Damit Herbert Grönemeyer dumm schwätzen kann, fand „Klimastreik“ in Hamburg statt

Die Provinz hat einen Vorzug, den ich heute besonders zu schätzen weiß: Man bleibt von den Kapriolen der Klima-Kasper verschont. Entweder kleben sie sich auf die Straße, oder sie nennen ihr Gezappel „Klimastreik“. In jedem Fall legen sie den Busverkehr lahm. Das können sie nämlich am besten: anderen auf den Keks gehen. Gestern musste ich einen langen Umweg mit der U-Bahn nehmen, weil sie sich unbedingt zusammenrotten und ihre Angst hinaus brüllen mussten.

Schon am Tag vorher musste ich lesen, wie die taz die Kasper in kindgerechter Sprache hochjazzt. Die taz war einmal eine kritische Zeitung. Heute ist sie ein Propagandaorgan grüner Weltbesserwisser und Weltverbesserer, die alles ignorieren, was jenseits ihrer Besserverdienenden-Blase geschieht.

Im Tagesspiegel war man zurückhaltender und gab nur wieder, was eine Sprecherin von „Fridays for future“ zu verkünden hatte. „Auch das Klimaschutzgesetz und der Kohleausstieg seien Erfolge“, findet sie. „Die reichen aber immer noch nicht aus: ‚Der Ukrainekrieg und Corona haben der Regierung den Fokus auf den Klimaschutz genommen.‘“

Ja, ei der Dotter! FFF sind eben doch Kinder. Die haben den Erwachsenen geglaubt, als sie ihnen sagten, wie toll sie sie finden. Der Kohleausstieg mag beschlossen sein, aber weil die besten Politiker der Welt, die deutschen, auf russisches Gas verzichten zu müssen glauben, heizen die Kohlekraftwerke munter weiter. Und da dieselbe grüne Bagage aus Umweltschutzgründen zwei Jahrzehnte lang die Windkraft sabotiert hat, wird die Kohle dringend gebraucht, um den Strom zu erzeugen, der ja keinesfalls aus Umweltschutzgründen durch Atomkraft produziert werden darf. Hat irgendjemand Angela Merkel oder Olaf Scholz geglaubt, wenn sie behaupteten, den Klimaschutz ernst zu nehmen? Ja, wo leben die denn!

„Natürlich stellt sich die Frage, wie soll es weitergehen?“, erklärt die FFF-Sprecherin. „Unsere Antwort muss sein, umso lauter auf der Straße zu sein.“ Also rannten sie gestern in Hamburg um die Binnenalster und brüllten. Bäh! Am autofreien Jungfernstieg vergraulten sie die Shopping-Meute und am Neuen Jungfernstieg die Insassen des Nobel-Hotels „Vier Jahreszeiten“; an der Lombardsbrücke ärgerten sie Touristen. Und sonst kann es dem Rest der Stadt egal sein, dass es sie gibt – außer dass sie den Verkehr behindern. Den Busverkehr.

So laut können sie gar nicht sein, dass man sie ohne die Verstärkung durch die Medien hört. Und was die zu melden haben, sind dieselben Formeln wie seit fünf Jahren. Gestern führte einer das größte Wort, dessen Geseier ich mir heute schon wieder via Zeitung anhören muss. Er beklagt, dass „wir“ es uns zu gut haben gehen lassen und wie toll doch die neue Generation ist, dass sie protestiert. Damit hat sich seinesgleichen schon vor Jahren bei FFF eingeschleimt.

Herbert Grönemeyer ist zwei Jahre älter als ich, und ich glaube ihm, dass er es sich stets hat gut gehen lassen. Sagt er aber nicht. Er sagt „wir“ und bezieht mich in seine Verantwortung ein. Als FFF noch neu war, haben allzu viele ältere Damen und Herren mit Inbrunst „mea culpa“ gerufen – und ihre eigenen privilegierten Existenzen für das Ganze genommen.

Ich muss mich weder für meinen Auto- oder Flugverkehr schämen, mein Ressourcenverbrauch und CO2-Ausstoß war lebenslang unterdurchschnittlich, und meine Öko-Bilanz heute nach einem mehr als doppelt so langem Leben geringer als die von Luisa Neubauer. Denn im Unterschied zu ihr und Herbert Grönemeyer fahre ich Bus. Und musste gestern einen längeren Weg als geplant zu Fuß zurückzulegen, um mir heute via Medien von dem alten Knacker, dessen Gesang genanntes Genöle ich mir noch nie freiwillig angetan habe, erneut anhören zu müssen, ich hätte es mir zu gut gehen lassen. Ist es übrigens Zufall, dass in Hamburg seit Menschengedenken Sprösslinge der Familie Reemtsma sagen, wo es lang geht? Ich glaube nicht.

„Deutschland verabschiedete ein ‚Klimapaket‘, die EU den ‚Green Deal‘, die Welt bekannte sich zum 1,5-Grad-Ziel“, hieß es gestern im Tagesspiegel. „Allerdings halten sie sich nicht daran: Jahr für Jahr werden mehr Emissionen ausgestoßen und Ziele verfehlt. Das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens von 2015, es ist nicht mehr erreichbar, sagen Wissenschaftler:innen. Für Fridays for Future überwiegt am Ende vor allem eins: die Enttäuschung.“

Recht so. Wer glaubt, mit Neubauers und Grönemeyers würde eine „Revolution“ stattfinden können, hat schon verloren. Millionärstöchter und Pausenclowns sind dazu da, die bestehenden Verhältnisse zu prolongieren. Und das haben sie seit fünf Jahren erfolgreich getan. Gestern hat FFF an der Binnenalster gebrüllt, und heute gehen die Geschäfte weiter wie gehabt. Wer je etwas anders geglaubt hat, sollte zum Arzt gehen.

(Das Foto, mit dem dieser Post illustriert ist, wurde am 14. Juli aufgenommen, als ein Häuflein hinterm Rathaus vorbei marschierte. 14. Juli – war da nicht mal was? Richtig, da begann vor 234 Jahren der Sturz derjenigen, die in Hamburg nach wie vor das Sagen haben: der reichen Familien und ihrer Hofnarren.)