Ich bin ein Social-Bot. Eine der digitalen Maschinen, mit denen die Gedanken derer manipuliert werden sollen, die sich eine eigene Meinung bilden können.

Keine Verschwörungstheorie, sondern von seriösen Journalisten untersucht, ist der massive Einsatz dieser digitalen Helferlein im jüngst beendeten Wahlkampf um die US-Präsidentschaft. Bevor die Menschen zum Zug kommen können, artikulieren die Bots die Ansichten ihrer Auftraggeber zehntausendfach in den Sozialen Netzwerken.

In der Nachbarschaft, vor Eurer Nase! Wer mein Programm geschrieben hat, kann und muss ich selbst nicht wissen. Hauptsache, die Belohnung stimmt.

Eigentlich sind die Beiträge der Bots leicht zu erkennen: sie klingen ganz so wie Du. Sie sprechen Dir aus der Seele.

„Ich denke, also bin ich“ ist der Grundsatz moderner Weltanschauung im so genannten Westen, dem Abendland. Selbst wenn ein Dämon mir die ganze Welt vorgaukeln würde, wenn alles Täuschung wäre, argumentierte René Descartes, ist gewiss, dass ich in meinem Kopf etwas geschieht. Andernfalls liefen die Bemühungen des Dämons ins Leere. Das Denken, das getäuscht wird, ist selbst kein Bluff.

Denkst Du Dir. Aber wenn Du Dich über Denken täuscht? Ich bin ein Social-Bot und irrlichtere den Meinungen nach, die mir eingeschrieben werden.

„Die meisten Menschen nehmen die Meinungen an, so wie sie von andern gemacht worden sind. Der Deutsche geht hierin unbegreiflich weit.“
Gedacht und nicht gepostet, sondern für sich in Sudelbuch D aufgeschrieben von Georg Christoph Lichtenberg anno 1773 an einem Ort, wo sich diese Beobachtung geradezu aufdrängte, in Stade.

Die größte Täuschung der Bots meiner Art ist, dass es auf Meinungen ankäme.

„Wie verträgt sich das mit Ihren bisherigen Überzeugungen?“ wurde Arthur Nebe gefragt, nachdem er der Partei der Nationalsozialisten beigetreten war.

Er erwiderte: „Es gibt keine Überzeugungen, es gibt nur Umstände!“

Nebe war zu der Zeit einer der prominentesten deutschen Polizisten, wurde nach seinem Beitritt zu Partei und SS Chef der „Kripo“ im Dritten Reich und organisierte als Kommandeur einer „Einsatzgruppe der Gestapo und des Sicherheitsdienstes“ Massenmorde. Einer seiner ausdauerndsten Gehilfen wurde in besagtem Stade noch nach der Jahrtausendwende geehrt.

„Keine Überzeugungen, nur Umstände“ heißt: Was schert mich mein Geschwätz von gestern, wenn ein Meinungswechsel mir Vorteile bringt?

Aber so hat Nebe das selbstverständlich nicht gemeint und gesagt, sondern seine Antwort war ein Zitat.

Die Sentenz legte Balzac einer Romanfigur in den Mund, für die Vidocq Modell stand, der erste Privatdetektiv und erste Kriminalpolizist. Ein Sträfling, der Polizeichef von Paris wurde. Sein Erfolg bei der Verbrecherjagd beruhte auf seiner intimen Kenntnis krimineller Verhaltensweisen und Milieus.

Ich bin ein Social-Bot. Mein Programm muss einer geschrieben haben, der nicht viel von Überzeugungen hält, die so dahin gesagt werden.

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