Damals, in den 1980ern, als ich für die taz-Hamburg schrieb, wollte das Blatt anders sein als die anderen und nicht auch noch die Themen bearbeiten, über die sich das Hamburger Abendblatt, die Hamburger Morgenpost, BILD-Hamburg und der NDR sowieso ausließen.
Tempi passati. In der taz-Nord steht meistenteils das, was ich auch anderen Medien entnehmen kann. Zum Beispiel der „offene Brief“ eines Vierjährigen, der Opfer eines Verkehrsunfalls wurde. (→ siehe hier)
Anderswo wird das einfach rührselig zitiert. Nicht so in der taz. Da wird das Zitat mit Theorie garniert. Wie wichtig es doch sei, den Blickwinkel des Kindes wahrzunehmen, verdammt noch mal!
Die Überschrift: „Der vierjährige Kalle wurde von einem Radfahrer umgefahren, der Unfallflucht beging. Nun schreibt Kalle einen offenen Brief.“
Moment mal! Hat der Vierjährige den Brief geschrieben? Ein Wunderkind, wie?
Weiter unten heißt es dann korrekter: „Kalle hat im Anschluss mit seiner Mutter den Brief verfasst.“
Na also, warum nicht gleich so? Ach so, ja, wenn das Kind den Brief gar nicht selbst geschrieben hat, ist die ganze schöne Theorie, wonach das Schreiben die kindliche Perspektive zur Geltung brächte, für den Arsch.
Und dann der Brief im Wortlaut. Erinnert mich an die unsäglichen „Nachrichten für Kinder“ im NDR. Da plappern Kinder das nach, was ihnen Erwachsene in den Medien vorgesagt haben. Wie altkluge Bauchredner-Puppen. Wie in der Schule, wo sie brav das hersagen, was die Lehrerschaft hören will, damit sie die entsprechenden Noten kassieren.
En passant: Kalle war mit dem Papa unterwegs. Den Brief „schreibt“ er mit Mama.
„Hallo Fahrradfahrer, du hast mich heute morgen am 30. September um 10 Uhr angefahren. Du bist viel zu schnell durch den Friedenstunnel mit der Fahrrad gedüst.“
Ich habe zehn Jahre in Gerichtssälen verbracht und erfahren, wie unbeholfen und stammelnd erwachsene Zeugen Sachverhalte schildern.
„Ich war mit meinem Papa und meinen zwei Geschwistern Brötchen holen und bin über die grüne Ampel mit meinem Fahrrad gefahren. Weil du so schnell warst, konntest du nicht mehr bremsen und hast versucht auszuweichen. Dabei hast du meinen Vorderreifen mit deinem Reifen getroffen und verdreht. Mit deinem Lenker hast du meinen Helm, meine Stirn und meine Nase getroffen. Daraufhin bin ich umgefallen.“
Gerichtsverhandlungen würden weniger als halb so lange dauern, wenn die Leute zu so klaren Darstellungen fähig wären. Aber schließlich hat Kalle den Brief ja auch nicht improvisiert wie vor Gericht oder aufgesagt wie die Kids im NDR, sondern geschrieben, nicht wahr?
In Anbetracht der taz-Redakteurinnen-Theorie, wonach der Brief die authentische Perspektive des Kindes enthält – hätte ich gern gewusst, wie der Brief tatsächlich zustande gekommen ist. Und ob er nicht, wie ich begründet vermute, das Erzeugnis der Mutter ist und ihre Sichtweise darlegt.
Ist das noch Journalismus, was die taz treibt? Die rührselige Variante der Berichterstattung ist jedenfalls ehrlicher.

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