Was die Redaktion der taz nicht verstehen will
Enteignet Springer! Nein, so steht es nicht in der → taz, aber das Echo der 68er-Parole halt nach in dem perfiden Kommentar, zu dem sich das linke Schmutzblatt hingerissen fühlt.
Was war geschehen? Zwei Berliner Zeitungen, BILD und BZ, haben die Orte von geplanten Straßenblockaden der „Letzten Generation“ veröffentlicht, nachdem diese sie „ausgewählten Journalist:innen“ unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgeteilt hatten. Darunter war mutmaßlich auch eine/r von der taz, die/der sich nun um den Vorteil betrogen sieht, vor allen anderen Konkurrenten am Tatort aufzutauchen.
„Springers Bestreben, selbst Politik zu machen, schadet nicht nur der Klimapolitik, sondern auch dem Journalismus“, schließt die taz. „Denn dieser verliert auf diese Weise weiter an Vertrauen. Leidtragende sind auch andere Journalist:innen, gerade auch freie Fotograf:innen, die angewiesen sind auf vertrauliche Infos ihrer Quellen und damit ihr Geld verdienen müssen. Dieser Informationsfluss aber wird gefährdet, wenn die Weitergabe für Aktivist:innen eine Gefahr bedeutet. Danke Springer.“
Dass der „Redakteur für parlamentarische und außerparlamentarische Politik in Berlin, für Krawall und Remmidemmi“ Mitleid mit freien Fotografen hat, ist löblich, aber heuchlerisch. Die Honorare, die die taz zahlt, liegen weit unter dem gesetzlichen Mindestlohn. Als Freie für die taz arbeiten daher vor allem Aktivisten, deren journalistisches Selbstverständnis ohnehin fragwürdig ist.
Und wie kommt ein Blatt, das selbst ganz unverschämt Politik macht, dazu, dies anderen vorzuwerfen? Journalistische Standards werden täglich von der Mehrzahl der Medien mit Füßen getreten. Gewiss, hierzulande gibt es keine Zensur und förmliche Pressefreiheit. Aber wie die Redaktionen ihre Freiheit nutzen ist überaus fragwürdig. Und wird es von Tag zu Tag mehr.
Hinterfragt wird jedoch stets nur ein Vorgehen, das nicht der eigenen politischen Haltung entspricht. So wurde etwa das Verhalten der SZ im Fall Aiwanger von der taz nicht kritisiert, sondern lediglich, wie BILD darauf gesattelt hat.
„Erfüllungsgehilfe der Polizei“ überschreibt die taz ihre Kollegen-Schelte. Mal abgesehen davon, dass dieser Vorwurf 90 Prozent der Berichterstattung über kriminelles Geschehen trifft, wie zuletzt in → Lübeck, gibt es da noch eine Abwägung, die dem taz-Redakteur offenbar nicht in den Sinn kommt: Wer von einer geplanten Straftat Kenntnis erlangt, ist als Bürgerin oder Bürger verpflichtet, diese der Polizei mitzuteilen.
Journalisten, die das nicht tun, werden in der Regel zwar nicht belangt, aber die Frage sollten sie sich schon stellen, wie weit sie sich mit Straftätern im Interesse ihres Zeilengelds gemein machen. Die Straßenblockaden sind Straftaten, punktum. So ist die Gesetzeslage, und nur Journalisten, die glauben, auch Politik betreiben zu können, setzen sich darüber einfach hinweg.
Das Argument, es seien ja „nur“ Straßenblockaden, zieht nicht. Im Zuge meiner Recherchen über Neonazismus habe ich ehedem von geplanten Körperverletzungen erfahren – nach der taz-Logik hätte ich das für mich behalten müssen, um mein Einkommen zu sichern.
Wenn die „Letzte Generation“ mehreren Journalisten von etwas erzählt, das in der Öffentlichkeit stattfinden soll, dann macht sie diese Information öffentlich. Journalisten, die sich trotzdem zur Geheimhaltung verpflichtet fühlen, weil sie sich einen persönlichen Vorteil davon versprechen, üben den falschen Beruf aus.
Gewiss gibt es Informanten- und Quellenschutz. Aber der greift nur, wenn die Weitergabe der Information tatsächlich vertraulich geschieht, und das heißt: unter vier Augen. Wenn die „Letzte Generation“ ihre scheinbar geheimen Informationen breit streut, muss sie sich nicht wundern, dass genau das geschieht, was geschehen ist: jemand, den sie nicht einweihen wollte, plaudert es aus.
Dass in der taz stellvertretend für die um ihren Vorteil betrogenen fotografierenden Aktivistinnen Krokodilstränen geweint werden, mag gerade noch so hingehen. Dass den Kollegen, die sich nicht an zweifelhafte Absprachen anderer gebunden fühlen, vorgeworfen wird, ihren Job in Misskredit zu bringen, ist schlicht infam. Mit dem taz-Kommentar wird dem Journalismus nachhaltiger geschadet als durch das, was BILD und BZ getan haben.
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Am 9. November 2023 macht die Geschichte die Runde, dass Fotoreporter vorab vom Terroranschlag der palästinensischen Hamas auf Israel am 7. Oktober informiert gewesen sein könnten, um exklusive Aufnahmen zu machen.
„Ich kann und will es mir eigentlich nicht vorstellen“, schreibt BILD. „Denn damit hätten Journalisten und möglicherweise auch Ansprechpartner und Auftraggeber internationaler Medien gemeinsame Sache mit Terroristen der übelsten Sorte gemacht – anstatt die israelischen Sicherheitsdienste zu informieren und so die Massaker möglicherweise zu verhindern. Man denke sich, die Terroristen der Rote Armee Fraktion (RAF) hätten am 30. November 1989 Fotografen an die Straßenecke in Bad Homburg gelotst, an der sie Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen mit einer Bombe ermordet haben. Oder Mitarbeiter der Deutschen Presseagentur dpa hätten vorab vom Terroranschlag am Berliner Breitscheidplatz gewusst und sich entsprechend in Position gebracht.“
Na klar, denkt man sich in der taz-Redaktion: Springer eben! BILD lügt und versteht nichts von Journalismus. Rechte Hetze!
Wie schön die Welt doch in Schwarz und Weiß ist!

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