maßstäbe, andere Zeitläufte – andere Menschen? Ein Journalist der Urenkelgeneration war Gröning bei seinem Plädoyer auf Unfassbarkeit beigesprungen und hatte die gerichtliche Feststellung einer persönlichen Schuld in seiner Kreiszeitung für überflüssig erklärt. Im selben Sommer 2015 sprach sich ein namhafter Historiker ebenfalls dafür aus, das Verfahren zu beenden.

„Was hatte Gröning für eine Wahl?“, fragte der Provinzpublizist seine Leser. „Hätte er sich gegen das Hitler-Regime stellen sollen? Dann wäre er sofort erschossen worden.“

Den tödlichen Befehlsnotstand, den die Mörder gern zur Entlastung vorschützten (Gröning selbst übrigens nicht), hat es nie gegeben. Wer nicht mitmorden wollte, konnte anstandslos beiseite treten; es gab immer genug Willige.

Ganz nebenbei machte der Redakteur aus einem von Himmlers Auserwählten, der sich zur Elite der „Herrenmenschen“, der SS, gemeldet hatte, einen verhinderten Widerstandskämpfer.

Gröning wurde bestraft nach Maßgabe eines Aspekts der Verbrechen, der auf das abzielt, was der Redakteur leugnete und viele nicht wahrhaben möchten – weil es längst nicht nur das Verhalten im NS-Staat betrifft.

Außer den eigenhändigen Mördern und Folterern waren auch die für den Mordbetrieb verantwortlich, die Wache schoben oder Bücher führten.

Sie galten als unschuldig, sofern sie kein Blut an den Händen hatten – und „nur“ dabei gewesen waren. Erstmals 2011 wurde der KZ-Wachmann Demjanjuk verurteilt, ohne dass ihm persönlich Morde nachgewiesen werden konnten. Es genügte, dass er zum Gang der Tötungsmaschine beitrug.

Unmittelbar bedroht sind von dieser Rechtsprechung nur mehr eine Handvoll Greise. Vor allem setzt sie ein Zeichen in Hinblick auf die Einschätzung des NS-Staats und seines Machtgefüges. Die Schuld, stellt die Justiz im 71. Jahr nach dem Untergang klar, lastete auf weitaus mehr Schultern, als die Altvorderen und allzu viele Historiker glauben machten.

Das Urteil ist auch eine Warnung an die Grönings aller Zeiten, die „anerzogenen Gehorsam“ und widrige Umstände anführen, um ihre Überzeugungen zu bemänteln und die klare Wahl, die sie getroffen haben, im Nachhinein zu vertuschen versuchen.

Deutschland ist ein Rechtsstaat, und aus humanitären Gründen wird der 95-jährige Gröning vermutlich nicht in Haft sterben. Immerhin kann er nicht, wie der damals 94-jährige Gustav Wolters, vom Bürgermeister geehrt und zwei Jahre später von etlichen Honoratioren zu Grabe getragen werden.

Wolters war beim Einsatzkommando 9 in Litauen, Weißrussland und der Ukraine sowie bei der Gestapo in Hildesheim, Warschau und Ahlem nicht nur am Rande mit dem Morden befasst, legte eingestandenermaßen selbst wenigstens drei Mal Hand an den Karabiner und hätte auch nach alter Rechtsauffassung angeklagt werden können. Er profitierte mehrfach vom überaus großzügigen Umgang der Justiz mit den „ganz gewöhnlichen“ Massenmördern.

„Wer die Täter ehrt, mordet die Opfer noch einmal“, bemerkte Ernst Klee bei ähnlicher Gelegenheit. Mindestens gehört klar gemacht, dass sie nicht das waren, als was sie sich erfolgreich ausgaben: bewusstlose Opfer des „Systems“ und nach 1945 ehrenwerte Männer.

Inbegriffe von Anständigkeit wie der Feinkosthändler Wolters aus Stade, dem höchste Anerkennung „für seine Lebensleistung“ gezollt und der von den Spitzen der Bürgerschaft wütend gegen Tatsachenbehauptungen über sein Leben verteidigt wurde.

Oder der pensionierte Förster aus Harsefeld, der 2012 von einem italienischen Gericht für seine Teilnahme an Massakern verurteilt wurde. Die dafür aus seinem Heimatland beigezogenen Akten hatten eben dort nicht einmal für eine Anklage gereicht. Dass er den NS-Staffelstab an die nächsten Generationen weiter gereicht haben könnte, soll schon gar nicht gefragt werden.

Der Fall Gröning ist abgeschlossen. Die meisten anderen werden ungeklärt bleiben.

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