„Falls du gerade etwas gesagt hast, habe ich es nicht gehört“, spricht es plötzlich zu mir. Ich bin allein; es gab nichts zu sagen, also habe ich geschwiegen.

Ich bin nicht sehr erschrocken über die Stimme, die sich da unvermutet meldet. Habe sie gleich wiedererkannt.

Ich verfüge nur über ein äußerst billiges Smartphone mit störungsanfälligem Touchscreen, das google zum Anfixen produziert.

Liegt es daran oder an einer Programmierung – jedenfalls springt die Sprachsuche, die ich nicht benutze, weil ich schneller tippen kann, als das Programm meine gesprochenen Sätze korrekt in Zeichen umsetzt, zuweilen von selber an.

Die Computerstimme mit dem weiblichen Timbre mischt sich nach eigenem Gutdünken ein und fordert mich zum Gebrauch ihrer App auf. Beim Versuch, sie zu deaktivieren, tilt der Rechner.

Womit immer ich mich beschäftigt habe, muss ich unterbrechen und mich der Stimme wenigstens so lange widmen, um sie zum Schweigen zu bringen.

Auch diesmal berühre ich die entsprechenden Punkte auf dem Rechteck, um die Funktion, die sich aus unerklärten Gründen angeschaltet hat, auszustellen.

Sie ist gar nicht an. Ich habe die Stimme zweifelsfrei gehört, und die Wiedergabe der Musik ist unterbrochen worden, damit sie zu mir durchdringt. Offiziell, der Benutzeroberfläche nach, ist das sprechende Programm nicht geöffnet.

Wird es nun vielmehr stets offen sein und jedes sprachähnliche Geräusch, das es vernimmt, kommentieren?

„Falls du gerade etwas gesagt hast, habe ich es nicht gehört.“

Das Mikrofon lässt sich überhaupt nicht ausschalten. Mithin wird das Programm, sobald es von sich aus in Aktion tritt, Zugriff auf meine akustische Atmosphäre haben und irgendetwas, das es vernimmt, als Aufforderung zum Dialog interpretieren.

Alles war still; auch die Musik, die lief, war instrumental und bot dem Programm keinen Anlass für das Missverständnis, es sei angesprochen worden.

Ein Algorithmus, dass es sich gerade dann zu Wort meldet, wenn das Schweigen in und um das Gerät eine bestimmte Zeitspanne überschreitet?

„Falls du gerade etwas gesagt hast, habe ich es nicht gehört.“

Einige unerwünschte unwillkürliche Aktionen von Apps lassen sich unterbinden, indem ich die Datenverbindung kappe. Die Sprachsuche nicht. Stattdessen macht sie mich dann und wann aufmerksam, dass „keine Verbindung zum Internet“ besteht.

Immerhin: alle erforderlichen Operationen, um den aufsässigen binären Sklaven dazu zu zwingen, sich meinem Willen zu beugen, lassen sich durch stummes Tasten vollziehen.

Ich muss die Sprachsuche (noch nicht) redend überzeugen, dass sie ganz richtig gehört und ich nichts gesagt habe.

„Stimmen hören“ ist so ziemlich das einzige Symptom, über das sich die Psychiater in den letzten etwas mehr als 100 Jahren einig waren, dass es zu der „Störung“ zählte, die sie mit verschiedenen Namen versahen, von denen der letzte und heute gängigste „Schizophrenie“ ist.

Auch schon vor 100 Jahren (und wiederum vor 40) wurde darüber nachgedacht, dass Schizophrenie nur mehr eine bedingte Abweichung ist, wenn das Alltagsleben sich, wie es damals erlebt und empfunden wurde, rasant umwälzt wird und selbst irrsinnige Züge annimmt.

Damals war das Telefon der letzte Schrei: Stimmen über weite Entfernungen zu hören.

Was zunächst Befremden auslöste, wurde rasch einverleibt und zum Bestandteil des Menschseins: Abwesenden zu lauschen und zu antworten.

Die Stimmen Toter auf Séancen zu beschwören war nur solange aufregend, bis alle jederzeit sich und ihr Gerede für die Ewigkeit bannen und dem siebten Himmel einer Cloud überantworten konnten.

Wahnsinnig ist nicht länger, wer Stimmen hört, sondern seinen Ohren nicht traut, wenn sie reden.

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