Ich höre immer „Zukunft“. Und ich höre davon, als handele es sich um etwas, das unverrückbar feststeht. Und wer dagegen hält, dass es nicht so ist, macht sich verdächtig.

Die „Letzte Generation“ ist das schlagendste Beispiel. Die weiß so genau, dass die Welt untergeht wie jene Sekten, die schließlich im kollektiven Suizid enden. Vielleicht ist das eine Altersfrage? Vor 40 Jahren zum Beispiel wusste ich nicht, wie meine Gegenwart aussieht. Wer noch keine 30 ist, dürfte sich später wundern, was aus dem geworden ist, was er für ausgemacht gehalten haben mag.

Egal, welches Thema ich hernehme, Klima, Migration, Energie: Immer reden alle darüber, als wüssten sie genau, was sein wird. Als hätten sie eine Glaskugel wie die Wahrsagerin auf dem Jahrmarkt, in der sie das Kommende glasklar erkennen.

Egal, welches Thema ich hernehme: Diese Selbstgewissheit hinsichtlich der Zukunft ist mir suspekt. Umso mehr, wenn sie sich verbündet mit der Verdammung jeden Zweifels daran.

Gestern höre ich zufällig im Radio den Bericht über eine Polareis-Forschergruppe, die bei ihrer Expedition nicht das herausgefunden hat, was sie erwartet hat. Die Eisberge schmelzen weniger. Soviel zu der Phrase „die Wissenschaft sagt“. Ja, was sagt sie denn? Dass Erkenntnis ein Prozess ist.

Man muss den Klimawandel nicht leugnen, um dennoch in Frage zu stellen, ob er exakt so eintritt, wie irgendein Wissenschaftler es heute ausmalt. Würde er nicht selbst seine Aussagen stets bezweifeln, wäre er kein Wissenschaftler. Freilich wird von Wissenschaftlern inzwischen erwartet, dass sie sich wie Propheten verhalten, Und allzu viele von ihnen schlüpfen nur zu gern in diese Rolle, weil sie so auch einmal an ihre 15 Minuten Ruhm in einer Talkshow gelangen. Merke: Auch Wissenschaftler sind Menschen.

Wenn Politiker über die Zukunft sprechen, ist allerhöchste Vorsicht geboten. In Deutschland sollte man am Allerbesten wissen, was geschieht, wenn man deren Versprechungen zu bedingungslos glaubt. Statt Milch, Honig und erweiterten Lebensraum gab es Millionen Tote und ein gleichermaßen zerstörtes wie geteiltes Land.

Längst hat die verlogenste Branche von allen, die Werbung, die Zukunft für sich entdeckt. Durch den Einkauf in einem bestimmten Supermarkt kann ich die Zukunft gestalten, indem ich den Klimawandel abwende.

Diese magische Beschwörung wird nur überboten von der selbstvergessenen Gewissenlosigkeit in der Redaktion der taz, die, nachdem sie jahrzehntelang im Einklang mit der Parteilinie „grünes Wachstum“ gepredigt hat, nun auf Instagram das Gegenteil behauptet und „Degrowth“ propagiert. Hätten sie ihre eigene Zukunft gesehen, wären sie ehedem vielleicht etwas leiser gewesen.

Hätte ich vor 20, 30 Jahren gewusst, dass die Grünen einmal Kriegstreiber sein würden und das Autofahren bis in alle Zukunft beibehalten wollen, hätte ich sie nie gewählt.

Aber ich habe keine Glaskugel. Ich kann mir allerhand ausmalen, aber ich laufe nicht herum und behaupte, es bestimmt zu wissen. Ich bin kein Hellseher wie allzu viele um mich herum.